Diese Sammlung schachlicher Erzählungen wurde am 1. April 2015 vom Gründer Frank Mayer an das Team des Schachforums „Schachburg“ übergeben und von Bastian Kissing erweitert.

Der Autor der Beiträge ist jeweils als „Frank Mayer“ oder „Bastian Kissing“ vermerkt.

Es gilt das Impressum der Schachburg: https://www.schachburg.de/impressum

Der Sultan, der ein Sklave war

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In der Schachgeschichte spielte Mir Sultan Khan eher eine mysteriöse Rolle, als er sich zwischen 1928 und 1933 für fünf Jahre in Europa aufhielt und dort, mit Turban und stets hieratischer Haltung, die angestammten Eliten im Schach ärgern konnte. Sein Name „Sultan“ ist insofern irreführend, da es sich bei diesem Schachmeister nicht um einen Sultan handelte, sondern um einen im indischen Kastensystem ganz untenstehenden Sklaven, der im Gefolge seines Herrn, dem prahlerischen Maharadscha Nawab Sir Malik Umar Hayat Khan, nach Europa kam. Geboren in Punjab, damals eine Provinz Großbritanniens und zu Britisch-Indien gehörig, das heute zwischen Indien und Pakistan aufgeteilt ist, war er bereits mit dem Schach vertraut und gewann kurz vor seiner Europafahrt die Indischen Meisterschaften 1928, mußte sich allerdings gehörig umstellen, weil vor allem der in Indien unbekannte Doppelschritt des Bauern dazu führte, daß er quasi ohne jede Eröffnungstheorie seine Spiele in Europa bestreiten mußte. Insofern war er ein Naturtalent, dessen Gehirn laut Harold C. Schonberg anders funktionierte als bei anderen Menschen, der dem Leser die folgende (Link entfernt) darüber präsentierte:

Als einzige Parallele wäre der Fall des indischen Mathematikers Srinivasa Ramanujan zu nennen, von dem niemand je gehört hatte, als er 1913 einen Brief an den großen G. H. Hardy in England schickte. Der Brief enthielt 120 Theoreme, und Hardy war überwältigt. Selbst er vermochte Ramanujans Gedanken in ihrer Tiefe, Vielschichtigkeit und Subtilität nicht zu folgen. Ein einziger Blick auf die Theoreme, schrieb Hardy, genüge, um „deutlich zu machen, daß sie nur von einem überragenden Mathematiker aufgestellt sein konnten. Sie müssen wahr sein, denn wären sie es nicht, so würde niemand die Phantasie besitzen, sie sich auszudenken“. Man brachte Ramanujan nach Cambridge, aber dort wußte man nichts mit ihm anzufangen: „Wo sollte man ansetzen, um ihm moderne Mathematik beizubringen? Seine Wissenslücken waren ebenso verblüffend wie die Tiefe seiner Erkenntnisse. Hier war ein Mensch, der komplizierteste Gleichungen lösen konnte, der Theorien komplexer Multiplikationen in ungeahnten Größenordnungen ararbeitete… und doch nur eine vage Ahnung hatte, um was es sich bei einer simplen mathematischen Funktion handelt… Zu all seinen Ergebnissen, neuen wie alten, richtigen wie falschen, war er durch ein Verfahren gelangt, das aus einer Mischung aus Beweisführung, Intuition und Induktion bestand und über das er keinerlei zusammenhängende Erklärung abzugeben vermochte

Sein Eintritt ins europäische Schachleben gelang schlagartig, da er auf Anhieb die englische Meisterschaft in Ramsgate 1929 gewinnen konnte, was auch von den Medien entsprechend vermarktet wurde.

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Trainiert von William Winter und Frederick Dewhurst Yates wurde er in Hastings 1930 und 1933 bester englischer Teilnehmer und vertrat sein Gastland mit Erfolg bei den Schacholympiaden. In Liege 1930 erreichte er hinter Tartakower den zweiten Platz, in Scarborough wurde er 1930 geteilter Vierter (Sieger: Edgar Colle), in London 1932 wurde er geteilter Dritter (Sieger: Aljechin) und in Bern 1932, wo ebenfalls Aljechin das Turnier gewann, erreichte er in einem Sechzehnteilnehmerfeld den vierten Rang. In Zweikämpfen schlug er (Bild entfernt) in Hastings 1930/31, wo er die kubanische Präzisionsmaschine mit ihren eigenen Waffen schlagen konnte. Sein Sieg gegen Marshall, wo er das Mittelgambit 1. e4 e5 2. d4 entkorkte, und auch keine Scheu davor hatte, seine Dame früh auf e3 zu postieren, wo sie eine gute Rolle im Spielaufbau einnahm und von ihrer Position nicht vertrieben werden konnte, zeigt seine eröffnungstheoretisch vorurteilsfreie Einstellung und seine Strategie, seine eröffnungstheoretisch versierteren Gegner früh in unbekannte Geleise zu locken. Stilistisch war er ein Positionsspieler reinsten Wassers, der auch schwierige Kombinationen fand und in seine Generalstrategie einbettete. Mit indischer Gelassenheit vertraut zeichnete sich sein Stil durch große Geduld und Hartnäckigkeit aus, der seine Gegner zuweilen aussitzen konnte. Als spielerisch äußerst starker Sklave, der zuweilen seine Großmeisterkollegen bedienen mußte, wenn sie ihn bei seinem Herrn besuchten, erinnert er an den Farbigen Theophilus Thompson aus den USA, der schließlich von einem rassistischen Lynchmob erschlagen wurde; sein jäher Rückzug vom Schach nach seiner Heimfahrt nach Britisch-Indien erinnert wiederum an Paul Morphy.

Seine Stellung als Sklave mag allerdings im modernen Indien, das seit den Erfolgen Vishy Anands einen nachhaltigen Schachboom hinlegt und von einer starken Nachwuchsarbeit profitiert, eher hinderlich sein, ihm als eine Art indischen Vorkämpfer einen Vorbildstatus zu geben. So äußerte sich etwa der erste indische IM Manuel Aaron, zudem Schachhistoriker, der einen Teil der Schachgeschichte Indiens rekonstruieren konnte, in einem Interview nach Mir Sultan Khan befragt, eher zurückhaltend über Khan. Zwar habe er sich, nachdem er 1960 in Europa mehrmals auf Khan angesprochen wurde, „danach intensiv mit ihm beschäftigt“. Aber er bekannte auch freimütig: „[…] mein Idol war er nie“. (Karl, 4/2013, S. 19)

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Das fremde Kind

Weihnachten naht auch 2016, so daß es Zeit wird, in die besinnlichen Tage eine Weihnachtsgeschichte einfließen zu lassen, die uns mit dem Zauberstab der Poesie daran erinnert, wer wir sind, was wir nicht sein wollen, wonach wir wirklich streben und wovor wir uns hüten müssen. Der Autor ist der unnachahmliche E.T.A. Hoffmann, der sie 1819 zu Papier brachte:

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„Es war einmal ein Edelmann, der hieß Thaddäus von Brakel und wohnte in dem kleinen Dörfchen Brakelheim, das er von seinem verstorbenen Vater, dem alten Herrn von Brakel, geerbt hatte und das mithin sein Eigentum war. Die vier Bauern, die außer ihm noch in dem Dörfchen wohnten, nannten ihn den gnädigen Herrn, unerachtet er wie sie mit schlicht ausgekämmten Haaren einherging und nur Sonntags, wenn er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, Felix und Christlieb geheißen, nach dem benachbarten großen Dorfe zur Kirche fuhr, statt der groben Tuchjacke, die er sonst trug, ein feines grünes Kleid und eine rote Weste mit goldenen Tressen anlegte, welches ihm recht gut stand. Eben dieselben Bauern pflegten auch, fragte man sie: »Wo komme ich denn hin zum Herrn von Brakel?« jedesmal zu antworten: »Nur immer vorwärts durch das Dorf den Hügel herauf, wo die Birken stehen, da ist des gnädigen Herrn sein Schloß!« Nun weiß doch aber jedermann, daß ein Schloß ein großes hohes Gebäude sein muß mit vielen Fenstern und Türen, ja wohl gar mit Türmen und funkelnden Windfahnen, von dem allen war aber auf dem Hügel mit den Birken gar nichts zu spüren, vielmehr stand da nur ein niedriges Häuschen mit wenigen kleinen Fenstern, das man kaum früher, als dicht davor angekommen, erblicken konnte. Geschieht es aber wohl, daß man vor dem hohen Tor eines großen Schlosses plötzlich stillsteht und, angehaucht von der herausströmenden eiskalten Luft, angestarrt von den toten Augen der seltsamen Steinbilder, die wie grauliche Wächter sich an die Mauer lehnen, alle Lust verliert[593] hineinzugehen, sondern lieber umkehrt, so war das bei dem kleinen Hause des Herrn Thaddäus von Brakel ganz und gar nicht der Fall. Hatten nämlich schon im Wäldchen die schönen schlanken Birken mit ihren belaubten Ästen, wie mit zum Gruß ausgestreckten Armen uns freundlich zugewinkt, hatten sie im frohen Rauschen und Säuseln uns zugewispert: »Willkommen, willkommen unter uns!« so war es denn nun vollends bei dem Hause, als riefen holde Stimmen aus den spiegelhellen Fenstern, ja überall aus dem dunklen dicken Weinlaube, das die Mauern bis zum Dach herauf bekleidete, süßtönend heraus: »Komm doch nur herein, komm doch nur herein, du lieber müder Wanderer, hier ist es gar hübsch und gastlich!« Das bestätigten denn auch die Nest hinein, Nest hinaus lustig zwitschernden Schwalben, und der alte stattliche Storch schaute ernst und klug vom Rauchfange herab und sprach: »Ich wohne nun schon manches liebe Jahr hindurch zur Sommerszeit hier, aber ein besseres Logement finde ich nicht auf Erden, und könnte ich nur die mir angeborne Reiselust bezwingen, wär’s nur nicht zur Winterszeit hier so kalt und das Holz so teuer, niemals rührt‘ ich mich von der Stelle.« – So anmutig und hübsch, wenn auch gleich gar kein Schloß, war das Haus des Herrn von Brakel.

Der vornehme Besuch

Die Frau von Brakel stand eines Morgens sehr früh auf und buk einen Kuchen, zu dem sie viel mehr Mandeln und Rosinen verbrauchte als selbst zum Osterkuchen, weshalb er auch viel herrlicher geriet als dieser. Währenddessen klopfte und bürstete der Herr von Brakel seinen grünen Rock und seine rote Weste aus, und Felix und Christlieb wurden mit den besten Kleidern angetan, die sie nur besaßen. »Ihr dürft,« so sprach dann der Herr von Brakel zu den Kindern, »ihr dürft heute nicht herauslaufen[594] in den Wald wie sonst, sondern müßt in der Stube ruhig sitzen bleiben, damit ihr sauber und hübsch ausseht, wenn der gnädige Herr Onkel kommt!« – Die Sonne war hell und freundlich aufgetaucht aus dem Nebel und strahlte golden hinein in die Fenster, im Wäldchen sauste der Morgenwind, und Fink und Zeisig und Nachtigall jubilierten durcheinander und schmetterten die lustigsten Liedchen. Christlieb saß still und in sich gekehrt am Tische; bald zupfte sie die roten Bandschleifen an ihrem Kleidchen zurecht, bald versuchte sie emsig fortzustricken, welches heute nicht recht gehen wollte. Felix, dem der Papa ein schönes Bilderbuch in die Hände gegeben, schaute über die Bilder hinweg nach dem schönen Birkenwäldchen, in dem er sonst jeden Morgen ein paar Stunden nach Herzenslust herumspringen durfte. »Ach, draußen ist’s so schön«, seufzte er in sich hinein, doch als nun vollends der große Hofhund, Sultan geheißen, klaffend und knurrend vor dem Fenster herumsprang, eine Strecke nach dem Walde hinlief, wieder umkehrte und aufs neue knurrte und bellte, als wolle er dem kleinen Felix zurufen: »Kommst du denn nicht heraus in den Wald? was machst du denn in der dumpfigen Stube?« da konnte sich Felix gar nicht lassen vor Ungeduld. »Ach, liebe Mama, laß mich doch nur ein paar Schritte hinausgehen!« So rief er laut, aber die Frau von Brakel erwiderte: »Nein nein, bleibe nur fein in der Stube. Ich weiß schon, wie es geht, sowie du hinausläufst, muß Christlieb hinterdrein, und dann husch, husch durch Busch und Dorn, hinauf auf die Bäume! Und dann kommt ihr zurück, erhitzt und beschmutzt, und der Onkel sagt: ›Was sind das für häßliche Bauernkinder, so dürfen keine Brakels aussehen, weder große noch kleine.‹« Felix klappte voll Ungeduld das Bilderbuch zu und sprach, indem ihm die Tränen in die Augen traten, kleinlaut: »Wenn der gnädige Herr Onkel von häßlichen Bauernkindern redet, so hat er wohl nicht Vollrads Peter oder Hentschels Annliese oder alle unsere Kinder hier im Dorfe[595] gesehen, denn ich wüßte doch nicht, wie es hübschere Kinder geben sollte als diese.« »Ja wohl,« rief Christlieb, wie plötzlich aus einem Traume erwacht, »und ist nicht auch des Schulzen Grete ein hübsches Kind, wiewohl sie lange nicht solche schöne rote Bandschleifen hat als ich?« »Sprecht nicht solch dummes Zeug,« rief die Mutter halb erzürnt, »ihr versteht das nicht, wie es der gnädige Onkel meint.« – Alle weitere Vorstellungen, wie es grade heute gar zu herrlich im Wäldchen sei, halfen nichts, Felix und Christlieb mußten in der Stube bleiben, und das war um so peinlicher, als der Gastkuchen, der auf dem Tische stand, die süßesten Gerüche verbreitete und doch nicht früher angeschnitten werden durfte, bis der Onkel angekommen. »Ach, wenn er doch nur käme, wenn er doch nur endlich käme!« so riefen beide Kinder und weinten beinahe vor Ungeduld. Endlich ließ sich ein starkes Pferdegetrappel vernehmen, und eine Kutsche fuhr vor, die so blank und mit goldenen Zieraten reich geschmückt war, daß die Kinder in das größte Erstaunen gerieten, denn sie hatten dergleichen noch gar nicht gesehen. Ein großer hagerer Mann glitt an den Armen des Jägers, der den Kutschenschlag geöffnet, heraus in die Arme des Herrn von Brakel, an dessen Wange er zweimal sanft die seinige legte und leise lispelte: »Bon jour, mein lieber Vetter, nur gar keine Umstände, bitte ich.« Unterdessen hatte der Jäger noch eine kleine dicke Dame mit sehr roten Backen und zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, aus der Kutsche zur Erde hinabgleiten lassen, welches er sehr geschickt zu machen wußte, so daß jeder auf die Füße zu stehen kam. Als sie nun alle standen, traten, wie es ihnen von Vater und Mutter eingeschärft worden, Felix und Christlieb hinzu, faßten jeder eine Hand des langen hagern Mannes und sprachen, dieselbe küssend: »Sein Sie uns recht schön willkommen, lieber gnädiger Herr Onkel!« dann machten sie es mit den Händen der kleinen dicken Dame ebenso und sprachen: »Sein Sie uns recht schön[596] willkommen, liebe gnädige Frau Tante!« dann traten sie zu den Kindern, blieben aber ganz verblüfft stehen, denn solche Kinder hatten sie noch niemals gesehen. Der Knabe trug lange Pumphosen und ein Jäckchen von scharlachrotem Tuch, über und über mit goldenen Schnüren und Tressen besetzt, und einen kleinen blanken Säbel an der Seite, auf dem Kopf aber eine seltsame rote Mütze mit einer weißen Feder, unter der er mit seinem blaßgelben Gesichtchen und den trüben schläfrigen Augen blöd und scheu hervorguckte. Das Mädchen hatte zwar ein weißes Kleidchen an wie Christlieb, aber mit erschrecklich viel Bändern und Spitzen, auch waren ihre Haare ganz seltsam in Zöpfe geflochten und spitz in die Höhe heraufgewunden, oben funkelte aber ein blankes Krönchen. Christlieb faßte sich ein Herz und wollte die Kleine bei der Hand nehmen, die zog aber die Hand schnell zurück und zog solch ein verdrießliches weinerliches Gesicht, daß Christlieb ordentlich davor erschrak und von ihr abließ. Felix wollte auch nur des Knaben schönen Säbel ein bißchen näher besehen und faßte darnach, aber der Junge fing an zu schreien: »Mein Säbel, mein Säbel, er will mir den Säbel nehmen«, und lief zum hagern Mann, hinter den er sich versteckte. Felix wurde darüber rot im Gesicht und sprach ganz erzürnt: »Ich will dir ja deinen Säbel nicht nehmen – dummer Junge!« Die letzten Worte murmelte er nur so zwischen den Zähnen, aber der Herr von Brakel hatte wohl alles gehört und schien sehr verlegen darüber zu sein, denn er knöpfelte an der Weste hin und her und rief: »Ei Felix!« Die dicke Dame sprach: »Adelgundchen, Hermann, die Kinder tun euch ja nichts, seid doch nicht so blöde;« der hagere Herr lispelte aber: »Sie werden schon Bekanntschaft machen«, ergriff die Frau von Brakel bei der Hand und führte sie ins Haus, ihr folgte Herr von Brakel mit der dicken Dame, an deren Schleppkleid sich Adelgundchen und Hermann hingen. Christlieb und Felix gingen hinterdrein. »Jetzt wird der Kuchen angeschnitten«,[597] flüsterte Felix der Schwester ins Ohr. »Ach ja, ach ja,« erwiderte diese voll Freude; »und dann laufen wir auf und davon in den Wald,« fuhr Felix fort, »und bekümmern uns um die fremden blöden Dinger nicht«, setzte Christlieb hinzu. Felix machte einen Luftsprung, so kamen sie in die Stube. Adelgunde und Hermann durften keinen Kuchen essen, weil sie, wie die Eltern sagten, das nicht vertragen könnten, sie erhielten dafür jeder einen kleinen Zwieback, den der Jäger aus einer mitgebrachten Schachtel herausnehmen mußte. Felix und Christlieb bissen tapfer in das derbe Stück Kuchen, das die gute Mutter jedem gereicht, und waren guter Dinge.

Wie es weiter bei dem vornehmen Besuche herging

Der hagere Mann, Cyprianus von Brakel geheißen, war zwar der leibliche Vetter des Herrn Thaddäus von Brakel, indessen weit vornehmer als dieser. Denn außerdem daß er den Grafentitel führte, trug er auch auf jedem Rock, ja sogar auf dem Pudermantel einen großen silbernen Stern. Deshalb hatte, als er schon ein Jahr früher, jedoch ganz allein, ohne die dicke Dame, die seine Frau war, und ohne die Kinder, bei dem Herrn Thaddäus von Brakel, seinem Vetter, auf eine Stunde einsprach, Felix ihn auch gefragt: »Hör‘ mal, gnädiger Herr Onkel, du bist wohl König geworden?« Felix hatte nämlich in seinem Bilderbuche einen abgemalten König, der einen dergleichen Stern auf der Brust trug, und so mußte er wohl glauben, daß der Onkel nun auch König geworden sei, weil er das Zeichen trug. Der Onkel hatte damals sehr über die Frage gelacht und geantwortet: »Nein mein Söhnchen, König bin ich nicht, aber des Königs treuster Diener und Minister, der über viele Leute regiert. Gehörtest du zu der Gräflich von Brakelschen Linie, so könntest du vielleicht auch künftig solch einen Stern tragen wie ich, aber so bist du freilich nur ein simpler Von, aus dem nicht viel Rechtes[598] werden wird.« Felix hatte den Onkel gar nicht verstanden, und Herr Thaddäus von Brakel meinte, das sei auch gar nicht vonnöten. – Jetzt erzählte der Onkel seiner dicken Frau, wie ihn Felix für den König gehalten, da rief sie: »O süße, liebe rührende Unschuld!« Und nun mußten beide, Felix und Christlieb, hervor aus dem Winkel, wo sie unter Kichern und Lachen den Kuchen verzehrt hatten. Die Mutter säuberte beiden sogleich den Mund von manchen Kuchenkrumen und Rosinenresten und übergab sie so dem gnädigen Onkel und der gnädigen Tante, die sie unter lauten Ausrufungen: »O süße liebe Natur, o ländliche Unschuld!« küßten und ihnen große Tüten in die Hände drückten. Dem Herrn Thaddäus von Brakel und seiner Frau standen die Tränen in den Augen über die Güte der vornehmen Verwandten. Felix hatte indessen die Tüte geöffnet und Bonbons darin gefunden, auf die er tapfer zubiß, welches ihm Christlieb sogleich nachmachte. »Söhnchen, mein Söhnchen,« rief der gnädige Onkel, »so geht das nicht, du verdirbst dir ja die Zähne, du mußt fein so lange an dem Zuckerwerke lutschen, bis es im Munde zergeht.« Da lachte aber Felix beinahe laut auf und sprach: »Ei lieber gnädiger Onkel, glaubst du denn, daß ich ein kleines Wickelkind bin und lutschen muß, weil ich noch keine tüchtige Zähne habe zum Beißen?« Und damit steckte er ein neues Bonbon in den Mund und biß so gewaltig zu, daß es knitterte und knatterte. »O liebliche Naivität«, rief die dicke Dame, der Onkel stimmte ein, aber dem Herrn Thaddäus standen die Schweißtropfen auf der Stirne; er war über Felixens Unart ganz beschämt, und die Mutter raunte ihm ins Ohr: »Knirsche nicht so mit den Zähnen, unartiger Junge!« Das machte den armen Felix, der nichts Übles zu tun glaubte, ganz bestürzt, er nahm das noch nicht ganz verzehrte Bonbon langsam aus dem Munde, legte es in die Tüte und reichte diese dem Onkel hin, indem er sprach: »Nimm nur deinen Zucker wieder mit, wenn ich ihn nicht essen soll!« Christlieb,[599] gewohnt, in allem Felixens Beispiel zu folgen, tat mit ihrer Tüte dasselbe. Das war dem Herrn Thaddäus zu arg, er brach los: »Ach mein geehrtester gnädiger Herr Vetter, halten Sie nur dem einfältigen Jungen die Tölpelei zugute, aber freilich auf dem Lande und in so beschränkten Verhältnissen – ach, wer nur solche gesittete Kinder erziehen könnte wie Sie!« – Der Graf Cyprianus lächelte selbstgefällig und vornehm, indem er auf Hermann und Adelgunden hinblickte. Die hatten längst ihren Zwieback verzehrt und saßen nun stumm und still auf ihren Stühlen, ohne eine Miene zu verziehen, ohne sich zu rühren und zu regen. Die dicke Dame lächelte ebenfalls, indem sie lispelte: »Ja, lieber Herr Vetter, die Erziehung unserer lieben Kinder liegt uns mehr als alles am Herzen.« Sie gab dem Grafen Cyprianus einen Wink, der sich alsbald an Hermann und Adelgunden wandte und allerlei Fragen an sie richtete, die sie mit der größten Schnelligkeit beantworteten: Da war von vielen Städten, Flüssen und Bergen die Rede, die viele tausend Meilen ins Land hinein liegen sollten und die seltsamsten Namen trugen. Ebenso wußten beide ganz genau zu beschreiben, wie die Tiere aussähen, die in wilden Gegenden der entferntesten Himmelsstriche wohnen sollten. Dann sprachen sie von fremden Gebüschen, Bäumen und Früchten, als ob sie sie selbstgesehn, ja wohl die Früchte selbst gekostet hätten. Hermann beschrieb ganz genau, wie es vor dreihundert Jahren in einer großen Schlacht zugegangen, und wußte alle Generale, die dabei zugegen gewesen, mit Namen zu nennen. Zuletzt sprach Adelgunde sogar von den Sternen und behauptete, am Himmel säßen allerlei seltsame Tiere und andere Figuren. Dem Felix wurde dabei ganz angst und bange, er näherte sich der Frau von Brakel und fragte leise ins Ohr: »Ach Mama! liebe Mama! was ist denn das alles, was die dort schwatzen und plappern?« »Halt’s Maul, dummer Junge,« raunte ihm die Mutter zu, »das sind die Wissenschaften.« Felix verstummte. »Das ist erstaunlich,[600] das ist unerhört! in dem zarten Alter!« so rief der Herr von Brakel ein Mal über das andere, die Frau von Brakel aber seufzete: »O mein Herr Jemine! o was sind das für Engel! o was soll denn aus unsern Kleinen werden hier auf dem öden Lande.« Als nun der Herr von Brakel in die Klagen der Mutter mit einstimmte, tröstete beide der Graf Cyprianus, indem er versprach, binnen einiger Zeit ihnen einen gelehrten Mann zuzuschicken, der ganz umsonst den Unterricht der Kinder übernehmen werde. Unterdessen war die schöne Kutsche wieder vorgefahren. Der Jäger trat mit zwei großen Schachteln hinein, die nahmen Adelgunde und Hermann und überreichten sie der Christlieb und dem Felix. »Lieben Sie Spielsachen, mon cher? hier habe ich Ihnen welche mitgebracht von der feinsten Sorte«, so sprach Hermann, sich zierlich verbeugend. Felix hatte die Ohren hängen lassen, er ward traurig, selbst wußte er nicht warum. Er hielt die Schachtel gedankenlos in den Händen und murmelte: »Ich heiße nicht Mon schär, sondern Felix und auch nicht Sie, sondern du.« – Der Christlieb war auch das Weinen näher als das Lachen, unerachtet aus der Schachtel, die sie von Adelgunden erhalten, die süßesten Düfte strömten wie von allerlei schönen Näschereien. An der Türe sprang und bellte nach seiner Gewohnheit Sultan, Felixens getreuer Freund und Liebling, Hermann entsetzte sich aber so sehr vor dem Hunde, daß er schnell in die Stube zurücklief und laut zu weinen anfing. »Er tut dir ja nichts,« sprach Felix, »er tut dir ja nichts, warum heulst und schreist du so? es ist ja nur ein Hund, und du hast ja schon die schrecklichsten Tiere gesehn? Und wenn er auch auf dich zufahren wollte, du hast ja einen Säbel?« Felixens Zureden half gar nichts, Hermann schrie immerfort, bis ihn der Jäger auf den Arm nehmen und in die Kutsche tragen mußte. Adelgunde, plötzlich von dem Schmerz des Bruders ergriffen oder Gott weiß aus welcher andern Ursache, fing ebenfalls an, heftig zu heulen, welches[601] die arme Christlieb so anregte, daß sie auch zu schluchzen und zu weinen begann. Unter diesem Geschrei und Gejammer der drei Kinder fuhr der Graf Cyprianus von Brakel ab von Brakelheim, und so endete der vornehme Besuch.

Die neuen Spielsachen

Sowie die Kutsche mit dem Grafen Cyprianus von Brakel und seiner Familie den Hügel herabgerollt war, warf der Herr Thaddäus schnell den grünen Rock und die rote Weste ab, und als er ebenso schnell die weite Tuchjacke angezogen und zwei bis dreimal mit dem breiten Kamm die Haare durchfahren hatte, da holte er tief Atem, dehnte sich und rief: »Gott sei gedankt!« Auch die Kinder zogen schnell ihre Sonntagsröckchen aus und fühlten sich froh und leicht. »In den Wald, in den Wald!« rief Felix, indem er seine höchsten Luftsprünge versuchte. »Wollt ihr denn nicht erst sehen, was euch Hermann und Adelgunde mitgebracht haben?« So sprach die Mutter, und Christlieb, die schon während des Ausziehens die Schachteln mit neugierigen Augen betrachtet hatte, meinte, daß das wohl erst geschehen könne, nachher sei es ja wohl noch Zeit genug, in den Wald zu laufen. Felix war sehr schwer zu überreden. Er sprach: »Was kann uns denn der alberne pumphosichte Junge mitsamt seiner bebänderten Schwester Großes mitgebracht haben? Was die Wissenschaften betrifft, i nun, die plappert er gut genug weg, aber erst schwatzt er von Löw‘ und Bär und weiß, wie man die Elefanten fängt, und dann fürchtet er sich vor meinem Sultan, hat einen Säbel an der Seite und heult und schreit und kriecht unter den Tisch. Das mag mir ein schöner Jäger sein!« »Ach, lieber guter Felix, laß uns doch nur ein ganzes kleines bißchen die Schachteln öffnen!« So bat Christlieb, und da ihr Felix alles nur mögliche zu Gefallen tat, so gab er das In-den-Wald-laufen vorderhand auf und setzte sich mit Christlieb geduldig an den Tisch,[602] auf dem die Schachteln standen. Sie wurden von der Mutter geöffnet, aber da – Nun, o meine vielgeliebten Leser! Euch allen ist es gewiß schon so gut geworden zur Zeit des fröhlichen Jahrmarkts oder doch gewiß zu Weihnachten von den Eltern oder andern lieben Freunden mit allerlei schmucken Sachen reichlich beschenkt zu werden. Denkt euch, wie ihr vor Freude jauchztet, als blanke Soldaten, Männchen mit Drehorgeln, schön geputzte Puppen, zierliche Gerätschaften, herrliche bunte Bilderbücher u.a.m. um euch lagen und standen! Solche große Freude wie ihr damals hatten jetzt Felix und Christlieb, denn eine ganz reiche Bescherung der niedlichsten glänzendsten Sachen ging aus den Schachteln hervor, und dabei gab es noch allerlei Naschwerk, so daß die Kinder ein Mal über das andere die Hände zusammenschlugen und ausriefen: »Ei, wie schön ist das!« Nur eine Tüte mit Bonbons legte Felix mit Verachtung beiseite, und als Christlieb bat, den gläsernen Zucker doch wenigstens nicht zum Fenster herauszuwerfen, wie er es eben tun wollte, ließ er zwar davon ab, öffnete aber die Tüte und warf einige Bonbons dem Sultan hin, der indessen hineingeschwänzelt war. Sultan roch daran und wandte dann unmutig die Schnauze weg. »Siehst du wohl, Christlieb,« rief Felix nun triumphierend, »siehst du wohl, nicht einmal Sultan mag das garstige Zeug fressen.« Übrigens machte dem Felix von den Spielsachen nichts mehr Freude als ein stattlicher Jägersmann, der, wenn man ein kleines Fädchen, das hinten unter seiner Jacke hervorragte, anzog, die Büchse anlegte und in ein Ziel schoß, das drei Spannen weit vor ihm angebracht war. Nächstdem schenkte er seine Liebe einem kleinen Männchen, das Komplimente zu machen verstand und auf einer Harfe quinkelierte, wenn man an einer Schraube drehte; vor allen Dingen gefiel ihm aber eine Flinte und ein Hirschfänger, beides von Holz und übersilbert, sowie eine stattliche Husarenmütze und eine Patrontasche. Christlieb hatte große Freude an einer sehr[603] schön geputzten Puppe und einem saubern vollständigen Hausrat. Die Kinder vergaßen Wald und Flur und ergötzten sich an den Spielsachen bis in den späten Abend hinein. Dann gingen sie zu Bette.

Was sich mit den neuen Spielsachen im Walde zutrug

Tages darauf fingen die Kinder es wieder da an, wo sie es abends vorher gelassen hatten: das heißt, sie holten die Schachteln herbei, kramten ihre Spielsachen aus und ergötzten sich daran auf mancherlei Weise. Ebenso wie gestern schien die Sonne hell und freundlich in die Fenster hinein, wisperten und lispelten die vom sausenden Morgenwind begrüßten Birken, jubilierten Zeisig, Fink und Nachtigall in den schönsten lustigsten Liedlein. Da wurd‘ es dem Felix bei seinem Jäger, seinem kleinen Männchen, seiner Flinte und Patrontasche ganz enge und wehmütig ums Herz. »Ach,« rief er auf einmal, »ach, draußen ist’s doch schöner, komm Christlieb! laß uns in den Wald laufen.« Christlieb hatte eben die große Puppe ausgezogen und war im Begriff, sie wieder anzukleiden, welches ihr viel Vergnügen machte, deshalb wollte sie nicht heraus, sondern bat: »Lieber Felix, wollen wir denn nicht noch hier ein bißchen spielen?« »Weißt du was, Christlieb,« sprach Felix, »wir nehmen das Beste von unsern Spielsachen mit hinaus. Ich schnalle meinen Hirschfänger um und hänge das Gewehr über die Schulter, da seh‘ ich aus wie ein Jäger. Der kleine Jäger und Harfenmännlein können mich begleiten, du, Christlieb, kannst deine große Puppe und das Beste von deinen Gerätschaften mitnehmen. Komm nur, komm!« Christlieb zog hurtig die Puppe vollends an, und nun liefen beide Kinder mit ihren Spielsachen hinaus in den Wald, wo sie sich auf einem schönen grünen Plätzchen lagerten. Sie hatten eine Weile gespielt, und Felix ließ eben das Harfenmännlein sein Stückchen orgeln, als Christlieb anfing: »Weißt du wohl, lieber Felix,[604] daß dein Harfenmann gar nicht hübsch spielt? Hör‘ nur, wie das hier im Walde häßlich klingt, das ewige Ting-Ting-Ping-Ping, die Vögel gucken so neugierig aus den Büschen, ich glaube, sie halten sich ordentlich auf über den albernen Musikanten, der hier zu ihrem Gesange spielen will.« Felix drehte stärker und stärker an der Schraube und rief endlich: »Du hast recht, Christlieb! es klingt abscheulich, was der kleine Kerl spielt, was können mir seine Dienerchen helfen – ich schäme mich ordentlich vor dem Finken dort drüben, der mich mit solch schlauen Augen anblinzelt. – Aber der Kerl soll besser spielen – soll besser spielen!« – Und damit drehte Felix so stark an der Schraube, daß Krack-krack – der ganze Kasten in tausend Stücke zerbrach, auf dem das Harfenmännlein stand, und seine Arme zerbröckelt herabfielen. »Oh – Oh!« rief Felix; »Ach, das Harfenmännlein!« rief Christlieb. Felix beschaute einen Augenblick das zerbrochene Spielwerk, sprach dann: »Es war ein dummer alberner Kerl, der schlechtes Zeug aufspielte und Gesichter und Diener machte wie Vetter Pumphose« und warf den Harfenmann weit fort in das tiefste Gebüsch. »Da lob‘ ich mir meinen Jägersmann,« sprach er weiter, »der schießt ein Mal über das andere ins Ziel.« Nun ließ Felix den kleinen Jäger tüchtig exerzieren. Als das eine Weile gedauert, fing Felix an: »Dumm ist’s doch, daß der kleine Kerl immer nur nach dem Ziele schießt, welches, wie Papa sagt, gar keine Sache für einen Jägersmann ist. Der muß im Walde schießen nach Hirschen – Rehen – Hasen und sie treffen im vollen Lauf. – Der Kerl soll nicht mehr nach dem Ziele schießen.« Damit brach Felix die Zielscheibe los, die vor dem Jäger angebracht war. »Nun schieß‘ ins Freie«, rief er, aber er mochte an dem Fädchen ziehn, soviel als er wollte, schlaff hingen die Arme des kleinen Jägers herab. Er legte nicht mehr die Büchse an, er schoß nicht mehr los. »Ha ha,« rief Felix, »nach dem Ziel, in der Stube, da konntest du schießen, aber im[605] Walde, wo des Jägers Heimat ist, da geht’s nicht. Fürchtest dich auch wohl vor Hunden und würdest, wenn einer käme, davonlaufen mitsamt deiner Büchse, wie Vetter Pumphose mit seinem Säbel! – Ei, du einfältiger nichtsnutziger Bursche«, damit schleuderte Felix den Jäger dem Harfenmännlein nach ins tiefe Gebüsch. »Komm! laß uns ein wenig laufen«, sprach er dann zu Christlieb. »Ach ja, lieber Felix,« erwiderte diese, »meine hübsche Puppe soll mitlaufen, das wird ein Spaß sein.« Nun faßte jeder, Felix und Christlieb, die Puppe an einem Arm, und so ging’s fort in vollem Laufe durchs Gebüsch den Hügel herab und fort und fort bis an den mit hohem Schilf umkränzten Teich, der noch zu dem Besitztum des Herrn Thaddäus von Brakel gehörte und wo er zuweilen wilde Enten zu schießen pflegte. Hier standen die Kinder still, und Felix sprach: »Laß uns ein wenig passen, ich habe ja nun eine Flinte, wer weiß, ob ich nicht im Röhricht eine Ente schießen kann, so gut wie der Vater.« In dem Augenblick schrie aber Christlieb laut auf: »Ach meine Puppe, was ist aus meiner schönen Puppe geworden!« Freilich sah das arme Ding ganz miserabel aus. Weder Christlieb noch Felix hatten im Laufen die Puppe beachtet, und so war es gekommen, daß sie sich an dem Gestrüpp die Kleider ganz und gar zerrissen, ja beide Beinchen gebrochen hatte. Von dem hübschen Wachsgesichtchen war auch beinahe keine Spur, so zerfetzt und häßlich sah es aus. »Ach meine Puppe, meine schöne Puppe!« klagte Christlieb. »Da siehst du nun,« sprach Felix, »was für dumme Dinger uns die fremden Kinder mitgebracht haben. Das ist ja eine ungeschickte einfältige Trine, deine Puppe, die nicht einmal mit uns laufen kann, ohne sich gleich alles zu zerreißen und zu zerfetzen – gib sie nur her.« Christlieb reichte die verunstaltete Puppe traurig dem Bruder hin und konnte sich eines lauten Schreies: »Ach, ach!« nicht enthalten, als der sie ohne weiteres fortschleuderte in den Teich. »Gräme dich nur nicht,« tröstete Felix die Schwester, »gräme dich[606] nur ja nicht um das alberne Ding, schieße ich eine Ente, so sollst du die schönsten Federn bekommen, die sich nur in den bunten Flügeln finden wollen.« Es rauschte im Röhricht, da legte stracks Felix seine hölzerne Flinte an, setzte sie aber in demselben Augenblick wieder ab, und schaute nachdenklich vor sich hin. »Bin ich nicht auch selbst ein törichter Junge,« fing er dann leise an, »gehört denn nicht zum Schießen Pulver und Blei, und habe ich denn beides? – Kann ich denn auch wohl Pulver in eine hölzerne Flinte laden? – Wozu ist überhaupt das dumme hölzerne Ding? – Und der Hirschfänger? – Auch von Holz! – der schneidet und sticht nicht – des Vetters Säbel war gewiß auch von Holz, deshalb mochte er ihn nicht ausziehn, als er sich vor dem Sultan fürchtete. Ich merke schon, Vetter Pumphose hat mich nur zum besten gehabt mit seinen Spielsachen, die was vorstellen wollen und nichtsnütziges Zeug sind.« Damit schleuderte Felix Flinte, Hirschfänger und zuletzt noch die Patrontasche in den Teich. Christlieb war doch betrübt über den Verlust der Puppe, und auch Felix konnte sich des Unmuts nicht erwehren. So schlichen sie nach Hause, und als die Mutter frug: »Kinder, wo habt ihr eure Spielsachen?« erzählte Felix ganz treuherzig, wie schlimm er mit dem Jäger, mit dem Harfenmännlein, mit Flinte, Hirschfänger und Patrontasche, wie schlimm Christlieb mit der Puppe angeführt worden. »Ach,« rief die Frau von Brakel halb erzürnt, »ihr einfältigen Kinder, ihr wißt nur nicht mit den schönen zierlichen Sachen umzugehen.« Der Herr Thaddäus von Brakel, der Felixens Erzählung mit sichtbarem Wohlgefallen angehört hatte, sprach aber: »Lasse die Kinder nur gewähren, im Grunde genommen ist’s mir recht lieb, daß sie die fremdartigen Spielsachen, die sie nur verwirrten und beängsteten, los sind.« Weder die Frau von Brakel noch die Kinder wußten, was der Herr von Brakel mit diesen Worten eigentlich sagen wollte.

(Bild entfernt)

[607] Felix und Christlieb waren in aller Frühe nach dem Walde gelaufen. Die Mutter hatte es ihnen eingeschärft, ja recht bald wiederzukommen, weil sie nun viel mehr in der Stube sitzen und viel mehr schreiben und lesen müßten als sonst, damit sie sich nicht gar zu sehr zu schämen brauchten vor dem Hofmeister, der nun nächstens kommen werde, deshalb sprach Felix: »Laß uns nun das Stündchen über, das wir draußen bleiben dürfen, recht tüchtig springen und laufen!« Sie begannen auch gleich sich als Hund und Häschen herumzujagen, aber so wie dieses Spiel, erregten auch alle übrigen Spiele, die sie anfingen, nach wenigen Sekunden ihnen nur Überdruß und Langeweile. Sie wußten selbst gar nicht, wie es denn nur kam, daß ihnen gerade heute tausend ärgerliches Zeug geschehen mußte. Bald flatterte Felixens Mütze, vom Winde getrieben, ins Gebüsch, bald strauchelte er und fiel auf die Nase im besten Rennen, bald blieb Christlieb mit den Kleidern hängen am Dornstrauch oder stieß sich den Fuß am spitzen Stein, daß sie laut aufschreien mußte. Sie gaben bald alles Spielen auf und schlichen mißmütig durch den Wald. »Wir wollen nur in die Stube kriechen«, sprach Felix, warf sich aber, statt weiter zu gehen, in den Schatten eines schönen Baums. Christlieb folgte seinem Beispiel. Da saßen die Kinder nun voller Unmut und starrten stumm in den Boden hinein. »Ach,« seufzete Christlieb endlich leise, »ach, hätten wir doch noch die schönen Spielsachen!« – »Die würden,« murrte Felix, »die würden uns gar nichts nützen, wir müßten sie doch nur wieder zerbrechen und verderben. Höre, Christlieb! – die Mutter hat doch wohl recht – die Spielsachen waren gut, aber wir wußten nur nicht damit umzugehen, und das kommt daher, weil uns die Wissenschaften fehlen.« »Ach, lieber Felix,« rief Christlieb, »du hast recht, könnten wir die Wissenschaften so hübsch auswendig, wie der blanke Vetter[608] und die geputzte Muhme, ach, da hättest du noch deinen Jäger, dein Harfenmännlein, da läg‘ meine schöne Puppe nicht im Ententeich! – wir ungeschickten Dinger – ach, wir haben keine Wissenschaften!« und damit fing Christlieb an jämmerlich zu schluchzen und zu weinen, und Felix stimmte mit ein, und beide Kinder heulten und jammerten, daß es im Walde widertönte: »Wir armen Kinder, wir haben keine Wissenschaften!« Doch plötzlich hielten sie inne und fragten voll Erstaunen: »Siehst du’s, Christlieb?« – »Hörst du’s, Felix?« – Aus dem tiefsten Schatten des dunkeln Gebüsches, das den Kindern gegenüber lag, blickte ein wundersamer Schein, der wie sanfter Mondesstrahl über die vor Wonne zitternden Blätter gaukelte, und durch das Säuseln des Waldes ging ein süßes Getön, wie wenn der Wind über Harfen hinstreift und im Liebkosen die schlummernden Akkorde weckt. Den Kindern wurde ganz seltsam zumute, aller Gram war von ihnen gewichen, aber die Tränen standen ihnen in den Augen vor süßem, nie gekanntem Weh. So wie lichter und lichter der Schein durch das Gebüsch strahlte, so wie lauter und lauter die wundervollen Töne erklangen, klopfte den Kindern höher das Herz, sie starrten hinein in den Glanz, und ach! sie gewahrten, daß es das von der Sonne hell erleuchtete holde Antlitz des lieblichsten Kindes war, welches ihnen aus dem Gebüsch zulächelte und zuwinkte. »O komm doch nur zu uns – komm doch nur zu uns, du liebes Kind!« so riefen beide, Christlieb und Felix, indem sie aufsprangen und voll unbeschreiblicher Sehnsucht die Hände nach der holden Gestalt ausstreckten. »Ich komme – ich komme«, rief es mit süßer Stimme aus dem Gebüsch, und leicht, wie vom säuselnden Morgenwinde getragen, schwebte das fremde Kind herüber zu Felix und Christlieb.

Wie das fremde Kind mit Felix und Christlieb spielte

[609] »Ich hab‘ euch wohl aus der Ferne weinen und klagen gehört,« sprach das fremde Kind, »und da hat es mir recht leid um euch getan, was fehlt euch denn, liebe Kinder?« »Ach, wir wußten es selbst nicht recht,« erwiderte Felix, »aber nun ist es mir so, als wenn nur du uns gefehlt hättest.« – »Das ist wahr,« fiel Christlieb ein, »nun du bei uns bist, sind wir wieder froh! warum bist du aber auch so lange ausgeblieben?« – Beiden Kindern war es in der Tat so, als ob sie schon lange das fremde Kind gekannt und mit ihm gespielt hätten, und als ob ihr Unmut nur daher gerührt hätte, daß der liebe Spielkamerad sich nicht mehr blicken lassen. »Spielsachen«, sprach Felix weiter, »haben wir nun freilich gar nicht, denn ich einfältiger Junge habe gestern die schönsten, die Vetter Pumphose mir geschenkt hatte, schändlich verdorben und weggeschmissen, aber spielen wollen wir doch wohl.« »Ei Felix,« sprach das fremde Kind, indem es laut auflachte, »ei, wie magst du nur so sprechen. Das Zeug, das du weggeworfen hast, das hat gewiß nicht viel getaugt, du sowie Christlieb, ihr seid ja beide ganz umgeben von dem herrlichsten Spielzeuge, das man nur sehen kann.« »Wo denn? – Wo denn?« – riefen Christlieb und Felix. – »Schaut doch um euch«, sprach das fremde Kind. – Und Felix und Christlieb gewahrten, wie aus dem dicken Grase, aus dem wolligen Moose allerlei herrliche Blumen wie mit glänzenden Augen hervorguckten, und dazwischen funkelten bunte Steine und kristallne Muscheln, und goldene Käferchen tanzten auf und nieder und summten leise Liedchen. – »Nun wollen wir einen Palast bauen, helft mir hübsch die Steine zusammentragen!« so rief das fremde Kind, indem es, zur Erde gebückt, bunte Steine aufzulesen begann. Christlieb und Felix halfen, und das fremde Kind wußte so geschickt die Steine zu fügen, daß sich bald hohe Säulen erhoben, die in der Sonne funkelten wie poliertes Mefall,[610] und darüber wölbte sich ein luftiges goldenes Dach. – Nun küßte das fremde Kind die Blumen, die aus dem Boden hervorguckten, da rankten sie im süßen Gelispel in die Höhe, und, sich in holder Liebe verschlingend, bildeten sie duftende Bogengänge, in denen die Kinder voll Wonne und Entzücken umhersprangen. Das fremde Kind klatschte in die Hände, da sumste das goldene Dach des Palastes – Goldkäferchen hatten es mit ihren Flügeldecken gewölbt – auseinander, und die Säulen zerflossen zum rieselnden Silberbach, an dessen Ufer sich die bunten Blumen lagerten und bald neugierig in seine Wellen guckten, bald, ihre Häupter hin und her wiegend, auf sein kindisches Plaudern horchten. Nun pflückte das fremde Kind Grashalme und brach kleine Ästchen von den Bäumen; die es hinstreute vor Felix und Christlieb. Aber aus den Grashalmen wurden bald die schönsten Puppen, die man nur sehen konnte, und aus den Ästchen kleine allerliebste Jäger. Die Puppen tanzten um Christlieb herum und ließen sich von ihr auf den Schoß nehmen und lispelten mit feinen Stimmchen: »Sei uns gut, sei uns gut, liebe Christlieb.« Die Jäger tummelten sich und klirrten mit den Büchsen und bliesen auf ihren Hörnern und riefen: »Hallo! – Hallo! zur Jagd, zur Jagd!« – Da sprangen Häschen aus den Büschen und Hunde ihnen nach, und die Jäger knallten hinterdrein! – Das war eine Lust – alles verlor sich wieder, Christlieb und Felix riefen: »Wo sind die Puppen, wo sind die Jäger?« Das fremde Kind sprach: »O! die stehen euch alle zu Gebote, die sind jeden Augenblick bei euch, wenn ihr nur wollt, aber möchtet ihr nicht lieber jetzt ein bißchen durch den Wald laufen?« – »Ach ja, ach ja!« riefen beide, Felix und Christlieb. Da faßte das fremde Kind sie bei den Händen und rief: »Kommt, kommt!« und damit ging es fort. Aber das war ja gar kein Laufen zu nennen! – Nein! Die Kinder schwebten im leichten Fluge durch Wald und Flur, und die bunten Vögel flatterten, laut singend und jubilierend, um sie her. Mit einemmal[611] ging es hoch – hoch in die Lüfte. »Guten Morgen, Kinder! Guten Morgen, Gevatter Felix!« rief der Storch im Vorbeistreifen! »Tut mir nichts, tut mir nichts – ich fress‘ euer Täublein nicht!« kreischte der Geier, sich in banger Scheu vor den Kindern durch die Lüfte schwingend – Felix jauchzte laut, aber der Christlieb wurde bange. »Mir vergeht der Atem – ach, ich falle wohl!« so rief sie, und in demselben Augenblick ließ sich das fremde Kind mit den Gespielen nieder und sprach: »Nun singe ich euch das Waldlied zum Abschiede für heute, morgen komm‘ ich wieder.« Nun nahm das Kind ein kleines Waldhorn hervor, dessen goldne Windungen beinahe anzusehen waren wie leuchtende Blumenkränze, und begann darauf so herrlich zu blasen, daß der ganze Wald wundersam von den lieblichen Tönen widerhallte, und dazu sangen die Nachtigallen, die wie auf des Waldhorns Ruf herbeiflatterten und sich dicht neben dem Kinde in die Zweige setzten, ihre herrlichsten Lieder. Aber plötzlich verhallten die Töne mehr und mehr, und nur ein leises Säuseln quoll aus den Gebüschen, in die das fremde Kind hingeschwunden. »Morgen – morgen kehr‘ ich wieder!« so rief es aus weiter Ferne den Kindern zu, die nicht wußten, wie ihnen geschehen, denn solch innere Lust hatten sie nie empfunden. »Ach, wenn es doch nur schon wieder morgen wäre!« so sprachen beide, Felix und Christlieb, indem sie voller Hast zu Hause liefen, um den Eltern zu erzählen, was sich im Walde begeben.

Was der Herr von Brakel und die Frau von Brakel zu dem fremden Kinde sagten, und was sich weiter mit demselben begab

»Beinahe möchte ich glauben, daß den Kindern das alles nur geträumt hat!« So sprach der Herr Thaddäus von Brakel zu seiner Gemahlin, als Felix und Christlieb, ganz erfüllt von dem fremden Kinde, nicht aufhören konnten, sein holdes Wesen, seinen anmutigen Gesang, seine[612] wunderbaren Spiele zu preisen. »Denk‘ ich aber wieder daran,« fuhr Herr von Brakel fort, »daß beide doch nicht auf einmal und auf gleiche Weise geträumt haben können so weiß ich am Ende selbst nicht, was ich von dem allen denken soll.« »Zerbrich dir den Kopf nicht, o mein Gemahl!« erwiderte die Frau von Brakel, »ich wette, das fremde Kind ist niemand anders als Schulmeisters Gottlieb aus dem benachbarten Dorfe. Der ist herübergelaufen und hat den Kindern allerlei tolles Zeug in den Kopf gesetzt, aber das soll er künftig bleiben lassen.« Herr von Brakel war gar nicht der Meinung seiner Gemahlin, um indessen mehr hinter die eigentliche Bewandtnis der Sache zu kommen, wurden Felix und Christlieb herbeigerufen und aufgefordert, genau anzugeben, wie das Kind ausgesehen habe und wie es gekleidet gewesen sei. Rücksichts des Aussehens stimmten beide überein, daß das Kind ein lilienweißes Gesicht, rosenrote Wangen, kirschrote Lippen, blauglänzende Augen und goldgelocktes Haar habe und so schön sei, wie sie es gar nicht aussprechen könnten; in Ansehung der Kleider wußten sie aber nur so viel, daß das Kind ganz gewiß nicht eine blaugestreifte Jacke, ebensolche Hosen und eine schwarzlederne Mütze trage, wie Schulmeisters Gottlieb. Dagegen klang alles, was sie über den Anzug des Kindes ungefähr zu sagen vermochten, ganz fabelhaft und unklug. Christlieb behauptete nämlich, das Kind trage ein wunderschönes leichtes, glänzendes Kleidchen von Rosenblättern; Felix meinte dagegen, das Kleid des Kindes funkle in hellem goldenen Grün wie Frühlingslaub im Sonnenschein. Daß das Kind, fuhr Felix weiter fort, irgendeinem Schulmeister angehören könne, daran sei gar nicht zu denken, denn zu gut verstehe sich der Knabe auf die Jägerei, stamme gewiß aus der Heimat aller Wald- und Jagdlust und werde der tüchtigste Jägersmann werden, den es wohl gebe. »Ei, Felix,« unterbrach ihn Christlieb, »wie kannst du nur sagen, daß das kleine liebe Mädchen ein Jägersmann werden soll? Auf das Jagen[613] mag sie sich auch wohl verstehen, aber gewiß noch viel besser auf die Wirtschaft im Hause, sonst hätte sie mir nicht so hübsch die Puppen angekleidet und so schöne Schüsseln bereitet!« So hielt Felix das fremde Kind für einen Knaben, Christlieb behauptete dagegen, es sei ein Mädchen, und beide konnten darüber nicht einig werden. – Die Frau von Brakel sagte: »Es lohnt gar nicht, daß man sich mit den Kindern auf solche Narrheiten einläßt,« der Herr von Brakel meinte dagegen: »Ich dürfte ja nur den Kindern nachgehen in den Wald und erlauschen, was denn das für ein seltsames Wunderkind ist, das mit ihnen spielt, aber es ist mir so, als könnte ich den Kindern dadurch eine große Freude verderben, und deshalb will ich es nicht tun.« Andern Tages, als Felix und Christlieb zu gewöhnlicher Zeit in den Wald liefen, wartete das fremde Kind schon auf sie, und wußte es gestern herrliche Spiele zu beginnen, so schuf es vollends heute die anmutigsten Wunder, so daß Felix und Christlieb ein Mal über das andere vor Freude und Entzücken laut aufjauchzten. Lustig und sehr hübsch zugleich war es, daß das fremde Kind während des Spielens so zierlich und gescheit mit den Bäumen, Gebüschen, Blumen, mit dem Waldbach zu sprechen wußte. Alle antworteten auch so vernehmlich, daß Felix und Christlieb alles verstanden. Das fremde Kind rief ins Erlengebüsch hinein: »Ihr schwatzhaftes Volk, was flüstert und wispert ihr wieder untereinander?« Da schüttelten stärker sich die Zweige und lachten und lispelten: »Ha – ha ha – wir freuen uns über die artigen Dinge, die uns Freund Morgenwind heute zugeraunt hat, als er von den blauen Bergen vor den Sonnenstrahlen daherrauschte. Er brachte uns tausend Grüße und Küsse von der goldnen Königin und einige tüchtige Flügelschläge voll der süßesten Düfte.« »O schweigt doch,« so unterbrachen die Blumen das Geschwätz der Büsche, »o schweigt doch von dem Flatterhaften, der mit den Düften prahlt, die seine falschen Liebkosungen uns entlockten. Laßt die[614] Gebüsche lispeln und säuseln, ihr Kinder, aber schaut uns an, horcht auf uns, wir lieben euch gar zu sehr und putzen uns heraus mit den schönsten glänzendsten Farben Tag für Tag, nur damit wir euch recht gefallen.« – »Und lieben wir euch denn nicht auch, ihr holden Blumen?« So sprach das fremde Kind, aber Christlieb kniete zur Erde nieder und streckte beide Ärme weit aus, als wollte sie all die herrlichen Blumen, die um sie her sproßten, umarmen, indem sie rief: »Ach, ich lieb‘ euch ja allzu mal!« – Felix sprach: »Auch mir gefallt ihr wohl in euren glänzenden Kleidern, ihr Blumen, aber doch halt‘ ich es mit dem Grün, mit den Büschen, mit den Bäumen, mit dem Walde, er muß euch doch schützen und schirmen, ihr kleinen bunten Kindlein!« Da sauste es in den hohen schwarzen Tannen: »Das ist ein wahres Wort, du tüchtiger Junge, und du mußt dich nicht vor uns fürchten, wenn der Gevatter Sturm dahergezogen kommt und wir ein bißchen ungestüm mit dem groben Kerl zanken.« »Ei,« rief Felix, »knarrt und stöhnt und sauset nur recht wacker, ihr grünen Riesen, dann geht ja dem tüchtigen Jägersmann erst das Herz recht auf.« »Da hast du ganz recht,« so rauschte und plätscherte der Waldbach, »da hast du ganz recht, aber wozu immer jagen, immer rennen im Sturm und im wilden Gebraus! – Kommt! setzt euch fein ins Moos und hört mir zu. Von fernen, fernen Landen, aus tiefem Schacht komm‘ ich her – ich will euch schöne Märchen erzählen und immer was Neues, Well‘ auf Welle und immerfort und fort. Und die schönsten Bilder zeig‘ ich euch, schaut mir nur recht ins blanke Spiegelantlitz – duftiges Himmelblau – goldenes Gewölk – Busch und Blum‘ und Wald – euch selbst, ihr holden Kinder, zieh‘ ich liebend hinein tief in meinen Busen!« – »Felix, Christlieb,« so sprach das fremde Kind, indem es mit wundersamer Holdseligkeit um sich blickte, »Felix, Christlieb, o hört doch nur, wie alles uns liebt. Aber schon steigt das Abendrot auf hinter den Bergen, und Nachtigall ruft mich nach Hause.« »O laß[615] uns noch ein bißchen fliegen«, bat Felix. »Aber nur nicht so sehr hoch, da schwindelt’s mir gar zu sehr«, sprach Christlieb. Da faßte wie gestern das fremde Kind beide, Felix und Christlieb, bei den Händen, und nun schwebten sie auf im goldenen Purpur des Abendrots, und das lustige Volk der bunten Vögel schwärmte und lärmte um sie her – das war ein Jauchzen und Jubeln! – In den glänzenden Wolken, wie in wogenden Flammen erblickte Felix die herrlichsten Schlösser von lauter Rubinen und andern funkelnden Edelsteinen: »Schau‘, o schau‘ doch, Christlieb«, rief er voll Entzücken, »das sind prächtige, prächtige Häuser, nur tapfer laß uns fliegen, wir kommen gewiß hin.« Christlieb gewahrte auch die Schlösser und vergaß alle Furcht, indem sie nicht mehr hinab, sondern unverwandt in die Ferne blickte. »Das sind meine lieben Luftschlösser,« sprach das fremde Kind, »aber hin kommen wir heute wohl nicht mehr!« – Felix und Christlieb waren wie im Traume und wußten selbst nicht, wie es geschah, daß sie unversehens sich zu Hause bei Vater und Mutter befanden:

Von der Heimat des fremden Kindes

Das fremde Kind hatte auf dem anmutigsten Platz im Walde zwischen säuselndem Gebüsch, dem Bach unfern, ein überaus herrliches Gezelt von hohen schlanken Lilien, glühenden Rosen und bunten Tulipanen erbaut. Unter diesem Gezelt saßen mit dem fremden Kinde Felix und Christlieb und horchten darauf, was der Waldbach allerlei seltsames Zeug durcheinander plauderte. »Recht verstehe ich doch nicht,« fing Felix an, »was der dort unten erzählt, und es ist mir so, als wenn du selbst, mein lieber, lieber Junge, alles, was er nur so unverständlich murmelt, recht hübsch mir sagen könntest. Überhaupt möcht‘ ich dich doch wohl fragen, wo du denn herkommst und wo du immer so schnell hinverschwindest, daß wir selbst niemals wissen, wie das geschieht?« – »Weißt du wohl, liebes[616] Mädchen,« fiel Christlieb ein, »daß Mutter glaubt, du seist Schulmeisters Gottlieb?« »Schweig doch nur, dummes Ding,« rief Felix, »Mutter hat den lieben Knaben niemals gesehen, sonst würde sie gar nicht von Schulmeisters Gottlieb gesprochen haben. – Aber nun sage mir geschwind, du lieber Junge, wo du wohnst, damit wir zu dir ins Haus kommen können zur Winterszeit, wenn es stürmt und schneit und im Walde nicht Steg, nicht Weg zu finden ist.« »Ach ja!« sprach Christlieb, »nun mußt du uns fein sagen, wo du zu Hause bist, wer deine Eltern sind und hauptsächlich, wie du denn eigentlich heißest.« Das fremde Kind sah sehr ernst, beinahe traurig vor sich hin und seufzte recht aus tiefer Brust. Dann, nachdem es einige Augenblicke geschwiegen, fing es an: »Ach, lieben Kinder, warum fragt ihr nach meiner Heimat? Ist es denn nicht genug, daß ich tagtäglich zu euch komme und mit euch spiele? – Ich könnte euch sagen, daß ich dort hinter den blauen Bergen, die wie krauses, zackiges Nebelgewölk anzusehen sind, zu Hause bin, aber wenn ihr tagelang und immer fort und fort laufen wolltet, bis ihr auf den Bergen stündet, so würdet ihr wieder ebenso fern ein neues Gebirge schauen, hinter dem ihr meine Heimat suchen müßtet, und wenn ihr auch dieses Gebirge erreicht hättet, würdet ihr wiederum ein neues erblicken, und so würde es euch immer fort und fort gehen, und ihr würdet niemals meine Heimat erreichen.« »Ach,« rief Christlieb weinerlich aus, »ach, so wohnst du wohl viele hundert, hundert Meilen von uns und bist nur zum Besuch in unserer Gegend?« »Sieh nur, liebe Christlieb!« fuhr das fremde Kind fort, »wenn du dich recht herzlich nach mir sehnst, so bin ich gleich bei dir und bringe dir alle Spiele, alle Wunder aus meiner Heimat mit, und ist denn das nicht ebensogut, als ob wir in meiner Heimat selbst zusammensäßen und miteinander spielten?« »Das nun wohl eben nicht,« sprach Felix, »denn ich glaube, daß deine Heimat ein gar herrlicher Ort sein muß, ganz voll von den herrlichen[617] Dingen, die du uns mitbringst. Du magst mir nun die Reise dahin so schwierig vorstellen, wie du willst, sowie ich es nur vermag, mache ich mich doch auf den Weg. So durch Wälder streichen und auf ganz wilden verwachsenen Pfaden Gebirge erklettern, durch Bäche waten, über schroffes Gestein und dornicht Gestrüpp, das ist so recht Weidmanns Sache – ich werd’s schon durchführen.« »Das wirst du auch,« rief das fremde Kind, indem es freudig lachte, »und wenn du es dir so recht fest vornimmst, dann ist es so gut, als hättest du es schon wirklich ausgeführt. Das Land, in dem ich wohne, ist in der Tat so schön und herrlich, wie ich es gar nicht zu beschreiben vermag. Meine Mutter ist es, die als Königin über dieses Reich voller Glanz und Pracht herrscht.« – »So bist du ja ein Prinz« – »So bist du ja eine Prinzessin« – riefen zu gleicher Zeit verwundert, ja beinahe erschrocken, Felix und Christlieb. »Allerdings«, sprach das fremde Kind. »So wohnst du wohl in einem schönen Palast?« fragte Felix weiter. »Jawohl«, erwiderte das fremde Kind, »noch viel schöner ist der Palast meiner Mutter, als die glänzenden Schlösser, die du in den Wolken geschaut hast, denn seine schlanken Säulen aus purem Kristall erheben sich hoch – hoch hinein in das Himmelsblau, das auf ihnen ruht wie ein weites Gewölbe. Unter dem segelt glänzendes Gewölk mit goldnen Schwingen hin und her, und das purpurne Morgen- und Abendrot steigt auf und nieder, und in klingenden Kreisen tanzen die funkelnden Sterne. – Ihr habt, meine lieben Gespielen, ja wohl schon von Feen gehört, die, wie es sonst kein Mensch vermag, die herrlichsten Wunder hervorrufen können, und ihr werdet es auch wohl schon gemerkt haben, daß meine Mutter nichts anders ist, als eine Fee. Ja! das ist sie wirklich und zwar die mächtigste, die es gibt. Alles, was auf der Erde webt und lebt, hält sie mit treuer Liebe umfangen, doch zu ihrem innigen Schmerz wollen viele Menschen gar nichts von ihr wissen. Vor allen liebt meine Mutter aber die Kinder,[618] und daher kommt es, daß die Feste, die sie in ihrem Reiche den Kindern bereitet, die schönsten und herrlichsten sind. Da geschieht es denn wohl, daß schmucke Geister aus dem Hofstaate meiner Mutter keck sich durch die Wolken schwingen und von einem Ende des Palastes bis zum andern einen in den schönsten Farben schimmernden Regenbogen spannen. Unter dem bauen sie den Thron meiner Mutter aus lauter Diamanten, die aber so anzusehen sind und so herrlich duften wie Lilien, Nelken und Rosen. Sowie meine Mutter den Thron besteigt, rühren die Geister ihre goldnen Harfen, ihre kristallenen Zimbeln, und dazu singen die Kammersänger meiner Mutter mit solch wunderbaren Stimmen, daß man vergehen möchte vor süßer Lust. Diese Sänger sind aber schöne Vögel, größer noch als Adler, mit ganz purpurnem Gefieder, wie ihr sie wohl noch nie gesehen habt. Aber sowie die Musik losgegangen, wird alles im Palast, im Walde, im Garten laut und lebendig. Viele tausend blank geputzte Kinder tummeln sich im Jauchzen und Jubeln umher. Bald jagen sie sich durchs Gebüsch und werfen sich neckend mit Blumen, bald klettern sie auf schlanke Bäumchen und lassen sich vom Winde hin und her schaukeln, bald pflücken sie goldglänzende Früchte, die so süß und herrlich schmecken wie sonst nichts auf der Erde, bald spielen sie mit zahmen Rehen – mit andern schmucken Tieren, die ihnen aus dem Gebüsch entgegenspringen; bald rennen sie keck den Regenbogen auf und nieder oder besteigen gar als kühne Reuter die schönen Goldfasanen, die sich mit ihnen durch die glänzenden Wolken schwingen.« »Ach, das muß herrlich sein, ach, nimm uns mit in deine Heimat, wir wollen immer dort bleiben!« – So riefen Felix und Christlieb voll Entzücken, das fremde Kind sprach aber: »Mitnehmen nach meiner Heimat kann ich euch in der Tat nicht, es ist zu weit, ihr müßtet so gut und unermüdlich fliegen können wie ich selbst.« Felix und Christlieb wurden ganz traurig und blickten schweigend zur Erde nieder.

Von dem bösen Minister am Hofe der Feenkönigin

[619] »Überhaupt,« fuhr das fremde Kind fort, »überhaupt möchtet ihr euch in meiner Heimat vielleicht gar nicht so gut befinden, als ihr es euch nach meiner Erzählung vorstellt. Ja, der Aufenthalt könnte euch sogar verderblich sein. Manche Kinder vermögen nicht den Gesang der purpurroten Vögel, so herrlich er auch ist, zu ertragen, daß er ihnen das Herz zerreißt, und sie augenblicklich sterben müssen. Andere, die gar zu keck auf dem Regenbogen rennen, gleiten aus und stürzen herab, und manche sind sogar albern genug, im besten Fliegen dem Goldfasan, der sie trägt, weh zu tun. Das nimmt denn der sonst friedliche Vogel dem dummen Kinde übel und reißt ihm mit seinem scharfen Schnabel die Brust auf, so daß es blutend aus den Wolken herabfällt. Meine Mutter härmt sich gar sehr ab, wenn Kinder auf solche Weise, freilich durch ihre eigne Schuld, verunglücken. Gar zu gern wollte sie, daß alle Kinder auf der ganzen Welt die Lust ihres Reichs genießen möchten, aber wenn viele auch tüchtig fliegen können, so sind sie nachher doch entweder zu keck oder zu furchtsam und verursachen ihr nur Sorge und Angst. Eben deshalb erlaubt sie mir, daß ich hinausfliegen aus meiner Heimat und tüchtigen Kindern allerlei schöne Spielsachen daraus mitbringen darf, wie ich es denn auch mit euch gemacht habe.« »Ach,« rief Christlieb, »ich könnte gewiß keinem schönen Vogel Leides tun, aber auf dem Regenbogen rennen möchte ich doch nicht.« »Das wäre,« – fiel ihr Felix ins Wort, – »das wäre nun gerade meine Sache, und ebendeshalb möchte ich zu deiner Mutter Königin. Kannst du nicht einmal den Regenbogen mitbringen?« »Nein,« erwiderte das fremde Kind, »das geht nicht an, und ich muß dir überhaupt sagen, daß ich mich nur ganz heimlich zu euch stehlen darf. Sonst war ich überall sicher, als sei ich bei meiner Mutter, und es war überhaupt so, als sei überall ihr schönes Reich ausgebreitet,[620] seit der Zeit aber, daß ein arger Feind meiner Mutter, den sie aus ihrem Reiche verbannt hat, wild umherschwärmt, bin ich vor arger Nachstellung nicht geschützt.« »Nun,« rief Felix, indem er aufsprang und den Dornenstock, den er sich geschnitzt, in der Luft schwenkte, »nun, den wollt‘ ich denn doch sehen, der dir hier Leides zufügen sollte. Fürs erste hätt‘ er es mit mir zu tun, und denn rief ich Papa zu Hilfe, der ließe den Kerl einfangen und in den Turm sperren.« »Ach,« erwiderte das fremde Kind, »so wenig der arge Feind in meiner Heimat mir etwas antun kann, so gefährlich ist er mir außerhalb derselben, er ist gar mächtig, und wider ihn hilft nicht Stock, nicht Turm.« »Was ist denn das für ein garstig Ding, das dich so bange ma chen kann?« fragte Christlieb. »Ich habe euch gesagt,« fing das fremde Kind an, »daß meine Mutter eine mächtige Königin ist, und ihr wißt, daß Königinnen sowie Könige einen Hofstaat und Minister um sich haben.« »Jawohl,« sprach Felix, »der Onkel Graf ist selbst solch ein Minister und trägt einen Stern auf der Brust. Deiner Mutter Minister tragen auch wohl recht funkelnde Sterne?« »Nein«, erwiderte das fremde Kind, »nein, das eben nicht, denn die mehrsten sind selbst ganz und gar funkelnde Sterne, und andere tragen gar keine Röcke, worauf sich so etwas anbringen ließe. Daß ich’s nur sage, alle Minister meiner Mutter sind mächtige Geister, die teils in der Luft schweben, teils in Feuerflammen, teils in den Gewässern wohnen und überall das ausführen, was meine Mutter ihnen gebietet. Es fand sich vor langer Zeit ein fremder Geist bei uns ein, der nannte sich Pepasilio und behauptete, er sei ein großer Gelehrter, er wisse mehr und würde größere Dinge bewirken als alle übrige. Meine Mutter nahm ihn in die Reihe ihrer Minister auf, aber bald entwickelte sich immer mehr seine innere Tücke. Außerdem daß er alles, was die übrigen Minister taten, zu vernichten strebte, so hatte er es vorzüglich darauf abgesehen, die frohen Feste der Kinder recht hämisch zu Verderben. Er hatte der[621] Königin vorgespiegelt, daß er die Kinder erst recht lustig und gescheit machen wollte, statt dessen hing er sich zentnerschwer an den Schweif der Fasanen, so daß sie sich nicht aufschwingen konnten, zog er die Kinder, wenn sie auf Rosenbüschen hinaufgeklettert, bei den Beinen herab, daß sie sich die Nasen blutig schlugen, zwang er die, welche lustig laufen und springen wollten, auf allen vieren mit zur Erde gebeugtem Haupte herumzukriechen. Den Sängern stopfte er allerlei schädliches Zeug in die Schnäbel, damit sie nur nicht singen sollten, denn Gesang konnte er nicht ausstehen, und die armen zahmen Tierchen wollte er, statt mit ihnen zu spielen, auffressen, denn nur dazu, meinte er, wären sie da. Das abscheulichste war aber wohl, daß er mit Hilfe seiner Gesellen die schönen funkelnden Edelsteine des Palastes, die bunt schimmernden Blumen, die Rosen und Lilienbüsche, ja selbst den glänzenden Regenbogen mit einem ekelhaften schwarzen Saft zu überziehen wußte, so daß alle Pracht verschwunden und alles tot und traurig anzusehen war. Und wie er dies vollbracht, erhob er ein schallendes Gelächter und schrie, nun sei erst alles so, wie es sein solle, denn er habe es beschrieben. Als er nun vollends erklärte, daß er meine Mutter nicht als Königin anerkenne, sondern daß ihm allein die Herrschaft gebühre, und sich in der Gestalt einer ungeheuren Fliege mit blitzenden Augen und vorgestrecktem scharfen Rüssel emporschwang in abscheulichem Summen und Brausen auf den Thron meiner Mutter, da erkannte sie sowie alle, daß der hämische Minister, der sich unter dem schönen Namen Pepasilio eingeschlichen, niemand anders war, als der finstere mürrische Gnomenkönig Pepser. Der Törichte hatte aber die Kraft sowie die Tapferkeit seiner Gesellen viel zu hoch in Anschlag gebracht. Die Minister des Luftdepartements umgaben die Königin und fächelten ihr süße Düfte zu, indem die Minister des Feuerdepartements in Flammenwogen auf und nieder rauschten und die Sänger, deren[622] Schnäbel gereinigt, die volltönendsten Gesänge anstimmten, so daß die Königin den häßlichen Pepser weder sah noch hörte, noch seinen vergifteten übelriechenden Atem spürte. In dem Augenblick auch faßte der Fasanenfürst den bösen Pepser mit dem leuchtenden Schnabel und drückte ihn so gewaltig zusammen, daß er vor Wut und Schmerz laut aufkreischte, dann ließ er ihn aus der Höhe von dreitausend Ellen zur Erde niederfallen. Er konnte sich nicht regen und bewegen, bis auf sein wildes Geschrei seine Muhme, die große blaue Kröte, herbeikroch, ihn auf den Rücken nahm und nach Hause schleppte. Fünfhundert lustige kecke Kinder erhielten tüchtige Fliegenklatschen, mit denen sie Pepsers häßliche Gesellen, die noch umherschwärmten und die schönen Blumen verderben wollten, totschlugen. Sowie nun Pepser fort war, zerfloß der schwarze Saft, womit er alles überzogen, von selbst, und bald blühete und glänzte und strahlte alles so herrlich und schön wie zuvor. Ihr könnt denken, daß der garstige Pepser nun in meiner Mutter Reich nichts mehr vermag, aber er weiß, daß ich mich oft hinauswage, und verfolgt mich rastlos unter allerlei Gestalten, so daß ich ärmstes Kind oft auf der Flucht nicht weiß, wo ich mich hin verbergen soll, und darum, ihr lieben Gespielen, entfliehe ich oft so schnell, daß ihr nicht spürt, wo ich hingekommen. Dabei muß es denn auch bleiben, und wohl kann ich euch sagen, daß, sollte ich es auch unternehmen, mich mit euch in meine Heimat zu schwingen, Pepser uns gewiß aufpassen und uns totmachen würde.« Christlieb weinte bitterlich über die Gefahr, in der das fremde Kind immer schweben mußte. Felix meinte aber: »Ist der garstige Pepser weiter nichts als eine große Fliege, so will ich ihm mit Papas großer Fliegenklatsche schon zu Leibe gehn, und habe ich ihm eins tüchtig auf die Nase versetzt, so mag Muhme Kröte zusehen, wie sie ihn nach Hause schleppt.«[623]

Wie der Hofmeister angekommen war und die Kinder sich vor ihm fürchteten

In vollem Sprunge eilten Felix und Christlieb nach Hause, indem sie unaufhörlich riefen: »Ach, das fremde Kind ist ein schöner Prinz!« – »Ach, das fremde Kind ist eine schöne Prinzessin!« Sie wollten das jauchzend den Eltern verkünden, aber wie zur Bildsäule erstarrt, blieben sie in der Haustüre stehen, als ihnen Herr Thaddäus von Brakel entgegentrat und an seiner Seite einen fremden verwunderlichen Mann hatte, der halb vernehmlich in sich hineinbrummte: »Das sind mir saubere Rangen!« – »Das ist der Herr Hofmeister,« sprach Herr von Brakel, indem er den Mann bei der Hand ergriff, »das ist der Herr Hofmeister, den euch der gnädige Onkel geschickt hat. Grüßt ihn fein artig!« – Aber die Kinder sahen den Mann von der Seite an und konnten sich nicht regen und bewegen. Das kam daher, weil sie solch eine wunderliche Gestalt noch niemals geschaut. Der Mann mochte kaum mehr als einen halben Kopf höher sein als Felix, dabei war er aber untersetzt; nur stachen gegen den sehr starken breiten Leib die kleinen, ganz dünnen Spinnenbeinchen seltsam ab. Der unförmliche Kopf war beinahe viereckig zu nennen, und das Gesicht fast gar zu häßlich, denn außerdem, daß zu den dicken braunroten Backen und dem breiten Maule die viel zu lange spitze Nase gar nicht passen wollte, so glänzten auch die kleinen hervorstehenden Glasaugen so graulich, daß man ihn gar nicht gern ansehen mochte. Übrigens hatte der Mann eine pechschwarze Perücke auf den viereckichten Kopf gestülpt, war auch von Kopf bis zu Fuß pechschwarz gekleidet und hieß: Magister Tinte. Als nun die Kinder sich nicht rückten und rührten, wurde die Frau von Brakel böse und rief: »Potztausend, ihr Kinder, was ist denn das? Der Herr Magister wird euch für ganz ungeschliffene Bauernkinder halten müssen. – Fort! gebt dem Herrn Magister[624] fein die Hand!« Die Kinder ermannten sich und taten, was die Mutter befohlen, sprangen aber, als der Magister ihre Hände faßte, mit dem lauten Schrei: »O weh, o weh!« zurück. Der Magister lachte hell auf und zeigte eine heimlich in der Hand versteckte Nadel vor, womit er die Kinder, als sie ihm die Hände reichten, gestochen. Christlieb weinte, Felix aber grollte den Magister von der Seite an: »Versuche das nur noch einmal, kleiner Dickbauch.« – »Warum taten Sie das, lieber Herr Magister Tinte?« fragte etwas mißmütig der Herr von Brakel. Der Magister erwiderte: »Das ist nun einmal so meine Art, ich kann davon gar nicht lassen.« Und dabei stemmte er beide Hände in die Seite und lachte immerfort, welches aber zuletzt so widerlich klang wie der Ton einer verdorbenen Schnarre. »Sie scheinen ein spaßhafter Mann zu sein, lieber Herr Magister Tinte«, sprach der Herr von Brakel, aber ihm sowohl als der Frau von Brakel, vorzüglich den Kindern wurde ganz unheimlich zumute. »Nun, nun,« rief der Magister, »wie steht’s denn mit den kleinen Krabben, schon tüchtig in den Wissenschaften vorgerückt? – Wollen doch gleich sehen.« – Damit fing er an, den Felix und die Christlieb so zu fragen, wie es der Onkel Graf mit seinen Kindern getan. Als nun aber beide versicherten, daß sie die Wissenschaften noch gar nicht auswendig wüßten, da schlug der Magister Tinte die Hände über dem Kopf zusammen, daß es klatschte, und schrie wie besessen: »Das ist was Schönes! – keine Wissenschaften. – Das wird Arbeit geben! Wollen’s aber schon kriegen!« Felix sowie Christlieb, beide schrieben eine saubere Handschrift und wußten aus manchen alten Büchern, die ihnen der Herr von Brakel in die Hände gab und die sie emsig lasen, manche schöne Geschichte zu erzählen, das achtete aber der Magister Tinte für gar nichts, sondern meinte, das alles wäre nur dummes Zeug. – Ach! nun war an kein In-den-Wald-Laufen mehr zu denken! – Statt dessen mußten die Kinder beinahe den ganzen Tag zwischen den vier[625] Wänden sitzen und dem Magister Tinte Dinge nachplappern, die sie nicht verstanden. Es war ein wahres Herzeleid! – Mit welchen sehnsuchtsvollen Blicken schauten sie nach dem Walde! Oft war es ihnen, als hörten sie mitten unter den lustigen Liedern der Vögel, im Rauschen der Bäume des fremden Kindes süße Stimme rufen: »Wo seid ihr denn, Felix – Christlieb – ihr lieben Kinder? wo seid ihr denn? wollt ihr nicht mehr mit mir spielen? – Kommt doch nur! – ich habe euch einen schönen Blumenpalast gebaut – da setzen wir uns hinein, und ich schenk‘ euch die herrlichsten buntesten Steine – und dann schwingen wir uns auf in die Wolken und bauen selbst funkelnde Luftschlösser! – Kommt doch! Kommt doch nur!« Darüber wurden die Kinder mit allen ihren Gedanken ganz hingezogen nach dem Walde und sahen und hörten nicht mehr auf den Magister. Der wurde aber denn ganz zornig, schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch und brummte und summte und schnarrte und knarrte: »Pim – Sim – Prr – Srrr – Knurr – Krrr – Was ist das! aufgepaßt!« Felix hielt das aber nicht lange aus, er sprang auf und rief: »Laß mich los mit deinem dummen Zeuge, Herr Magister Tinte, fort will ich in den Wald – such‘ dir den Vetter Pumphose, das ist was für den! – Komm, Christlieb, das fremde Kind wartet schon auf uns.« – Damit ging es fort, aber der Magister Tinte sprang mit ungemeiner Behendigkeit hinterher und erfaßte die Kinder dicht vor der Haustüre. Felix wehrte sich tapfer, und der Magister Tinte war im Begriff zu unterliegen, da dem Felix der treue Sultan zu Hilfe geeilt war. Sultan, sonst ein frommer gesitteter Hund, hatte gleich vom ersten Augenblick an einen entschiedenen Abscheu gegen den Magister Tinte bewiesen. Sowie dieser ihm nur nahekam, knurrte er und schlug mit dem Schweif so heftig um sich, daß er den Magister, den er geschickt an die dünnen Beinchen zu treffen wußte, beinahe umgeschmissen hätte. Sultan sprang hinzu und packte den Magister, der Felix bei beiden[626] Schultern hielt, ohne Umstände beim Rockkragen. Der Magister Tinte erhob ein klägliches Geschrei, auf das Herr Thaddäus von Brakel schnell hinzueilte. Der Magister ließ ab von Felix, Sultan von dem Magister. »Ach, wir sollen nicht mehr in den Wald«, klagte Christlieb, indem sie bitterlich weinte. So sehr auch der Herr von Brakel den Felix ausschalt, taten ihm doch die Kinder leid, die nicht mehr in Flur und Hain herumschwärmen sollten. Der Magister Tinte mußte sich dazu verstehen, täglich mit den Kindern den Wald zu besuchen. Es ging ihm schwer ein. »Hätten Sie nur, Herr von Brakel,« sprach er, »einen vernünftigen Garten mit Buchsbaum und Staketen am Hause, so könnte man in der Mittagsstunde mit den Kindern spazierengehen, was in aller Welt sollen wir aber in dem wilden Walde?« – Die Kinder waren auch ganz unzufrieden, und die sprachen nun wieder: »Was soll uns der Magister Tinte in unserm lieben Walde?« –

Wie die Kinder mit dem Herrn Magister Tinte im Walde spazieren gingen und was sich dabei zutrug

»Nun? – gefällt es dir nicht in unseren Walde, Herr Magister?« So fragte Felix den Magister Tinte, als sie daher zogen durch das rauschende Gebüsch. Der Magister Tinte zog aber ein saures Gesicht und rief: »Dummes Zeug, hier ist kein ordentlicher Steg und Weg, man zerreißt sich nur die Strümpfe und kann vor dem häßlichen Gekreisch der dummen Vögel gar kein vernünftiges Wort sprechen.« »Haha, Herr Magister,« sprach Felix, »ich merk‘ es schon, du verstehst dich nicht auf den Gesang und hörst es auch wohl gar nicht einmal, wenn der Morgenwind mit den Büschen plaudert und der alte Waldbach schöne Märchen erzählt.« »Und,« fiel Christlieb dem Felix ins Wort, »sag‘ es nur, Herr Magister, du liebst auch wohl nicht die Blumen?« Da wurde der Herr Magister noch kirschbrauner im Antlitz, als er schon von Natur[627] war, er schlug mit den Händen um sich und schrie ganz erbost: »Was sprecht ihr da für tolles albernes Zeug? – wer hat euch die Narrheiten in den Kopf gesetzt? das fehlte noch, daß Wälder und Bäche dreist genug wären, sich in vernünftige Gespräche zu mischen, und mit dem Gesange der Vögel ist es auch nichts; Blumen lieb‘ ich wohl, wenn sie fein in Töpfe gesteckt sind und in der Stube stehen, dann duften sie, und man erspart das Räucherwerk. Doch im Walde wachsen ja gar keine Blumen.« »Aber Herr Magister,« rief Christlieb, »siehst du denn nicht die lieben Maiblümchen, die dich recht mit hellen freundlichen Augen angucken?« – »Was, was,« schrie der Magister – »Blumen? Augen? – ha ha ha – schöne Augen – schöne Augen! Die nichtsnutzigen Dinger riechen nicht einmal!« – Und damit bückte sich der Magister Tinte zur Erde nieder, riß einen ganzen Strauß Maiblümchen samt den Wurzeln heraus und warf ihn fort ins Gebüsch. Den Kindern war es, als ginge in dem Augenblick ein wehmütiger Klagelaut durch den Wald; Christlieb mußte bitterlich weinen, Felix biß unmutig die Zähne zusammen. Da geschah es, daß ein kleiner Zeisig dem Magister Tinte dicht bei der Nase vorbeiflatterte, sich dann auf einen Zweig setzte und ein lustiges Liedchen anstimmte. »Ich glaube gar,« sprach der Magister, »ich glaube gar, das ist ein Spottvogel?« Und damit nahm er einen Stein von der Erde auf, warf ihn nach dem Zeisig und traf den armen Vogel, daß er, zum Tode verstummt, von dem grünen Zweige herabfiel. Nun konnte Felix sich gar nicht mehr halten. »Ei du abscheulicher Herr Magister Tinte«, rief er ganz erbost, »was hat dir der arme Vogel getan, daß du ihn totschmeißest? – O, wo bist du denn, du holdes fremdes Kind, o, komm doch nur, laß uns weit, weit fortfliegen, ich mag nicht mehr bei dem garstigen Menschen sein; ich will fort nach deiner Heimat!« – Und mit vollem Schluchzen und Weinen stimmte Christlieb ein: »O du liebes holdes Kind, komm doch nur,[628] komm doch nur zu uns! Ach! Ach! – rette uns – rette uns, der Herr Magister Tinte macht uns ja tot wie die Blumen und Vögel!« – »Was ist das mit dem fremden Kinde?« rief der Magister. Aber in dem Augenblick säuselte es stärker im Gebüsch, und in dem Säuseln erklangen wehmütige herzzerschneidende Töne, wie von dumpfen, in weiter Ferne angeschlagenen Glocken. – In einem leuchtenden Gewölk, das sich herabließ, wurde das holde Antlitz des fremden Kindes sichtbar – dann schwebte es ganz hervor, aber es rang die kleinen Händchen, und Tränen rannen wie glänzende Perlen aus den holden Augen über die rosichten Wangen. »Ach,« jammerte das fremde Kind, »ach, ihr lieben Gespielen, ich kann nicht mehr zu euch kommen – ihr werdet mich nicht wiedersehen – lebt wohl! lebt wohl! – Der Gnome Pepser hat sich eurer bemächtigt, o ihr armen Kinder, lebt wohl – lebt wohl!« – Und damit schwang sich das fremde Kind hoch in die Lüfte. Aber hinter den Kindern brummte und summte und knarrte und schnarrte es auf entsetzliche grausige Weise. Der Magister Tinte hatte sich umgestaltet in eine große scheußliche Fliege, und recht abscheulich war es, daß er dabei doch noch ein menschliches Gesicht und sogar auch einige Kleidungsstücke behalten. Er schwebte langsam und schwerfällig auf, offenbar, um das fremde Kind zu verfolgen. Von Entsetzen und Graus erfaßt, rannte Felix und Christlieb fort aus dem Walde. Erst auf der Wiese wagten sie emporzuschauen. Sie wurden einen glänzenden Punkt in den Wolken gewahr, der wie ein Stern funkelte und herabzuschweben schien. »Das ist das fremde Kind«, rief Christlieb. Immer größer wurde der Stern, und dabei hörten sie ein Klingen wie von schmetternden Trompeten. Bald konnten sie nun erkennen, daß der Stern ein schöner, in gleißendem Goldgefieder prangender Vogel war, der, die mächtigen Flügel schüttelnd und laut singend, sich auf den Wald herabsenkte. »Ha,« schrie Felix, »das ist der Fasanenfürst, der[629] beißt den Herrn Magister Tinte tot – ha, ha, das fremde Kind ist geborgen, und wir sind es auch! – Komm, Christlieb – schnell laß uns nach Hause laufen und dem Papa erzählen, was sich zugetragen.«

Wie der Herr von Brakel den Magister Tinte fortjagte

Der Herr von Brakel und die Frau von Brakel, beide saßen vor der Türe ihres kleinen Hauses und schauten in das Abendrot, das schon hinter den blauen Bergen in goldenen Strahlen aufzuschimmern begann. Vor ihnen stand auf einem kleinen Tisch das Abendessen aufgetragen, das aus nichts anderem als einem tüchtigen Napf voll herrlicher Milch und einer Schüssel mit Butterbröten bestand. »Ich weiß nicht,« fing Herr von Brakel an, »ich weiß nicht, wo der Magister Tinte so lange mit den Kindern ausbleibt. Erst hat er sich gesperrt und durchaus nicht in den Wald gehen wollen, und jetzt kommt er gar nicht wieder heraus. Überhaupt ist das ein ganz wunderlicher Mann, der Herr Magister Tinte, und es ist mir beinahe so, als sei es besser gewesen, er wäre ganz davongeblieben. Daß er gleich anfangs die Kinder so heimtückisch stach, das hat mir gar nicht gefallen, und mit seinen Wissenschaften mag es auch nicht weit her sein, denn allerlei seltsame Wörter und unverständliches Zeug plappert er her und weiß, was der Großmogul für Kamaschen trägt; kommt er aber heraus, so vermag er nicht die Linde vom Kastanienbaum zu unterscheiden und hat sich überhaupt ganz albern und abgeschmackt. Die Kinder können unmöglich Respekt vor ihm haben.« »Mir geht es,« erwiderte die Frau von Brakel, »mir geht es ganz wie dir, lieber Mann! So sehr es mich freute, daß der Herr Vetter sich unserer Kinder annehmen wollte, so sehr bin ich jetzt davon überzeugt, daß das auf andere und bessere Weise hätte geschehen können, als daß er uns den Herrn Magister Tinte über den Hals schickte. Wie es mit seinen[630] Wissenschaften stehen mag, das weiß ich nicht, aber so viel ist gewiß, daß das kleine schwarze, dicke Männlein mit den kleinen dünnen Beinchen mir immer mehr und mehr zuwider wird. Vorzüglich ist es garstig, daß der Magister so entsetzlich naschhaftig ist. Keine Neige Bier oder Milch kann er stehen sehen, ohne sich darüber her zu machen, merkt er nun vollends den geöffneten Zuckerkasten, so ist er gleich bei der Hand und schnuppert und nascht so lange an dem Zucker, bis ich ihm den Deckel vor der Nase zuschlage; dann ist er auf und davon und ärgert sich und brummt und summt ganz seltsam und fatal.« Der Herr von Brakel wollte fortfahren im Gespräch, als Felix und Christlieb in vollem Rennen durch die Birken kamen. »Heisa! – heisa!« – schrie Felix unaufhörlich, »heisa, heisa! der Fasanenfürst hat den Herrn Magister Tinte totgebissen!« »Ach – Ach, Mama,« rief Christlieb atemlos, »ach! – der Herr Magister Tinte ist kein Herr Magister, das ist der Gnomenkönig Pepser, eigentlich aber eine abscheuliche große Fliege, die eine Perücke trägt und Schuhe und Strümpfe.« Die Eltern staunten die Kinder an, die nun ganz aufgeregt und erhitzt durcheinander von dem fremden Kinde, von seiner Mutter, der Feenkönigin, von dem Gnomenkönig Pepser und von dem Kampf des Fasanenfürsten mit ihm erzählten. »Wer hat euch denn die tollen Dinge in den Kopf gesetzt, habt ihr geträumt, oder was geschah sonst mit euch?« So fragte Herr von Brakel ein Mal über das andere; aber die Kinder blieben dabei, daß sich alles so zugetragen, wie sie es erzählten, und daß der häßliche Pepser, der sich für den Herrn Magister Tinte fälschlich ausgegeben, tot im Walde liegen müsse. Die Frau von Brakel schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief ganz traurig: »Ach Kinder, Kinder, was soll aus euch werden, wenn euch solche entsetzliche Dinge in den Sinn kommen und ihr euch davon nichts ausreden lassen wollt!« – Aber der Herr von Brakel wurde sehr nachdenklich und ernsthaft.[631] »Felix,« sprach er endlich, »Felix, du bist nun schon ein ganz verständiger Junge, und ich kann es dir wohl sagen, daß auch mir der Herr Magister Tinte von Anfang an ganz seltsam und verwunderlich vorgekommen ist. Ja, es schien mir oft, als habe es mit ihm eine besondere Bewandtnis und er sei gar nicht so wie andere Magister. Noch mehr! – ich sowohl als die Mutter, beide sind wir mit dem Herrn Magister Tinte nicht ganz zufrieden, die Mutter vorzüglich, weil er ein Naschmaul ist, alle Süßigkeiten beschnuppert und dabei so häßlich brummt und summt, er wird daher auch wohl nicht lange bei uns bleiben können. Aber nun, lieber Junge, besinne dich einmal, gesetzt auch, es gebe solche garstige Dinger, wie Gnomen sein sollen, wirklich in der Welt, besinne dich einmal, ob ein Herr Magister wohl eine Fliege sein kann?« – Felix schaute dem Herrn von Brakel mit seinen blauen klaren Augen ernsthaft ins Gesicht. Der Herr von Brakel wiederholte die Frage: »Sag‘, mein Junge! kann wohl ein Herr Magister eine Fliege sein?« Da sprach Felix: »Ich habe sonst nie daran gedacht und hätte es auch wohl nicht geglaubt, wenn mir es nicht das fremde Kind gesagt, und ich es mit eigenen Augen gesehen hätte, daß Pepser eine garstige Fliege ist und sich nur für den Magister Tinte ausgegeben hat. – Und Vater,« fuhr Felix weiter fort, als Herr von Brakel wie einer, der vor Verwunderung gar nicht weiß, was er sagen soll, stillschweigend den Kopf schüttelte, »und Vater, sage, hat dir der Herr Magister Tinte selbst nicht einmal entdeckt, daß er eine Fliege sei? – habe ich’s denn nicht selbst gehört, daß er dir hier vor der Türe sagte, er sei auf der Schule eine muntre Fliege gewesen? Nun, was man einmal ist, das muß man, denk‘ ich, auch bleiben. Und daß der Herr Magister, wie die Mutter zugesteht, so ein Naschmaul ist und an allem Süßen schnuppert, nun, Vater! wie machen’s denn die Fliegen anders? und das häßliche Summen und Brummen.« »Schweig,« rief der Herr von Brakel ganz erzürnt,[632] »mag der Herr Magister Tinte sein, was er will, aber so viel ist gewiß, daß der Fasanenfürst ihn nicht totgebissen hat, denn dort kommt er eben aus dem Walde!« Auf dieses Wort schrien die Kinder laut auf und flüchteten ins Haus hinein. In der Tat kam der Magister Tinte den Birkengang herauf, aber ganz verwildert, mit funkelnden Augen, zerzauster Perücke, im abscheulichen Sumsen und Brummen sprang er von einer Seite zur anderen hoch auf und prallte mit dem Kopf gegen die Bäume an, daß man es krachen hörte. So herangekommen, stürzte er sich sofort in den Napf, daß die Milch überströmte, die er einschlürfte mit widrigem Rauschen. »Aber um tausend Gottes willen, Herr Magister Tinte, was treiben Sie?« rief die Frau von Brakel. »Sind Sie toll geworden, Herr Magister, plagt Sie der böse Feind?« schrie der Herr von Brakel. Aber alles nicht achtend, schwang sich der Magister aus dem Milchnapf, setzte sich auf die Butterbröte hin, schüttelte die Rockschöße und wußte mit den dünnen Beinchen geschickt darüber hinzufahren und sie glatt zu streichen und zu fälteln. Dann stärker summend, schwang er sich gegen die Türe, aber er konnte nicht hineinfinden ins Haus, sondern schwankte wie betrunken hin und her und schlug gegen die Fenster an, daß es klirrte und schwirrte. »Ha, Patron,« rief der Herr von Brakel, »das sind dumme unnütze Streiche, wart‘, das soll dir übel bekommen.« Er suchte den Magister bei dem Rockschoß zu haschen, der wußte ihm aber geschickt zu entgehen. Da sprang Felix aus dem Hause mit der großen Fliegenklatsche in der Hand, die er dem Vater gab. »Nimm, Vater, nimm,« rief er, »schlag ihn tot, den häßlichen Pepser.« Der Herr von Brakel ergriff auch wirklich die Fliegenklatsche, und nun ging es her hinter dem Herrn Magister. Felix, Christlieb, die Frau von Brakel hatten die Servietten vom Tische genommen und schwangen sie, den Magister hin- und hertreibend, in den Lüften, während Herr von Brakel unaufhörlich Schläge gegen ihn führte, die leider nicht[633] trafen, weil der Magister sich hütete, auch nur einen Augenblick zu ruhen. Und wilder und wilder wurde die tolle Jagd – Summ – Summ – Simm – Simm – Trrr – Trrr – stürmte der Magister auf und nieder – und Klipp – Klapp fielen hageldichter des Herrn von Brakels Schläge, und huß – huß – hetzten Felix, Christlieb und die Frau von Brakel den Feind. Endlich gelang es dem Herrn von Brakel, den Magister am Rockschoß zu treffen. Ächzend stürzte er zu Boden; aber in dem Augenblick, daß der Herr von Brakel ihn mit einem zweiten Schlage treffen wollte, schwang er sich mit erneuter doppelter Kraft in die Höhe, stürmte sausend und brausend nach den Birken hin und ließ sich nicht wieder sehen. »Gut, daß wir den fatalen Herrn Magister Tinte los sind,« sprach der Herr von Brakel, »über meine Schwelle soll er nicht wieder kommen.« »Nein, das soll er nicht,« fiel die Frau von Brakel ein, »Hofmeister mit solchen abscheulichen Sitten können nur Unheil stiften, da, wo sie Gutes wirken sollen. – Prahlt mit den Wissenschaften und springt in den Milchnapf! – Das nenne ich mir einen schönen Magister.« – Aber die Kinder jauchzten und jubelten und riefen: »Heisa – Papa hat den Herrn Magister Tinte mit der Fliegenklatsche eins auf die Nase versetzt, und da hat er Reißaus genommen! – Heisa – heisa!« –

Was sich weiter im Walde begab, nachdem der Magister Tinte fortgejagt worden

Felix und Christlieb atmeten frei auf, als sei ihnen eine schwere drückende Last vom Herzen genommen. Vor allem dachten sie aber daran, daß nun, da der häßliche Pepser von dannen geflohen, das fremde Kind gewiß wiederkehren und so wie sonst mit ihnen spielen würde. Ganz erfüllt von freudiger Hoffnung, gingen sie in den Wald; aber es war alles still und wie verödet drin, kein lustiges Lied von Fink und Zeisig ließ sich hören, und statt des fröhlichen[634] Rauschens der Gebüsche, statt des frohen tönenden Wogens der Waldbäche wehten angstvolle Seufzer durch die Lüfte. Nur bleiche Strahlen warf die Sonne durch den dunstigen Himmel. Bald türmte sich schwarzes Gewölk auf, der Sturm heulte, der Donner begann in der Ferne zürnend zu murmeln, die hohen Tannen dröhnten und krachten. Christlieb schloß sich zitternd und zagend an Felix an; der sprach aber: »Was fürchtest du dich so, Christlieb, es zieht ein Wetter auf, wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen.« Sie fingen an zu laufen, doch wußten sie selbst nicht, wie es geschah, daß sie, statt aus dem Walde herauszukommen, immer tiefer hineingerieten. Es wurde finsterer und finsterer, dicke Regentropfen fielen herab, und Blitze fuhren zischend hin und her! – Die Kinder standen an einem dicken dichten Gestrüpp. »Christlieb,« sprach Felix, »laß uns hier ein bißchen unterducken, nicht lange kann das Wetter dauern.« Christlieb weinte vor Angst, tat aber doch, was Felix geheißen. Aber kaum hatten sie sich hingesetzt in das dicke Gebüsch, als es dicht hinter ihnen mit häßlich knarrenden Stimmen sprach: »Dumme Dinger! – einfältig Volk – habt uns verachtet – habt nicht gewußt, was ihr mit uns anfangen sollt, nun könnt ihr sitzen ohne Spielsachen, ihr einfältigen Dinger!« Felix schaute sich um, und es wurde ihm ganz unheimlich zumute, wie er den Jäger und den Harfenmann erblickte, die sich aus dem Gestrüpp, wo er sie hineingeworfen, erhoben, ihn mit toten Augen anstarrten und mit den kleinen Händchen herumfochten und hantierten. Dazu griff der Harfenmann in die Saiten, daß es recht widrig zwitscherte und klirrte, und der Jägersmann legte gar die kleine Flinte auf Felix an. Dazu krächzten beide: »Wart‘ – Wart‘, du Junge, du Mädel, wir sind die gehorsamen Zöglinge des Herrn Magister Tinte, gleich wird er hier sein, und da wollen wir euch euren Trotz schon eintränken!« – Entsetzt, des Regens, der nun herabströmte, der krachenden Donnerschläge, des Sturms,[635] der mit dumpfem Brausen durch die Tannen fuhr, nicht achtend, rannten die Kinder von dannen und gerieten an das Ufer des großen Teichs, der den Wald begrenzte. Aber kaum waren sie hier, als sich aus dem Schilf Christliebs große Puppe, die Felix hineingeworfen, erhob und mit häßlicher Stimme quäkte: »Dumme Dinger, einfältig Volk – habt mich verachtet – habt nicht gewußt, was ihr mit mir anfangen sollt, nun könnt ihr sitzen ohne Spielsachen, ihr einfältigen Dinger. Wart‘, wart‘, du Junge, du Mädel, ich bin der gehorsame Zögling des Herrn Magister Tinte, gleich wird er hier sein, und da werden wir euch euren Trotz schon eintränken!« – Und dann spritzte die häßliche Puppe den armen Kindern, die schon vom Regen ganz durchnäßt waren, ganze Ströme Wasser ins Gesicht. Felix konnte diesen entsetzlichen Spuk nicht vertragen, die arme Christlieb war halbtot, aufs neue rannten sie davon, aber bald, mitten im Walde, sanken sie vor Angst und Erschöpfung nieder. Da summte und brauste es hinter ihnen. »Der Magister Tinte kommt«, schrie Felix, aber in dem Augenblick vergingen ihm auch sowie der armen Christlieb die Sinne. Als sie wie aus tiefem Schlafe erwachten, befanden sie sich auf einem weichen Moossitz. Das Wetter war vorüber, die Sonne schien hell und freundlich, und die Regentropfen hingen wie funkelnde Edelsteine an den glänzenden Büschen und Bäumen. Hoch verwunderten sich die Kinder darüber, daß ihre Kleider ganz trocken waren und sie gar nichts von der Kälte und Nässe spürten. »Ach,« rief Felix indem er beide Ärme hoch in die Lüfte emporstreckte, »ach, das fremde Kind hat uns beschützt!« Und nun riefen beide, Felix und Christlieb, laut, daß es im Walde widertönte: »Ach du liebes Kind, komme doch nur wieder zu uns, wir sehnen uns ja so herzlich nach dir, wir können ja ohne dich gar nicht leben!« – Es schien auch, als wenn ein heller Strahl durch die Gebüsche funkelte, von dem berührt die Blumen ihre Häupter erhoben; aber riefen auch wehmütiger und wehmütiger[636] die Kinder nach dem holden Gespielen, nichts ließ sich weiter sehen. Traurig schlichen sie nach Hause, wo die Eltern, nicht wenig wegen des Ungewitters um sie bekümmert, sie mit voller Freude empfingen. Der Herr von Brakel sprach: »Es ist nur gut, daß ihr da seid, ich muß gestehen, daß ich fürchtete, der Herr Magister Tinte schwärme noch im Walde umher und sei euch auf der Spur.« Felix erzählte alles, was sich im Walde begeben. »Das sind tolle Einbildungen,« rief die Frau von Brakel, »wenn euch draußen im Walde solch verrücktes Zeug träumt, sollt ihr gar nicht mehr hingehen, sondern im Hause bleiben.« Das geschah denn nun freilich nicht, denn wenn die Kinder baten: »Liebe Mutter, laß uns ein bißchen in den Wald laufen«, so sprach die Frau von Brakel: »Geht nur, geht und kommt hübsch verständig zurück.« Es geschah aber, daß die Kinder in kurzer Zeit selbst gar nicht mehr in den Wald gehen mochten. Ach! – das fremde Kind ließ sich nicht sehen, und sowie Felix und Christlieb sich nur tiefer ins Gebüsch wagten oder sich dem Ententeich nahten, so wurden sie von dem Jäger, dem Harfenmännlein, der Puppe ausgehöhnt: »Dumme Dinger, einfältig Volk, nun könnt ihr sitzen ohne Spielzeug – habt nichts mit uns artigen gebildeten Leuten anzufangen gewußt – dumme Dinger, einfältig Volk!« – Das war gar nicht auszuhalten, die Kinder blieben lieber im Hause.

Beschluß

»Ich weiß nicht,« sprach der Herr Thaddäus von Brakel eines Tages zu der Frau von Brakel, »ich weiß nicht, wie mir seit einigen Tagen so seltsam und wunderlich zumute ist. Beinahe möchte ich glauben, daß der böse Magister Tinte mir es angetan hat, denn seit dem Augenblick, als ich ihm eins mit der Fliegenklatsche versetzte und ihn forttrieb, liegt es mir in allen Gliedern wie Blei.« In der Tat wurde auch der Herr von Brakel mit jedem[637] Tage matter und blässer. Er durchstrich nicht mehr wie sonst die Flur, er polterte und wirtschaftete nicht mehr im Hause umher, sondern saß stundenlang in tiefe Gedanken versenkt, und dann ließ er sich von Felix und Christlieb erzählen, wie es sich mit dem fremden Kinde begeben. Sprachen die denn nun recht mit vollem Eifer von den herrlichen Wundern des fremden Kindes, von dem prächtigen glänzenden Reiche, wo es zu Hause, dann lächelte er wehmütig, und die Tränen traten ihm in die Augen. Darüber konnten sich Felix und Christlieb aber gar nicht zufrieden geben, daß das fremde Kind nun davon bleibe und sie der Quälerei der häßlichen Puppen im Gebüsch und im Ententeiche bloßstelle, weshalb sie gar nicht mehr sich in den Wald wagen möchten. »Kommt, meine Kinder, wir wollen zusammen in den Wald gehen, die bösen Zöglinge des Herrn Magister Tinte sollen euch keinen Schaden tun!« So sprach an einem schönen hellen Morgen der Herr von Brakel zu Felix und Christlieb, nahm sie bei der Hand und ging mit ihnen in den Wald, der heute mehr als jemals voller Glanz, Wohlgeruch und Gesang war. Als sie sich ins weiche Gras unter duftenden Blumen gelagert hatten, fing der Herr von Brakel in folgender Art an: »Ihr lieben Kinder, es liegt mir recht am Herzen, und ich kann es nun gar nicht mehr aufschieben euch zu sagen, daß ich ebensogut wie ihr das holde fremde Kind, das euch hier im Walde so viel Herrliches schauen ließ, kannte. Als ich so alt war wie ihr, hat es mich so wie euch besucht und die wunderbarsten Spiele gespielt. Wie es mich dann verlassen hat, darauf kann ich mich gar nicht besinnen, und es ist mir ganz unerklärlich, wie ich das holde Kind so ganz und gar vergessen konnte, daß ich, als ihr mir von seiner Erscheinung erzähltet, gar nicht daran glaubte, wiewohl ich oftmals die Wahrheit davon leise ahnte. Seit einigen Tagen gedenke ich aber so lebhaft meiner schönen Jugendzeit, wie ich es seit vielen Jahren gar nicht vermochte. Da ist denn auch das holde Zauberkind[638] so glänzend und herrlich, wie ihr es geschaut habt, mir in den Sinn gekommen, und dieselbe Sehnsucht, von der ihr ergriffen, erfüllt meine Brust, aber sie wird mir das Herz zerreißen! – Ich fühl‘ es, daß ich zum letztenmal hier unter diesen schönen Bäumen und Büschen sitze, ich werde euch bald verlassen, ihr Kinder! – Haltet, wenn ich tot bin, nur recht fest an dem holden Kinde!« – Felix und Christlieb waren außer sich vor Schmerz, sie weinten und jammerten und riefen laut: »Nein, Vater – nein, Vater, du wirst nicht sterben, du wirst nicht sterben, du wirst noch lange, lange bei uns bleiben und so wie wir mit dem fremden Kinde spielen!« – Aber Tages darauf lag der Herr von Brakel schon krank im Bette. Es erschien ein langer hagerer Mann, der dem Herrn von Brakel an den Puls fühlte und darauf sprach: »Das wird sich geben!« Es gab sich aber nicht, sondern der Herr von Brakel war am dritten Tage tot. Ach, wie jammerte die Frau von Brakel, wie rangen die Kinder die Hände, wie schrien sie laut: »Ach, unser Vater – unser lieber Vater!« – Bald darauf, als die vier Bauern von Brakelheim ihren Herrn zu Grabe getragen hatten, erschienen ein paar häßliche Männer im Hause, die beinahe aussahen wie der Magister Tinte. Die erklärten der Frau von Brakel, daß sie das ganze Gütchen und alles im Hause in Beschlag nehmen müßten, weil der verstorbene Herr Thaddäus von Brakel das alles und noch viel mehr dem Herrn Grafen Cyprianus von Brakel schuldig geworden sei, der nun das Seinige zurückverlange. So war denn nun die Frau von Brakel bettelarm geworden und mußte das schöne Dörfchen Brakelheim verlassen. Sie wollte zu einem Verwandten hin, der nicht fern wohnte, und schnürte daher ein kleines Bündelchen mit der wenigen Wäsche und den geringen Kleidungsstücken, die man ihr gelassen, Felix und Christlieb mußten ein gleiches tun, und so zogen sie unter vielen Tränen fort aus dem Hause. Schon hörten sie das ungestüme Rauschen des Waldstroms, über dessen Brücke[639] sie wollten, als die Frau von Brakel vor bitterm Schmerz ohnmächtig zu Boden sank. Da fielen Felix und Christlieb auf die Knie nieder und schluchzten und jammerten: »O wir armen unglücklichen Kinder! nimmt sich denn keiner, keiner unsers Elends an?« In dem Augenblick war es, als werde das ferne Rauschen des Waldstroms zu lieblicher Musik, das Gebüsch rührte sich in ahnungsvollem Säuseln – und bald strahlte der ganze Wald in wunderbarem funkelnden Feuer. Das fremde Kind trat aus dem süßduftenden Laube hervor, aber von solchem blendenden Glanz umflossen, daß Felix und Christlieb die Augen schließen mußten. Da fühlten sie sich sanft berührt, und des fremden Kindes holde Stimme sprach: »O, klagt nicht so, ihr meine lieben Gespielen! Lieb‘ ich euch denn nicht mehr? Kann ich euch denn wohl verlassen? Nein! – seht ihr mich auch nicht mit leiblichen Augen, so umschwebe ich euch doch beständig und helfe euch mit meiner Macht, daß ihr froh und glücklich werden sollet immerdar. Behaltet mich nur treu im Herzen, wie ihr es bis jetzt getan, dann vermag der böse Pepser und kein anderer Widersacher etwas über euch! – liebt mich nur stets recht treulich!« »O, das wollen wir, das wollen wir!« riefen Felix und Christlieb, »wir lieben dich ja mit ganzer Seele.« Als sie die Augen wieder aufzuschlagen vermochten, war das fremde Kind verschwunden, aber aller Schmerz war von ihnen gewichen, und sie empfanden die Wonne des Himmels, die in ihrem Innersten aufgegangen. Die Frau von Brakel richtete sich nun auch langsam empor und sprach: »Kinder! ich habe euch im Traum gesehen, wie ihr wie in lauter funkelndem Golde standet, und dieser Anblick hat mich auf wunderbare Weise erfreut und getröstet.« Das Entzücken strahlte in der Kinder Augen, glänzte auf ihren hochroten Wangen. Sie erzählten, wie eben das fremde Kind bei ihnen gewesen sei und sie getröstet habe; da sprach die Mutter: »Ich weiß nicht, warum ich heute an euer Märchen glauben muß, und warum dabei so aller[640] Schmerz, alle Sorgen von mir weichen. Laßt uns nun getrost weitergehen.« Sie wurden von dem Verwandten freundlich aufgenommen, dann kam es, wie das fremde Kind es verheißen. Alles, was Felix und Christlieb unternahmen, geriet so überaus wohl, daß sie samt ihrer Mutter froh und glücklich wurden, und noch in später Zeit spielten sie in süßen Träumen mit dem fremden Kinde, das nicht aufhörte, ihnen die lieblichsten Wunder seiner Heimat mitzubringen.“

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Der Türke in Wien

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Kaiserin Maria Theresia von Österreich galt als die große Gegenspielerin Friedrichs II., die es allerdings nicht vermocht hatte, in dem Dauerringen um Schlesien die preußische Annexion zu verhindern und später rückgängig zu machen. Trotzdem gehört sie zu den bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten Österreichs, da sie, ebenfalls wie Friedrich II. eine Verfechterin des aufgeklärten Absolutismus, im Zuge der Auseinandersetzung mit Preußen tiefgreifende Reformen im Staat einleitete, die zugunsten einer funktionsfähigen Zentralgewalt die Macht von Adel und Klerus zurückdrängte und weitere Reformen im Bildungs-, Wirtschafts-, Justiz- und Militärbereich durchsetzte. Sie hatte wie ihr preußischer Gegenspieler 1740 ihre Regentschaft angetreten und prägte zusammen mit ihm eine lange Epoche von der Blütezeit des Absolutismus bis zu dem Beginn revolutionärer Umwälzungen in Amerika und Europa. Erst 1780 endete ihre Herrschaft über Österreich durch ihren Tod, ihr preußischer Gegenspieler überlebte sie sogar um sechs Jahre.

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Dieser Maria Theresia machte 1769 ihr Hofrat Wolfgang von Kempelen ein attraktives Angebot. Kempelen sollte die Vorführung des Zauberkünstlers Pelletiers begutachten und war von dessen Tricks wenig begeistert. Er versprach der Kaiserin, binnen eines halben Jahres eine Apparatur zu schaffen, welche die ganze Vorführung des Zauberers in den Schatten stellen sollte. Zusätzlich kam Kempelen seiner Kaiserin damit entgegen, daß diese beklagt hatte, daß immer nur Ausländer große Erfindungen machen würden.

Die Geschichte rund um den Schachautomaten, der in Gestalt eines Türken das Licht der Welt erblickte, ist schon mehrfach erzählt worden. Vermutlich ließ Kempelen ihn als Türken erscheinen, um das Besondere und Exotische dieser Erscheinung herauszustreichen, und evtl. wählte er auch ein Schockelement, da die Türken, die noch 1683 ein zweites Mal vor den Toren Wiens gestanden hatten, im Denken seiner Zeitgenossen immer noch als Bedrohung erschienen. In dem Artikel soll es vor allem um die Frage gehen, wie die Zeitgenossen den Schachautomaten wahrnahmen und warum sie so lange daran glaubten, die Maschine besäße in der Tat ein Eigenleben, das in der Realität erst ab den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Schach spielen genutzt werden konnte. Hätte Kempelens Apparat dies tatsächlich gekonnt, wären wir 1769 gut 170 Jahre der Zeit voraus gewesen.

Daß die Menschen mehrheitlich dazu neigten, Kempelen zu glauben, er habe eine Maschine erschaffen, die aus sich selbst heraus Schach spielen könnte, hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen ging Kempelen bei der Konstruktion der Maschine sehr raffiniert vor. Tatsächlich hatte sich zwar ein körperlich kleiner Schachmeister während den Vorführungen in die Maschine gezwängt. Aber, um diese Vermutung aus der Welt zu schaffen, ließ Kempelen bei den Vorführungen die Menschen in den Automaten schauen, die dann tatsächlich nichts verdächtiges vorfanden. In einem Focus-Artikel von 2004 (Bild entfernt) Bernhard Fromme, der den Automaten originalgetreu rekonstruiert hatte, und der seitdem im Heinz Nixdorfs Museumsforum in Paderborn, dem „größten Computermuseum der Welt“, zu bewundern ist, wie Kempelen dies gelang:

„Dank einer beweglichen Trennwand rutschte der Steuermann der Maschine zwischen linker und rechter Kammer des Unterbaus hin und her und verbarg sich beim Öffnen vor den Blicken der Zuschauer. Das wäre nicht weiter spektakulär: „Darüber hinaus hat von Kempelen ein technisches Meisterwerk entworfen“, sagt Fromme.

„Im Inneren gibt es ein ausklappbares zweites Schachbrett“, erläutert er. Mit Hilfe ausgeklügelter Mechanik überträgt ein so genannter Pantograph per Hebelmechanik jeden Zug, den der Bediener der Maschine auf dem kleinen versteckten Brett macht, nach oben. Was sich über seinem Kopf tut, sieht er dank magnetischer Stifte unter dem offiziellen Spielfeld. Die Figuren sind mit Magneten versehen. Wie eine Marionette folgt die exotische Puppe jeder Bewegung.

Auch die rechte Inszenierung gehörte zum Erfolgsrezept des Apparats, sagt Stolte. Mit Finten und Täuschungsmanövern sei das Publikum von Schwächen der Illusion abgelenkt wurden. Links und rechts wurden Kandelaber aufgestellt. In dem schummrigen Licht der damaligen Zeit fiel beim Spektakel auch nicht auf, dass im Kopf der Puppe ein Kamin war, der den Rauch der Öllampe des versteckten Spielers im Inneren ableitete.“

Die Kreativität Kempelens wird auch in der Anekdote deutlich, wie Napoleon, der sich während der Eroberung Europas in Schönbrunn die Zerstreuung gönnte, den Schachtürken zu einem Spiel herauszufordern, den Automaten provozieren wollte und bewußt illegale Züge machte. Der Türke habe die Figuren erst wieder richtig aufgestellt und schließlich die Figuren vom Brett gefegt. Napoleon, der schließlich in einer für die Nachwelt festgehaltenen Partie dem Automaten (Bild entfernt), habe die Reaktion gefallen (siehe Focus-Artikel).

Ein zweiter Grund lag in dem allgemeinen Fortschrittsglauben, der in dieser Zeit ihren Anfang nahm. Die Aufklärung hatte auch wissenschaftlich gewaltige Energien freigesetzt und den Forschergeist der Menschen angeregt, so daß nichts mehr unmöglich schien. Die Erfindung des Blitzableiters, des Schiffschronometers, des Sextanten, der Anatomie, der Spinnmaschine, des Magneten und erster Modelle der Dampfmaschine waren in dieser Zeit ganz frische Errungenschaften. Die Entwicklung von Automaten hingegen besaß zwar eine gewisse Tradition. So (Bild entfernt) der Kunsthistoriker Ernst Wenzel Mrazek ein 1352 erschaffenes Uhrwerk im Straßburger Münster, das als frühes Exemplar bereits über verschiedene Fertigkeiten verfügte:

„Das berühmteste Uhrwerk mit Automaten wurde 1352 im Straßburger Münster errichtet. Neben einem Astrolabium und einem ewigen Kalender, beide durch das Uhrwerk betrieben, besaß die Uhr auch das bewegte Figurenwerk Maria mit dem Kind, vor welchem die Heiligen Drei Könige vorbeizogen. Gott selbst kam auf einer Wolke mit Orgelmusikbegleitung und Glockenspiel vom Himmel herab, und ein Hahn konnte in Angedenken an Verrat und Treue Petri krähen und mit den Flügeln schlagen. [Vgl. Ernst Strouhal, ebda., S. 449]“

Aber gerade gegen Mitte des 18. Jahrhunderts war die Nutzbarmachung von Apparaten bereits allgegenwärtig. So wurden bereits Prothesen eingesetzt, Automaten in Manufakturen gefertigt und sprechende Automaten hergestellt. Das Automatenfieber hatte in Europa zahlreiche Erfinder und Künstler inspiriert, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. So verblüffte der Franzose Jacques de Vaucanson die Öffentlichkeit mit einem Flötenspieler, der später auch noch Tambourin spielen sollte, und einer mechanischen Ente. Der berühmte Aufklärer und Philosoph Voltaire, zusammen mit seinem Freund Friedrich II. Mitglied der Freimaurer, hatte die Leistung seines Landmanns (Bild entfernt): “Der kühne Vaucanson, Gegner von Prometheus, schien, die Natur nachahmend, das Feuer des Himmels zu nehmen, um die Körper zu beleben“

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Unter diesem Eindruck sollte die Leichtgläubigkeit von Kempelens Landsleuten milder aufgefaßt werden. So stand es 1780 in der Brünner Zeitung: „Die Maschine wirkt gänzlich durch sich selbst, so daß sie nicht den mindesten Einfluß erhält. Niemand steckt darin verborgen, aber eine Menge kleiner Rollen, worüber Saiten gespannt waren, verwirrten meinen Begriff, und es kam mir vor, als wenns eine Reihe von Vernunftschlüssen wären, deren letzteres Resultat darinn besteht, daß die Partie gewonnen ist.“ Der Naturwissenschaftler Johann Philipp Ostertag sah gleich „übernatürliche Kräfte“ im Automaten walten, während die Mathematiker Johann Jacob Hindenburg und Carl Friedrich Ebert „elektrische und magnetische Ströme“ als Ursache für Denkleistung und Bewegung des Automaten ausmachten (ebd.). Bekannt ist auch die Auseinandersetzung von (Bild entfernt) mit dem Automaten, der sich seinen Wirkungsmechanismus folgendermaßen vorstellte: „Ist das Prinzip erst einmal entdeckt, nach welchem man eine Maschine dazu bringen kann, Schach zu spielen, so bedarf´s blos einer Erweiterung solchen Principes, sie das Spiel auch gewinnen, und einer neuerlichen Erweiterung, sie jedes Spiel gewinnen zu lassen, will sagen, sie in den Stand zu setzen, jedweden Gegen-Spieler zu schlagen“.

Und da selbst skeptische Geister wie Robert Willis, der die Unmöglichkeit eines selbst spielenden Automaten mit den Möglichkeiten in der damaligen Zeit logisch herleitete (vgl.:“Die Maschine kann ohne menschliche Mitwirkung gar nicht funktionieren, denn, einerlei wie erstaunlich die Leistung der zeitgenössischen Automatenbauer sein mögen, beim Schach tritt eine neue Dimension hinzu, eine, die prinzipiell von keiner vorstellbaren Mechanik der Welt zu bewältigen ist. Die Anzahl der nicht vorhersehbaren Situationen, die beim Schachspiel entstehen können, ist dermaßen groß, daß sie bei weitem die Leistungsgrenze einer bloßen Maschine übersteigt. Dieses zu bewältigen ist allein dem menschlichen Geist vorbehalten, und eine Maschine kann unmöglich beanspruchen, dessen Fähigkeiten auf bloß mechanischem Wege nachvollziehen zu können [ebd.])“, dem Phänomen zwar keinen Glauben schenkten, aber auch nicht die ursächliche Wirkung des Automaten herausfinden konnten, blieb der Schachautomat lange Zeit ein Mysterium und konnte über Jahrzehnte seine Faszination auf die Menschen ausüben. Fast immer erwies er sich seinen Gegnern als überlegen und galt vielen als unbesiegbar, nur Philidor war stark genug, diese Prüfung zu (Bild entfernt).

Als der Schachtürke 1854 in einem Museumsbrand verendete, hatte er, was die Außenwirksamkeit angeht, seinen Zenit schon lange überschritten. Die frühe technisch-industrielle Revolution überführte die Automaten aus der Jahrmarktecke in einen Bereich, wo sie der Wirtschaft nützlich waren, was schließlich sogenannte Maschinenstürmer auf den Plan rief, die Maschinen in den Fabriken zu zerstören, da sie diese als Objekte ansahen, die ihnen nicht die Arbeit erleichtern, sondern nehmen würden. Mit den Begriffen „zu türken“ und „getürkt“ fand der Schachtürke Eingang in die deutsche Sprache. Der Begriff läßt darauf schließen, daß auch dieses Geheimnis irgendwann gelüftet werden konnte.

Die Dämonen des Akiba Rubinsteins

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Es geschah im Frühjahr 1911 in einem Eisenbahnzug irgendwo auf den Strecken von San Sebastian bis München. Zwei Schachmeister begegneten sich, Akiba Rubinstein, der vom Turnier in San Sebastian als Zweitplazierter nicht direkt nach Hause fuhr, sondern vorher in München noch etwas zu erledigen hatte, und Jacques Mieses, der zufällig zugestiegen war. Dort erzählte Rubinstein seinem Kollegen, was er in München wollte. Eine Fliege habe sich auf seinen Kopf gesetzt und belästige ihn dauernd, dies beeinträchtige ihn permanent, auch beim Schach spielen. Außerdem könne er nicht durch Schlaf zur Ruhe kommen, weil Nachts an seinen Wänden und Türen geklopft werde. In München gebe es aber einen berühmten Arzt, von dem er sich Hilfe erwarte.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, daß es für einen Menschen – neben der Blindheit – etwas schlimmeres geben kann, als daß sich der eigene Kopf – und das rund um die Uhr – gegen einen selbst wendet und dem Betroffenen keine Ruhe läßt. Der eigene Kopf war für Rubinstein fortan nicht mehr Lenker, Gestalter und Fühler seiner Person, sondern sein erbittertster Feind. Tatsächlich erwies sich diese Szene für Rubinstein als bitterböses Omen. Im Prinzip war er von diesem Moment an verloren.

Akiba Rubinstein wurde am 1. Dezember 1880 in dem Städtchen Stawiski geboren, das damals zum russisch besetzten Kongreßpolen gehörte. Der blutig niedergeschlagene Januaraufstand von 1863 verschärfte schließlich die Härte des russischen Besatzungsregimes und führte zu einer forcierten Russifizierungspolitik mit dem Verlust jedweder polnischen Autonomie. Das Schicksal wollte es, daß der in einem jüdischen Ghetto aufgewachsene Akiba zusammen mit einer Schwester als einziges Kind überlebte. Außer seiner Schwester und ihm starben die anderen zwölf Geschwister eines frühen Todes. Rubinsteins frühe Biographie weist Paralellen zu Wilhelm Steinitz auf, der ebenfalls inmitten einer kinderreichen Familie in einem jüdischen Ghetto aufgewachsen war und sich ebenfalls als einer der wenigen ins Erwachsenenalter retten konnte, und wie bei Wilhelm Steinitz sollte das Schachspiel das Mittel sein, sich gegen sein bitteres Los zu erheben. Wie ein Besessener widmete sich Rubinstein in seiner Kindheit und Jugend dem Schachspiel, während um ihn herum gestorben wurde. Sein Spiel war von einer einzigartigen strategischen Klarheit, und sein Positionsspiel führte er mit eiserner Entschlossenheit, er fand die Kombinationen, die aus seinem Spiel resultierten. 1905 siegte er zum ersten Mal bei einem internationalen Schachturnier. Er gewann das Turnier in Barmen zusammen mit Oldrich Duras, 1907 folgte der gemeinsame Turniersieg in Ostende mit Bernstein, wobei er das Jahr 1907 mit seinem alleinigen Sieg in Karlsbad krönen konnte. Akiba Rubinstein schien nicht mehr aufzuhalten zu sein, denn es folgten Turniersieg um Turniersieg und Sieg um Sieg auch in Zweikämpfen. Vor dem Ersten Weltkrieg, der übrigens einen verabredeten Weltmeisterschaftskampf gegen Lasker verhinderte, galt er als Anwärter Nummer eins auf die Schachkrone.

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Doch die Dämonen, die in dem Eisenbahnzug 1911 zum ersten Mal sichtbar wurden, konnte Rubinstein nicht mehr abschütteln. Im Gegenteil, der große polnische Meister wurde Zug um Zug von innen heraus zerstört, ohne daß er etwas dagegen tun konnte. Dieser Zerstörung so ausgeliefert zu sein, erinnert stark an den Zerfall von Demenzkranken, war allerdings von größerem physischen Leidensdruck, weil Demenzkranke unter ihrer innerlichen Zersetzung „nur“ psychisch leiden, während er rund um die Uhr seinen eigenen Dämomen einen nervenzerfetzen Kampf liefern mußte, der von vornherein für ihn verloren war. Unter diesen Umständen kann es nicht verwundern, daß der Weltmeisterthron für Rubinstein nun unerreichbar war, der zwar seine Schachkarriere bis 1931 fortführte, aber mit stetig sinkenden Leistungen. Viele Anekdoten sind zu seinem Verhalten nach 1911 überliefert worden: Rubinstein, der entweder an Schizophrenie und/oder an einer Zwangsstörung litt (wobei ein mittelgradiges Störungsbild bei letzterem schon ausreichen kann, eine (Bild entfernt):

The rest of the story is sadder. He had settled in Belgium and, after 1932, talked to no-one but his immediate family. When his wife died, conversation grew even more sparse. He stopped bathing and let his hair and beard grow without shaving or clipping. The Nazis came in 1940 and asked this wild-haired Jew if he was willing to work for the Third Reich. He said yes, and this frightened them. Even an SS ape was still able to feel awe and fear in the presence of a man divinely or hellishly mad. For 30 years he lived in a silent and unwashed purgatory until his death in 1961.

Es ist leider oft so, daß diejenigen, die leben wollen, sterben, und diejenigen, die sterben wollen, der Tod, um sich eine weitere Bosheit zu gönnen, so lange vergißt. Als in „Das Parfüm“ von Patrick Süskind der Reihe nach alle Menschen starben, die mit dem Serienmörder Jean Baptiste Grenouille zu tun hatten, war dies bei Madama Gaillard, die ihn als Betreiberin eines Waisenhauses im vorrevolutionären Frankreich mehr schlecht als recht aufgezogen hatte, nicht der Fall. Durch einen Schlag mit dem Schürhaken auf die Nasenwurzel als Kind ihres Geruchssinnes beraubt und fortan bar jeder emotionalen Regung, wurde sie 93 Jahre alt, ohne jemals das Leben auch nur ansatzweise genossen haben zu können. Als Akiba Rubinstein am 15. März 1961 in Antwerpen mit 80 Jahren starb, dürfte der Tod auch für ihn eine Erlösung gewesen sein. Seinen Dämonen im Kopf hatte er ohnehin nichts mehr entgegenzusetzen.

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Der Naphta des deutschen Schachs

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Emil Joseph Diemer gehört zu den, um es in den (Bild entfernt) von André Schulz zu formulieren, schillerndsten, aber auch umstrittensten Gestalten im Deutschen Schach. Von seinem Naturell an den berüchtigten und grobschlächtigen österreichischen antisemitischen Schachspieler Franz Gutmayer erinnernd, erlernte er das Schach mit 9 Jahren von einem Schulfreund im erzbischöflichen Gymnasialkonvikt in Rastatt.

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Von der streng christlichen Erziehung geprägt, sollte es, später als eine Art „Chefideologe“ im Deutschen Schach in der Nazizeit, seine charakteristische Handschrift sein, nationalsozialistische und transzendente Ideen miteinander zu vermengen. Dies war zu Zeiten des Nationalsozialismus nicht unbekannt. Etliche Nazigrößen, so z. B. Heinrich Himmler, den es auf der Suche nach dem (Bild entfernt) der germanischen Wurzeln bis nach Tibet verschlug, waren esoterisch veranlagt und hatten zur eigenen „Rasse“ und Nation ein schwärmerisches Weltbild. Diemer trat 1931 der NSDAP bei, was zu seinem Bruch mit seinem katholisch-konservativen Vater führte; Diemer war kein Opportunist, sondern Überzeugungstäter.

Als Schachspieler konnte Emil-Joseph Diemer zwar nicht die ganz großen Erfolge erzielen, umso deutlicher waren seine ideologischen Versuche, die sich mit den (Bild entfernt) der neuen Machthaber deckten, das Schach als Erzieher des deutschen Volkes und Widerspiegelung seiner Überlegenheit neu auszurichten und einen germanischen Schachstil zu kreieren, der sich wohltuend von einem vermeintlichen von ihm abgelehnten jüdischen Schachstil abhebe. In dem Artikel Schach und deutsches Volkstum in der Deutschen Schachzeitung 3/1934 schrieb ein gewisser O. Emto, der paradigmatisch für diese nationalsozialistischen Bestrebungen steht:

Jetzt sind wir schon soweit, das Schach zum Charakter des deutschen Menschen in Beziehung zu setzen. Wir müssen feststellen, daß das Schach für die Deutschen wie geschaffen erscheint. Das deutsche Wesen in seiner Gründlichkeit, in seiner Besinnlichkeit, seiner ernsten Anlage zur Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, ebenso wie zur Ritterlichkeit entspricht durchaus dem Wesen des Schachs. […] Wir sehen aus diesen kurzen Umrissen, wie es vermittels des Schachs möglich ist, den deutschen Menschen denkfähig zu machen. Was bedeutet das gerade für den deutschen Charakter? Wir erreichen, daß jeder Deutsche, der das Schachspiel kennt und betreibt, auch fähig ist, andere Gedanken zu erfassen und durchzudenken durch das geistige Training, das ihm das Schach gegeben hat. […] Seine Stellung zu Staat, Volkstum und Gemeinschaft ist eine grundlegend andere, als die eines Menschen, der kein geistiges Training durch das Schach hat. Jetzt erkennen wir schon, welche Bedeutung das Schach gerade für das deutsche Volkstum hat.

Emil Joseph Diemer hatte in seinen Bestrebungen, den idealen germanischen Schachstil zu entwickeln, mit dem Blackmar-Diemer-Gambit eine Eröffnung mitgeschaffen und verfeinert, die sozusagen eine „(Bild entfernt) entwickelt, in dem mit modernen Waffengattungen wie Panzern und Flugzeugen gekämpft wurde.

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Als Überzeugungstäter schwörte Diemer im Gegensatz zu den meisten Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ seiner Überzeugung nicht ab, sondern griff stattdessen den DSB-Präsidenten Alfred Brinckmann, aufgrund seiner Verwicklungen im NS-Schach ebenfalls (Bild entfernt), an, dem er Homosexualität und Veruntreuung zur Last legte. Diese Angriffe gegen Brinckmann, aber auch gegen andere Schachfunktionäre im DSB hatten 1953 ein in die Schachgeschichte als Diemer-Affäre eingegangene Erdbeben ausgelöst, der zum Rücktritt des gesamten DSB-Präsidiums, aber auch zu Diemers eigenen Ausschluß aus den Reihen des DSB geführt hatte. Später nahm die Esoterik einen immer breiteren Raum in Diemers Weltbild ein, die André Schulz wie folgt aufbröselte:

Diemer lebte als Asket, interessierte sich für Esoterik im Allgemeinen und die Numerologie im Besonderen, außerdem für Reinkarnationslehren, den Einfluss von Biorhythmen und die Vorhersagen des Nostradamus. Später war er Anhänger der „Energlut-Gehirn-Direktnahrung“.

1964 wurde Diemer in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, später lebte er in einem Alters- und Kreispflegeheim. Die psychiatrische Diagnose lautete übrigens (Bild entfernt) bei alter paranoid-halluzinatorischer Psychose. Zudem hielt er sich seit einer Art Turmerlebnis für die Inkarnation des Erzengels Gabriel.

Von solchen Personen, die nach den modernen Umwälzungen im Zuge der Säkularisierung nach wie vor periodenhaft auftreten, geht eine düstere geistige Kraft aus, da sie uns, ohne daß wir sie dafür mögen müssen, die gegebene Krisenhaftigkeit unserer fragilen Welt mit dem Verweis auf kommendes Unglück zeigen. So war es auch bei (Bild entfernt) ein vielseitig interessierter Schachfreund zu Diemer aufgemacht, um mehr über ihn zu erfahren. Seine Schlußfolgerungen sind verblüffend und wurden in der Europa Rochade abgedruckt:
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Als sich Lasker gegen Tarrasch durchsetzte

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Als in Wimbledon 1991 Steffi Graf das Damenturnier gewann, während sich bei den Herren mit Michael Stich und Boris Becker zwei Deutsche im Finale gegenüberstanden, sprach die Tenniswelt von einem deutschen Turnier. Es war das aus deutscher Sicht erfolgreichste Grandslamturnier aller Zeiten. Auch in der Schachgeschichte gab es ein solches „deutsches Turnier“. Nie zuvor und nie mehr danach in der Schachgeschichte standen sich in einem WM-Match zwei Deutsche gegenüber. Und wie 1991 im Wimbledonherrenfinale war auch im Schach dieses Turnier ein Spiel der Gegensätze.1 Die deutsche Schach-WM fand 1908 in Düsseldorf und München statt, gegenüber saßen sich die Intimfeinde Siegbert Tarrasch und Emanuel Lasker. Der deutschsprachige Raum war damals im Schach führend, allein der WM-Titel war, zunächst inoffiziell, dann offiziell, von 1868-1921 ganze 53 Jahre in deutschsprachiger Hand. Aus dieser Zeit rührt die Internationalisierung solcher deutschsprachiger Schachbegriffe wie Zugzwang und Zeitnot, die bspw. im englischsprachigen Raum populär sind.

Daß sich beide Herren nicht mochten, ist bekannt. Siegbert Tarrasch, der durch seine Siege in Breslau 1889, Manchester 1890, Dresden 1892, Leipzig 1894, Wien 1898 und Monte Carlo 1903 den inoffiziellen Titel des Turnier-Weltmeisters einfuhr, brüskierte Lasker schon früh, als er 1892 eine Herausforderung des 23jährigen Laskers zu einem Duell in einer Weise, die als hoffärtig bezeichnet werden kann, ablehnte: „Der junge Mann soll erst durch größere Siege in internationalen Turnieren den Nachweis erbringen, daß er das Recht hat, mit einem Mann wie mir zu spielen“. 2 Interessanterweise sollte Tarrasch den Dünkel gegenüber Lasker auch nach Laskers Titelgewinn gegen Steinitz 1894 beibehalten und es viel zu lange Zeit unter seiner Würde ansehen, den Weltmeister herauszufordern. Noch 1905 äußerte er nach seinem 8:1 (bei 8 Remisen) gegen Frank Marshall Richtung Lasker: „Nach dieser meiner neuesten und größten Leistung habe ich keine Veranlassung, irgend jemand in der Schachwelt als über mir stehend anzuerkennen. Es war gewiß schwerer, den jungen Marshall zu schlagen als den alten Steinitz.“ 3

So wenig Tarrasch von Lasker hielt, so wenig hielt auch Lasker von Tarrasch, und die Anzahl an Artikeln, mit denen sie sich gegenseitig herabsetzten, ist legendär. Gründe für die gegenseitige Antipathie waren unterschiedliche Einstellungen beider Herren, die auf ihre Behandlung des Schachspiels abfärbten. Während Siegbert Tarrasch, nach Harold C. Schonberg „ein Deutscher von echtem Schrot und Korn, wie es so viele deutsche Juden waren […]“4, Nationalkonservativer war, der im Schach vorrangig für die Ehre Deutschlands stritt 5, war Emanuel Lasker liberal und Kosmopolit und wußte auch seine Schacherfolge entsprechend in Geld umzumünzen. Jacques Hannak:

„War Tarrasch Repräsentant des geistigen Bildnisses seiner Zeit: Wahrer, Hüter und Lobpreiser der Werte, so war Lasker der Repräsentant der Kehrseite des Bildes: Skeptiker, Ironiker, Bezweifler der Werte. Tarrasch sah das Statische des Bildnisses, die unbewegte Form, Lasker sah das Dynamische, das Vergängliche, den ewigen Fluß der Dinge. Aus derselben Welt derselben Werte, derselben Lebensbedingungen, derselben sozialen und kulturellen Beschaffenheit kamen sonach zwei ganz wesensverschiedene Naturen. Und das ist nichts Neues, nichts Auffallendes. Immer hat es nebeneinander den Konservativen und den Fortschrittlichen gegeben, den den einen, der die errungenen Güter zu verteidigen und zu befestigen strebte, den anderen, der sie umformen, besser machen wollte. Beides zusammen, das Beharrliche und das Vorwärtstreibende, geben erst in ihrer höheren Einheitden eigentlichen Charakter der Welt. Das Schachspiel der zwanziger Jahre vor dem Weltkrieg wäre undenkbar ohne Tarrasch, den Konservativen, und ohne Lasker, den Revolutionär.“ 6

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Diese unterschiedlichen Weltbilder haben nicht überraschend, getreu des Bonmots, daß der Schachstil der Spiegel der Seele ist, zu unterschiedlicher Behandlung des Schachspiels geführt. Tarrasch, der von seinen Kollegen den Beinamen des praeceptor germaniae erhielt, hatte die Errungenschaften Wilhelm Steinitzens aufgegriffen, verfeinert, dynamisiert und in ein festes Regelwerk gegossen, und zwar in einer Weise, daß Tarrasch der Schachwelt bis heute als einer der größten Dogmatiker gilt. Suchte Siegbert Tarrasch nach dem Allgemeinen, so suchte sein Kontrahent nach dem Besonderen, und im Gegensatz zu Tarrasch bezog Lasker die Persönlichkeit des Gegners in seine Überlegungen mit ein (was ihn in dieser Hinsicht zu einem Vorreiter machte). Deswegen und auch aufgrund der dadurch bedingten mangelnden Originalität Tarraschs, der zwar gründlich war, aber nicht genial, sah auch Milan Vidmar in Lasker den Stärkeren der beiden:

„Da war vor allem der alte E. Lasker, der Mann, der unglaubliche Turniererfolge durch lange Jahrzehnte gesammelt hat, der unglaubliche Spieler, bei dem man nie wußte, woran man eigentlich ist. Man konnte z. B. von seinem großen Rivalen, S. Tarrasch, sehr viel lernen, weil er ein ganzes System der Mittelspielführung aufgebaut hat. Von Lasker konnte man nie etwas lernen. Der Grund ist sehr einfach: man kann Einfälle nicht lernen und erlernen, und Laskers Spiel war so voll von Einfällen, so voll von waghalsigen Unternehmungen, denen man es ansah, daß sie mit der eigenen überlegenen Kraft rechnen, daß noch bis heute kaum irgend jemand seine großen Partien übertroffen hat.“7

So war es wenig überraschend, daß Emanuel Lasker mit Tarrasch leichtes Spiel hatte und diesen mit einem 8:3 unsanft auf den Boden der Realität beförderte. Übrigens hatten beide danach noch einen weiteren Zweikampf ausgetragen, bei dem es allerdings nicht um die Weltmeisterschaft ging. 1916, inmitten der schachlichen Dürrezeit des Krieges, ging Tarrasch mit einem 0:5 bei einem Remis in Berlin unter die Räder und mußte Lasker endgültig den Vortritt lassen. Immerhin hatte er seit St. Petersburg 1914 seinen Frieden 8 mit Lasker geschlossen und seinen Stil in seiner Stärke anerkannt. Was Laskers Stil angeht, so zeigt sich dieser vor allem in der 4. Matchpartie 9 von Düsseldorf 1908, als Lasker Tarrasch mit einem wagemutigen Turmmanöver früh aus dem Gleichgewicht brachte und aus dem dadurch erzeugten, für den korrekten Tarrasch unangenehmem Chaos, siegreich hervorging. Diese Schach-WM bot zudem den skurrilen Auftritt Tarraschs gegenüber Lasker („Ihnen, Herr Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen: Schach und Matt!“) und die ebenso skurrile Ausrede des auch generell nie um Ausreden verlegenen Tarraschs, ihm sei das „Meeresklima“ Düsseldorfs (sic!) nicht bekommen.
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1 zu den Gegensätzen zwischen Becker und Stich, siehe: (Bild entfernt)
2 Treppner/Pfleger, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 79
3 Edmund Bruns, Schach als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 63
4 Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 119
5 Vgl. Bruns, S. 63
6 zit. nach Bruns, S. 51f.
7 Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, 1960, Gruyter&Co, S. 1-3
8 (Bild entfernt)
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Warum das Weltschach nach Greco so jäh zurückfiel

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Als die (Bild entfernt) um das Triumvirat Paolo Boi, Leonardo da Cutri und Giulio Cesare Polerio begann, der bei dem Sieg von Cutri vor Boi in Madrid 1575 am Hofe König Philipps II. seine beiden Landsleute sekundierte, die in Madrid die Spanier Ruy Lopez und Alfons Seran hinter sich ließen, sollte es nach den modernen Regeländerungen des Schachs kurz vor dem 16. Jahrhundert nur ein kurzes, aber heftiges Aufblühen gewesen sein. Der geniale Kalabrese Gioachino Greco hatte viel von dem Wissen seiner Landsleute aufgegriffen, sein Eröffnungswissen immer mehr verfeinert und im herrlichen Kombinationsstil seine Partien gewonnen. Er war seiner Zeit so weit voraus, daß auch heute noch viele seiner Varianten, die er in der Italienischen Partie prägte, schachliches Gemeingut sind und von Lernenden, die i. d. R. zuerst mit der Italienischen Partie in Berührung kommen, auch heute noch vielfach rezipiert werden. Um 1634 verscholl der erst 34jährige Greco irgendwo in Indien, während Europa in den Zeiten von Jahrtausendpest und Dreißigjährigen Krieg entvölkert und für Jahrhunderte zurückgeworfen wurde.

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Das Aufblühen des Schachs nach den Regeländerungen in der Renaissance sollte also mit dem Aufblühen von Welt und Gesellschaft in jener Epoche, die aus dem finsteren Mittelalter hinausführte, zusammenfallen. Danach war erst einmal langer Katzenjammer angesagt.

Daß es nach dem Tod von Gioachino Greco auch im Schach zu einer langen Dürreperiode kam, läßt sich an mehreren Parametern ablesen. Zum einen dauerte es nach Madrid 1575 276 Jahre, bis in London 1851 wieder ein internationales Schachturnier stattfinden sollte, das übrigens Adolf Anderssen für sich entschied, der damals den tobenden Howard Staunton im Halbfinale mit 4:1 aus dem Turnier warf und in Deutschland die sprichwörtliche Anderssen-Begeisterung auslöste. Des weiteren waren die führenden Spieler der Welt in der Renaissance Berufsspieler, die es durch ihre Einsätze, Gagen und auch durch Prämien und Gehaltszahlungen an den Königshöfen zu Reichtum brachten. Das muß man sich ungefähr so vorstellen, daß diese Spieler, wenn sie nicht am Hofe spielten, viel auf Reisen waren und vor zahlendem Publikum ihre Schachkunst vorführten oder eben gegen Spielwillige um Einsätze spielten. Ein bekannter Trick war damals, anfangs die eigene Spielstärke zu drosseln, damit die frühen Meister Gegner erhielten, die es sich zutrauten, gegen sie anzutreten und den Einsatz zu gewinnen. Erst wenn sie sich gegen die Meister um Geld ans Brett setzten, schlug ihnen die Stunde. Zudem gaben diese frühen Meister schon (Bild entfernt) austrugen, hatten sie noch vertraglich vereinbart, daß sich ein Spieler nicht nur während der Partien, sondern auch vor den Partien keinem fremden Ratschlag bedienen durfte. Zudem sollte es bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dauern, bis mit Philidor, der von der Verbürgerlichung des Schachlebens durch die neuartige Kaffeehauskultur profitierte, erneut ein Schachmeister auftrat, dessen Dominanz und durch ihn ausgelöste Weiterentwicklung des Schachspiels mit dem Wirken Gioachino Grecos vergleichbar war.

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In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß der Schachhistoriker Antonius von der Linde sich ausgerechnet jenem Philidor gegenüber so verächtlich zeigte, so daß er in seinem Werk (Bild entfernt) von 1873 auf Seite 124 zu seinem vielbeachteten Verdikt kam:

Philidor´s sogenanntes „System“ aber, ohne Philidor´s individuelles Talent, hat das langweilige, geistlose, schleppende Zopfschach, das die Philidor-Periode kennzeichnet, in hohem Masse mitverursacht. Sein „System“ war eine Reaction: die Bevorzugung des monotonen Läuferspiels, die Wiederaufnahme der Lopez-Vertheidigung im Königsspringerspiel (1. e4, e5; 2. Sf3) als einen Fehler […], dies alles bildet nicht nur keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt über Lopez hinaus, den das erneuerte Studium der italienischen Schule […] wieder corrigiert hat.

Dies kann allerdings auch daran liegen, daß nach den Worten von Bent Larsen Philidor seiner Zeit um „gut hundert Jahre“ (Ehn/Kaster, Schicksalsmomente der Schachgeschichte, Humboldt-Verlag 2014, S. 39) voraus war, und als Philidor 1795 in London starb (er war vor der Schreckensherrschaft Robespierres nach der Französischen Revolution geflüchtet; die Rehabilitierung nach dessen Hinrichtung sollte er schon nicht mehr zu lesen bekommen), war eben dieses Jahrhundert noch nicht vorbei, das bis zum Verständnis für Philidors neue Ideen währen sollte.

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Die große Gereiztheit – der Konflikt Lasker vs. Lederer rund um New York 1927

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In den glücklichsten Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen, in den Goldenen Zwanzigern von 1924 bis 1927, hatte es in New York zwei Schachturniere gegeben, die jeweils für sich für die Schachgeschichte von Bedeutung waren. 1924 hatte Emanuel Lasker als 56jähriger sensationell das Turnier gewonnen und damit gezeigt, daß mit ihm auch nach seinem Titelverlust gegen Capablanca 1921 in Havanna noch zu rechnen war. Doch da Lasker seinen persönlichen Herbst nicht ewig würde hinauszögern können, wiesen die Nachfolgenden in der (Bild entfernt) als WM-Kandidatenturnier apostrophiert wird, die Bedeutung zu, daß Capablanca seinen exilrussischen Rivalen für den anstehenden WM-Kampf unterschätzte, während hingegen Aljechin Schwächen in Capablancas Spiel aufgefallen waren, so daß er sich umso energischer in die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft stürzen konnte.

Weitaus weniger bekannt ist dabei die Rolle, die der Streit zwischen Emanuel Lasker und Turnierleiter Norbert Lederer in diesem Turnier spielte, denn Lasker selbst blieb wegen dieses Streits dem Turnier fern und versagte damit seiner Anhängerschaft die Antwort auf die Frage, ob er es, nun 59jährig, immer noch mit Capablanca und Aljechin würde aufnehmen können wie drei Jahre vorher an derselben Stätte. Es mutet überraschend an, daß Lasker ausgerechnet wegen einer Turnierpartie in diesem New Yorker Turnier von 1924, das er doch so überzeugend gewann, auf Lederer verärgert war. Aus einem Briefwechsel zwischen Lederer und Lasker entzündete sich daraufhin ein Streit, der schnell öffentlich ausgetragen wurde, dabei immer größere Wellen zog und immer mehr Beteiligte fand, die sich in diesem Konflikt beteiligten oder, wie der rührige Berliner Turnierorganisator Bernard Kagan, in eben diesen Konflikt hineingezogen wurden. Stein des Anstoßes war dabei, getreu der Redewendung: „kleine Ursache, große Wirkung“, eine Schachuhr, die nach dem Drücken Laskers simultan lief, so daß Lasker schließlich, da er dies nicht bemerkte, am Ende acht Minuten verlorengingen, und er so im Spiel ausgerechnet gegen Capablanca viel später in der Zeitnotphase noch verlor. Capablanca selbst reagierte ob des Konfliktes erbost, sei es, weil er sich selbst, da er Lasker nicht auf die simultan laufende Uhr aufmerksam gemacht hatte, im schlechten Licht dargestellt sah, sei es, weil er wieder einmal eine Ausrede Laskers witterte (1921 bei der WM in Havanna sei es die Hitze gewesen, die Lasker als „Ausrede“ für seine Niederlage gegen Capablanca benutzte). Wenngleich vielen Schachfreunden dieser Konflikt heute nicht mehr bewußt ist, ist doch, auch wenn sie die Quelle dieser Anschuldigungen nicht mehr benennen können, aus dem Konflikt zumindest hängengeblieben, daß Lasker in Turnieren vorzugsweise seine billigen Zigarren rauche, um den Gegner olfaktorisch aus dem Gefecht zu setzen. Der Urheber dieser Anschuldigung ist tatsächlich Lederer, der in einem seiner Gegenangriffe Lasker genau dies vorwarf, Schonberg in Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 132f.:

„Er [Lederer] warf Lasker vor, beim Spielen geradezu betrügerische Tricks anzuwenden. Zum Beispiel zünde er sich absichtlich billige, lange, schwarze Zigarren an und blase seinem Gegner den Rauch ins Gesicht. Warum, fragte Lederer rhetorisch, raucht Lasker, wenn er nicht spielt, nur die besten Havanna-Zigarren. Um seine Behauptung zu untermauern, zitierte er aus einem Zeitungsbericht: „Sobald der Exweltmeister sich eine seiner Fünf-Cent-Zigarren anzündete, boten ihm andere Personen im Turniersaal eilfertig teure Zigarren an. Diese steckte sich Lasker ein und fuhr fort, seine schwarzen Glimmstengel zu qualmen.“ Kommentierte der empörte Dr. Lederer: „Er setzt seine Gegner regelrechten Gas-Angriffen aus.“

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Dieser heute längst vergessene Fall, der in seiner Dauer und Intensität durchaus groteske Züge aufwies, ist vor allem deswegen so interessant, weil es sich um einen Kampf, von Schachspielern gegen Schachspieler, handelte, der nicht auf dem Schachbrett selbst ausgetragen wurde. Wie wir alle wissen, gehören solche Nebenkriegsschauplätze fest zur Schachgeschichte und haben diese beeinflußt. So ist die Liste alles andere als vollständig, wenn ich dabei auf die Animositäten und gegenseitige Boykotte von Tarrasch und Lasker, von Capablanca und Aljechin, auf die Schach-WM 1984 in Moskau, auf die Vorfälle zwischen Karpov und Kortschnoi, oder auf das Verhalten von Robert Fischer verweise, dem kein Anlaß zu gering war, um diesen nicht zu einem Kampf um Leben und Tod hochzustilisieren. Vielleicht muß man ein Prophet wie Thomas Mann in dessenZauberberg sein, um aus diesem Vorfall von 1927 eine gewisse Symbolik herauszudestillieren, eine Symbolik rund um eine „große Gereiztheit“, die sich nur alsbald in etwas viel Schlimmeres entladen wird.

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Curacao 1962 – der zweite Anlauf des Robert Fischers

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Auch wenn Robert Fischer seine legendären Erfolge erst im reiferen Alter erzielte, so galt er schon als Teenager, genauer als 13jähriger durch seine (Bild entfernt) sorgen konnte. Nach seinem überraschenden Unterliegen im WM-Rematch ein Jahr später stand nun wieder Botwinnik an der Spitze, und nun waren die Augen auf den US-Amerikaner gerichtet, daß er die Arbeit von Tal fortsetzt und ebenfalls mit dem unbeliebten Botwinnik fertig wird. Es ist kein Zufall, daß Michail Tal vielleicht der einzige sowjetische Spitzenspieler gewesen ist, dem ein Fischer vertraute und sogar freundschaftliche Gefühle entwickelte.

Im Zeichen von Kaltem Krieg und Kubakrise ist der Turnierort zumindest interessant, denn Curacao, damals den Niederländischen Antillen zugehörig, lag als eine der zahlreichen Kleininseln des ostkaribischen Archipels nicht weit vom Krisenherd entfernt, an dem immerhin ein Weltuntergang durch atomaren Overkill drohte. Fischer begann mit einem schwachen Start, weil er sofort Pal Benkö und Efim Geller unterlag. Am Ende sollte er sich mit 14/28 nur unwesentlich im Vergleich zu Jugoslawien vor drei Jahren verbessert haben und damit weit weniger, wie es die Relation der gewachsenen Spielstärke in diesem Alter vermuten läßt, das für Explosionen im Spielstärkebereich prädestiniert scheint. Bekannt ist das Turnier natürlich durch die heftigen Vorwürfe Fischers an die Adresse Gellers, Petrosjans und Keres, sich schon vor dem Turnier auf Remisen geeinigt zu haben, um untereinander die Kräfte zu schonen und somit gestärkt die Konkurrenz attackieren zu können. Das Nachrichtenmagazin Spiegel hatte die deutsche Öffentlichkeit mit den (Bild entfernt) bekannt gemacht.

In der Tat hatten sich im Turnierverlauf besagte drei Spieler auffällig früh auf ein (Bild entfernt). Keres und Geller schlossen nach 22 bzw. 27 Zügen Frieden, Petrosjan und Keres nach 17 bzw. 22 Zügen und Petrosjan und Geller nach 16 bzw. 21 Zügen. Die FIDE sah sich zu drastischen Regeländerungen gezwungen, um ähnliche Absprachen in Zukunft zu vermeiden. Auf dem FIDE-Kongreß in Saltsjobaden, kurz nach dem Turnier, wurde eine Art Lex Sowjetunion beschlossen, in der das Rundenformat des Kandidatenturniers abgeschafft und durch ein Zweikampfsystem ersetzt wurde. Zudem wurde ein Limit von drei Spielern pro Land festgesetzt, die sich maximal für das Kandidatenturnier qualifizieren konnten, und Remisvereinbarungen bedurften vor dem 30. Zuge nun die Zustimmung des Schiedsrichters.

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Nachdem der Sieger von Jugoslawien, Michail Tal, krankheitsbedingt ein eher schwaches Turnier spielte und zeitweise ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte, gewann diesmal mit Tigran Petrosjan erneut ein Spieler das Kandidatenturnier, der den amtierenden Weltmeister Botwinnik stürzen konnte. Auch weil die FIDE in Saltsjobaden das WM-Revancherecht ersatzlos gestrichen hatte, konnte sich Tigran Petrosjan sechs Jahre auf dem Thron halten. Für den geschlagenen Robert Fischer indes wuchs der Haß auf die Sowjetunion an, und Curacao 1962 hatte für ihn eine ähnliche Bedeutung wie 1984 für den jungen Garri Kasparov, über den Wladimir Popow und Juri Felschtinski zu diesem Anlaß, dem Abbruch der Schach-WM 1984 nach 48 Partien durch Campomanes, schrieben:

Die Schachwelt war schockiert. Die Entscheidung des FIDE-Präsidenten lief allen bestehenden Normen und Regeln zuwider. Aber welche Regeln konnte es geben, wenn der KGB und das Zentralkomitee ebenfalls um den Weltmeistertitel kämpften?
An diesem Tag wurde Kasparov geboren, der Kasparov, den wir heute kennen: ein kompromißloser Kämpfer für die Gerechtigkeit in seinem Lande.

(Gulko, Kortschnoi, Popow, Felschtinski, Der KGB setzt Matt – wie der sowjetische Geheimdienst KGB die Schachwelt manipulierte, Exzelsior Verlag, Berlin 2009, S. 193f.)

Im Gegensatz zu Garri Kasparov bekam die Gerechtigkeit für Robert Fischer mit der Zeit eine ganz eigene Bedeutung, aber das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann…

Mehr Informationen und Hintergründe zu Curacao 1962: (Bild entfernt)

Als die Römer Latrunculi spielten

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Der Gedanke, auf einem Spielbrett eine Schlacht zu simulieren, ist strenggenommen nicht allzu originell, und so verwundert es nicht, daß auch die Antike ein solches dem aus Indien ähnelnden Tschaturanga kannte. Die Griechen nannten dieses Spiel Petteia oder Polis, und die Römer erweiterten das Spiel, das sie in Latrunculi, d. h. Soldaten, umtauften, um die Führungsfigur der eigenen Armee, den Aquila, d. h. den Adler, womit der Standartenträger gemeint ist, der im Imperium Romanum die eigene Legion in die Schlacht führt. Auf seiner Standarte prangte das Römische Nationalsymbol, der Adler. Die Bedeutung des Adlers als Standartenträger wird auch an der Schlachtordnung im Spiel deutlich. Die Soldaten nehmen jeweils auf der ersten Reihe Platz, der Standartenträger wird auf der 2. Reihe mittig plaziert.

Das Spielfeld konnte wie das Schachbrett 8×8 Felder besitzen, geringe Abweichungen waren aber en vogue, und auch konnte auf rechteckförmigen Spielbrettern wie 8×7 oder 8×12 gespielt werden. Beide Spieler besaßen auf der ersten Reihe ihre Soldaten, die am ehesten mit den Bauern aus dem Schach bzw. den Fußsoldaten aus dem Tschaturanga verglichen werden können. Das Spiel ist weniger komplex als das dem viergliedrigen indischen Heer nachempfundenen Tschaturanga, denn mit dem Aquila gibt es jeweils nur eine einzige ranghöhere Figur.

Die Soldaten ziehen dabei wie die Türme im heutigen Schach, d. h. sie können beliebig viele Felder vertikal oder horizontal auf ein freies Feld gezogen werden. Die Schlagregeln unterscheiden sich aber deutlich vom Tschaturanga bzw. Schach, denn eine gegnerische Figur wird nicht vom Feld genommen, wenn man auf dasselbe Feld zieht, sondern indem man eine gegnerische Figur mit zwei Steinen um die gegnerische Figur umzingelt. Diese Umzingelungsregel kommt übrigens auch im altgriechischen Seega vor, was ein Indiz sein könnte, daß die Griechen und Römer dieses im Sand gern gespielte altgriechische Militärspiel gekannt hatten. Umzingelt man eine Kette an gegnerischen Figuren, darf man die eingekesselten Figuren allesamt vom Spiel entfernen.

Wie im Tschaturanga bzw. dem Schach kommt beim Latrunculi mit dem Adler, der übrigens so zieht wie ein einfacher Soldat, einer Figur die Rolle zu, daß mit seiner Gefangennahme (auch der Adler darf nicht geschlagen werden) das Spiel endet. Damit der Adler gefangengenommen werden kann, muß dieser allerdings von allen vier Seiten umzingelt sein. Bei einer Pattsituation gewinnt die Partei mit den meisten noch verbliebenen Steinen, wird 30 Züge lang keine Figur geschlagen, gewinnt dieser Spieler ebenfalls. Wie den unterschiedlichen Spielbrettern zu entnehmen ist, dürften die Spielregeln, übrigens genauso wie in den ersten Jahrhunderten nach den Reformen im Schachspiel kurz vor der Wende zum 16. Jahrhundert, regional variieren, und sicherlich waren auch regelbetreffende Übereinkünfte der Spieler keine Seltenheit.

Das natürlich im Vergleich zu Tschaturanga oder Schach wesentlich weniger komplexe Militärspiel war im Imperium Romanum (Bild entfernt) über die Schreckensherrschaft Caligulas mit Bezug auf das Spiel überliefert:

During the reign of Caligula, the mad emperor sentenced a noble Roman named Camus to death over a disagreement. When the centurion charged with the execution came to arrest Camus, he found him relaxing over a game of Latrunculi with friends. Camus took pause to count up the score and said, „See that after my death you don’t claim victory.“ He then asked the centurion to verify that he was indeed ahead ahead by one point. Camus went calmly to his execution remarking that although others wondered endlessly if the soul was immortal, he would shortly find out.

Man wird die Römer nur verstehen, wenn man ihre Spiele kennt.

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Wie der Macheeide in die Schachwelt kam

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Der längste Weltmeister der Schachgeschichte, Dr. Emanuel Lasker, der den Schachthron von 1894-1921 behaupten konnte, hatte nach der wissenschaftlichen Revolution in der Moderne, für die vor allem Wilhelm Steinitz und Siegbert Tarrasch stehen, für eine zweite Revolution gesorgt und damit eine zweite, um es mit den Worten von Karl Marx zu sagen, Lokomotive der (Schach)-Geschichte in Bewegung gesetzt. Nachdem Wilhelm Steinitz und Siegbert Tarrasch dem Schachspieler ein Rezept in die Hand gegeben haben, quasi jede Stellung nach wissenschaftlichen Grundsätzen, die vor allem Siegbert Tarrasch allgemeinverständlich in Form von Leitsätzen popularisiert hatte, aufzulösen, galt es als modern und erfolgreich, durch ein möglichst „korrektes“ Spiel maximalen Erfolg zu erzielen. Auch Emanuel Lasker hatte die Gedanken von Wilhelm Steinitz in sich aufgesogen. Daß er sich später nicht nur dem „alternden Steinitz“ (Tarrasch), sondern auch dem in den besten Jahren stehenden „praeceptor germaniae“ als überlegen erweisen sollte, liegt daran, daß er wie Steinitz seinen Zeitgenossen nun seinen eigenen Zeitgenossen einen Schritt voraus war.

Das Neue bei Lasker war nun, daß er es im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen verstand, den Gegner in seine Überlegungen einzubeziehen. Das, was Dr. Edmund Bruns einmal so bezeichnet hat, daß Lasker aus dem Monolog eines Steinitzens oder Tarraschs, für die der Gegner als Spielerpersönlichkeit mit seinen typischen Vorlieben und Abneigungen, Stärken und Schwächen, schlichtweg nicht existierte, einen Dialog herstellte, führte dazu, daß Lasker nicht nach dem jeweils besten Zug strebte, den es laut Tarrasch in jeder Stellung gebe, sondern nach dem für den jeweiligen Gegner unangenehmsten Zug. Und nicht zufällig wuchs Emanuel Lasker in einem Zeitalter auf, in dem ein Albert Einstein allmählich das mechanistische Weltbild durch ein relatives Weltbild ablöste. Nicht nur Garri Kasparov, der diesen Zusammenhang in seinen schachhistorischen Werken zu Lasker stets betont hatte und neben Albert Einstein als prägenden Zeitgenossen Laskers übrigens auch Siegmund Freud benannte, war das aufgefallen, sondern auch Dr. Edmund Bruns, der die Systematik der Laskerschen Neuerungen im Kontext seines Zeitalters, Pätzold zitierend, auf den Punkt brachte:

Lasker, der sich im Alter nicht zufällig der Freundschaft Albert Einsteins (1879-1955) erfreuen konnte, hatte auch seine Schlüsse aus dem Zusammenbruch der mechanistischen und positivistischen Weltanschauungen und dem Triumph der Dialektik in der Wissenschaft gezogen. Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom Bezugssystem abhingen 1

Emanuel Lasker selbst, der sich sehr für die Welt der Philosophie interessiert hatte und mit Kampf (1907), Das Begreifen der Welt (1913) und Die Philosophie des Unvollendbaren (1917) drei philosophische Werke selbständig 2 verfaßt hatte, begriff das Schachspiel als Mikrokosmos der Wirklichkeit und verband seine philosophischen Ideen mit seinen schachlichen. Seine philosophischen Auffassungen des Kampfes übertrug er auf das Schachspiel. Weniger bekannt ist in diesem Zusammenhang, daß Emanuel Lasker, durchdrungen von dieser sehr tiefen Philosophie, für seine Anschauungen eine allegorische Kunstfigur geschaffen hatte, nämlich die des Macheeiden, der in der Machologie Laskers, d. h. der Lehre des Kampfes (griechisch: machee=Kampf, logos=Lehre), eine Art klugen und perfekten Kämpfer darstellt, der in jeder Situation das Richtige tut und für jeden Gegner bestmöglich gewappnet ist.

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Der ostdeutsche Schachlehrer Ernst Bönsch hatte sich mit der von Lasker entworfenen und auf das Schachspiel übertragenen Machologie vertraut gemacht und seine Leser über Laskers Macheeiden aufgeklärt:

Er wollte den Willen des Gegners bezwingen. In der von ihm entwickelten Lehre der „Machologie“, strebte er nach einem idealen Schachspieler, der vertraut mit allen Kampfmethoden, ausgestattet mit Logik und Erfahrung, alle Vorzüge in sich vereint. Diesen Idealtyp nennt er den „Macheiden“. Ausgerüstet mit optimalen Strategien, die ihm für die verschiedenen Situationen zur Verfügung stehen – das heißt in jeder speziellen Situation richtig und zweckmäßig handelnd -, soll er in der Lage sein, die ideale Schachpartie zu spielen. Nach Hannak wird es die Schachpartie sein, „in die nicht nur die Regeln des Spiels und des restlosen Kennens seiner Theorie und seines unbändigen Reichtums an Varianten und Kombinationen eingehen werden, sondern das ganze Triebleben des Menschen, sein Geist, seine Sehnsucht, sein Schönheitsdrang, sein Sinn für Ökonomie, Freiheit, Unbegrenztheit und Unsterblichkeit 3

Marion Bönsch-Kauke verdeutlichte in ihrem bekannten Werk Klüger durch Schach den Gehalt der den Gegner einbeziehenden Spielweise Laskers und veranschaulicht diese in ihrer ganzen Komplexität:

Die Eigenart des betreffenden Denkprozesses ist so beschaffen, daß „die Widerstände, die den Denkvollzug zugleich auf den Plan rufen und ´stören´ im Denken eines anderen Menschen begründet sind, der als kommunizierender und speziell ´gegendenkender´ Partner in Erscheinung tritt. Damit wird ein Alltagsfall exemplifiziert, der nicht eben selten ist; die problembezogene, wissenschaftliche, politische usw. Diskussion und die Prüfungssituation sind zwei Beispiele dafür. (Daß dieser spezifische Denktypus zum hauptsächlichen Denktypus zum hauptsächlichen Gegenstand der ´Theorie der Spiele´ geworden ist, sei am Rande erwähnt…) 4

In diesem Zusammenhang steht der Macheeide, der somit im Schachspiel den für Steinitz und Tarrasch nicht existenten Gegner zum Leben erweckt und sich angemessen auf ihn einstellt, und um auch dieser Laskerschen Kreation Gestalt zu geben, sei an dieser Stelle noch einmal Bönsch-Kauke zitiert, die mit der folgenden Beschreibung viel zum Verständnis dieses Macheeiden beiträgt:

Der Macheeide verstehe es, die Figuren wirksam zu führen, dadurch das Ziel auf sparsamste Weise zu erreichen, und zwar bestmöglich (in Georg Klaus´ moderner philosophischer Lesart) durch Organisation (Beweglichkeit, Kooperation), Angriff (Kraft, Wucht) und Verteidigung (Zähigkeit, Resistenz). Nur die Vollbringung zählt.

Durch seinen einzigartigen, langwährenden Kampferfolg sind diese Gesetze als prinzipiell gültige Handlungsaufforderungen spielexperimentell in Laskers lebenslangen Selbstversuchen praktisch bewiesen worden. Er selbst verkörperte den ´Macheeiden´ der ein vollkommener Spieler ist, weil er die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Kampfes einseitig beherrscht. 5

Quellen:
1 Dr. Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 56
2 https://www.schachburg.de/threads/1795-Zur-Freundschaft-Einsteins-und-Laskers-und-zur-quot-Tragik-quot-des-letzteren
3 Ernst Bönsch, Schachlehre – ein Handbuch für Lehrende und Lernende, Sportverlag Berlin 1985, S. 154
4 Marion Bönsch-Kauke, Klüger durch Schach - wissenschaftliche Forschungen zu den Werten des Schachspiels. Reichl Verlag 2008, S. 100
5 ebd. S. 103

Hugo Süchting – ein Bauer auf der Schachbühne

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Es ist gewiß ein Kuriosum, von denen die Schachgeschichte so reich ist, daß ausgerechnet in der Wilhelminischen Klassengesellschaft, in der „Hohen Schule des Deutschen Schachs“, wie diese der jugoslawische Großmeister Milan Vidmar einst so ehrfürchtig nannte, in eben diese ein deutscher Bauer aus der Provinz Schleswig-Holstein trat, und der keine Scheu zeigte, den Schachgrößen seiner Zeit den Fehdehandschuh hinzuwerfen.

Hugo Süchting wurde am 8. Oktober 1874 in dem ostholsteinischen Dorf Brackrade, heute Bosau eingemeindet, geboren. Da er einer Bauernfamilie entstammte, von daher schon früh an harter Arbeit gewöhnt war, keinerlei Förderung für das Schachspiel in seiner Jugend genießen konnte, aber dennoch bereits als 19jähriger das Hauptturnier des VIII. Deutschen Schachkongresses 1893 in Kiel gewinnen und die damit verbundene Meisterwürde erringen konnte, galt Hugo Süchting früh als Naturtalent. Wann immer seine Arbeit es zuließ und in der Nähe größere Turniere organisiert wurden, war Hugo Süchting dabei und nahm furchtlos den Kampf gegen die Schachelite auf. Geradezu poetisch erscheint die Formulierung der Berliner Zeitung vor genau 10 Jahren, in der es hieß, der „als äußerst schweigsam beschriebene Süchting wusste mit seinen rauen, abgearbeiteten Fingern die Figuren elegant zu führen“.1 Nach Milan Vidmar galt Süchting als zwar „bescheidener, sympathischer Mann“, aber auch als „grimmiger Turnierkämpfer“.2 Und in der Tat lassen seine Resultate auf der internationalen Schachbühne aufhorchen, denn Hugo Süchting konnte in seiner Karriere Schachgrößen wie Richard Teichmann, David Janowski, Curt von Bardeleben, Isidor Gunsberg, Oldrich Duras, James Mason, Carl August Walbrodt, Ossip Bernstein und den Bremer Carl Carls bezwingen, dessen damals eigentümliche Eröffnung 1. c4 übrigens dazu führte, daß diese Eröffnung im deutschen Sprachgebrauch lange Zeit nicht als Englische, sondern als Bremer Eröffnung geführt wurde.

Daß Hugo Süchting im deutschen Schach im Schatten der zwei absoluten Weltklassespieler Tarrasch und Lasker stand, ist geschenkt. Er gehörte aber neben seinen Landsmännern Richard Teichmann, Carl Carls, Curt von Bardeleben, Erich Cohn, Walter John, Paul Saladin Leonhardt, Jacques Mieses, Johannes Metger und Emil Schallopp zu der breiten zweiten Garde des deutschen Schachs, die bei Spitzenturnieren zwar seltenst um den Titel kämpfen, aber regional durchaus Einfluß auf das Schachleben haben konnten. So wurden Hugo Süchting selbst 1905 vom Altonaer Schachclub „in Anbetracht seiner Verdienste um die Hebung des Schachs in der Provinz Schleswig-Holsteins mit der Auszeichnung „Ehrenmitglied“ bedacht, und er erhielt dieselbe Würde vom niederelbischen Schachbund.3

Es gibt in der Philosophie zwei Prinzipien der Gerechtigkeit, nämlich die austeilende Gerechtigkeit und die ausgleichende Gerechtigkeit. Während die austeilende Gerechtigkeit die Leistung des Einzelnen rein für sich bewertet, liegt der Fokus der Anerkennung bestehender Leistungen nach dem Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit immer in der Relation der gegebenen Möglichkeiten, zu der eigenen Leistung zu kommen. Und genau nach diesem Gerechtigkeitsprinzip ist eben nicht die objektive Leistung Süchtings das wahrhaft Verblüffende, sondern eben, unter welchen Voraussetzungen der Bauerssohn, der Zeit seines Lebens dem Bauernstand verhaftet blieb, diese Leistungen erzielen konnte. In diesem Sinne vermag es nicht zu wundern, daß mit John Nunn ein ausgewiesener Mathematiker zu einer ganz anderen Einschätzung gelangt, die dem nüchternen Prinzip der austeilenden Gerechtigkeit verpflichtet ist. So heißt es bei John Nunn, der in seiner Beurteilung Süchtings die wahrlich ungünstigen Startbedingungen des Norddeutschen konsequent ausblendet, und in seinem Lehrbuch: „John Nunns Buch der Schachaufgaben“ zwei Patzer Süchtings herausgreift, für viele Schachfreunde geradezu despektierlich:

„Nach der Durchsicht all seiner Partien aus Karlsbad [1911] kann ich mit Überzeugung feststellen, daß seine Spielstärke nicht über Elo 2100 lag – und das an einem guten Tag und mit Rückenwind.“⁴

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Es ist in diesem Zusammenhang interessant, daß mit Siegbert Tarrasch ausgerechnet ein in seinen Bewertungen für seine Strenge so berüchtigter Schachmeister die Sache offenbar anders sah und nach dem Sieg Süchtings gegen Walter John in Coburg 1904 mit Lob nicht sparte: „Der Sieger dieser Partie ist ein Vertreter des Bauernstandes und nimmt seit langen Jahren an den Meisterturnieren des Deutschen Schachbundes mit Ehren teil. Nach seiner geistvollen und pikanten Führung dieser Partie scheint er nicht zu denjenigen Bauern zu gehören, die die größten Kartoffeln haben“.

Natürlich präsentieren wir euch zum Abschluß dieser „Laudatio“ des so schachbegeisterten Bauern eben diese Perle aus dessen Schaffen, rund um das faszinierende Damenopfer 18. …Dxd4!!:

W. JOHN – H. SÜCHTING, Coburg 1904 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.Te1 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.Sxe5 Le7 8.De2 Le6 9.b3 0-0 10.Sxf7 Lxf7 11.Dxe7 Dc8! 12.Dg5 h6 13.Dg3 Sf5 14.Dc3 Te8 15.d3 15. Sd4!! 16.Le3 Dg4! 17.Lxd4 Ld5! 18.g3 Dxd4 19.Tf1 Dg4 20.Sd2 Te2 21.Se4? (21.Tfe1!) 21. Df3! 22.Da5 Txe4 23.c4 Txc4 0-1 1

Lest auch die Humoreske über die Partie Dus-Chotimirski vs. Süchting in Karlsbad 1911 in der Schachburg: https://www.schachburg.de/threads/1827-Warum-man-beim-Schach-spielen-kein-Buch-lesen-sollte

Quellen:

1: Berliner Zeitung: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/hugo-suechting,10810590,10708934.html

2: Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter & Co, Berlin 1961, S. 132

3: http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_S%C3%BCchting

4: John Nunns Buch der Schachaufgaben, Gambit-Verlag 1999, S. 70

Der VAGAGABUND (II)

Fortsetzung und Schluss:

Bobby hatte auf einer schmutzigen Holzbank Platz genommen. Neben ihm saß ein junger Mann, der mit offenem Mund döste. Daneben ein dreckiger, stinkender Mann, der sich entschlossen hatte, auf der Bank zu liegen und tief und fest zu schlafen. Schuhe hatte er nicht an. Auf der anderen Seite des Raumes zitterte und klagte ein Junge, als Gefangener auf erzwungenen Entzug. Es war der Abstieg in die Hölle. Bobby dachte ironisch über die ganze Situation nach. Die Sache hatte auch ihre komische Seite.

Der große Robert Fischer, das Wunderkind, der Liebling des Manhattan Chess Clubs, das „enfant terrible“ des Welt-Schachs, war der Gewinner nach 50 Jahren der sowjetischen Vorherrschaft auf dem Gebiet des Schachspiels, der Sohn der Herrlichkeit, sitzt auf der kalten Bank einer Polizeistation, umgeben von unglücklichen Mitgliedern einer Unterwelt des Verbrechens und der Marginalität als Landstreicher verhaftet. Und sie hätten ihn fast sogar geschlagen. Es wäre nicht das erste Mal.

Fast wie eine Therapie baumelte wieder seine Seele in der Vergangenheit, im Mittelpunkt seiner hellen jungen Jahren. Es war wieder vor 18 Jahren, in dem sehr entfernten Buenos Aires, und zwar im 600 Jahre alten Spielsaal, an einem Turnier, wo er so schlecht gespielt hatte. Er hatte gerade ein Spiel beendet und wollte die Position mit seinem Gegner analysieren; die anderen Teilnehmer forderten Ruhe, und er wusste, dass es verboten war, im Spielzimmer zu analysieren. Es war ihm auch egal. Einem Bobby Fischer war alles erlaubt – weil die Verbote für ihn nicht gelten. Er erinnerte sich deutlich an die kleine Gestalt des Schiedsrichters an seinem Tisch. Es war ein kleiner Mann deutsche Herkunft, Adleraugen und Lippen wie die Klinge eines Messers. Wie war das noch? Ach ja, Werner Heimann; er ging mit den Füßen nach außen, wie Chaplin als er Charlot und von den Argentinier deshalb Carlitos genannt. – IMaestgggo Fischegg, keine pouede analizaggg im Spielzimmer; poggg favoggg, gehen Sie zu der Analyse Raum! (Will heißen: Herr Meister Fischer, man kann nicht im Spielzimmer analysieren. Gehen Sie in den Analyseraum.)

Auch Bobby, der kaum Spanisch sprach, bemerkte den starken deutschen Akzent. Er erinnerte sich daran und an seine Antwort als damals schon vergötterter Junge: „Halten Sie den Mund!“ Und er erinnerte sich gut daran – als wäre plötzlich ein Sturm entfesselt, Figuren kugelten auf dem Boden und seine eigene Figur fiel aus dem Gleichgewicht, als ihn eine überraschende Ohrfeige auf der Wange traf.
– Frech, ich werde enseñaggg älter ggguespetag! (soll heissen: Sie frecher Kerl, ich werde Sie noch lehren, dass man ältere Leute zu respektieren hat.)
Er erinnerte sich daran, dass die ganze Situation unwirklich schien, so etwas wie ein Traum; wie war es zu jener Zeit zu leben und nun in dieser absurden Polizei-Station. Sicherlich hatte der Mann nicht gewußt, wer er war, der große Bobby, der Liebling der Götter. Er stand verlegen auf und versuchte, jenen Irrtum zu klären:
– Yo Bobby! Sagte er in seinem gebrochenen Spanisch.
– Nein Sie Narr, betonte der Deutsche- iY ahogga (und jetzt) hier raus!
In seinem Inneren konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Auf jeden Fall eine Watsche war viel mehr gerechtfertigt, als sie es heute Abend zu kassieren gewesen wäre. Das seltsame Kerlchen, dieser Carlitos Heimann, als Nazi eifersüchtig auf seine Autorität und Würde, in der Lage, einem Spitzenspieler eine runterzuhauen. Die Argentinier hatten ihm danach erzählt, dass man Jahre zuvor gesagt habe, dass Carlitos Figuren auf Aljechin geworfen zu haben, weil dieser nicht die zur Verfügung stehende Zeit für ein Schnellschachturnier respektierte, die alle 5 Sekunden durch ein Horn ertönten; der damalige Weltmeister reagierte mit einem Fluch gegen Carlitos! Aber er bestand darauf, dass die Regeln auch hier eingehalten wurden. Er erinnerte sich daran, dass es mehr als gut wäre, wenn sich an diesem Abend beide entschuldigen würden, was sie auch taten, und sie unterhielten sich wieder über Schach.
Er erinnerte sich an seine Tage der Arbeit und Ehre; auch an den Ruhm, der ihn verlassen hatte wie ein Liebhaber, der seiner Geliebte überdrüssig wurde, verloren das Geld mit den pseudoreligiösen Fälschungen, die zu Armut in der Welt und der Solidarität mit den Bedürftigen aufrufen, und während sie das von sich gaben, gingen sie in den Urlaub nach Hawaii auf ihre Privatyachten; er erinnerte sich an seine Freunde auf der ganzen Welt, die ihn geliebt und bewundert hatten; Was würden sie denken, wenn sie ihn dort sähen? Man war erstaunt, wie ihren Kinder Leistungen aufgebürdet werden und an das Gesicht des überraschten und ungläubigen armen Donald Byrnes, als er bei einem Blitzturnier im Manhattan Chess Club sich weigerte, als 12-jähriger Junge ein Remis anzunehmen und sagte: „Mein König erreicht a6 und verursacht dann keine Schachs mehr“; und es war wahr, der König zog über das Brett und erreichte a6, und es gab keine Schachs mehr und Donald fragte ihn, wie er das wissen konnte, und er antwortete. „Ich fühle das in meinem Inneren“, und alle brachen in Applaus aus, und er erinnerte sich an das Gesicht des Unglaubens des Millionärs Slater, als er forderte, daß zu dem Geld, das ihm angeboten wurde für das umstrittene Spiel gegen Spassky, noch die Spielbörse mit aufgenommen werden sollte, wenn er als Sieger aus dem Match hervorginge.

Und er erinnerte sich wieder mit einem Lächeln, als die Spielpaarungen anläßlich des Interzonenenturnieres (1965) vorgelesen wurden. Die Folge waren Ausdrücke des Erstaunens und Schreckens auf den Gesichtern von Geller und Reshevsky, gegen die er antreten sollte, aber wegen nicht Erscheinens mehrere Runden verlor, aber letztlich und standesgemäss das Turnier gewann.
Er erinnerte sich an seinen Ruhm und Reichtum, als die Massen ihn bejubelten, es waren die Zeiten der launischen Gesetze. Und er fühlte sich in einem elenden, einsamen Moment und von dem Gestank und gelegentlichen Aufstoßen der Begleiter belästigt.

Er hatte den Drang, aufzustehen und zu gehen, ins Freie zu laufen und den frischen Atem der Nacht zu spüren; aber er verzichtete. Es war nicht das erste Mal, dass er mit einer schwierigen Lage konfrontiert war; plötzlich erinnerte er sich an eine seiner Partien gegen einen unbekannten Spieler wie Osvaldo Bazán. Er spielte unaufmerksam mit den schwarzen Steinen, und plötzlich wurde er nach einem schrecklichen Angriff fast an die Wand gespielt; aber er widersetzte sich, fand unglaubliche Ressourcen und konnte am Ende gewinnen:

Siehe Partie mit Analyse:

Osvaldo Bazán vs Robert J.

FISCHER MAR DEL PLATA 1960

kommentiert von NM HEBERT PÉREZ GARCÍA aus Holland

Bazán, Osvaldo Manuel – Fischer, Robert James [D38]

Mar del Plata Mar del Plata , 1960

[ NM Hebert Pérez García]

  1. Sf3 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.d4 Lb45.cxd5[Eine andere bekannte Variante ist: 5.Lg5 Sbd7 6.cxd5 exd5 7.e3 c5 8.Ld3 Da5 9.Dc2 c4 10.Lf5 0–0 11.0–0 Te8 12.Sd2 g6 13.Lxd7 Sxd7 14.e4 Lxc3 15.Dxc3 Dxc3 16.bxc3 Sb6=]

5…exd5 6.Lg5 h6 7.Lh4 c5 8.e3[Eine interessante Option ist: 8.dxc5!? Sbd7 9.Tc1 Da5 10.a3 Lxc3+ 11.Txc3 Se4 12.b4 Sxc3 13.Da1 Da4 14.Dxc3 0–0 15.e3 a5 16.b5 Te8 17.Ld3 Se5 18.Sd4°]

8…Sc6[Auch möglich ist: 8…c4!? 9.Le2 g5 10.Lg3 Se4 11.Tc1 Da5 12.Se5 Sc6 13.0–0 Lxc3 14.bxc3 0–0 etc.]

  1. Le2[Folgende Fortsetzung ist unternehmerischer: 9.dxc5!? g5 10.Lg3 Se4 11.Lb5 Sxc3 12.Lxc6+ bxc6 13.Dd4 Sxa2+ 14.Sd2 0–0 15.Txa2 a5 16.0–0 etc.]

9…g5 10.Lg3 Se4 11.Tc1 Da5 12.0–0[Verdient hätte auch folgende Betrachtung sein können: 12.dxc5!? 0–0 13.0–0 Lxc3 14.bxc3 Dxc5 15.Sd4 etc]

12…Lxc3 13.bxc3 Sxc3 14.De1 Sxe2+ 15.Dxe2 c4

16.e4[besser ist: 16.Se5!?]

16…Le6 17.Lc7?

DIAGRAMM

(Bild entfernt)

[ Ein Fehler. Der richtige Zug ist: 17.Se5!?]

17…Dxc7 18.exd5 g4! 19.Sd2[19.Se5 Sxe5 20.dxe6 Sg6 21.Txc4 Dd6 22.exf7+ Kxf7]

19…Sxd4 20.De4

DIAGRAMM

(Bild entfernt)

20..Df4! [eine feine Fortsetzung , die die Idee von Weiss widerruft, die mit 20.Lc7 begonnen wurde.]

23.Kh1 Ld7?![Genauer war mit: 23…f5!? 24.dxe6 fxe4 25.Txe4 Cc3 26.Tc4 Cd5 27.Txg4 Tc8]

24.Te1 Kf8?![Gestattet Gegenspiel. Richtig war: 24…Ke7!? 25.Txe2 Thc8³]

DIAGRAMM –

(Bild entfernt)

25.Sf6?[Ein schrecklicher Fehler. Ausgeglichen ist 25.Sd6!=]

25…Lb5 26.Tb4 La6!?–+[ Schwarz hat nun einen entscheidenen Vorteil. Auch war gut 26…Sc3!?]

27.Sd7+ Ke7 28.Sc5 The8 29.Sxa6 Kd6 30.Txb7 Sg3+ 31.hxg3 Txe1+ 32.Kh2 Tc8! 33.Txf7 Tcc1 und Weiss gab auf: 0–1

Zum Nachspielen: (Bild entfernt)

*****************************

Er atmete tief und entspannte die Muskeln. Er hatte zu stehen und zu warten. Wie so oft.

– Entschuldigen Sie, Sir … Sie sind Bobby Fischer?
Die Stimme, klar, jugendlich, begann der Junge, der neben ihm saß. Bobby sah ihn mit dem gleichen Blick der Überraschung an wie Donald Byrne ihn selbst bei jenem Blitzturnier an. Er war mehr als 16 Jahre alt; ein südamerikanischer Typ, braunen Augen und war wie geblendet durch das Glück der Begegnung.
– Ja, Du kennst mich?

Der Junge strahlte auf der schmutzigen Polizeiwache.
– Sicher … ich kann Schach spielen, wissen Sie? Mal hin und wieder, aber ich mag es. Ich hätte nie gedacht …
Bobby sah ihn schweigend an. Es gab nichts zu sagen. Der Junge war errötet, aber nach einer Weile beendete er seinen Satz:
– Nun, ich … nicht glaubte, hier bei Ihnen zu sein. Aber ich bin sehr glücklich. Ich kaufte mir das Buch all Ihren Partien, und sehe sie immer an … Donnerwetter, ich spreche mit Bobby Fischer! Ich kann es nicht glauben.
Diese Stimme, mein Freund, den begeisterten jungen Mann, der ihn kannte, und er drückte seine Bewunderung und Zuneigung zu dieser Zeit aus und in jener Situation schien es Bobby wie eine Entschädigung seines Schicksales in diesem Albtraum. Und er hat die Massen begeistert, und er wurde in seiner Blütezeit geschmeichelt.
– Herr Robert Fischer.
Die Stimme des Polizisten brachten ihn in die Realität zurück. Bobby stand auf und ging zum Schreibtisch. Der Beamte sah ihn verwirrt und gestört an.
– Wir waren auf dem Handy, das Sie uns gegeben haben, und uns wurde bestätigt, dass Sie Bobby Fischer sind ….., und wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten. Es ist …
Bobby sah ihn scharf an. Die Haltung der Polizei war die, daß sie lieber die Erde schlucken sollte.
– Der Junge… Ich weiß nicht, wie er heißt. Er geht mit mir.
– Aber Herr Fischer … er ist nicht dokumentiert, er ist ein kleiner Junge, und wir vermuten, dass er von zu Hause abgehauen ist. Wir versuchen, Kontakt mit der Familie aufzunehmen.
– Er geht mit mir.
– Aber Sie verstehen …
– Der Kleine geht mit mir, habe ich gesagt! Oder wollen Sie lieber, dass die Presse Sie verurteilt, daß Sie mich willkürlich festgenommen haben und im Begriff waren zu schlagen?
– Nein, natürlich nicht, aber … Wie auch immer, wenn Sie den Jungen übernehmen …
– Ich übernehme ihn. Er geht mit mir.
Die Polizei gab den Befehl und der Junge, strahlend vor Glück, näherte sich Bobby. Als sie gingen, und einer der Offiziere, der ihn festgenommen hatte, der Ruhigere der beiden, kam zu ihm mit einem schüchternen Lächeln.
– Bobby, würde ich … möchte Sie fragen …
– Herr Fischer, bitte.
– Herr Fischer, ich würde um ein Autogramm bitten. Es ist für meinen Sohn, wissen Sie, der auch Schach spielt.
– Nein!
Er nahm den Jungen am Arm und ging mit ihm in die warme Nachtluft.
– Wie heißt Du?
– James, wie Sie.
– Wohin willst Du gehen?
– Nach Hause. Ich stritt mit meinem Vater und ich lief raus, aber ich werde zurückkehren.
– Nun James; nimm das, es ist eine Erinnerung für Dich. Er zog ein Papier aus der Tasche, schrieb ein paar Zeilen darauf und signierte. Er gab es dem Jungen, dessen Augen vor Freude und Dankbarkeit leuchteten. Er griff wieder in seine Tasche und fand einen Fünfer; Es war alles, womit er über mehrere Tage überleben musste, bis es Zeit war, die miserable Rente der Stadt abzuholen. All sein Geld war schon vor Jahren verflogen. Bobby Fischer war nun ein Armer, das ihn aber überhaupt nicht zu kümmern schien. Immerhin war das die Situation, die er so wollte, und weil es wie das Leben ist, um in aller Ruhe das zu fühlen.
– Nimm‘ das. Iss‘ etwas, bevor Du nach Hause kommst. Auf Wiedersehen.
Der Junge war weg. Bevor er um die Ecke bog, winkte er ihm nochmal zu. Sein Lächeln schien in der Nacht wie eine Sternschnuppe in dem Sommerhimmel. Dann verschwand er.
Mit den Händen in den leeren Taschen nahm Bobby seinen unterbrochenen Spaziergang auf. Alle dunklen Gedanken, alle Melancholie, jede Anspielung auf die tote (?) Jugend waren aus seinem Kopf verschwunden. Er war wieder der große Bobby Fischer: er behielt die magische Kraft, andere glücklich zu machen.

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(Bild entfernt)

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Wuppertel und Sitges (Barcelona), im März 2015

Der VAGABUND (II)

Fortsetzung und Schluss:

Bobby hatte auf einer schmutzigen Holzbank Platz genommen. Neben ihm saß ein junger Mann, der mit offenem Mund döste. Daneben ein dreckiger, stinkender Mann, der sich entschlossen hatte, auf der Bank zu liegen und tief und fest zu schlafen. Schuhe hatte er nicht an. Auf der anderen Seite des Raumes zitterte und klagte ein Junge, als Gefangener auf erzwungenen Entzug. Es war der Abstieg in die Hölle. Bobby dachte ironisch über die ganze Situation nach. Die Sache hatte auch ihre komische Seite.

Der große Robert Fischer, das Wunderkind, der Liebling des Manhattan Chess Clubs, das „enfant terrible“ des Welt-Schachs, war der Gewinner nach 50 Jahren der sowjetischen Vorherrschaft auf dem Gebiet des Schachspiels, der Sohn der Herrlichkeit, sitzt auf der kalten Bank einer Polizeistation, umgeben von unglücklichen Mitgliedern einer Unterwelt des Verbrechens und der Marginalität als Landstreicher verhaftet. Und sie hätten ihn fast sogar geschlagen. Es wäre nicht das erste Mal.

Fast wie eine Therapie baumelte wieder seine Seele in der Vergangenheit, im Mittelpunkt seiner hellen jungen Jahren. Es war wieder vor 18 Jahren, in dem sehr entfernten Buenos Aires, und zwar im 600 Jahre alten Spielsaal, an einem Turnier, wo er so schlecht gespielt hatte. Er hatte gerade ein Spiel beendet und wollte die Position mit seinem Gegner analysieren; die anderen Teilnehmer forderten Ruhe, und er wusste, dass es verboten war, im Spielzimmer zu analysieren. Es war ihm auch egal. Einem Bobby Fischer war alles erlaubt – weil die Verbote für ihn nicht gelten. Er erinnerte sich deutlich an die kleine Gestalt des Schiedsrichters an seinem Tisch. Es war ein kleiner Mann deutsche Herkunft, Adleraugen und Lippen wie die Klinge eines Messers. Wie war das noch? Ach ja, Werner Heimann; er ging mit den Füßen nach außen, wie Chaplin als er Charlot und von den Argentinier deshalb Carlitos genannt. – IMaestgggo Fischegg, keine pouede analizaggg im Spielzimmer; poggg favoggg, gehen Sie zu der Analyse Raum! (Will heißen: Herr Meister Fischer, man kann nicht im Spielzimmer analysieren. Gehen Sie in den Analyseraum.)

Auch Bobby, der kaum Spanisch sprach, bemerkte den starken deutschen Akzent. Er erinnerte sich daran und an seine Antwort als damals schon vergötterter Junge: „Halten Sie den Mund!“ Und er erinnerte sich gut daran – als wäre plötzlich ein Sturm entfesselt, Figuren kugelten auf dem Boden und seine eigene Figur fiel aus dem Gleichgewicht, als ihn eine überraschende Ohrfeige auf der Wange traf.
– Frech, ich werde enseñaggg älter ggguespetag! (soll heissen: Sie frecher Kerl, ich werde Sie noch lehren, dass man ältere Leute zu respektieren hat.)
Er erinnerte sich daran, dass die ganze Situation unwirklich schien, so etwas wie ein Traum; wie war es zu jener Zeit zu leben und nun in dieser absurden Polizei-Station. Sicherlich hatte der Mann nicht gewußt, wer er war, der große Bobby, der Liebling der Götter. Er stand verlegen auf und versuchte, jenen Irrtum zu klären:
– Yo Bobby! Sagte er in seinem gebrochenen Spanisch.
– Nein Sie Narr, betonte der Deutsche- iY ahogga (und jetzt) hier raus!
In seinem Inneren konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Auf jeden Fall eine Watsche war viel mehr gerechtfertigt, als sie es heute Abend zu kassieren gewesen wäre. Das seltsame Kerlchen, dieser Carlitos Heimann, als Nazi eifersüchtig auf seine Autorität und Würde, in der Lage, einem Spitzenspieler eine runterzuhauen. Die Argentinier hatten ihm danach erzählt, dass man Jahre zuvor gesagt habe, dass Carlitos Figuren auf Aljechin geworfen zu haben, weil dieser nicht die zur Verfügung stehende Zeit für ein Schnellschachturnier respektierte, die alle 5 Sekunden durch ein Horn ertönten; der damalige Weltmeister reagierte mit einem Fluch gegen Carlitos! Aber er bestand darauf, dass die Regeln auch hier eingehalten wurden. Er erinnerte sich daran, dass es mehr als gut wäre, wenn sich an diesem Abend beide entschuldigen würden, was sie auch taten, und sie unterhielten sich wieder über Schach.
Er erinnerte sich an seine Tage der Arbeit und Ehre; auch an den Ruhm, der ihn verlassen hatte wie ein Liebhaber, der seiner Geliebte überdrüssig wurde, verloren das Geld mit den pseudoreligiösen Fälschungen, die zu Armut in der Welt und der Solidarität mit den Bedürftigen aufrufen, und während sie das von sich gaben, gingen sie in den Urlaub nach Hawaii auf ihre Privatyachten; er erinnerte sich an seine Freunde auf der ganzen Welt, die ihn geliebt und bewundert hatten; Was würden sie denken, wenn sie ihn dort sähen? Man war erstaunt, wie ihren Kinder Leistungen aufgebürdet werden und an das Gesicht des überraschten und ungläubigen armen Donald Byrnes, als er bei einem Blitzturnier im Manhattan Chess Club sich weigerte, als 12-jähriger Junge ein Remis anzunehmen und sagte: „Mein König erreicht a6 und verursacht dann keine Schachs mehr“; und es war wahr, der König zog über das Brett und erreichte a6, und es gab keine Schachs mehr und Donald fragte ihn, wie er das wissen konnte, und er antwortete. „Ich fühle das in meinem Inneren“, und alle brachen in Applaus aus, und er erinnerte sich an das Gesicht des Unglaubens des Millionärs Slater, als er forderte, daß zu dem Geld, das ihm angeboten wurde für das umstrittene Spiel gegen Spassky, noch die Spielbörse mit aufgenommen werden sollte, wenn er als Sieger aus dem Match hervorginge.

Und er erinnerte sich wieder mit einem Lächeln, als die Spielpaarungen anläßlich des Interzonenenturnieres (1965) vorgelesen wurden. Die Folge waren Ausdrücke des Erstaunens und Schreckens auf den Gesichtern von Geller und Reshevsky, gegen die er antreten sollte, aber wegen nicht Erscheinens mehrere Runden verlor, aber letztlich und standesgemäss das Turnier gewann.
Er erinnerte sich an seinen Ruhm und Reichtum, als die Massen ihn bejubelten, es waren die Zeiten der launischen Gesetze. Und er fühlte sich in einem elenden, einsamen Moment und von dem Gestank und gelegentlichen Aufstoßen der Begleiter belästigt.

Er hatte den Drang, aufzustehen und zu gehen, ins Freie zu laufen und den frischen Atem der Nacht zu spüren; aber er verzichtete. Es war nicht das erste Mal, dass er mit einer schwierigen Lage konfrontiert war; plötzlich erinnerte er sich an eine seiner Partien gegen einen unbekannten Spieler wie Osvaldo Bazán. Er spielte unaufmerksam mit den schwarzen Steinen, und plötzlich wurde er nach einem schrecklichen Angriff fast an die Wand gespielt; aber er widersetzte sich, fand unglaubliche Ressourcen und konnte am Ende gewinnen:

Siehe Partie mit Analyse:

Osvaldo Bazán vs Robert J.

FISCHER MAR DEL PLATA 1960

kommentiert von NM HEBERT PÉREZ GARCÍA aus Holland

Bazán, Osvaldo Manuel – Fischer, Robert James [D38]

Mar del Plata Mar del Plata , 1960

[ NM Hebert Pérez García]

  1. Sf3 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.d4 Lb45.cxd5[Eine andere bekannte Variante ist: 5.Lg5 Sbd7 6.cxd5 exd5 7.e3 c5 8.Ld3 Da5 9.Dc2 c4 10.Lf5 0–0 11.0–0 Te8 12.Sd2 g6 13.Lxd7 Sxd7 14.e4 Lxc3 15.Dxc3 Dxc3 16.bxc3 Sb6=]

5…exd5 6.Lg5 h6 7.Lh4 c5 8.e3[Eine interessante Option ist: 8.dxc5!? Sbd7 9.Tc1 Da5 10.a3 Lxc3+ 11.Txc3 Se4 12.b4 Sxc3 13.Da1 Da4 14.Dxc3 0–0 15.e3 a5 16.b5 Te8 17.Ld3 Se5 18.Sd4°]

8…Sc6[Auch möglich ist: 8…c4!? 9.Le2 g5 10.Lg3 Se4 11.Tc1 Da5 12.Se5 Sc6 13.0–0 Lxc3 14.bxc3 0–0 etc.]

  1. Le2[Folgende Fortsetzung ist unternehmerischer: 9.dxc5!? g5 10.Lg3 Se4 11.Lb5 Sxc3 12.Lxc6+ bxc6 13.Dd4 Sxa2+ 14.Sd2 0–0 15.Txa2 a5 16.0–0 etc.]

9…g5 10.Lg3 Se4 11.Tc1 Da5 12.0–0[Verdient hätte auch folgende Betrachtung sein können: 12.dxc5!? 0–0 13.0–0 Lxc3 14.bxc3 Dxc5 15.Sd4 etc]

12…Lxc3 13.bxc3 Sxc3 14.De1 Sxe2+ 15.Dxe2 c4

16.e4[besser ist: 16.Se5!?]

16…Le6 17.Lc7?

DIAGRAMM

(Bild entfernt)

[ Ein Fehler. Der richtige Zug ist: 17.Se5!?]

17…Dxc7 18.exd5 g4! 19.Sd2[19.Se5 Sxe5 20.dxe6 Sg6 21.Txc4 Dd6 22.exf7+ Kxf7]

19…Sxd4 20.De4

DIAGRAMM

(Bild entfernt)

20..Df4! [eine feine Fortsetzung , die die Idee von Weiss widerruft, die mit 20.Lc7 begonnen wurde.]

23.Kh1 Ld7?![Genauer war mit: 23…f5!? 24.dxe6 fxe4 25.Txe4 Cc3 26.Tc4 Cd5 27.Txg4 Tc8]

24.Te1 Kf8?![Gestattet Gegenspiel. Richtig war: 24…Ke7!? 25.Txe2 Thc8³]

DIAGRAMM –

(Bild entfernt)

25.Sf6?[Ein schrecklicher Fehler. Ausgeglichen ist 25.Sd6!=]

25…Lb5 26.Tb4 La6!?–+[ Schwarz hat nun einen entscheidenen Vorteil. Auch war gut 26…Sc3!?]

27.Sd7+ Ke7 28.Sc5 The8 29.Sxa6 Kd6 30.Txb7 Sg3+ 31.hxg3 Txe1+ 32.Kh2 Tc8! 33.Txf7 Tcc1 und Weiss gab auf: 0–1

Zum Nachspielen: (Bild entfernt)

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Er atmete tief und entspannte die Muskeln. Er hatte zu stehen und zu warten. Wie so oft.

– Entschuldigen Sie, Sir … Sie sind Bobby Fischer?
Die Stimme, klar, jugendlich, begann der Junge, der neben ihm saß. Bobby sah ihn mit dem gleichen Blick der Überraschung an wie Donald Byrne ihn selbst bei jenem Blitzturnier an. Er war mehr als 16 Jahre alt; ein südamerikanischer Typ, braunen Augen und war wie geblendet durch das Glück der Begegnung.
– Ja, Du kennst mich?

Der Junge strahlte auf der schmutzigen Polizeiwache.
– Sicher … ich kann Schach spielen, wissen Sie? Mal hin und wieder, aber ich mag es. Ich hätte nie gedacht …
Bobby sah ihn schweigend an. Es gab nichts zu sagen. Der Junge war errötet, aber nach einer Weile beendete er seinen Satz:
– Nun, ich … nicht glaubte, hier bei Ihnen zu sein. Aber ich bin sehr glücklich. Ich kaufte mir das Buch all Ihren Partien, und sehe sie immer an … Donnerwetter, ich spreche mit Bobby Fischer! Ich kann es nicht glauben.
Diese Stimme, mein Freund, den begeisterten jungen Mann, der ihn kannte, und er drückte seine Bewunderung und Zuneigung zu dieser Zeit aus und in jener Situation schien es Bobby wie eine Entschädigung seines Schicksales in diesem Albtraum. Und er hat die Massen begeistert, und er wurde in seiner Blütezeit geschmeichelt.
– Herr Robert Fischer.
Die Stimme des Polizisten brachten ihn in die Realität zurück. Bobby stand auf und ging zum Schreibtisch. Der Beamte sah ihn verwirrt und gestört an.
– Wir waren auf dem Handy, das Sie uns gegeben haben, und uns wurde bestätigt, dass Sie Bobby Fischer sind ….., und wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten. Es ist …
Bobby sah ihn scharf an. Die Haltung der Polizei war die, daß sie lieber die Erde schlucken sollte.
– Der Junge… Ich weiß nicht, wie er heißt. Er geht mit mir.
– Aber Herr Fischer … er ist nicht dokumentiert, er ist ein kleiner Junge, und wir vermuten, dass er von zu Hause abgehauen ist. Wir versuchen, Kontakt mit der Familie aufzunehmen.
– Er geht mit mir.
– Aber Sie verstehen …
– Der Kleine geht mit mir, habe ich gesagt! Oder wollen Sie lieber, dass die Presse Sie verurteilt, daß Sie mich willkürlich festgenommen haben und im Begriff waren zu schlagen?
– Nein, natürlich nicht, aber … Wie auch immer, wenn Sie den Jungen übernehmen …
– Ich übernehme ihn. Er geht mit mir.
Die Polizei gab den Befehl und der Junge, strahlend vor Glück, näherte sich Bobby. Als sie gingen, und einer der Offiziere, der ihn festgenommen hatte, der Ruhigere der beiden, kam zu ihm mit einem schüchternen Lächeln.
– Bobby, würde ich … möchte Sie fragen …
– Herr Fischer, bitte.
– Herr Fischer, ich würde um ein Autogramm bitten. Es ist für meinen Sohn, wissen Sie, der auch Schach spielt.
– Nein!
Er nahm den Jungen am Arm und ging mit ihm in die warme Nachtluft.
– Wie heißt Du?
– James, wie Sie.
– Wohin willst Du gehen?
– Nach Hause. Ich stritt mit meinem Vater und ich lief raus, aber ich werde zurückkehren.
– Nun James; nimm das, es ist eine Erinnerung für Dich. Er zog ein Papier aus der Tasche, schrieb ein paar Zeilen darauf und signierte. Er gab es dem Jungen, dessen Augen vor Freude und Dankbarkeit leuchteten. Er griff wieder in seine Tasche und fand einen Fünfer; Es war alles, womit er über mehrere Tage überleben musste, bis es Zeit war, die miserable Rente der Stadt abzuholen. All sein Geld war schon vor Jahren verflogen. Bobby Fischer war nun ein Armer, das ihn aber überhaupt nicht zu kümmern schien. Immerhin war das die Situation, die er so wollte, und weil es wie das Leben ist, um in aller Ruhe das zu fühlen.
– Nimm‘ das. Iss‘ etwas, bevor Du nach Hause kommst. Auf Wiedersehen.
Der Junge war weg. Bevor er um die Ecke bog, winkte er ihm nochmal zu. Sein Lächeln schien in der Nacht wie eine Sternschnuppe in dem Sommerhimmel. Dann verschwand er.
Mit den Händen in den leeren Taschen nahm Bobby seinen unterbrochenen Spaziergang auf. Alle dunklen Gedanken, alle Melancholie, jede Anspielung auf die tote (?) Jugend waren aus seinem Kopf verschwunden. Er war wieder der große Bobby Fischer: er behielt die magische Kraft, andere glücklich zu machen.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Wuppertel und Sitges (Barcelona), im März 2015

Lesen Sie zu Fischer auch: https://www.schachburg.de/threads/1118-Robert-Fischer-die-Durian-unter-den-Schach-Weltmeistern

DER VAGABUND (I)

(Bild entfernt)

tBF – dwayneqcasanova

==============
(von: Lincoln Maiztegui Casas- Schachmagzin # 282)

Quelle: Website „Ajedrez de Ataque“ von Javier Cordero

Vorbemerkung: Ich entdeckte diesen Artikel von Lincoln Maiztegui in einem Schachmagazin aus dem Jahre 1989 und war wirklich beeindruckt. Weißt Du, selbst die anderen Werke dieses Schriftstellers, die ich immer gemocht hatte, wurden hier übertroffen.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, da Fischer im Jahr 1981 in Pasadena festgenommen, als Landstreicher verdächtigt und des Diebstahls beschuldigt wurde. In meinem Inneren bildete sich ein beeindruckendes Porträt von Fischer mit einem unaufhaltsamen Sturz in die Dunkelheit, wo er sich mit dem Rücken gegen die Welt stellte und seinen eigenen Weg lebte.

Ich konnte nicht widerstehen, diese Geschichte in der Zeitschrift „Schach Attacke“ zu bringen in der Hoffnung, dass der Autor nichts dagegen hätte.

Er ging durch die Straßen, etwas verloren aussehend, unbeholfenen Ganges und müde, die Hände in den Taschen seiner schmutzigen Hosen, mit zerzausten blonden und spärlichen Haare, lang und ungepflegtem Bart. Er blieb alle drei bis vier Schritte stehen und blieb einen Moment unbeweglich, wie eine Meditation über den letzten Sinn des Lebens, oder um zu fragen, wo er in dieser Nacht schlafen oder wie man den Hunger für einige Tage vergessen könne. Einer von den vielen Jenseitsstehenden, die die andere Seite der wohlhabenden amerikanischen Gesellschaft füllten, ein Heimatloser, der leise durch das Leben schleift, einer, der ohne Illusionen von dieser Welt belehrt wird, ziellos, wie die Hauptfigur der „Winterreise“ von Schubert.

Vielleicht spürte er den Ansatz seiner grauen Haare, seine verbrannten Fußsohlen, wehmütig evozierte er alte Frühlingsnachmittage

und Jahre der Blütezeit gingen dahin, er dachte an die Süße von Ruhe, eine Ruhe, die am Fuß einer alten Linde endet, sich gehen zu lassen, die unsicheren Winde wahrnimmt nach einer bekannten Orgelmusik.
Die Polizei sah ihn und wurde misstrauisch. Wer war der Wanderer mit verbrauchter Luft eines übernächtigten „Hippie“ in diesen Zeiten der Ordentlichkeit, sozialen Hierarchien und Moral, bei der das einzige, was als schmutzig von der guten Gesellschaft angenommen wird, der literarische Realismus war, und zwar, dass du ganz einfach ein Ausgestoßener, ein Niemand, ein menschliches Wrack, ein Nebenprodukt der Abschaum der Gesellschaft bist? Oder schlimmer noch, ein gefährlicher Verbrecher auf der Suche nach Beute, ein Straßenräuber für ein gutes Potenzial von ahnungslosen Passanten? Auf jeden Fall war es wünschenswert, das herauszufinden. Das uniformierte Paar näherte sich dem Fremden.
– Dokumente, bitte.
Der hochgewachsene und fürchterlich aussehende Vierziger schien zu erkennen, dass die beiden Männer etwas von ihm wollten und drehte sich zu ihnen um. Er starrte zuerst auf den Einen, dann auf den Anderen und machte eine vage Bewegung mit der Hand, auf die Jackentasche zeigend.
– Haben Sie das nicht gehört? Ausweis heraus!
Der Ton war genau richtig, um klar abwertend zu klingen.
– Was, Sie haben keine Dokumente bei sich? Wer Sie sind,wo leben Sie?
Von der Polizei wurde das nun deutlich zum Ausdruck gebracht, und sie wurde spürbar aggressiver. Jener Mensch war also mit keinen Ausweispapieren versehen und schien auch nicht bereit, seine Zugehörigkeit bekannt zu geben. Aller Zweifel verschwand aus den Gedanken der Polizisten: er war ein Lügner, und auch ein Dummer.
-„Antwort, bitte „, sagte der andere Hüter der Ordnung, etwas komödienhaft. „Andernfalls müssen wir Sie festnehmen“.
Der Fremde schien dann die ganze Situation zu übernehmen; und sprach mit klarer Stimme, mit energischer Geste, als einer, der nicht gewohnt ist freundlich behandelt zu werden.
– Wohnen? Warum? Mit welchem Recht?
– Schau mal, mein Freund, sagte der erste Polizist, sicher mit offensichtlicher Mühe, sich zu beherrschen. Wir brauchen nichts zu erklären. Sie gehen die Straße entlang, ohne Ausweise und machen den Eindruck, in ihrem Leben noch keinen Schlag getan zu haben und sagen uns nicht, wer Sie sind oder wo Sie leben …
-I’m Bobby Fischer.
– Dann sagte der andere Polizist: Nun wissen wir, wer Sie sind. Wo arbeiten Sie?
– Ich arbeite nicht.
– Von was leben Sie dann, mein Freund?

Mit der feindlichsten Verachtung eines Pasadena- Agenten ausgesprochen. Wohnen Sie hier oder sind Sie auf der Durchreise?

Der schlaksige blonde Wanderer schien nicht mehr der Gleiche zu sein. Alle Spuren der Desorientierung waren verschwunden, und seine Haltung war plötzlich deutlich aggressiver.

– Und Sie, was schert Sie die Hölle, wer ich bin, wo ich wohne und ob ich arbeite oder nicht? Gehen Sie zum Teufel und lassen mich in Ruhe, okay?
Die Polizei spannte sich wie eine Feder, am Rande von körperlicher Gewalt. Sein Begleiter hielt ihn mit einer

Handbewegung zurück und ging auf den unverschämten Vagabunden zu mit eisiger Sprache.
– Sie gehen am Abend die Straße entlang, ohne Ausweis und weigern sich, uns zu sagen, wo Sie leben oder wo Sie arbeiten …
– Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Sie verdammter Trottel! Ich bin Bobby Fischer, ich lebe in Pasadena, ohne Job, weil ich der Schachweltmeister bin und kann die Straße entlang gehen, weil ich in einem freien Land lebe, und wann ich will. Sie sind sicher nicht von hier? Sie wissen nicht, wer Bobby Fischer ist?
– Sie sind sehr mutig, sagte der ruhigere der beiden Polizisten. So, man ist Schachweltmeister, oder sonst was? Und geht durch die Welt mit einer faszinierenden Aura?
– Lassen Sie mich in Ruhe, bitte. Ich habe nichts falsch gemacht; ich bin einfach nur ein Spaziergänger. Ich bin Robert James Fischer, Schachweltmeister …
– Und ich bin Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten, platzte der erste Polizist raus. Kommen Sie, wir müssen Sie bis auf die Polizeiwache begleiten.
– Warum? Warum? -die Entrüstung lastete auf seinem mit Falten gestreiften Gesicht.- Warum? wiederholte er.
– Zu Fuß durch die Straßen zu vagabundieren, ohne Papiere und ohne klare Zugehörigkeit. Ausserdem belügen Sie die Polizei. Kommen Sie mit uns, und es ist besser für Sie sich nicht zu sträuben, weil es noch schlimmer für Sie werden könnte.
Die drei Männer gingen schweigend die Straße hinunter in der klaren Mondnacht. Für eine lange Zeit sagte niemand etwas. Schließlich sprach der feindlichste Polizist wieder.
– Sie sind also Weltmeister? Ich wusste nicht, dass die Weltmeister jetzt als Bettler verkleidet auf die Straße gehen und betteln. Sind Sie ein exzentrischer Millionär?
– „Gehen Sie zur Hölle“, war die lakonische Antwort.
– Beruhigen Sie sich, mein Herr, sagte der Weltmeister mit einer anderen Formulierung. Diese Beleidigungen können teuer zu stehen kommen.

Auf der Polizeistation ging es lebhaft zu; uniformierte Männer kamen und gingen, Leute auf der Suche nach inhaftierten Verwandten, blaue Autos kamen gerast und fuhren wieder schnell zurück. Drogenabhängige, Säufer, Ausgestoßene der Nacht. In einem Raum, auf einer Holzbank, saßen mehrere Männer. Einer der Polizisten ging zu einem Beamten, der am Schreibtisch saß und dabei die Ein- und Ausgänge aufschrieb.

– Wir bringen diesen Mann wegen Landstreicherei und haben ihn verhaftet. Er hat keine Dokumente und weigert sich zu sagen, wo er lebt, aber sagt, dass er Schachweltmeister sei. Er hat auch die Beamten beleidigt, dann nahmen wir ihn fest.
Mit bürokratischem Stil, begann die Polizei mit der Fragerei vom Schreibtisch aus.
– Name
– Robert James Fischer.
– berufliche Laufbahn.
– Schachweltmeister.
Die Polizei machte eine Geste der Überraschung und sah zum ersten Mal den Häftling.
– Robert Fischer? Bobby Fischer, der Schachweltmeister? Sagen Sie Bobby Fischer zu sein?
– Jawohl.
– Machen Sie jetzt nicht die Sache auf diese Tour, Freund. In Pasadena kennen alle Bobby; er trägt nicht diese Art von Bart oder schlampigen Kleider oder geht durch die Straßen zu dieser Stunde. Es ist besser, uns noch einmal zu sagen, wer Sie sind.
– Ich weiß, was ich gesagt habe. Und jetzt sind es Sie, der mir sagen wird, warum ich aufgehalten wurde und ich deshalb hier bin. Ich will nach Hause.

Der bestimmte Ton, der kalte und energische blaue Blick und der Anschein eines Edelmannes ließ die Polizei zögern.

Soll dieser schlampige Mann wirklich Bobby Fischer sein?

Er erinnerte sich an den legendären Weltmeister vor vielen, vielen Jahren, als er noch zur Schule ging, als der grosse Bobby Fischer einige Simultanvorstellungen gegeben hatte.

Er konnte nicht Schach spielen, aber hatte fasziniert die Vorstellung des blonden und nervösen Heranwachsenden verfolgt.

Dann erinnerte er sich später, wie ein Blitz im Gedächtnis, als er das Match verfolgte, das gegen einen Russen mit kaum aussprechbaren Namen stattfand (es war wohl in Norwegen oder Finnland) und er vor Freude in die Luft sprang, als dieser russische “Saukerl” geschlagen wurde.

Kann es sein, dass es sich hierbei um die diesselbe Person handelt, jetzt ein alter Mann, mit Falten durchzogenes Gesicht, mit einem komischen Bart und dem Anschein eines nicht empfehlenswerten Individuums; dieser blonde Zwanzigjährige, glänzend wie die Sonne, nervös und lächelnd, vom Ruhm umgeben, derselbe sein sollte, wie er sich an seine Jugendjahre erinnerte? Er wusste, dass Fischer in Pasadena wohnte, aber er liess sich nie sehen. Man sagte, dass er das Schach aufgegeben hatte und ein bißchen daneben getreten sei.

“Mein Herr, Sie können nicht zu dieser späten Stunde ohne sich ausweisen zu können hier spazieren gehen; es gibt viele schlechte Leute, die hier rumlaufen und unsere Verpflichtung ist, hier für Ordnung zu sorgen.

Sie sagen, Sie seien Bobby Fischer, haben aber keine Dokumente, die das bestätigen.

Ein neuer respektvoller Ton war aus der Sprache des Polizisten zu entnehmen. Der Festgehaltene sah ihn streng an mit ernstem und klarem Blick. “Das ist Bobby Fischer, verdammt nochmal, zu sich. “Das ist Bobby Fischer oder eine wichtige Persönlichkeit. Dieser Mann ist nicht irgendwer!“

Der Festgenommene nahm einen Kugelschreiber, ohne um Erlaubnis zu fragen und schrieb etwas auf das Papier.

“Rufen Sie diese Nummer an und lassen Sie mich in Frieden gehen. Ihr seid alle Dummköpfe und unbedarfte Menschen.”

“Hören Sie bitte auf, uns zu beleidigen, Sie schlimmer Kerl oder ich werde Dir …! Das kam von dem festnehmenden Beamten, und er machte eine Gebärde, so als ob er ihn ins Gesicht schlagen wollte. Der begleitende Polizist hielt seinen Kollegen fest und der Beamte vom Schreibtisch schrie: “Ruhig, halten Sie sich zurück, bitte.”

Danach wandte er sich an den Festgenommenen:

“Je mehr Sie also Bobby Fischer sein sollen, um so weniger haben Sie das Recht, die Polizei zu beschimpfen.

Bitte setzen Sie sich auf die dortige Bank, und ich werde versuchen, die Daten zu prüfen, die Sie uns gegeben haben.

Schluss folgt

im März 2015

Lesen Sie zu Fischer auch: https://www.schachburg.de/threads/1118-Robert-Fischer-die-Durian-unter-den-Schach-Weltmeistern

Aus der Vergangenheit und vor langer Zeit

(Bild entfernt)


Pintura de Lautaro Fiszman

Die vergessene Partie

Von NM Héctor Silva Nazzari, Uruguay

Leider haben heute im Schach nur die Partien Bedeutung, die in den Mega-Archiven berücksichtigt sind. All jene anderen alten, die in Zeitschriften oder Zeitungen veröffentlicht waren, werden oft ignoriert, aber sie existieren…
Dieser Eindruck entstand, als kürzlich ein Artikel mit dem Titel „Das Ehrenzeichen des Dr. Kotov“ die beliebte Partie zwischen Averbach und Kotov in Zürich anlässlich des Kandidaten-Turnieres von 1953 kommentiert wurde, die Schwarz mit einem spektakulären Damenopfer gewinnt. Den 30. Zug von Weiss qualifiziert der Redakteur wie folgt: „Ein seliger Fehler, aus dem eine der herrlichsten Kombinationen der Geschichte entsteht.“

Anmerkung: Recht hat er!

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Königsindische Verteidigung (A55) Kandidaten-Turnier (14). Zurich, 23.09.1953

  1. d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sf3 Sbd7 4.Sc3 e5 5.e4 Le7 6.Le2 0–0 7.0–0 c6 8.Dc2 Te8 9.Td1 Lf8 10.Tb1 a5 11.d5 Cc5 12.Le3 Dc7 13.h3 Ld7 14.Tbc1 g6 15.Sd2 Tab8 16.Sb3 Sxb3 17.Dxb3 c5 18.Kh2 Kh8 19.Dc2 Sg8 20.Lg4 Sh6 21.Axd7 Dxd7 22.Dd2 Sg8 23.g4 f5!?(Weiss hat zwei Vorteile: den besseren Läufer – der auf f8 stehende wird durch seine Bauern blockiert – und mehr Raum; aber Kotov sieht, dass der weisse König weniger geschützt ist als seiner) 24.f3 Le7 25.Tg1 Tf8 26.Tcf1 Tf7!?(Schwarz hätte eine solide Stellung nach [26…f4, aber Kotov riskiert weiter.)] 27.gxf5 gxf5 28.Tg2?(Averbach musste eigentlicht verstehen, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Zentrum zu öffnen, um seinem besseren Läufer mehr Spielraum zu geben und die Kontrolle über das Feld e4 einzuleiten, sei es nun mit [28.exf5 oder mit 28.f4! )] 28…f4! 29.Lf2 Tf6! 30.Se2

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(Ein wirklich “gesegneter Fehler”, der zu einer der brillantesten Kombinationen der Geschichte führt; richtig war 30.Tg4 ) 30…Dxh3+!! 31.Kxh3 Th6+ 32.Kg4 Sf6+ 33.Kf5 Sd7(räumt dem anderen Turm den Weg frei.) 34.Tg5 Tf8+ 35.Kg4 Sf6+ 36.Kf5 Sg8+ 37.Kg4 Sf6+ 38.Kf5 Sxd5+ 39.Kg4 Sf6+ 40.Kf5 Sg8+ 41.Kg4 Sf6+ 42.Kf5 Sg8+ 43.Kg4(nach einigen Bedenken, vsteht Kotov aber, dass der weisse König dem Tode geweiht ist, obwohl es noch etwas dauert.) 43…Lxg5 44.Kxg5 Tf7! 45.Lh4 Tg6+ 46.Kh5 Tfg7!(droht matt auf h6) 47.Lg5 Txg5+ 48.Kh4 Sf6(matt auf h5) 49.Sg3 Txg3 50.Dxd6 T3g6 51.Db8+ Tg8 und Averbach gab auf:

0–1

Zum Nachspielen: (Bild entfernt)
Allerdings gibt es eine andere Partie, die man als „Zwilling“ qualifizieren könnte und einige Jahre davor gespielt wurde, die leider ausser Acht gelassen wird, ich denke, aus Unwissenheit.

Wir beschäftigen uns mit der Partie zwischen Reynaldo Taborelli und Voyin Lalich, gespielt im März 1945 in der Stadt Necochea Balnearia (Argentinien) – und die ich höher bewerte als die von den namhaften sowjetischen Meistern.
Der Held dieser Partie, Voyin Lalich, war ein Spieler in der Stadt Bahia Blanca, der aber kaum in Erscheinung trat. Allerdings erinnere ich mich an seine Teilnahme an der argentinischen Meisterschaft von 1938 und einigen anderen Turnieren.

Diese Partie wurde in der inzwischen legendären argentinischen Zeitschrift „Rochade“ in ihrer Ausgabe Nº 40 vom Juni 1945 auf ihren Seiten 45 und 46 veröffentlicht.

Nachstehend ein Foto des Gewinners der Partie.

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Taborelli, Reynaldo – Lalich, Voyin [E68]

Turnier Playas de Necochea, Necochea (4), 10.03.1945

[Revista „Enroque“] – auch kommentiert von NM Hebert Pérez García aus Holland –

  1. d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.c4 Lg7 4.Sc3 d6 5.g3 0–0 6.Lg2 Sbd7 7.0–0 Te8 8.e4 e5 9.d5 De7Logischer ist: [9…Sc5 10.Se1 a5 11.b3 Ld7 etc.] Dc2 a5Das klassische Manöver, um Le3 zu spielen, ohne den Springer auf g4 zu fürchten. 11.h3 Sh5 12.Le3 b6 13.Kh2 Sc5 14.Sg1 f5 15.Lxc5?Dieser Wechsel wird die schwarzen Felder entblössen; ein ernster strategischer Fehler, dessen Konsequenz man bald sehen wird. Richtig war Sge2. 15…bxc5 16.De2 Ld7 17.Lf3 Sf6 18.Lg2 Tab8Der unglückliche Wechsel bei dem 15. Zug überlässt nun Schwarz den Weg zu einem Angriff auf dem Damenflügel offen. Es ist schon interessant, auf welche Weise Lalich auf beiden Flügeln Druck ausübt. 19. Tfe1 Df8 20.f3Mit dem Textzug, der die Selbstbehinderung seines Läufers vervollständigt, glaubt Weiss, dass eine widerstandsfähige Stellung erreicht hat, wobei nur Wartezüge hinter der Bauernkette anfallen. Andererseits bereitet Schwarz seinen Angriff gegen den gegnerischen König vor, wobei dieser Schritt einfallsreich mit einem anderen Angriff auf der halboffenen Linie “b” verbunden wird.

20…Sh5 21.Dc2 Tb4 22.b3 Lh6 23.Tab1 Df6 24.Dd3 Tf8 25.Tf1Aus diesem gleichgültigen Zug entwickelt sich eine bemerkenswerte Kombination, die momentan mit 25. Sge2 hätte vermieden werden können. Aber auf jeden Fall wird der Angriff gegen den Königsflügel entscheidend sein. 25…Sxg3! 26.Kxg3 Dh4+!! 27.Kxh4 f4

(Bild entfernt)

Jetzt wird der weisse König in einem Mattnetz festgehalten. 28.Sb5?Wenn [28.Sge2 Lg7 29.Sxf4 exf4 30.e5, wenn (30.Kg5 h6+ 31.Kxg6 Le8#)30…Lxe5 31.Se4, wenn (31.Dxg6+ hxg6 32.Kg5 Kg7 gefolgt von Tf5+ y Th5++)31…Tf5 32.Sg5 Lf6 33.Dxf5 Lxf5 34.Tg1 oder (34.Lh1 h6 35.Tg1 hxg5+ 36.Txg5 Kg7! 37.Tbg1 Tb8 und matt im nächsten Zug.)34…h6 35.Lf1 Kg7 36.Ld3 Lxd3 37.Tbe1, wenn (37.Kg4 Lxg5 38.h4 Lf5#)37…hxg5+ 38.Txg5 Lf5 39.Teg1 Tb8 und matt im nächsten Zug. Kommentare von V. Lalich.] 28…Lg7und Weiss gibt auf.

Zum

Nachspielen: (Bild entfernt)

Es sagte einmal Roberto Grau,

(Bild entfernt)

Geburtsdatum 18. März de (Bild entfernt)
Argentinien, (Bild entfernt)
Sterbedatum 12. Abril de (Bild entfernt), 44 Jahare
Argentinien, (Bild entfernt)
Nationalität argentinische
Beschäftigung Ajedrecista, Periodista, Escritor

dass einer der Fehler bei dem Schach ist, um eine künstlerische oder brillante Arbeit zu leisten, man sich auf die Zusammenarbeit des Gegners stützen muss.

In dem vorliegenden Fall und zwar bei dem 28. Zug von Weiss aufgrund der Zeitnot, in der sich Taborelli befand, verhinderte Lalich auf eine brillante Weise die begonnene Kombination mit den Opfern bei den Zügen 25 und 26 abzuschliessen.

Aber es konnte ihm nicht genommen werden nach Abschluss der Partie, den grundsätzlichen Gedanken darzulegen, wenn Weiss 28.Sge2! gespielt hätte, denn dieser Umstand hätte eine ziemlich langwierige Serie von Manövern gekostet, um schliesslich matt zu geben. 0–1

(Bild entfernt)

Schachmatt

Gemalt von Elke Rehder

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Sitges (Barcelona), März 2015

Une petite combinaison “à la Morphy”

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

von MN Hebert Pérez García aus Holland

Das praktische Vermächtnis, das uns der ausserordentliche nordamerikanische Paul Morphy hinterlassen hat, war reich und ausgiebig in seiner kurzen und kometenhaften Schachlaufbahn auf Weltniveau.
Seine taktischen Kombinationen und verfeinerte Strategie stellten beispielhafte Regeln dar, die weit über die bisherigen Zeiten hinausgehen.

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Viele Partien, die Morphy blitzartig und unerwartet mit sogenannten “kleinen” Kombinationen abschloss, wurden später von dem ehemaligen Weltmeister José Raúl Capablanca mit der französischen Bezeichnung “la petite combinaison” getauft.

(Bild entfernt)

Capablancaseinerseits stellte auf seine unvergleichbare Art ebenso denkwürdige Modelle von einer grossartigen ästhetischen Schönheit auf.

Manchmal “sündigte” der kubanische Grossmeister auch etwas in seinem schimärischen Bestreben eine Partie im Stile eines Morphys abzuschliessen.

So kam es schon vor, dass er sich von seinem Vorsatz entfernte,
“die Belange der Position zu berücksichtigen”.

Einige Bewunderer in ihren Veröffentlichungen, gewöhnt an die fast unfehlbare “capablanquinische” Genauigkeit, dekorieren schon mal öfters die Tatsachen mit einer farbenprächtigen Sprache von positiven Eigenschaften, obwohl sie irreal und zweifelhaft sind.

Nachstehend nun ein Beispiel für das Vohergesagte:

Capablanca, J.R. – Fonaroff, Marc

New York 17.6.1918 oder vielleicht 22.6.1918

Die Stellung nach dem 16. Zug von Schwarz:

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Weiss zieht

Der weisse Stellungsvorteil ist beachtlich.
Seine Figuren sind aktiver und besser koordiniert.
Die Bauernstruktur ist überlegen. Weiss verfügt über mehr Bewegungsraum.
Vielleicht ist der Gewinnvorgang noch nicht so schnell zu vollziehen.
Es bestehen viele Zugmöglichkeiten und “Kandidaten”-Varianten innerhalb der Stellung.
Man kann Alternativen in Betracht ziehen wie:
17. Da3 oder 17. a4 oder 17. c3 oder 17. b3 oder 17. h4 usw.

Capablancaspielte jedoch 17. Txd6

Die Autoren des Buches “The Unkown Capablanca”,
(Seite 113, RHM Press New York 1973 / London 1975)
David Hopper und Dale Bandreth erteilten diesem Zug ein doppeltes Ausrufe- und Bewunderungszeichen;
ebenso wie der Schriftsteller Irvin Chernev (der zugab, dass er in jene Partie “verliebt sei”) in seinem Buch “1.000 Best Short Games of Chess” ( Seite 445, New York 1955).

Dahingegen kommentierten Dr. Max Euwe und GM Lodewijk Prins in ihrem Buch “Capablanca” (Seite 70, Das Schacharchiv, Hamburg 1979) folgendes:
“Eine überraschende Kombination, die in all ihren Varianten seines brillanten taktischen Inhaltes nichtgewinnt.”

Das starke PC-Programm Deep Rybka 3 Aquarium empfiehlt nach “langem Nachdenken”:
17. Da3!? als die beste verfügbare Variante für Weiss wie folgt:
17. Da3!? g6! 18. Txd6 Txd6 19. Dxd6 Dxd6 20. Sxd6 Td8 21. Sxb7 Tb8 22. Sc5 Txb2 23. Lxe5 Lxe5 24. Sd3 Tb5 25. c4 Ta5
26. Sxe5 Txe5 27. Te3+=)

17….Txd6
18. Lxe5 Td1?
(Absurd, dass dieser “falsche” Zug in Erwägung gezogen wurde. Die wohl beste Verteidigung wäre sicher 18…..Da5! 19. Lc3 Lxc3 20. bxc3 Tg6 21. Se7+ Kh8 22. Sxg6+ hxg6! Wenn nun 23. Dd6 Kg8 mit Gegenspiel fur Schwarz
z.B., wenn 24. Db4 Dxa2 25. Dxb7 Dxc2 = gemäss Deep Rybka 3 Aquarium)

19. Txd1 Lxe5 20. Sh6+ (Der Beginn einer brillanten Kombination “à la Morphy”)

20….Kh8 21. Dxe5! Dxe5
22. Sxf7+ und Schwarz gibt auf 1:0

(Bild entfernt)

Endstellung

Aufgrund der Tatsache, dass im Laufe der Jahre äusserst zahlreiche Versionen schon analysiert wurden, halte ich mich mit meiner Meinung etwas im Hintergrund.

*********************

Der geneigte Leser soll aber wissen, dass diese Partie als Vorführpartie während der Pause eines musikalischen Ereignisses in der Musikakademie von New York gespielt wurde,

(Bild entfernt)

deren Leiter Prof. Marc Fonoraff für die Musikhochschule war.

Es ist durchaus möglich, dass Capablanca sich von dem
festlichen Ereignis so beschwingen liess und infolgedessen
“ein künstlerisches Werk” schaffen wollte, wobei er die
technische Genauigkeit mal zur Seite schob.

(Bild entfernt)

Mit anderen Worten ausgedrückt, wollte er vielleicht eine sehenswerte und verblüffende “Täuschung” hervorzaubern.

Sitges (Barcelona), im Februar 2015

Was und wo muss ich morgen opfern?

(Bild entfernt)

Mikhail Tal, Hauptdarsteller dieser Partie und der Anekdote

Präsentiert und illustriert von Frank Mayer

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Tal, Mikhail – Kuijpers, Franciscus Antonius

(Bild entfernt)

Erinnerungsturnier Aljechin, Moskau 1963

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Kommentare von Mikhail Tal:

Eine sonderbare Episode ereignete sich am Beginn des Turnieres.
Am Abend vorher und anlässlich der Geburtagsfeier einer meiner Freunde, äusserte man den Wunsch, dass ich am nächsten Tag während meiner Partie gegen den Holländer Franz Kuijpers
“etwas” opfern sollte.

“Was meinen Sie konkret?” fragte ich scherzhaft.

Antwort: “Zum Beispiel einen Springer auf e6.”

In der Tat hatte ich am nächsten Tag die lustige Unterhaltung vergessen und meine Partie begann mit einem ruhigen Gefecht, aber danach befanden wir zwei Spieler uns in grosser Zeitnot.
Somit fingen dann auch die Schwierigkeiten an.
Ich machte noch einen Zug. Die Zeitnot war vorbei, währenddessen stellte aber Kuijpers fest, dass das Matt unvermeidbar war und gab auf.

Nachstehend die Partie:

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 d6 6.c3 Lg4 7.Te1 Le7 8.h3 Lh5 9.Lxc6+ bxc6 10.d4 exd4 11.cxd4 0-0 12.Sc3 Te8 13.Lf4 Dd7 14.Tc1 h6 15.Dd3 Lf8 16.e5 Sd5 17.Lg3 Sb4 18.De3 Sd5 19.De4 Tab8 20.Sxd5 cxd5 21.Dxd5 Txb2 22.e6 Db5 23.Tc5 dxc5 24.Dxh5 Txe6 25.Txe6 fxe6 26.Se5 Ld6 27.Df7+ Kh7 28.Dg6+ Kg8 29.Dxe6+ Kh7 30.Dg6+ Kg8 31.Df7+ Kh7 32.dxc5 Dxc5 33.Sd7 Dd4 34.Lxd6 Dxd6 35.f4 Tb4 36.Sf8+ Kh8 37.Ce6 1-0

(Bild entfernt)

Endstellung

(Bild entfernt)

Draussen auf den Gängen wurde ich von meinem Freunden umringt, und sie brachten ihre Bewunderung zum Ausdruck:

“Bravo! Hast Du absichtlich so gespielt?”

Darauf fragte ich unschuldig: “Und was soll ich gemacht haben?”

Ein Freund: “Hast Du gezielt die Position so gewählt, dass der letzte Zug “Springer e6” war?”

Sofort erinnerte ich mich an das Gespräch am Vorabend und verstand durchaus, dass meine sportliche Autorität im Kreise der in schachlicher Hinsicht unbedarften Freunde enorm gestiegen war.
Um nun die Situation auszukosten, fragte ich mit einer himmlischen Überlegenheit:

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“Was soll ich denn morgen und wo opfern?”

Quelle: Richard Guerrero – Ajedrez Espectacular

Sitges (Barcelona), im Februar 2015

Das Schachspiel oder der Inbegriff des geistigen Gutes

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Copyright Marie-José Lemarchand, Madrid
Bibliothek des Mittelalters “Siruela”

Von Francisco J. Fernández (Web Master)

(Bild entfernt)

übersetzt und illustriert von Frank Mayer

Text:
Im Jahre 1549 veröffentlichte in Valladolid der Akademiker Martín Reyna eine spanische Fassung des Werkes

“Liber de moribis hominum et de officiis nobilium, sive super ludum scacchorum”

geschrieben von dem italienischen Schrifsteller
Jacobo de Cessolis, dominico Lombardo, der die Texte in den Jahren 1.300 und 1.330 erarbeitete.

Das, was uns der Verlag Siruela anbietet, ist eine mehr oder weniger überarbeitete Darstellung der damaligen Reyna-Übersetzung:

Es handelt sich hierbei um eine Fassung, die sich nicht unbedingt an die philologische Strenge hält, aber sie ermöglicht uns zumindest, in jenes kulturelle Universum einzusteigen, das so unterschiedlich ist gegenüber unseren heutigen Auffassungen.

Obwohl wir Schachspieler weniger ungebildet sind wie im allgemeinen andere Sportler, haben wir jedoch noch nicht das gewünschte Niveau erreicht.

(Bild entfernt)

Gemalt von Minas Avetisian

Ich stelle die Rezension dieses Werkes vor (mit einem ausserordentlichen Erfolg in der damaligen Zeit), um den geneigten Lesern die Dimension zu erklären, was das Schach (oder ludus scacchorum) seit seinen Anfängen darstellte, das heisst eine “moralische Dimension”.

(Bild entfernt)

gemalt von Nicolas Sphicas

Obwohl die Bezeichnung (des Wortes Schach) etwas altertümlich ist, glaube ich nicht, dass ihre Absicht so unterschiedlich war, um klar zu erkennen, was hinter den Erziehungsprojekten steht, die dafür kämpfen, dass das Schach in den Schulen gelehrt werden soll.

Gewiss ist, dass sich die religiöse Tendenz durch das ganze Buch zieht:
“Gegen den Teufel haben wir die Welt gewonnen, Christus befreite uns und gab uns dieses Spiel des Schachs zurück auf das Schachbrett des menschlichen Lebens (S. 124-5).


Wer aber erinnert sich nicht an Bobby Fischer, als er erklärte:

“Das Schach ist das Leben!”

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Die Kapazität, die unser Spiel hat, um allegorisch zu wirken, wurde vielfach erwähnt, und die Literatur hat sich dessen mehr als einmal bedient. (Hier werden verschiedene Quellen angegeben.)

Der Verdienst von Cessolis ist vielleicht der, dass er einer der Ersten war, der die “Gleichheit” systematisierte

Schach = Gesellschaft.

(Bild entfernt)

Gemalt von Helmut Lichtenegger, Graz

Um dieses Ziel zu erreichen, teilt er sein Werk in vier Abhandlungen auf:

1. Die Erfindung des Spieles
2. Die Herstellung der edlen Schachfiguren
3. Die öffentliche Anerkennung
4. Die verschiedenen Zugmöglichkeiten der Figuren

Auf diese Weise durchläuft man mittels der Rechtfertigung und Schachmetapher die mittelalterliche Gesellschaft, ihre Bekanntmachung in den verschiedenen Bevölkerungsschichten,
Diensten, Hierachien und Abstammungen.

Der Mikrokosmos des Schachbrettes erlaubt, sich in den Makrokosmos der Gesellschaft des 14. Jahrhundert zu versetzen

(Bild entfernt)

Gemalt von Guillaume de Tyr – 14. Jahrhundert

und all das gefüllt mit Beispielen aus der klassischen Antike:

– dutzende Anekdoten von Philosophen
– Fabeln
– Reime
– mehr oder weniger schwierige Geschichten

so gelenkt, um damit die Tugenden zu loben und die Laster zu tadeln.

Allerdings gibt es etwas Erstaunliches, das ich gern einmal kurz schildern möchte:
Man weiss gar nicht so richtig, wo der eigentliche Spieler seinen Platz hat, denn im Prinzip wäre die ihm zugedachte Figur
“Der Bauer vor der linken Rochade” (Feld “a2”),

die “Spieler, Schelme oder Schurken und Strolche” (S. 102) widerspiegelt,

(Bild entfernt)

Gemalt von José Montgrell Torrent

aber ich wage zu behaupten, dass diese Attribute eher denjenigen zuzuschreiben sind, die mit Würfeln spielen (jedoch der Zusatz von Cessolis, dass es sich hierbei um solche handele, die mit käuflichen Mädchen zu tun haben, ist sicher in diesem Zusammenhang nicht so wichtig.)

Also, wie zu erkennen ist, scheint die Lösung des lombardischen Herrn durchschaubar zu sein:

“Da eines der Heere von dem Teufel angeführt wird, kann das andere nur von dem eigentlichen Jesus Christus angeführt werden. Christus also als Schachspieler……”

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Den wirklich interessierten Turnier-Schachspielern von heute muss die von Cessolis empfohlene Form (oder Methode) erklärt werden, wie man ein Spiel nicht verlieren soll, d.h. ”nicht zu den Vergnügen, Ehrgefühlen und Reichtümern zu tendieren, weil man dadurch die Beurteilung der vollkommenen Vernunft und Diskretion verliert.” (S. 109)

Wenn einer von uns glaubt, dass jene Thesen nicht zu ihm passen, dann soll er einmal darüber nachdenken, wie oft er eine Partie aus einer ästhetischen Betrachtungsweise (Vergnügen) verloren, wie oft er an die Klassifikation am Schluss des Wettbewerbes oder an die Elo-Werte, die er gewinnen oder verlieren wird (Ehrgefühle), gedacht hat und wie viele Spiele mit einem friedlichen Remis wegen lächerlicher Geldprämien (Reichtümer) vereinbart hat.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Den Rest der in dem Buch vorgeschlagenen Lehren, können die
Leser bzw. Spieler so nutzen, wie sie es für richtig halten.

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Sitges (Barcelona), im February 2015

Das Schach gesehen mit den Augen von Intellektuellen:

S c h a c h

(Bild entfernt)


Gemalt von Paul Klee

Von José Rincón – übersetzt und illustriert von Frank Mayer

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Zwei Zwillingsheere,

die schonungslos kämpfen

auf dem engen Weg eines Schachbrettes.

Vierundsechzig Felder,

weisse und schwarze,

für zweiunddreissig Figuren.

(Bild entfernt)

Gemalt von Nicolas Sphicas

Ruhige Bauern,

hinter denen sich unruhige Krieger

verstecken.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Freibauern und Bauernpaare,

die schlimme Gefahren voraussagen.

Umgewandelte Bauern

als tödliche Metamorphose.

Teuflische Springer

suchen die doppelte Drohung.

(Bild entfernt)

Gemalt von José Ermithano Lugo Bulted

Selbstmörderische Läufer

speien wie Drachen

ihre tödlichen Feuer.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Verdoppelte Türme

erzwingen eine schreckliche Blockade.

Angegriffene Damen

und zerstörerische Damen.

Könige, die verteidigen

und Könige, die sich ergeben.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Schachs und Schachmatts.

(Bild entfernt)

Gemalt von José Manuel Terren Escriche

Vermeidbare Schachmatts,

vermiedene Schachmatts,

bekannte Matts,

vergessene Matts.

Remise durch Pattstellungen.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Routinezüge

und überraschende Kombinationen.

(Bild entfernt)

Komponiert von Jesús Encinar

Läuferpaare, die zu nichts dienen.

Doppelbauern, die gewinnen.

Figuren, die man gewinnt,

Partien, die man verliert.

Hinterhalte….

Das Schach ist so logisch,

dass es magisch wird.

(Bild entfernt)

Sitges (Barelona), Genuari 2015

Ein grosser Spieler im Glamour seiner Zeiten Héctor Decio Rossetto ( * 1922 +2009 )

(Bild entfernt)

Titelbild 1942

Zum Bestürzen aller weltweiten Schachfreunde verstarb am

  1. Februar vor 5 Jahren einer ihrer ganz grossen Spieler an einem Herz- und Atmungsversagen.

Die Tochenwache wurde in den Räumen des “Club Argentino de Ajedrez” in Buenos Aires gehalten.

Viele bekannte Persönlichkeiten und internationale Schachmeister erwiesen ihm die letzte Ehre:

(Bild entfernt)

Club de Argentino de Ajedrez, Buenos Aires

Rechts oben ein Schachbrett, auf dem die Endstellung aus der

berühmten Partie 1960 gegen Viktor Korchnoi aufgebaut ist.

Fünfmal wurde er argentinischer Meister (1941, 1944, 1947, 1961 und 1972).

In den 50iger Jahren bildete er die “goldene Legion” des argentinischen Schachs zusammen mit Miguel Najdorf, Oscar Panno, Julio Bolbochán, Carlos Guimard, Erich Eliskases und Herman Pilnik, eine Konstellation, die niemals mehr erreicht wurde.

Héctor Decio Rossettto vertrat sein Land auf 6 Olympiaden: Jugoslawien, Finnland, Holland, Bulgarien, Schweiz und Mazedonien. Mit der jeweiligen Mannschaft erzielte er die Vizemeisterschaft in Dubrovnik (1950), Helsinki (1952) –

dort die Goldmedaille als bestes 4. Brett – und Amsterdam (1954).

(Bild entfernt)

Die Olympiamannschaft 1952

Rossetto, Pilnic, Laurens, Maderna, Eliskases, Najdorf und

Bolbochan

(Bild entfernt)

Goldmedaille 1952

Sein Leben

Er wurde in Bahía Blanca am 8. September 1922 geboren, musste aber viel zu früh das Schicksal eines einsamen Kindes erleiden, da er schon mit einem Jahr seine Mutter verlor.

In den ganz jungen Jahren tireb er sich in den Bars und Cafés herum und entdeckte somit die Geheimnisse der Kartenspiele, Würfel, des Billards und des Schachs, das ihm am meisten gefiel.

Schon nur allein vom Zuschauen lernte er die Regeln und die Züge und verhältnismässig schnell entwickelte er sich zu einem starken Spieler, gewissermassen ein Naturtalent.

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Bereits mit 12 Jahren wurde er Stadtmeister von Bahía Blanca

Ab dem Jahre 1936 wurde er Berufsspieler und zog nach Buenos Aires.

Mit 19 Jahren wurde er zum ersten Mal argentinischer Meister

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1941

und 1945 reiste er in die USA, um an einem panamerikanischen Turnier teilzunehmen.

Dort tat sich für ihn eine neue Welt auf, die ihn begeisterte und gefangenhielt.

Er wurde nach Hollywood eingeladen und lernte dort Humphrey Bogart kennen, mit dem er Tag und Nacht dem Schachspiel frönte.

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Rossetto mit Humphrey Bogart und seiner Frau Lauren Bacall

Als kleine Anekdote erzählte Rossetto, dass Bogart Präsident eines Schachclubs war; sehr sympathisch und überhaupt nicht so “hart”, wie die in seinen Filmen dargestellten Rollen.

Weiterhin pflegte er die Freundschaft anderer berühmter Filmstars wie Marlene Dietrich, Charles Boyer, Carmen Miranda, Margarita Xirgú und Bing Crosby.

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Rossetto während einer Partie in Begleitung von Marlene Dietrich

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Rossetto am Brett und Carmen Miranda (mit gestreiften

Shorts und Umhang).

Die Filmwelt begeisterte ihn so sehr, dass er zeitweilig als Schauspieler tätig war und an mehreren Filmen teilnahm, jedoch vorzugsweise in Nebenrollen.

Allerdings zog es ihn wieder in seine Heimat nach Buenos Aires, und er trat dort als noch stärkerer Spieler auf. 1950 erreichte der den FIDE-Titel “Internationaler Meister”.

In jenem Jahrzehnt spielte er so erfolgreich, dass ihm sogar 1958 bei dem Interzonen-Turnier in Portoroz ein Remis gegen Bobby Fischer gelang, dessen Talent er sofort erkannte und ihm eine grosse Zukunft voraussagte, die sich dann auch erfüllte.

Er freundete sich mit Bobby Fischer an, lud ihn zu sich nach Hause ein und bald wurde dieser ein aufrichtiger Freund der Familie, die Rossetto inzwischen gegründete hatte.

Zwei Jahre später, im Jahre 1960 wurde Rossetto zum Grossmeister ernannt und konnte anlässlich eines Superturnieres

“Magistral 150º Aniversario” den späteren Sieger Viktor Korchnoj in Buenos Aires besiegen.

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Viktor Korchnoj vs. Héctor Rossetto 1960

Nachstehend die Partie:

Rossetto, Héctor – Kortschnoj, Viktor

Buenos Aires Buenos Aires (6), 30.06.1960

1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 g6 4.Ld3 Lg7 5.0–0 0–0 6.Sbd2 c5 7.c3 Sfd7 8.De2 Sc6 9.h3 Te8 10.Lb5 a6 11.La4 b5 12.Lc2 Lb7 13.Td1 e6 14.Sf1 Dc7 15.Ld2 Tac8 16.Tac1 e5 17.dxc5 Sxc5 18.b4 Se4 19.Le1 Sd6 20.e4 Sxe4 21.Lxe4 dxe4 22.Sg5 f5 23.a4 Sd8 24.axb5 axb5 25.Dxb5 Dc6 26.Dxc6 Lxc6 27.h4 Lf6 28.c4 h6 29.Sh3 Lxh4 30.b5 La8 31.Td6 Se6 32.Se3 Kf7 33.Ta1 Le7 34.Td7 Kf6 35.Lb4 Lxb4 36.Txa8 Sc5 37.Sd5+ Ke6 38.Te7+ Txe7 39.Txc8 Sb7 40.Sxb4 Td7 41.Sa6 Td1+ 42.Kh2 Sa5 43.b6 Tb1 44.c5 Kd5 45.Sg1 Tb2 46.Se2 Txe2 47.Sb4+ Kc4 48.c6 Tb2 49.c7 Kxb4 50.Ta8 Tc2 51.Txa5 Kxa5 52.b7 Txc7 53.b8D Tc6 54.Dxe5+ Ka6 55.Kg3 h5 56.Kf4 Kb6 57.Db8+ Kc5 58.Ke5 Kc4 59.De8 Tc5+ 60.Kf4 Kd3 61.Dxg6 Ke2 62.Da6+ Ke1 63.Da1+ Ke2 64.Db2+ Kf1 65.f3 Tc8 66.Ke3 Kg1 67.fxe4 fxe4 68.g4 1–0

(Bild entfernt)

Endstellung

Héctor Rossetto – Viktor Korchnoj

Auch im Format cbv.

In seiner weitreichenden Siegerliste standen ebenso gewonnene Partien gegen die Weltmeister Alexander Aljechin, Dr. Max Euwe und anderer Grossmeister wie B. Ivkov, L. Pachmann, O. Panno und noch viele mehr.

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Héctor Rossetto im Spiel mit Miguel Najdorf

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Rossetto zusammen mit drei Ex-Weltmeistern

Smyslov, Spassky und Petrosjan

Das Leben von Rossetto überschritt recht häufig das reine Schachspiel, da er auch Beziehungen zu der Politik pflegte.

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An dem Tag, als er Eva Perón kennenlernte

Die von dem argentinischen Schachverband zusammengestellte Olympiaauswahl, die im Jahre 1950 nach Dubrovnik reiste, wurde vorab von Eva Perón empfangen. Sie versprach der Mannschaft weitere kostenfreie Reisen in andere Länder unter der Voraussetzung, dass das Team gut abschneiden würde, was auch gelang. So konnten die Mitglieder noch in mehrere Länder fahren, um letztlich als Mannschaft alle Begegnungen zu gewinnen.

Héctor Rossetto erzählte immer voller Stolz, dass er bei seiner Rückkehr nochmals von Eva Perón empfangen wurde und sie ihm für seine Familie ein Haus auf Kredit vermittelte, “den ich aber auf Heller und Pfennig selbst zurückzahlte”.

Die Begegnung mit Marschall Tito

Als Anekdote bezeichnete er seine Begegnung mit dem Marschall Tito in Jugoslawien, der ein solch grosses goldenes Mundstück für seine Zigarren benutzte, die ihm natürlich ein Sekretär anzünden musste.

Seine Freundschaft mit Ernesto Che Guevara

Im Jahre 1964 spielte ich das Capablanca-Erinnerungsturnier in Kuba: mein Gegener war der Meister Silvino García.

Mitten in der Partie blickte ich einmal um mich und sah, wie “Che” auf mich zukam. Sofort erhob ich mich, um ihn zu begrüssen und sagte ihm: “ Es ist ein grossen Vergnügen, Herr Kommandant, Sie persönlich kennen zu lernen.

Er sah mich fest an und anwortete: “Sie sind derjenige, der mich nicht kennt, ich kenne Sie sehr wohl Meister Rossetto; ich war ein Anhänger von Ihnen, als ich Blitzpartien im Café Rex in der Avenida Corrientes in Buenos Aires spielte.”

(Anmerkung: Ernesto “Che” Guevara war gebürtiger Argentinier.)

Seit jenem Tag entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den Beiden, von der Rossetto bis an das Ende seiner Tage zehrte.

Unter seinen bevorzugten Geschenken befindet sich ein Holzkästchen mit den Schachfiguren von jenem legendären Capablanca-Erinnerungsturnier und dem eingravierten Namen Héctor Rossetto.

(Bild entfernt)

Rossetto beim Capablanca-Turnier 1964 gegen Sivlino García

im Hintergrund “Che” Guevara, der aufmerksam die Partie verfolgt

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Abbildung des vorbeschriebenen Schachkästchen

1972 gewann Héctor Rossetto zum letzten Mal die argentinische

Landesmeisterschaft.

Aber nach und nach zog er sich vom Turnierschach zurück, weil seine Gesundheit nicht mehr mitmachte und vor wenigen Wochen war nun sein Schachtraum mit 80 Jahren zu Ende, und er verstarb im Kreise seiner Familie.

Auch den Ablauf seiner Beerdigung bestimmte er noch zu Lebzeiten; wobei wohl der ergreifendste Augenblick war, als seine Tochter Cecilia, Schauspielerin und Sängerin von Beruf, sein Lieblingslied vortrug:

“Von den einfachen Dingen des Lebens…..”

Quelle: Carlos A. Illardo

Barcelona, Oktober 2014

Breitenschach für junge Damen (natürlich aus gutem Hause)

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gemalt von Dirc van Delf

(zwischen 1405-1410)

von Frank Mayer, Sitges (Barcelona)

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Vergangenheit:

In der Tat wurde das Schachspiel erst ab dem Mittelalter von Frauen ausgeübt.

Ihre Teilnahme an dem königlichen Spiel beschränkte sich einerseits darauf, sich zu Hause mit dem “göttergleichen” Gatten zu messen oder andererseits es mit einer Freundin als niedlichen Zeitvertreib anzusehen.

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gemalt von Frederick Judd Waugh

Die Mitbürger, die von diesem “schachlichen Treiben”

Mit dem Ehemann oder einem zukünftigen Anwärter auf das Ehebündnis erfuhren, sahen in dieser Zweisamkeit, sofern es sich nicht um den bereits Angetrauten handelte, als einen ernsthaften Schritt in Richtung einer Familiengründung.

Das Schach war also schon seinerseits für junge Damen eine günstige Gelegenheit, sich mit dem Ehekandidaten erst einmal auf dem Schachbrett auseinanderzusetzen.

In Übereinstimmung mit der Professorin für historische Wirtschaftsgeschichte in London und Cambridge, Mrs. Eileen Powers, wurde den jungen Damen aus “gutem Hause” in der damaligen Zeit die klösterliche Schulerziehung und folgender Lernstoff aufgetragen:

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Gegenwart:

Aufgrund der mehr als bedauerlichen Tatsache, dass man bei der Teilnahme an Open-Turnieren nach Spielerinnen – seien es nun ganz junge,

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jüngere, mittelreife oder ältere Damen – wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen muss, soll dieser Artikel insbesonders zu Gunsten von

Breitenschach für junge Damen

werben.

Meine lieben und hochverehrte Damen:

Bitte, bedenken Sie doch einmal die von Herrn Herbert Zapf

auf der Website vom DSB vorgetragenen Argumente:

“In einer Zeit, die von Schnelllebigkeit, Konsumdenken, Fremdbestimmung und durch ein hohes Maß an äußerer Ablenkung geprägt ist, wächst die Bedeutung von ausgleichender zur Besinnung und Selbstbesinnung führender Tätigkeit.

In dieser Hinsicht bietet das Schachspiel

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Gemalt von John Lavery

vielfältige Möglichkeiten. Abgesehen von den positiven Auswirkungen auf das menschliche Denken, enthält es eine Fülle von persönlichkeitsbildenden Aspekten.

Künstlerische, wissenschaftliche und sportliche Anteile lassen sich im Schach wiederfinden, individuell-erzieherische Momente kommen in gleichem Maße zum Tragen wie gesellschaftlich-soziale.

Deshalb kann das Schachspiel einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung des allgemeinen Bildungs- und Erziehungsauftrages unserer Schulen leisten……

Es ist nie zu spät, um das Schachspiel zu erlernen.

Auch, wenn die im Mittelalter gebotenen Lernstoffe inzwischen “überarbeitet” sind und heute noch nicht wieder in den Schulen den gewünschten Durchbruch erreicht haben, stellen wir Ihnen nachstehend eine Serie von Scherenschnitten vor, die Sie zum Nachdenken, Ermuntern und Umsetzen in die Tat anregen sollen:

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

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(alle Scherenschnitte aus Sarah’s Chess Journal)

Ist das nicht herrlich, auch durch das Schachspiel einem Partner näherzukommen?

P.S. Andererseits verlangt wirklich keiner, dass eine der aufstrebenden jungen Schachspielerinnen das Spielniveau der nachstehend abgebildeten Schönheit erreicht:

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Gemalt von Anibal López Lenci

Sitges (Barcelona), im Oktober 2014

Das Schach und das Leben

(Bild entfernt)

Gemalt von David Tobey

Sie standen sich gegenüber. Der Mensch mit dem Vorteil des ersten Zuges von Weiss; das Leben mit jener Ruhe zu wissen, dass alle Zeit der Welt zur Verfügung steht für Schwarz.

Der Anbruch des Tages gibt das Zeichen, die Schlacht zu beginnen – mit einem unendlichen Himmel als Zeuge.

Die Partie fängt an.

Die Soldaten auf beiden Seiten beeilen sich, in Stellung zu gehen, Körper an Körper.

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder.de

Sie beobachten sich gegenseitig. Die ersten Linien sind mit einer alles verzehrenden Geschwindigkeit besetzt.

Nun ist es an der Zeit, die schweren Geschosse aufzufahren.

Die Kavallarie hört den Ruf, verlässt ihre sichere Stellung und eilt in den Kampf. Jeder Springer besetzt schnell die strategischen Felder. Die Nachhut ist gedeckt. Die Soldaten schreiten sicher nach vorn. Es gibt keine Furcht in ihren Augen.

Es erklingen die Stimmen der Könige, die Befehle erteilen.

Die Offiziere (Läufer) treten auf den Plan und besetzen die Diagonalen.

Die Spannung steigt.

Die Stille ergiesst sich wie ein dicke Flüssigkeit auf das Brett.

Ein falscher Zug kann das Leben des Königs kosten.

Es ist die Zeit zum Nachdenken gekommen.

Die Augen des weissen Königs blitzen; sein Blick hat einen triumphierenden Glanz.

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Gemalt von Elke Rehder.de

Er gibt seinen Männern entschlossen die Befehle; es gibt keinen Zweifel.

Die Spannung steigt ins Unermessliche und die Soldaten treten in Aktion.

Das Schachbrett verschwindet; jetzt interessiert nur noch ein Feld.

Der weisse Soldat bohrt die Spitze seiner Lanze tief in die Brust des schwarzen Soldaten.

Dunkle Tropfen ergiessen sich wie Gottestränen über das Brett.

Der weisse Soldat, noch mit dem frischen Blut des Gegners an seinen Händen, spürt die Kälte des Schwertes des schwarzen Ritters in seinem Hals.

Sein lebloser Kopf liegt vor den Füssen seines Henkers; somit wird der Anfang einer Welle des Todes und der Rache angekündigt.

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Der weisse König stimmt mit Genugtuung zu.

Er denkt, dass er seinem Gegner eine Falle gestellt hat, aber das Leben ist eine erfahrene Spielerin.

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des schwarzen Königs.

Ein goldener Pfeil durchbohrt das Schachbrett, bis er in das Herz des weissen Offiziers eindringt. Der Blick des Läufers bleibt gleichmütig, auch angesichts des Todes.

Der schwarze König stimmt zu.

Die leblosen Körper häufen sich zu Berge.

Es gibt leider keine Zeit zu grossem Bedauern.

Der weisse König versteckt sich schnell hinter seiner königlichen Wache.

Der schwarze König befiehlt nun auch die Rochade.

Die Königinnen (Damen) schauen sich in die Augen.

Es ist die Stunde der Wahrheit; alles aufs Ganze!

Die weisse Dame gleitet mit einer vollkommmenen Eleganz in Richtung des Schlachtfeldes.

Der schwarze König beobachtet sie von seinem sicheren Hort aus, kaum einige Schritte entfernt.

Die schwarze Dame bewegt sich mit absoluter Genauigkeit, in dem sie die Flanke angreift, die vorher von der weissen Dame geschützt war.

Der weisse Läufer kommt dem Angriff zur Hilfe, wobei er mit seinem gespitzten Pfeil in die Richtung der schwarzen Festung zielt. Der weisse Soldat wartet resigniert auf sein Sterben;

man sieht keine Furcht in seinen Augen. Die schwarze Dame stellt sich vor ihn.

Der Atem des Soldaten kommt zum Stillstand. Die Dame nähert sich ihm und streift gefühlsam seine Lippen.

Wo vorher der Kopf des Soldaten ruhte, bleibt nur noch ein schneeweisser Schädel.

(Bild entfernt)

Gemalt von Robert Sgarra

Nun bewegt sich der weisse Berg, indem er sich mit der Kraft eines Sturmes gegen den schwarzen Bogenschützen wirft. Der Schütze fällt sofort um, weil er sich gegen solche entfesselten Kräfte nicht halten kann.

Der schwarze Soldat rächt sich ohne zu Zögern wegen des Ablebens seines Kamaraden.

Auf keiner Seite gibt es ein Mitleid; es werden nur Befehle ausgeführt.

Das ist die Wahl, die Du hast, um das Leben oder Sterben

zu bestimmen.

(Bild entfernt)

Die schwarze Dame hat sich verstrickt, wird gefangen und

niedergestreckt.

Die weisse Dame hat im Kampf überlebt.

Somit ergibt sich bei einer neuen Abwägung der Stellung ein grosser Vorteil für Weiss.

Die Dame hebt den Kopf und schreitet stolz auf den schwarzen König zu: “Schach!”, wiederholt sie.

Und immer und immer wieder, bis der schwarze König keinen Fluchtweg mehr hat: “Schachmatt!” ruft sie aus und streichelt mehr als zufrieden ihre eigenen Worte.

Der schwarze König entnimmt seiner Tasche eine kleine Kristallflasche und trinkt bis zum letzten Tropfen die darin enthaltene bernsteinfarbenene Flüssigkeit aus, schliesst die Augen und fällt wie vom Blitz getroffen um.

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Der Fall” gemalt von Damijan Fric

Die weisse Dame hebt die Königskrone vom Boden auf und zeigt sie in der Runde.

Der weisse König lächelt zum letzten Mal.

Das Spiel ist zu Ende.

Der Mensch lacht; er hat überlebt. Morgen wird ein anderer Tag sein und eine andere Schlacht ist zu schlagen. Und so wird er weitermachen, bis der letzte Teil des Seins so erschöpft ist, dass er keine Figur mehr auf dem Schachbrett halten kann; oder seines Körpers.

Dann ist es nicht mehr notwendig, dass er irgendeine Flüssigkeit trinkt; das Leben ist barmherzig und sendet den Tod auf die Suche nach seinem Schüler.

Das Leben ist geduldig; es weiss, dass es früher oder später gewinnt.

Das Schach und das Leben, unendliche Schlachten für den Menschen.

Das Schach, eine Miniaturausgabe des Lebens……

(Bild entfernt)

Der Mensch spielt eine Partie Schach mit dem Tod

(Das siebente Siegel 1957) – Regisseur Ingmar Bergmann

Quelle: Javier Vargas Caro

Sitges (Barcelona), im Oktober 2014

So eine Beleidigung!

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Ein Beitrag von RA Sergio Díaz, Buenos Aires

übersetzt, angepasst und illustriert von Frank Mayer

(Bild entfernt)

Einführung:

Tom Fürstenberg, im Vorspann des Buches über David Bronstein und sich selbst

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“Der Zauberlehrling”

(Seite 11 der 3. Ausgabe) erzählt, dass am Vorabend der letzten Runde des Staunton-Turniers in Groningen 1946

(Bild entfernt)

Miguel Najorf

gemalt von José Ángel Díaz Criado

Wetten über $ 500.—annahm, dass er in der noch anstehenden Partie gegen Mikhail Botvínnik sich nicht nur sehr siegessicher fühle, sondern auch seinen Gegener

“wie ein Huhn rupfen würde”.

Und tatsächlich geschah das, was Najdorf vorausgesagt hatte.

Nachstehend die entsprechende Partie:

(26678) Najdorf,Miguel – Botvinnik,Mikhail [E35]

Staunton Memorial Groningen (Runde 19), 1946

(Bild entfernt)

[Notierungen von NM Hebert Pérez García ]

1. d4 e6 2.c4 Sf6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 Die bevorzugte Variante des unvergesslichen Weltmeisters José R. Capablanca.

4…d5 5.cxd5 exd5

6. a3Eine Neuerung von Najdorf. Das Übliche ist und war 6. Lg5.

Offenbar wollte Najdorf von den “abgedroschenen” Wegen aus der Theorie abweichen, auf denen der mit seinen technischen Kenntnissen überlegene Botvínnik sicher Vorteile hätte.]

6…Lxc3+ 7.bxc3 c5 8.Sf3 Da5 9.Sd2!?Dr. Raúl Castelli in seinem Buch “Najdorf spielt und gewinnt” (1968) sagte: “dass sich Najdorf später dazu äusserte und klar zu verstehen gab, dass er sich mit diesem Zug schon positionell im Vorteil fühlte.” Castelli erklärte, dass er diese Worte von Najdorf in einer englischen Ausgabe über das Turnier gelesen habe.]

9…Ld7 10.Sb3 Da4 11.Db2 Sa6

12. e3[Auch verdient folgende Fortsetzung eine Beachtung: 12.Lf4 0–0!

13. e3+= aber nicht gut wäre für Weiss gewesen 13.Ld6?!Tfe8 14.Lxc5 Lb5!mit Gegenspiel für Schwarz.]

12…c4Dieser Zug wurde von vielen Kommentatoren kritisiert. GM Reuben Fine schlug dagegen vor: 12…cxd4 13.cxd4 (Stärker ist vielleicht 13.Sxd4!?HPG)13…0–0 14.Ld3 Tac8 15.0–0 Lb5=]

13. Sd2 0–0 14. Le2 b5[14…Lf5!? um dem Manöver Ld1, gefolgt von Lc2, zuvorzukommen usw.]

15. Ad1 Da5 16. Lc2 Tfe8 17.0–0 Tab8 18.Sf3 Dc7 19.Se5 Le6[Besser scheint 19…Sc5!? ]

20. f3 Sc5 21. Ld2 Sa4?!Eine Entscheidung, die sehr kritisiert wurde, da der Springer bei dieser Art von Stellungen schlecht steht. Es ist erstaunlich, dass derselbe Botvínnik in der Praxis solch einen Zug ausführt.

Der Meister Hans Kmoch riet zu folgender Variante: 21…Scd7 22.Sxd7 Lxd7 23.Tae1 (Nach unserer Meinung war für Weiss das nachstehende Bauernopfer sehr verheissungsvoll: 23.e4! dxe4 24.fxe4 Sxe4 25.Lf4 Sd6 26.Db4 Tb6 27.Tae1 und wenn jetzt 27…g6 28.Dc5 Dc6 29.Dg5±)23…Lc6 24.Db1 Db7=]

22. Db1 Tb6 23.De1+=[oder 23.Db4 Tb7 24.Tae1+= (24.Lxa4?! a5!)]

23…Sd7 24.Dh4 Sf8

25. e4! f6[Vielleicht wäre noch genauer: 25…dxe4 26.fxe4 f6 27.Sg4 Sg6 28.Dh5+=]

26. Sg4 Sg6 27.Dh5 Df7[Aktiver war folgende Verteidigung: 27…Lf7!? 28. e5 Sf8 29.Dh4 h5]

28. Tae1 Tbb8 29.Se3 Se7?![Besser war 29…Sb6 30.f4 Se7]

30. Dh4 f5?Erschwert die Situation von Schwarz. Im Prinzip wäre wohl besser gewesen: 30…Sg6 31.Dg3]

31. g4! f4?Ein neuer Fehler mit schwerwiegenden Folgen.

32. exd5!+- Sg6 33.dxe6 Txe6 34.Lxg6 hxg6 35.Sg2 Tbe8 36.Txe6 Txe6 37.Sxf4 Tf6 38.Dg5 Sxc3 39.Lxc3 Txf4

40. Kg2 und Botvinnik gibt auf. Eine sehr lehrreiche Partie, unabhängig von den begangenen Fehlern. Das Spiel von Najdorf war brillant. Es ist in der Tat ein richtiges Modell, wie man die Bewegungsmöglichkeiten zum Voranschreiten der Mittelbauern bei diesem typischen Schema der Nimzoindischen Verteigung ausnutzen kann.

1–0

(Bild entfernt)

Endstellung

siehe Partie:

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Fürstenberg fügt hinzu, dass Mikhail Botvinnik,

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Sieger dieses internationalen Turnieres laut der nachstehenden Tabelle:

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Vorstehend die ersten 6 plazierten Teilnehmer

Groningen 1946

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niemals “so eine Beleidigung” von Miguel Najdorf verzeihen konnte und “rächte” sich bald danach, als sich Ruben Fine von dem Den Hager-Moskauer-Turnier zurückzog, das 1948 abgehalten wurde, um den neuen

Weltmeisternach dem Ableben von Alexander Aljechin zu küren, und Mikhail Botvínnik sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Macht gegen die Teilnahme von

Miguel Najdorfaussprach.

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gemalt von Samuel Bak

Anmerkung: Letztlich setzte sich Mikhail Botvínnik nicht nur bei den Organisatoren sondern auch auf dem Schachbrett durch und wurde der neue Schachweltmeister.

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Quelle; chessgames.com

Sitges (Barcelona), im September 2104

Der Mann am Schachbrett

geschrieben von der Autorin “Aha”, D’dorf

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“Hier stehe ich und kann nicht anders….”

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Diese Geschichte ist so beeindruckend und einfühlsam, dass ich mir erlaube, sie illustriert wiederzugeben, damit noch mehr Schachfreunde sie geniessen können:

Schon auf der Autobahn ergriff mich ein seltsames Gefühl…

Vor drei Jahren hatte mein Vater darauf bestanden, in ein Seniorenstift zu ziehen.

„Mein Freund Paul aus dem Schach-Club wohnt auch im Elisen-Park“, erklärte er. „Ich muss nur über den Flur gehen, dann kann ich jeden Tag mit ihm Schach spielen.“

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gemalt von Claude Weisbuch

Für seine achtzig Jahre war Vater enorm fit. Deshalb traf es mich völlig unerwartet, als sein Freund Paul eines Abends anrief und mir schonend beibrachte, dass mein Vater ganz plötzlich gestorben sei.
„Friedrich hat nicht gelitten“, tröstete er mich. „Er griff sich ans Herz, als wir über einer besonders kniffligen Partie saßen, lehnte sich im Sessel zurück und schloss einfach die Augen.“

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Ich konnte es nicht fassen. Noch am Morgen hatte ich mit Vater telefoniert. Da hatte er sich prächtig gefühlt und mich gebeten, ihn nach Feierabend zu besuchen. Ich hatte mein Versprechen nicht halten können, weil ich wegen eines Geschenkes durch die Geschäfte gehetzt war. Als ich zwischendurch anrief, um Vater zu sagen, ich käme erst am folgenden Tag, hatte niemand den Hörer abgehoben. – Hatte er da noch gelebt?
Ich weinte vor Verzweiflung, weil ich ihn am letzten Tag seines Lebens so enttäuscht hatte.
Bei der Beerdigung lag eine Zentnerlast auf meiner Brust. Spät am Nachmittag spürte ich den Wunsch, noch einmal in Vaters Wohnung zu fahren. Zwischen den Dingen, die er zuletzt berührt hatte, wollte ich allein sein und an ihn denken.

Schon auf der Autobahn ergriff mich ein seltsames Gefühl.

Als ich in Vaters Apartment stand und sein Schachbrett betrachtete, wo jemand die Figuren wieder in Reih und Glied gestellt hatte,

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glaubte ich fast, er stünde neben mir. Sein Geist schien im Raum zu schweben, und so erzählte ich ihm stumm, wie unendlich traurig ich ohne ihn sei. In meinen Gedanken antwortete er mir, schlagfertig und humorvoll, wie er es auch im Leben getan hätte.

„Beim Schachspiel zu sterben, so ganz ohne Vorwarnung, ist bestimmt nicht der schlechteste Tod“, hörte ich ihn sagen. „Ich würde zu gern noch wissen, ob Paul seinen Läufer auf “f5” gesetzt hat.“
Ich glaubte fast, sein Lachen zu hören. Ganz allmählich löste sich meine Beklemmung, die Traurigkeit ließ sich besser ertragen. Ich nahm mir vor, Vaters Freund nach dem letzten Schachzug zu fragen, und irgendwie spendete mir dieser Gedanke Trost.

Auf dem Heimweg fuhr ich durch die Platanen-Allee hinter dem Elisen-Park, eine schöne Straße mit Blumenbeeten und weißen Bänken. Hier hatte Vater im Sommer gern gesessen, weil in die Steinplatten der Tische Schachbretter aus weißem und grauem Marmor eingelassen waren.

(Bild entfernt)

Jetzt, im Spätherbst, war der Park leer. Nur ein schlanker, weißhaariger Herr hatte an einem der Tische Platz genommen. Er schaute mir entgegen. Erst als ich auf seiner Höhe war, erkannte ich ihn: Es war mein Vater!

Vor Schreck trat ich voll auf die Bremse. Im selben Moment schoss ein Schatten an mir vorbei. Bremsen quietschten, ein Knall, ein Poltern … alles ging rasend schnell. Ein Auto hatte meinen Weg gekreuzt, war gegen einen Zaun geschleudert und dann in einem Rosenbeet zum Stillstand gekommen. Aus dem Wagen kletterten drei junge Männer mit blassen Gesichtern. Da erst wurde mir klar, was für ein Glück ich gehabt hatte: Der Fahrer hatte mit hohem Tempo ein Stoppschild überfahren; ohne meine Vollbremsung wäre es zu einem Unfall gekommen, der nicht so glimpflich ausgegangen wäre.
Mir zitterten die Knie. Ich stieg aus und schaute zur Bank zurück. Doch drüben auf dem steinernen Schachtisch kreiselten jetzt nur ein paar welke Blätter. Die Bank war leer.

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Ich kann es noch heute beschwören: Ich habe meinen Vater dort leibhaftig sitzen gesehen – eine Erscheinung, die mir vielleicht das Leben rettete.

Ein paar Tage später fragte ich Vaters Freund Paul nach dem letzten Schachspiel der beiden.
„Friedrich war auf der Siegerstraße“, meinte er schmunzelnd. „Ich hätte meinen Läufer wahrscheinlich auf “f5” gesetzt:

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Gemalt von Elke Rehder: Läufer “f5”

Dann wäre ich schachmatt gewesen und Dein Vater hätte gewonnen.“

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Quelle: OPINIO – Mediengruppe RP

Sitges (Barcelona) im September 2014

Ein Damenopfer für die Ewigkeit

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Zürich 1953

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Nachdem Weltmeister Alexander Aljechin 1946 gestorben war, beschloss die FIDE 1947 auf ihrem Kongress in Den Haag, ein Schachturnier mit sechs Teilnehmern zu veranstalten, um den neuen Weltmeister zu ermitteln. Michail Botwinnik, Max Euwe, Wassili Smyslow, Samuel Reshevsky und Paul Keres wurden auf dem Kongress ausgewählt. Der ebenfalls eingeladene Reuben Fine verzichtete auf die Teilnahme, und es blieb bei diesen fünf Kandidaten.

Das Weltmeisterschaftsturnier begann 1948, und danach wurde ein Turnier-System entwickelt um zu bestimmen, wer das Recht hatte, sich dem aktuellen Weltmeister zu stellen. Dieser Zyklus begann 1949 und dauerte 4 Jahre.

Das Turnier 1953 in Zürich war das erste Kandidaten-Turnier mit diesem System.

Das hohe Niveau der beteiligten Spieler war beeindruckend, so dass dieses Turnier als eines der stärksten in die Schachgeschichte einging.

Verschiedene von ihnen wurden später Weltmeister.

Außer Samuel Reshevsky (4º), der die amerikanische Staatsbürgerschaft hatte, und Miguel Najdorf (7º) aus Argentinien, waren die andern alle sowjetische Spieler:

Wassili Smyslov (1º), David Bronstein (2º), Paul Keres (3º), Tigran Petrosjan (5º), Efim Geller (6º), Alexander Kotov (8º), Mark Taimanov (9º), Yuri Averbach (10º) und Isaak Boleslawski (11º).

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Smyslov, Reshevsky, Keres und Bronstein in Zürich 1953

Das Turnier gewann Smyslov und somit erhielt er das Recht, gegen Botwinnik um die Weltmeisterschaft zu spielen. Die Begegnung wurde auf 12 Punkte festgelegt und endete unentschieden, so dass Botwinnik gemäß den geltenden Normen seinen Weltmeister-Titel behielt.

Von den gespielten Partien ragt eine für die Ewigkeit heraus mit einem spektakulären Damenopfer seitens Alexander Kotow, das den weißen König zwang, seine “Festung” zu verlassen und die Aufgabe nach weiteren 21 Zügen zu akzeptieren.

Y. Averbach (URSS) – A. Kotow (URSS)

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Aleksandr Aleksándrovich Kótov (geboren in Tula, Russland am 12. August 1913, gestorben am 8. Januar 1981) war ein sowjetischer Schachspieler.

Seine Familie gehörte zur Arbeiterklasse. Wenig weiß man von seiner Kindheit und seiner schachlichen Jugendzeit. Er studierte und wurde Ingenieur. Im Jahre 1939 zog er nach Moskau, wo er seinen ständigen Wohnsitz hatte.

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Kommentiert von dem NM Hebert Pérez García aus Holland:

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Königsindische Verteidigung (A55) Kandidaten-Turnier (14.) Zürich am 23.9.1953:

1. d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sf3 Sbd7 4.Sc3 e5 5.e4 Le7 6.Le2 0–0 7.0–0 c6 8.Dc2 Te8 9.Td1 Lf8 10.Tb1 a5 11.d5 Sc5 12.Le3 Dc7 13.h3 Ld7 14.Tbc1 g6 15.Sd2 Tab8 16.Sb3 Sxb3 17.Dxb3 c5 18.Kh2 Kh8 19.Dc2 Sg8 20.Lg4 Sh6 21.Lxd7 Dxd7 22.Dd2 Sg8 23.g4 f5!?(Weiß hat zwei Vorteile: einen besseren Läufer – denn der schwarze Läufer auf f8 wird von seinen Bauern behindert – und mehr Raum; aber Kotov sieht, dass der weiße König weniger geschützt ist als seiner) 24.f3 Le7 25.Tg1 Tf8 26.Tcf1 Tf7!?(Schwarz hätte eine solide Stellung nach [26…f4], aber Kotov riskiert weiter)] 27.gxf5 gxf5 28.Tg2?(Awerbach musste eigentlich verstehen, dass es der Augenblick war, das Zentrum zu öffnen, um seinen besseren Läufer und die Kontrolle von e4, sei es nun mit [28.exf5 oder mit; 28.f4! )] 28…f4! 29.Lf2 Tf6! 30.Se2

(Bild entfernt)

(Gesegneter Fehler, der zu einer der brillantesten Kombinationen in der Schachgeschichte führt; richtig war 30.Tg4 ) 30…Dxh3+!!

Gemäß EGM Rudolf Teschner: Als Kotow diesen Zug ausführte, ging ein starkes Raunen durch die anwesenden Zuschauer.


31.Kxh3 Th6+ 32.Kg4 Sf6+ 33.Kf5 Sd7(macht den Platz frei für den anderen Turm) 34.Tg5 Tf8+ 35.Kg4 Sf6+ 36.Kf5 Sg8+ 37.Kg4 Sf6+ 38.Kf5 Sxd5+ 39.Kg4 Sf6+ 40.Kf5 Sg8+ 41.Kg4 Sf6+ 42.Kf5 Sg8+ 43.Kg4(nach einigen Zweifeln versteht Kotow, das der weiße König dem Tode geweiht ist, wenn auch langsam.) 43…Lxg5 44.Kxg5 Tf7! 45.Lh4 Tg6+ 46.Kh5 Tfg7!(droht matt auf h6) 47.Lg5 Txg5+ 48.Kh4 Sf6(matt auf h5) 49.Sg3 Txg3 50.Dxd6 T3g6 51.Db8+ Tg8,

(Bild entfernt)

und Averbach gab auf: 0–1

Partie zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Abschlusstabelle

(Bild entfernt)

Zum Vergrössern bitte draufklicken

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Quellen: chess.com – chessgames – Wikipedia org

Sitges (Barcelona), im September 2014

Das Verbot Schach zu spielen

(Bild entfernt)

Die Geschichte

Im Laufe der Geschichte wurde das Schachspielen von allen monotheistischen Religionen wie die der Juden, Christen und Mohammedaner in verschiedenen Epochen verboten.

Dazu gehörten Länder wie Russland, Deutschland, Persien und viele andere, die das Schachspiel untersagten;

sogar die damaligen Templer erhielten zeitweise das Spielverbot.

Dies hört sich für unsere heutige Auffassung doch recht seltsam und fast unglaublich an.

Warum also wurde das Schachspiel in seiner Geschichte so verfolgt und verboten?

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Vielleicht liegt einfach die Ursache darin, dass viele Geistliche oder Herrscher nicht wollten, dass das normale Volk sich im Nachdenken übt. Wer weiss?

Eigentlich ist es kaum zu erklären….

Erschreckend waren damals die sogenannten “Glaubensgerichte”.

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Dort wurde in der Tat “lebendes Schach” gespielt und zwar zwischen Blinden und gewöhnlichen Menschen, die man als grosse Schachfiguren verkleidete.

Wenn ein Blinder oder “menschliche Figur” geschlagen wurde, erfolgte kurz darauf die Hinrichtung.

Nun wollen wir uns nicht in Einzelheiten verlieren , aber doch einen kleinen Streifzug durch die Jahrhunderte machen, wobei wir nur die krassesten Fälle zitieren, um den geneigten Leser zwar aufzurütteln, aber auch nicht zu langweilen.

Das Schach (“shtranj”) wurde ganz öffentlich und ohne Einschränkungen nach dem Tod von Mohammed im Jahre 642 n. Chr. gespielt.

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Allerdings missbilligte sein Schwiegersohn, der Kalif Ali Ben Abu-Talib, bereits im Jahr 655 die Ausübung des Spieles in seiner über das ganze Land verbreiteten Sekte wegen der Ähnlichkeit der Figuren in deren Religion.

Die Folge war, dass im Jahre 680 die fünfzigste Ordensregel das Schach als verboten erklärte.

Jedoch das Lustige daran war, dass die Kalifen unter sich durchaus Schach spielten und auch starke Spieler unter ihrem Einfluss standen und gefördert wurden.

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Wir überspringen gut zwei Jahrhunderte und befinden uns im Jahre 810; in einer Zeit, als die grössten und besten Schachspieler so bekannt und berühmt wurden, so dass sogar die Kalifen sie finanziell unterstützten.

Ebenfalls wurde die noch heute gültige Bezeichung “Grossmeister” von dem Kalifen al-Ma’mun in jenem Jahr eingeführt.

Um 900 wurde auch in Indien das Schach sehr ernst genommen, wobei allerdings eine grausame Variante gespielt wurde, indem man seine Finger verwettete.

Wer verlor, dem wurde ein Glied abgehackt.

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Nach der Jahrtausendwende entwickelte sich das Schach als eines der beliebtesten Spiele unter den (katholischen) Klerikern, sodass die Geistlichen mehr Zeit dem Schachspielen widmeten als dem Ausüben ihrer religiösen Pflichten.

Um das Jahr 1.100 wurde das Schach in England als eines der gehobenen Gesellschaftsschicht vorbehaltenes Spiel angesehen, so auch allmählich in den anderen europäischen Ländern.

Allerdings waren Frauen davon ausgeschlossen.

Während der Kreuzzüge wurde das Schach immer populärer, doch zu jener Zeit verdammte der englische Schriftsteller Alexander Neckham das Schach als ein frivoles Spiel.

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Um 1.200 hatte sich das Schach bei der jüdischen Bevölkerung als ein sehr beliebtes Spiel entwickelt, wurde aber von dem Rabbiner Maimonides in die Reihe der verbotenen Zeitvertreibe eingeschlossen.

Auch in England verbot der Erzbischof von Canterbury, John Peckham, das Schach und drohte seinen Gläubigen mit einer Art von Diät mit Brot und Wasser, wenn sie wieder rückfällig würden.

In Deutschland verbot man offiziell das Schachspiel im Jahre 1310 auf der Ratsversammlung in Trier.

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Erst im Jahre 1329 wurde das Verbot auf der Synode von Würzburg gelockert.

Frankreich durfte nicht draussen bleiben. Also erlaubte

Karl V (1337-1380) auch dort das Schachspiel nicht.

Selbst Karl VI (1368-1422) unternahm nichts, das Verbot in Frankreich ausser Kraft zu setzen, verlor aber im Laufe der Zeit das Recht dazu und somit auch die Gefolgschaft.

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gemalt von Jan Cornelisz Vermeyen

Gegen Ende des 14. Jahrhundert hatte sich das Schach in Europa aber soweit eingebürgert, dass es nur noch örtlich verboten werden konnte.

Im Jahre 1550 erwähnte die Heilige Therese von Avila , eine Reformerin des spanischen Konventes, in ihren Schriften die Ethik und das Schach.

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Folglich übernahmen die kirchlichen Oberhäupter in Spanien die Schirmherrschaft für die Schachspieler.

Einen Querkopf gab es jedoch immer unter den Herrschern. In diesem Fall war es 1551 der Zar Ivan IV (1530-1584), “Ivan der Schreckliche”, der in ganz Russland das Schach verbot.

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Wie konnte es anders sein, etwas Negatives kann man immer finden.So passierte es, dass im italienischen Cremona

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eine Seuche ausbrach und letztlich allen Gesellschaftsspielen die Schuld zugeschoben wurde, was ein offizielles Verbot zur Folge hatte, einschliesslich Schach!

Kommen wir wieder zurück nach Russland. Selbst dort wurde im 17. Jahrhundert von dem Zar Alexei (1626-1676) nochmals das Schachverbot bestätigt.

In unserer Betrachtung dürfen die Puritaner nicht fehlen, und auch sie waren gegen das Schach und rieten von dessen Ausübung ab.

Nun müssen wir aber eine Lanze zu Gunsten der späteren geistlichen Oberhäupter brechen wie Tomas Becket (Erzbischof von Canterbury), Charles Borromeo (Bischof von Mailand), Papst Gregor VI, Papst Inocencio II, Papst Johannes Paul I, Papst Johannes Paul II, Papst Leo X, Papst Leo XIII, Kardinal Richelieu und Billy Graham als evangelischer Prediger aus den USA.

Da bekanntlich Ausnahmen die Regeln bestätigen, verbot der Ayatollah Khomeini das Schachspiel nach seiner Rückkehr in den Iran.

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Somit war vor nicht allzu langer Zeit, der Iran das einzige Land der Welt, wo nicht Schach gespielt werden durfte.

Des Ayatollah’s Begründung lag darin, dass das Schach das religiöse Erinnerungsvermögen beeinträchtigen und geistige Schäden verursachen könne. Ausserdem fürchtete er, dass eine zu Kriegen führende Angriffslust entstände!!

Sicher können wir uns alle noch daran erinnern, dass unter dem Schah von Persien das Schachspiel mehr als gefördert wurde. Es war allerdings das einzige arabische Land, das internationale Schachturniere organisierte und sogar die 22.Schacholympiade im Jahre 1976 in Haifa (Israel) organisierte.

Abschlusstabelle

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Nun darf auch einmal geschmunzelt werden:

Selbst 1996 wurden das Schach und die Mitgliedschaft bei sonstigen Vereinigungen fuer Schüler der Mittelklassen in Salt Lake City, Utah, verboten, deren Leitung den Mormonen untersteht.

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Mormonisches Schriftbild

Einige der trotzdem gegründeten 30 Vereine, einschliesslich Schachklubs, wurden noch bis Ende 1997 nicht erlaubt.

Aber inzwischen haben die Mormonen auch elektrisches Licht zu Hause, so dass nach getaner Tagesarbeit dem Schachspiel in den Abend- und Nachtstunden eigentlich nichts mehr entgegenstehen dürfte.

Vielleicht würde es sich lohnen, einmal hinzufahren, um die Umstände zu überprüfen.

Nun zum Schluss doch noch eine betrübliche Nachricht:

Die Vorteile des Erlernens und Spielens des Schaches ist bei manchen Moslems immer noch nicht angekommen, da sie nach wie vor davon ausgehen, dass das Schach eine Sünde sei.

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Nun ja, wer so glaubt, der wird vielleicht auch seelig!

Quelle: Nuestro Círculo, Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Sitges (Barcelona), im August 2014

Die letzte Partie

Der Gewinner

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Gemalt von Richard Earl Thompson (1914-1991)

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von Néstor Quadri, Buenos Aires

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Des Großvaters nachdenkliche Blicke, die sich hinter seinen dicken Brillengläsern versteckten, wurden abrupt unterbrochen, als sein vierzehnjähriger Enkel ihn erwartungsvoll anblickte. Die Schachpartie war für den Jungen die übliche Sonntagsbeschäftigung nach dem traditionellen Mittagsbraten im Haus seiner Eltern.
„Nun mal los: Opa, heute wird Dich Deine Endspielkunst nicht retten.“

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Gemalt von Ilija Penusliski

Mit seiner typischen Ruhe vertiefte sich der Großvater in die Position auf dem Brett und zugleich zeigte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht. In seinem Kopf wanderten verschiedene Kombinationen hin und her und sagten ihm seinen Sieg voraus.
„Opa, diese Geschichte geht zu Ende“, sagte das Kind voller Überzeugung, als der Großvater sorgsam seinen Springer zog.

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gemalt von Elke Rehder

Als der Enkel noch ganz jung war, hatte er schon das Schachspiel erlernt und begonnen, eine Schachschule in der Nachbarschaft zu besuchen, um sein Niveau zu verbessern.

Er spielte schon sehr präzise und verließ sich auf sein Gedächtnis, das schon so viele Eröffnungsvarianten gemeistert hatte.

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Gemalt von Elke Rehder

Sein Großvater hingegen hatte sich vom Schachwettkampf zurückgezogen und lebte im „schachlichen Ruhestand“. Seit seiner Jugend hatte er Erfahrungen in zahlreichen Turnieren erworben und jetzt setzte er alles auf seine Kunstfertigkeit in den Endspielen.

„Für Dich ist das Spiel immer nur eine Art von Geschichte“, sagte sein Großvater. „Aufgrund Deiner Kenntnis früherer Studien, Analysen und Spielverläufe versuchst Du zu gewinnen, kennst viele Details, Varianten, Eröffnungen und Mittelspiele, aber für eine Schachpartie ist das nicht genug. Es entscheidet sich im Endspiel, wenn der Überraschungsangriff und der endgültige Gnadenstoß kommt“, bekräftigte er.

„Das, was Du sagst, Du hättest nie das Schach studiert und nur nach Deinem Gefühl gespielt, kann man nicht glauben“, erwiderte sein Enkel.
„Das habe nicht ich gesagt, sondern kein Geringerer als der große Capablanca“, antwortete der Großvater.

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José Raúl Capablanca 1931
Foto © Cleveland Public Collection

„Du musst die Endspiele trainieren, wenn Du erfolgreich an Schachturnieren teilnehmen willst“, betonte er.
Sein Enkel reagierte nicht. Er wusste zwar, dass sein Großvater vollkommen Recht hatte, war aber zuversichtlich, einen Damentausch zu erreichen. Er war sich sicher, nicht zu verlieren, denn die Partie war recht ausgeglichen, und er hatte im Prinzip alles gut durchgerechnet.
Allerdings kam er nicht aus dem Staunen heraus, als ihm sein Großvater nach wenigen Minuten des Schweigens die nächsten Züge mit seinem unvermeidlichen Lächeln ansagte „Mit einem Schach bist Du verloren, weil ich alle Figuren tauschen werde, und sich dadurch für mich ein Endspiel mit einem Freibauern ergibt gegen Deine rückständigen Doppelbauern.“

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Gemalt von Elke Rehder
Der Enkel machte eine Geste, die seine Überraschung offenbarte. Er überlegte lange Zeit, indem er die Position nach allen Varianten hin- und her untersuchte, aber der Verlust war offensichtlich.
„Vielleicht hättest Du nicht den Vorteil, wenn ich den Damentausch ablehnen oder umgehen würde“, sagte er schließlich zum Großvater und mit Resignation legte er lächelnd seinen König auf das Brett.

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Gemalt von Elke Rehder
In den folgenden Jahren machte die Qualität seines Spiels große Fortschritte und die Schachkarriere des Jungen war wirklich kometenhaft. Er gewann zahlreiche Turniere in seinem Heimatland. Es wurde klar, dass in der Schachwelt ein neuer Stern aufgegangen war mit anderen Sichtweisen, anderen Konzepten und anderen Ambitionen.
Mit 22 Jahren hatte er seinen großen Durchbruch. Er qualifizierte sich für sein Land und nahm an einem großen internationalen Turnier unter Beteiligung der weltbesten Spieler teil. Er hatte den Wunschtraum, dass sich die Türen der Anerkennung für alle Zeit seines Lebens öffnen würden.
Bei diesem Turnier zeigte er eine tolle Leistung und war bis zur Schlusspartie ungeschlagen. Die letzte Partie sollte die entscheidende sein. Unser junger Freund hatte Weiß gegen den Favoriten, der durch seine Erfahrung als einer der besten Spieler der Welt galt.
In dieser letzten Partie brauchte der Favorit nur Remis zu spielen, um das Turnier zu gewinnen, also spielte er mit Schwarz die sehr starke französische Verteidigung. Doch dem jungen Spieler gelang ein kleiner Vorteil in der Eröffnung und untergrub auf strategische Weise die Verteidigung seines Gegners, bis sie das Mittelspiel erreichten.
Schließlich kamen sie ins Endspiel, dessen Bewertung schwer zu definieren war, aber der Junge überzeugte durch sein meisterhaftes und präzises Endspiel alle Analysten, hierin nichts weniger als die Seele des großen Capablanca zu sehen.

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Als der Favorit völlig erschöpft und niedergeschlagen war, gab er dem Jungen seine Hand um aufzugeben. Tränen der Freude überfluteten die Augen des Jungen. Mit starkem Applaus umringte ihn eine Gruppe von Freunden und Förderern, um ihm zu gratulieren, während einige Journalisten Fotos machten und seine ergreifenden Worte aufschrieben.
Offensichtlich war an dem Schach-Firmament ein neuer leuchtender Stern erschienen, weil dieser junge Spieler mehrere qualifizierte Gegner in diesem wichtigen internationalen Schachturnier vernichtend geschlagen hatte.

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Gemalt von Nicolas Sphicas
Und in diesen Momenten des Glückes musste er an seinen geliebten Großvater denken, der vor einigen Jahren von dieser Welt gegangen war und ihm seine Lehren und Ratschläge hinterlassen hatte.

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Gemalt von Vieira da Silva

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Sitges (Barcelona), im August 2014

Max Harmonist – Ballet und Schach

*1864.02.10 + 1907.10.16
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In der Veröffentlichung „Reflexionen über das Monte-Carlo-Turnier“ schrieb Emanuel Lasker in der Fachzeitschrift „Schachmatt“ im Februar 1903 Folgendes:
Zu Beginn des Jahres 1880 hatten sich mehrere junge Männer, die meisten von ihnen Studenten, daran gewöhnt, sich in einem Berliner Café zu treffen und ihre Nachmittage mit dem Spielen von Schachpartien oder sich deren Analysen interessanter Positionen zu widmen.

Diese jungen Männer (unter ihnen Siegbert Tarrasch, C. von Bardeleben, B. Lasker, W. Cohn und Max Harmonist) erarbeiteten auf der Grundlage der Ideen von Wilhelm Steinitz einen eigenen Stil, der zu späterer Zeit bei den Turnieren Früchte trug.
Zu jener Zeit war das deutsche Schachleben durch eine tiefe Enttäuschung belastet. Im Jahr 1881 waren die Vorbereitungen für ein internationales Turnier in Berlin getroffen worden. Adolf Anderssen war schon vor drei Jahren gestorben, und jeder machte sich so seine Gedanken, welcher seiner Schüler seinen Platz einnehmen würde. Aber, ach! die aus dem Ausland hinzugekommenen Spieler besiegten die deutschen Meisterspieler. „Die Depression“, die das deutsche Schachleben belastete, wurde in den folgenden Jahren noch schlimmer.

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In Nürnberg im Jahre 1883, in Hamburg 1885, in Frankfurt am Main 1887 waren englische und amerikanische Mitstreiter immer überlegen. Doch plötzlich und fast wie ein Akt der Befreiung endete die Überlegenheit der ausländischen Meister.
Es war in Breslau, als im Sommer des Jahres 1889 eine Wandlung eintrat, denn zum ersten Mal zog der jugendliche „Schach-Siegfried“ seine unverwundbare Panzerrüstung an und vernichtete mit seinem Schwert seine Feinde. Der „Siegfried“ war Dr. Siegbert Tarrasch und sein eiserner Mantel, in den er sich eingehüllt hatte, war das Vertrauen in die siegreiche Kraft der aufeinanderfolgenden Gedanken, die absolut logisch waren, und der Objektivität des Handelns, die absolut eindeutig war. Seine Panzerrüstung war unverwundbar; nicht in einer einzigen Partie war er seinem Gegner unterlegen.

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gemalt von Elke Rehder

Über diese epochale Leistung war die Begeisterung groß, umso mehr, weil es nur der Anfang von noch größeren Taten war. Im nächsten Jahr ging Dr. Tarrasch nach Manchester, wo er seine Gegner in der gleichen Weise besiegte. Dann folgte eine fast ununterbrochene Karriere der Siege bis hin in das Hastings-Turnier 1895.
Laskers Lob über Tarrasch 1903 befremdet bei der Gegenüberstellung, ihre Fehde während der Weltmeisterschafts-Verhandlung fünf Jahre später zu lesen.
Zur besseren Orientierung ist das Lebensalter der von Lasker im Jahr 1880 erwähnten Spieler nachfolgend angegeben:
Siegbert Tarrasch – 18

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Curt von Bardeleben – 19
Berthold Lasker – 20
Wilhelm Cohn – 21
Max Harmonist – 16
Emanuel Lasker, der sich nicht selbst erwähnte, war damals 12 Jahre alt.

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Mit 11 Jahren verließ Lasker seine Heimat, um bei seinem Bruder Berthold in Berlin zu leben und dort die Schule zu besuchen. Er lernte schnell und nicht nur Schach zu spielen. Um sein Spielniveau zu verbessern, griff er zur Selbsthilfe und spielte im Café Kaiserhof für Einsätze.

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Café Royal

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Hotel und Café Kaiserhof

Von all den genannten Spielern war Max Harmonist recht ungewöhnlich. Er war nämlich ein Balletttänzer. Die meisten sagten, er sei reif für das Royal Ballet, aber es gab kein Royal Ballet in Preußen. Harmonist arbeitete an der Berliner Königlichen Oper, die eine Gruppe von Ballett-Tänzern beschäftigte.

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Chess dancer, gemalt von Elke Rehder

In den frühen 1880er Jahren war Harmonist immer noch ein sehr kleiner Junge und auf der Tanzfläche noch recht unbeholfen. Er begann die Schachcafés „Kaiserhof“ und „Royal“ zu frequentieren, wo man sich dem Schach und anderen Spielen widmete. Er schaute zu, beobachtete die Züge und spielte gelegentlich eine Partie. Harmonist schien einer jener seltenen Menschen gewesen zu sein, der die Ideen im Schach wie ein Schwamm aufsog. In kurzer Zeit nannten ihn seine Freunde „der kleine Morphy“ oder „Little Morphy“

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sowohl aufgrund seiner Größe als auch wegen seines angeborenen Talentes. Harmonist interessierte sich sehr für alle kulturellen Aspekte, ob es Literatur, Kunst oder Musik war. Obwohl seine Gesamtergebnisse im Schach nicht besonders gut waren, ist es erstaunlich, dass Schach wohl eines seiner bevorzugten Interessen war. Man mag sich fragen, was er wohl mit einer gezielten Ausbildung und genügend Zeit, sich dem Spiel intensiv zu widmen, erreicht haben könnte. Er gewann einige brillante Einzelpartien gegen die besten Spieler seiner Zeit.

Nachstehend ein Beispiel:

ISIDOR GUNSBERG vs MAX HARMONIST

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[kommentiert von NM Hebert Pérez García]

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Gunsberg, Isidor

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– Harmonist, Max [C50]

DSB–05.Kongress Frankfurt (9), 1887

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5

4.d3 (Weiss zieht es vor, eine langsame Entwicklung anzustreben, um das Zentrum zu gegebener Zeit mit seinen Figuren zu öffnen.

Diese Strategie kennt man unter dem Namen “Giuoco Pianisimo”.

Schwarz kann verhältnismässig leicht ausgleichen.)

4..d6

5.Le3[die üblichere Variante ist: 5.c3!? Sf6 6.0–0 0–0 7.Lb3 etc.]

5…Lb6[Vielleicht ist es genauer, wie folgt zu spielen: 5…Lxe3 6.fxe3 Sf6 etc.]

6. Sbd2 Sf6 7.Sf1 d5= [Schwarz hat nunmehr die Stellung ausgeglichen.]

8.exd5 Sxd5 9.Dd2[9.Ld2 0–0 10.Sg3] 9…h6 10.0–0–0 Le6

11. Lb5[Besser ist: 11.Sg3]

11…Dd6 12.Sg3 f5

13. Lxb6[Die Öffnung der “a”-Linie erlaubt Schwarz, einen Angriff auf den gegnerischen König einzuleiten.Sicher war es vorsichtiger, wie folgt fortzusetzen: 13.The1]

13…axb6

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Weiss zieht.

14.Sxe5?[Es sieht so aus, dass es sich hier um eine interessante Kombination handelt. Aber in der Tat ist es ein schlimmer Fehler. Hier musste wie folgt gespielt werden: 14.Lxc6+ bxc6 15.c4 Sf4 16.Sxe5 Dxe5 17.The1 Dd4 18.Sxf5 Dd7 19.Dxf4 0–0 20.Sxh6+ gxh6 21.Dxh6 Lf5 22.Te3 Lh7 mit Chancen auf beiden Seiten, aber noch unklarem Spiel.]

14…Dxe5?[Die starken modernen Programme zeigen an, dass Schwarz einen entscheidenden Vorteil erzielen könnte mit 14…Txa2! 15.Kb1 0–0! 16.Sxc6 Tfa8 17.c3 T8a3–+. In der Tat handelt es sich hier um eine äusserst schwierige Variante, die für “menschliche” Schachspieler kaum erkennbar ist.]

15.Tde1 Txa2 16.c4 0–0[ Hier hätte man auch folgende Fortsetzung in Betracht ziehen können: 16…Df4 17.Txe6+ Kd8 18.Lxc6 bxc6 19.cxd5 Ta1+ 20.Kc2 Da4+ 21.Kc3 Da5+ 22.Kc2 Da4+=]

(Bild entfernt)
Weiss zieht.

17.Lxc6[Schrecklich wäre, die Dame zunehmen 17.Txe5?? 17..Ta1+ 18.Kc2 Sd4#]

17…Dd4 18.Lxd5 Lxd5

19.cxd5?![Mit dem listigen Zwischenzug 19.Se2!, und wenn dann 19..Dc5 20.b4 Txd2 21.bxc5 Txd3 22.cxd5± erreicht Weiss einen klarten Stellungsvorteil.]

19…Ta1+ 20.Kc2 Da4+ 21.Kc3 Da5+

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Weiss zieht.

22.b4?[Ein unverständlicher Fehler des GM Isidor Gunsberg.

Mit 3-facher Zugwiederholung würde die Partie remis sein 22.Kc2 Da4+ 23.Kc3 Da5+= Nachdem Gunsberg die Partie forciert, verliert er auf verschiedene Weise.]

22…Ta3+–+[ Auch führt zum Gewinn: 22…Da3+ 23.Kc4 (23.Kd4 Ta2–+)23…Ta2 24.Dc3 b5+ 25.Kd4 c5+ 26.Dxc5 (26.bxc5?Da4+–+; 26.dxc6? Td8+–+)26…Db2+ 27.Dc3 Dxf2+ 28.Te3 Df4+ 29.Te4 fxe4 30.Sxe4 Te8–+]

23.Kd4 c5+–+[23…Ta4–+]

24.Ke5[24.Ke3 cxb4 25.f4 Ta2 26.Dc1 Dxd5–+]

24…Da8[24…Db5–+]

25.Kf4 Dd8–+[25…Ta2–+]

26.Db2[26.h4 g5+ 27.Kf3 Dxd5+ 28.Ke2 Ta2–+]

26…Txd3

Und Weiss gibt auf: 0–1

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Gemalt von Elke Rehder

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Eine gute Partie des Schachspielers Max Harmonist gegen eine Figur von hohem Niveau auf der internationalen Szene. Man verlieh ihm sogar dafür den Schönheitspreis des Turnieres.

Harmonist spielte Turniere:
1883 in Berlin 1.bis 4. geteilter Platz

1883 in Berlin 3. Platz

1885 in Hamburg Hauptturnier 1. Platz

1887 in Frankfurt 21. Platz

1888 in Berlin 4 bis 5. geteilter Platz

1889 in Breslau 15. bis 16. Platz

1890 in Berlin 5. bis 8. geteilter Platz
Die Formschwankungen sind sicher seiner unheilbaren Krankheit zuzuschreiben, die wir nachstehend erklären.

Nach 1890 nahm Harmonist nicht mehr an Turnieren teil, aber immer noch besuchte er Lokale, wo Schach gespielt wurde und verfolgte aufmerksam die ganze Schachszene. Er erkrankte an einem lähmenden Zustand, der Zerebralparese, die besonders belastend für Tänzer gewesen sein musste, und er starb im jungen Alter von 42 Jahren.

(Patienten mit Zerebralparese leiden häufig unter starker Spastik, die es Ihnen schwer macht, alltägliche Tätigkeiten auszuüben.)

Dr. Tarrasch schrieb einen Nachruf in den “Süddeutschen Schachblättern”, Ausgabe November 1907, (S. 229)

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wie folgt:

„Max Harmonist ist nicht mehr. Mit ihm hat die deutsche Schachwelt einen ihrer liebenswürdigsten Meister verloren …“

Max Harmonist war auch Mitglied des süddeutschen Schachverbandes. Dass er nicht für eine längere Zeit auf der Schachbühne erschien, ist seiner damals unheilbaren Krankheit zuzuschreiben. Aber er hinterließ immer einen guten Eindruck, nicht nur bei den Schachpartien.

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Quellen: chess.com – chessgames.com – Wikipedia.org

Sitges (Barcelona), im Juli 2014

Capablanca gegen einen Marsmenschen

Es kommt uns von einer sehr kollegialen Website

“Hechiceros del Tablero” ein lustiger Artikel des

MI Pedro A. Parmenzini (Fernschach) die Nachricht einer Partie, die zwischen dem genialen Capablanca und einem Marsmenschen gespielt wurde:

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Capablanca und sein sympathischer Gegner

Es geht das Gerücht umher, dass der junge Capablanca sich im Schatten eines grossen Baumes ausruhte, aber nicht davon abliess, eine seiner Trainingspartie gegen den kubanischen Meister Corzo analysierte, als plötzlich ein unbekanntes Wesen sich ihm nähert und fragt, was er denn da so mache.

Ziemlich überrascht antortete er, dass er eine seiner Schachpartien nachspiele.

Der Marsmensch, recht intelligent, interessiert sich für das Spiel und bittet, dass man es ihm beibringe.

Capablanca mit vorsichtigen und langsamen Schritten erklärte dem Unbekannten die Spielregeln und als letzten Hinweis fügte er noch hinzu:

“Wenn ein Bauer auf die 8. Reihe kommt, kann man ihn mit irgendeiner Figur tauschen.”

Es dauerte nicht lange und sie spielten eine Partie, die sich ziemlich dramatisch entwickelte, bis sie zu der nachfolgenden Stellung kam:

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Weiss war am Zug und spielte 1. Kc2, wobei er ein sofortiges Matt unvermeidbar war.

José Raúl Capablanca freute sich schon auf den Gewinn der Partie, aber der Marsmensch führte unerschrocken folgenden Zug aus: 1….h1 = König!!

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Der grossartige Capablanca sprang in die Luft.

“Nein! Das geht nicht!”

“Aber, Sie sagten mir doch, dass man den Bauern auf der 8. Reihe in irgendeine Figur umwandeln könne”, erwiderte der Marsmensch.

Capablancablieb nichts anderes übrig, als lange mit dem fremden Wesen darüber zu diskutieren, aber die Partie so fortzusetzen.

Er überlegte also, dass 2. Ld4 einem schwarzen König matt geben würde, aber der andere König stand im Patt.

Also, war die Partie remis.

Danach überlegte er sehr lange, wie nun eine Lösung aus dem Konflikt gefunden werden könne und fand folgende

Fortsetzung heraus:

2. a8 = Schwarzer König!!

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Nun war der Marsmensch an der Reihe und protestierte lautstark, aber die Regeln waren klar vorher definiert:

“Man kann irgendeine Figur nehmen….” und es gab keinen Ausweg mehr, als die Regel zu akzeptieren und spielte dann den einzigen noch möglichen Zug: 2….Kb8.

Weiss antwortete mit 3. h7 und wieder hatte Schwarz nur einen Zug: 3. ….Ka8.

Danach glänzten die Augen Capablancas, er hatte alle Möglichkeiten gut durchgerechnet und spielte:

4. h8 = Dame und erzielte das Matt gegen die 3 Könige!!

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Sitges (Barcelona), im Juli 2014

Im Stile einer Schachpartie: Die Schlacht von Gaugamela

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Caissa on the Field of Battle

Gemälde von Nicolas Sphicas

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Geschichte:

Die Schlacht von Gaugamela (heute Tel Gomel im nördlichen Irak) am 1. Oktober 331 v. Chr. wurde von Alexander dem Grossen (356 – 323 v. Chr.), einem griechisch-makedonischen König und Hegemon des Korinthischen Bündnisses,

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Alexanderschlacht-Mosaik

ursprünglich in der Casa del Fauno in Pompeji,

heute im Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel

wie eine Schachpartie angelegt, wobei jeder “Zug” entscheidend war; nicht nur stategisch sondern auch abhängig von der Einstellung und Stimmung seiner Soldaten.

Dieses Ereignis war eine der entscheidendsten Schlachten der Weltgeschichte, wobei er das Ziel verfolgte, das Perserreich zu erobern.

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Jan Brueghel der Ältere (1602)

Die Schlacht von Gaugamela

Alexander der Grosse marschierte mit seinen Truppen wärend der Nachtzeit, um sich in fast 5 km in der Nähe der Persertruppen aufzustellen.

Da er wusste, dass sich innerhalb seiner Mannschaften persische Spione befanden, liess er das Gerücht verbreiten, dass er schon in derselben Nacht – ohne auzuruhen – angreifen würde.

Die Perser, angeführt von dem Grosskönig Dareios III

(380 – 330 v. Chr.),

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Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel

wurden entsprechend von ihren Spionen unterrichtet und demzufolge hielt das Perserheer die ganze Nacht Wache, um einen Angriff rechtzeitig abzuwehren.

Alexander der Grosse liess aber seine Truppen gebührend ausruhen und am anderen morgen konnten sie sich frisch der Schlacht stellen.

Vor Beginn der Schlacht bestieg er sein treues Pferd “Bukephalos”,

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Bild: jitenkaa.blog.cz

ritt vor seine Truppen, sprach ihnen Mut zu und wandte sich dann direkt an Zeus und rief: “Ich bin Dein Sohn, ein Sohn Gottes, und der Sieg muss mit ihm sein, denn kein Gott kann und darf verlieren!”

Diese heiligen Worte hob die Moral der Makedonier.

Dareios III, durch die für ihn überraschende Niederlage bei Issos

(333 v. Chr.) gewarnt, mobilisierte alle Kräfte seiner Verbündeten.

Zunächst liess er ein geeignetes Schlachtfeld auskundschaften und für seine Streitwagen einebnen.

Der waghalsige Plan von Alexander bestand darin, die starken persischen Reiterverbände durch Flankenangriffe von der Mitte wegzulocken , um eine Lücke im Zentrum entstehen zu lassen.

Siehe Schlachtaufstellung:

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Um seinerseits eine Umfassung zu verhindern, positionierte Alexander eine zweite Phalanx hinter der ersten.

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Griechisch – Makedonische Phalanx

Die gefürchteten persischen Sichelwagen (siehe nachstehende Abbbildung) blieben wirkungslos.

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Der erste Widerstand gegen diese erfolgte durch leicht bewaffnete Einheiten mit Wurfspiessen, und die sich öffnende Phalanx liess die Streitwagen ungehindert passieren, welche dann im Hintergrund aufgerieben wurden.

Dennoch waren die Truppen des Grosskönigs zunächst keineswegs erfolglos, sie setzten die makedonische Phalanx unter starken Druck und konnten Alexanders Truppen schwere Verluste zufügen.

Doch nach relativ kurzer Zeit geschah, worauf Alexander gehofft hatte:

Durch das Vorrücken der persischen Truppen geriet die Formation in Unordnung und Dareios wurde nur noch

von seiner Leibgarde gedeckt:

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Bild: Wochenblatt.de

Durch die entstehende Lücke führte Alexander mit seiner Reiterei den entscheidenden Angriff auf das Zentrum mit Dareios selbst.

Dieser, durch die drohende Gefahr persönlich gefährdet (er war als Grosskönig die wichtigste Person des Reiches und musste unbedingt geschützt werden), flüchtete vom Schlachtfeld, als der erbitterte Widerstand seiner Garde vergeblich blieb.

Allmählich brach die persische Front zusammen, der Sieg war nun in den Händen Alexanders, der alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen hatte.

Nachstehend nun der Schlachtverlauf:

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Mit dem Sieg bei Gaugamela gegen ein zahlenmässiges überlegenes Heer wurde Alexander der Grosse uneingeschränkter Herrscher Asiens.

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Nun suchen wir wieder die Verbindung zum Schach und erlauben uns, zu den vorgeschilderten geschichtlichen Ereignissen:

“Im Stile einer Schachpartie”

folgende Worte wiederzugeben:

Dr. Savielly Tartakower

„Es kommt nicht darauf an, nach dem besten Zuge zu suchen, sondern nach einem vernünftigen Plan zu spielen.“

und

Philosoph Arthur Schopenhauer:

„Es ist im Leben wie im Schachspiel: Wir entwerfen einen Plan; dieser bleibt jedoch bedingt durch das, was im Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal zu tun belieben wird.“

Nun haben wir die Genugtuung, Ihnen die entsprechende Schachpartie wiederzugeben:

Dareios III – Alexander der Grosse

Die Schlacht von Gaugamela 1.10.331 v. Chr.

interpretiert von dem kanarischen Meisterspieler

Sr. Don Petronio Pérez Pulido

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1. e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5 Sfd7 5.Dg4 c5!Hierbei ist es wichtig, gleich das Zentrum unter Druck zu setzen.

6. Sb5 In seinem Bestreben, anzugreifen und so rasch wie moeglich die Schlacht zu beenden, befiehlt Dareios seiner Reiterschaft zum

zweiten Mal anzugreifen.6…cxd4!

Alexander sieht den Fehler und holt sofort zum Gegenschlag aus. 7. Cf3

[Wenn 7.Sd6+ Lxd6 8.Dxg7 Lxe5 schützt den Turm und gewinnt eine Figur.]

7…Sc6 8.Sd6+ Lxd6 9.Dxg7 Lxe5 10.Sxe5

Dareios glaubt, dass nun der Moment gekommen ist, um seinen Plan umzusetzen..aber 10…Df6!

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Rettet den Turm und erzwingt den Damentausch.11. Dxf6 Cxf6 12.Ab5

Der persische Grosskönig weiss, das ser nun in Nachteil geraten ist, da sein Plan nicht aufgegangen ist und wechselt die Strategie. 12…Ld7 13.Sf3 Se4!

Alessander hingegen wird das nicht zulassen und baut ein mächtiges Zentrum auf. 14.0–0 f6 Die Drohung muss sein, die Mehrheit seiner Truppen dort mit 15…e5 zu halten. 15. Lxc6 bxc6 16.Sxd4 c5

Dareios stellt mit Schrecken fest, dass Alexander ein kompaktes und schlagkräftiges Zentrum aufgebaut hat, die Türme haben offene Linien, auf denen sie aktiv werden können und sein König ist gut postiert für ein evtl. späteres Endspiel.

Und all das als Konsequenz aufgrund einer falschen Strategie des Gegners, zum Angriff zu schreiten, ohne über die notwendigen Mittel zu verfügen.

17. Se2 Kf7 18.f3 Sd6 19.b3 , womit der Läufer auf dem Damenflügel entwickelt wird, denn die Versuchung, auf dem anderen Seite vorzugehen, wird mit Zeitverlust zurückgewiesen:

[19.Ld2 Sc4 und der Läufer muss zurück; 19.Le3 d4 hierbei wird der Läufer ins Abseits gestellt.; 19.Lf4 e5 und wieder muss er zurück.]

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19…e5

Die Bildung des Zentrums durch die Truppen von Alexander ist ausgezeichnet und Dareios erkennt die Gefahr. 20. La3 Tac8 21.Tad1 schnürt die Bewegungsfreiheit des Läufers ein. 21…d4 . Die Aktivität des Läufers ist sehr begrenzt, weil die Bauern auf den schwarzen Feldern stehen, wobei die schwarzen Figuren den Vorteil haben, sich beweglicher zu fühlen, da sie auf den weissen Feldern agieren können.

22. Sc1

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Der Springer will nach d3, um etwas Gegenspiel zu erzeugen, wobei der Bauer auf c5 angegriffen werden soll.

22…Sf5

Alexander gewinnt ein Tempo und droht mit

23…Se3.

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Aber er schafft damit nicht nur eine Drohung, sondern macht den Bauern auf c2 unbeweglich und ermöglicht gleichzeitig das Vorgehen des Bauern auf c4.

Also: 23. Tf2 Se3 mit einem extrem günstigen Feld, dass auch später dazu dienen kann, um im Zentrum vorzugehen und die gegnerische Seite zu besetzen.

24. Te1 c4 25.b4 La4! 26. Tee2

[Der Zug 26. c3 ist unvermeidbar, weil sonst 26…Sc2 folgt, wobei dann die Qualität hergegeben werden muss.]

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26…Sd1!

Und Alexander mit dem Schwert in der Hand und voller Mut hat erreicht, dass sein Reiterheer in das feindliche Lager eingedrungen ist. 27. Tf1 Sc3 28.Tef2 Sb1 29.Lb2 c3! Der Läufer muss auf die letzte Linie zurückgewiesen werden. 30. Sb3

[Die Alternative ist nicht erstrebenswert 30.La1 Sd2 31.Te1 Lxc2 und Schwarz brächte nicht nur einen Bauern nach vorn, sondern hätte noch zwei ganz schlimme verbundene Freibauern.]

30…Lxb3 31.axb3

[31.Txb1 Lxa2 32.Ta1 cxb2 gewinnt; 31.cxb3 c2 32.Lc1 d3, und es gibt keine Verteitigung mehr gegen die Drohung 33…d2.]

31…Sd2 32.Te1 Thd8! womit die lebenswichtigen Linien kontrolliert werden33.Lc1

d3!

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Der Sieg der Griechen kommt immer näher. 34. cxd3

[Dareios weiss, dass 34.Lxd2 cxd2 35.Txd2 dxc2 36.Txd8 Txd8 nichts ausrichten kann gegen 37…Td1]

34…Txd3 35.Axd2 Txd2! 36.Ta1 Das persische Heer bricht immer weiter zusammen.

[Wenn jetzt 36.Txd2 cxd2 37.Td1 Tc1 forciert die Bauernumwandlung.]

36…Ke6! Alexander hat seinen Angriff gut berechnet37.Kf1 mit der Hofffnung, Te2 spielen zu können.

[Wenn jetzt 37.Txa7 Txf2 38.Kxf2 c2, dann müsste Weiss seinen Turm gegen einen Bauern hergeben.]

37…Txf2+ Aber der Angriff wird immer wuchtiger und lässt jede Hoffnung auf der Gegenseite schwinden38.Kxf2 c2 39.Tc1 Kd5 40.Ke3 Tc3+ 41.Kd2 Während Dareios sich in die Flucht

Schlagen lässt 41…Kd4!Alexander marschiert weiter vor… 42.h4

[42.Txc2 Txc2+ 43.Kxc2 Ke3 44.Kc3 Kf2, und es bleibt kein Soldat mehr am Leben.]

42… ¡Td3+! und greift ohne Mitleid weiter an43.Kxc2 Tc3+ 44.Kd2 Txc1

45. Kxc1 Ke3

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Endstellung

Das Ende ist gekommen und Dareios, dem Tode geweiht, muss zusehen, wie sich sein Heer ergibt.

Das Perserreich ist erorbert worden: 0:1

Die vorstehende Schachpartie, die sich auf den Verlauf der Schlacht von Gaugamela stützt, wurde zwischen Bogoljubov und Réti in Mährisch-Ostrau im Jahre 1923 gespielt.

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Ergänzend dürfen wir in Erinnerung rufen, dass

Alexander der Grosse bereits im frühen Alter von 33 Jahren an Sumpffieber (Malaria) gestorben sein soll.

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Bild: layline.de

Seine Bestattung erfolgte im Juni 323 v. Chr. in Babylon:

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Bild: Welt.de

Sein Grab wurde bis heute nicht gefunden.

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Quellen:

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Robin Lane und hostorialago.com

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Barcelona, im Juni 2014

Spiegel der Seele

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Schach

(Bild entfernt) Bild: i. 175.photopocket

“Das Schach ist wie das Leben!”, las ich neulich.

Dieser Satz ist sicher richtig.

Manchmal bist Du wie ein einfacher Bauer, der darum kämpft, um überhaupt dabei zu sein und allem entgegenzutreten.

Er versucht, langsam nach vorne zu marschieren, allerdings unter grossen Mühen.

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Da kommt irgendwie ein anderer Bauer und ehe Du Dich versiehst, stehst Du schon im Abseits.

Ein anderes Mal bist Du wie ein Springer,

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wobei Du strategische Sprünge vollbringst, ziehst von einem Feld zum anderen und versuchst, niemand auf die Füsse zu treten. Aber schon beim ersten Versehen treten sie auf Dich und Du kommst dann nicht mehr weiter.

Oder Du bist ein Turm, aufrecht, gehst gerade aus, sei es nun nach vorn, nach hinten oder zur Seite.

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Du hast ein Leben ohne Gefühlsregung, eigentlich zu transparent und vorhersehbar.

Der Läufer,

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voraneilend oder zurückschreitend in der Diagonale, was vielen Menschen überhaupt nicht in den Sinn kommt, strategisch und geräuschlos.

Wenn Du die Dame (Königin) oder der König bist, dann ist alles anders.

Die Dame bewegt sich in alle Richtungen, um das ihrige zu verteidigen, ausgezeichnet!

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Der König geht Schritt für Schritt, wobei er natürlich intensiv darüber nachdenkt, welches die “richtige” Richtung ist.

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Daraus ist zu folgern, dass das Leben zeitweise einem Schachbrett ähnelt.

Aber, der Unterschied ist, dass Du beim Schach genau weisst, welche Figuren sich auf dem Brett befinden, welche Bewegungsmöglichkeiten sie haben und vor allem, welchen Regeln sie sich unterordnen müssen.

Im Leben ist alles nur Vermutung!

Das Leben ist immer ungewiss, die Menschen, mit denen wir täglich zusammenkommen oder –leben, sind nicht voraussagbar, oft wissen wir nicht, welchen Zug sie als nächsten vollziehen.

Eigentlich lassen wir uns meistens von unserem Gefühl leiten, vergessen leicht die Zweckmässigkeit des Handelns und ausserdem werden recht oft die Regeln gebrochen.

Sitges (Barcelona) im Juni 2014

Benjamin Franklin, sein Leben und das Schach

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Franklin-Porträt von Joseph-Siffred Duplessis (Ölgemälde, um 1785). Das Bild diente 1995 als Vorlage zur Darstellung Franklins auf der neugestalteten 100-(Bild entfernt)-Banknote.

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Das Schachspiel war besonders wichtig für Benjamin Franklin

(* 1706 + 1790) , und er verglich sein Geschäftsleben und die Diplomatie mit diesem Spiel. In seinem Essay über die Moral des Schachs (1779) schrieb Fanklin: „Das Leben ist eine Art von Schach, in der wir oft Punkte gewinnen und Gegner oder Feinde bekämpfen . . . . Das Spiel ist so voll von Ereignissen, dass man sich selbst auffordert , die Partie bis zum letzten Zug in der Hoffnung auf einen Sieg dank der eigenen Fähigkeiten zu spielen.“

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Als einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten beteiligte er sich am Entwurf der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und war einer ihrer Unterzeichner 1776; der Vertrag von Paris 1783, die Verfassung der Vereinigten Staaten 1787.

Zusätzlich handelte er einen Freundschaftsvertrag mit Frankreich 1778 aus, der Frankreichs Finanzsystem sicherte und eine militärische Unterstützung gewährleistete ohne diese wichtige Klausel die amerikanische Revolution sicherlich gescheitert wäre.

Während er in einem Vorort von Paris in den Jahren 1776-1785 lebte, war Franklin der Repräsentant der amerikanischen Revolution nicht nur gegenüber dem französichen Hof sondern für die ganze Welt. Häufig suchte er die Gesellschaft von Freunden, Spionen und Staatsmännern. Franklins anhaltende Popularität bei den Franzosen garantierten seinen größten diplomatischen Sieg , den Vertrag von Paris 1783, der damit offiziell den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mit Großbritannien beendete.

Es war während dieser Zeit in Paris als Franklin wahrscheinlich den fehlenden Tisch kaufte, an dem er seine Amtspflichten diskutierte und seine Leidenschaft für das Schach entwickelte. Dieser Tisch wurde Zeuge einiger heiklen diplomatischen Momente der amerikanischen Geschichte.

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Benjamin Franklin spielt gegen Lady Howe (1774)

Franklin brachte wahrscheinlich seinen „Schach“-Tisch wieder nach Philadelphia, als er von Paris im Jahre 1785 zurückreiste und auch Schachfiguren aus Obstbaumholz, die wahrscheinlich zwischen 1750 und 1780 in Frankreich hergestellt wurden. Duane Morris, ein Mitglied der American Philosophical Society und Franklins Nachfolger, präsentierte die Schachfiguren, mit einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden englischen Schachbrett (nicht Franklin zuzuschreiben)am 28. Dezember 1876 der Gesellschaft.

Wir vermuten, dass das nachstehende Foto einen Nachbau „seines Arbeits- und Schachspiel-Tisches zeigt:

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Foto phillytodg.blogspot.com

ein Replikat „seiner“ Figuren:

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Um die Bedeutung des Schachs in Benjamin Franklins Leben zu zeigen, gibt es eine große Anzahl von Anekdoten über Franklin und das Schach, allerdings die meisten von ihnen sicher apokryph (unwahrscheinlich).

Doch zwei der amüsantesten Geschichten sind dokumentiert:

Eines Abends spielte Franklin eine Schachpartie nach der anderen bis spät in die Nacht in Paris mit Madame de Jouy Brillon (1744-1812), einer viel jüngeren Frau, mit der er eine enge Freundschaft pflegte, während sie in der Badewanne lag . Franklin schrieb ihr danach : als ich nach Hause zurückkehrte , war ich erstaunt, dass es fast 11 Uhr morgens war. Weil wir so übermäßig in das Schachspiel vertieft waren und alles andere vergassen, befürchte ich, dass ich Ihnen einen Nachteil dadurch verursachte, weil ich Sie so lange in der Badewanne aufhielt. Sagen Sie mir, meine liebste Freundin, wie Sie sich heute morgen fühlen. Nie mehr werde ich damit einverstanden sein, in Ihrem Badezimmer mit einer Schachpartie zu beginnen. Können Sie mir diese Indiskretion verzeihen?“

(Kommentar: wir vermuten, dass sich die Schachpartner zwischendurch auch anderen Tätigkeiten widmeten, die sich im Liebesbereich befinden. Auch musste sicher immer wieder die Badewanne mit heissem Wasser aufgefüllt werden.)

Thomas Jefferson (1743-1826) erinnnert an diesen Persönlichkeitswandel, die Franklin in Paris erfuhr : „Als Dr. Franklin nach Frankreich auf seine revolutionäre Mission ging, machten ihn seine Würde als Philosoph, seine ehrwürdige Erscheinung und die Aufgabe, für die er entsandt wurde, sehr beliebt. Für alle Gesellschaftsschichten und Bedingungen der dortigen Menschen wurde er herzlich im amerikanischen Interesse angesehen. Er wurde daher fürstlich bewirtet und zu allen Festlichkeiten am Hofe eingeladen. Bei diesen Gelegenheiten traf er manchmal die schon ältere Herzogin von Bourbon, die eine Schachspielerin auf fast gleichem Niveau war, so dass sie oft zusammen spielten.

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Benjamin Franklin spielt mit der Herzogin von Bourbon

Es passierte einmal, dass sie ihren König in eine Mattstellung lavierte, die der Doktor auch wahrnahm. „Ach „, sagte sie, „wir nehmen die Könige nicht auf diese Weise.“ Franklin antwortete: „Aber in Amerika machen wir es so! „

Benjamin Franklin mietete sich ein Haus von 1757-1775 in der 36 Craven Street, London (jetzt als The Benjamin Franklin House bekannt und zugängig für interessierte Touristen).

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Fotos: plusgoogle.com

Es ist nun das einzige Haus, in dem Franklin lebte und noch existiert. Sein Elternhaus in Boston

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und das Haus, das er für seine Familie in Philadelphia bauen liess, wurden später abgerissen. Aus diesem Grund sind nur einige Erinnerungstücke bekannt geworden, die Franklin gehört haben. Diese sind besonders wichtig, um die Persönlichkeit und seine Welt zu verstehen. Die Tatsache ist, dass ein Tisch mit einem Schachspiel gefunden wurde, der dokumentiert, dass Franklin mit dem Schachspiel eng verbunden war.

Dieser Tisch trägt nicht seinen Namen, wie aus dem nach seinem Ableben aufgestellten Inventar hervorgeht. Es gibt sechs aufgeführte Tische, in der Regel aus Mahagoni. Ein Eintrag zitiert:

“ Chair & Table“ ohne zu erwähnen aus welchem Holz, und weist einen Gesamtwert von ₤ 3 aus . Der Wert an jedem anderen Tisch liegt zwischen 2 und ₤ 4; sicher zu einem unterbewerteten Preis. Wahrscheinlich befindet sich unter diesen Möblen der „französische Schachtisch“ .

Dieser Tisch ging in den Besitz der folgenden Generationen. Schliesslich wurde er verkauft mit vielen anderen „Familienreliquien “ von dem Auktionshaus Stan V. Henkels und Sohn, am 16. Juni, 1924.

Hinweise :
Der Tisch wurde bei der letzten Leihgabe der Philadelphia Antiquitäten – Ausstellung im Jahr 1963 gesehen, der durch den letzten bekannten Besitzer Mrs. Benjamin R. Hoffman ( Margaret Clawson ) ausgeliehen war und im Ausstellungskatalog aufgeführt wurde. Es mag sein, dass dieses Erinnerungsstück an die Freeman Auktion in Philadelphia, Pennsylvania im Jahr 1973 verkauft wurde nach dem Ableben von Frau Hoffman.

Anmerkung der amerikanischen Gesellschaft:
Es gibt für uns einige Favoriten, die Schach gespielt haben. Benjamin Franklin ist aber unser Favorit. Er schrieb auch das erste Schachbuch in den USA und rief die Moral des Schachs auf den Plan.

Überall, wo er hinging nahm er ein Schachbrett mit. Alle seine Gedanken beugten sich über ein Schachbrett.

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Quelle: American Philosophical Society, Philadelphia

Zusatz:

Neben seiner Fähigkeiten als Diplomat und Schachspieler, war sein Leben in hohem Masse von dem Willen geprägt, das Gemeinwesen zu fördern. Er gründete die ersten Freiwilligen Feuerwehren in Philadelphia sowie die erste Leihbibliothek Amerikas und konstruierte einen besonders effektiven und raucharmen Holzofen. Auch machte er wissenschaftliche Entdeckungen, unter anderem erfand er – neben anderen – den Blitzableiter.

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Sitges (Barcelona), im Mai 2014

Laskers allumfassender Spielstil

Von Aaron Nimzowitsch

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Eine alte Formel mit neuem Leben zu füllen, dies ist der Sinn und die innere Berechtigung nachfolgender Zeilen. Den äußeren Anlaß hierzu gibt uns Laskers 60jähriger Geburtstag, den inneren – unsere Bewunderung und Verehrung des großen Meisters.

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Die alte Formel, von der hier die Rede sein soll, lautet so: „Laskers Spielführung ist von geradezu imponierender Vielseitigkeit“. Damit soll gesagt sein, daß Lasker „alle Teile der Partie“, wie etwa Mittelspiel und Endspiel, Angriff wie Verteidigung mit gleicher Virtuosität behandle. Aber für die Modernen besteht die Schachpartie nicht mehr aus „Angriff“ und „Verteidigung“ und noch weniger aus Mittelspiel und Endspiel. Um die Frage nach Laskers Vielseitigkeit bejahen zu können, wäre vielmehr zu untersuchen, ob er die schwierige Kunst der Prophylaxe

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und Überdeckung

voll beherrsche und ob er ferner das Spiel gegen Felderschwächen von bestimmter Farbe

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Z. Polgar – Denker
New York 1989

(Felderschwächen bei Schwarz)

meistere. Und schließlich wäre seine Lavierungstechnik

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zu bewerten.

Wir beginnen mit den Felderschwächen.

Die Lehre vom bestimmtfarbigen schwachen Felderkomplex ist ziemlich neuen Datums, Lasker hat aber schon vor 20 und 30 Jahren wunderbare Partien dieser Art geliefert, wir erinnern nur an seine Partie gegen Tartakower Petersburg 1909:

Kommentiert von NM Hebert Pérez García aus Holland

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SAVIELLI TARTAKOWER vs. EMANUEL LASKER

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San Petersburg 1909

Savielly Tartakower – Emanuel Lasker [A22]

Runde (7), 23.02.1909

  1. c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.g3 Le7 4.Lg2 0–0 5.Sf3 d6 6.0–0 Sbd7

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7.d3?![Zutreffend sagte Lasker, dass diese Variante Schwarz erlaubt, die Position ausgleichen zu können, in dem das Zentrum besetzt wird. Diese Meinung ist heute noch gültig und deswegen ist besser die Fortsetzung: 7.d4 c6 8.e4 etc.]

7…c6! 8.Se1[8.Tb1!?]

8…Sb6 9.e4 d5= 10.cxd5 cxd5 11.exd5 Sfxd5

12. Sxd5[Die folgende Option scheint genauer: 12.Sf3 Sxc3 13.bxc3 Dc7=]

12…Sxd5 13.d4 exd4 14.Dxd4[14.Sf3!?]

14…Le6 15.Sc2 Lf6

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16. De4?![Obwohl Lasker in seinen Kommentaren den Textzug nicht kritisierte, ist es vielleicht doch sinnvoller wie folgt zu spielen: 16.Dd1!? und wenn Dd7 (16…Db6 17.Lxd5 Tfd8 18.Se3 Dc5 19.Db3 Lxd5 20.Sxd5 Dxd5 21.Dxd5 Txd5 22.Le3 b6= etc. (22…Lxb2 23.Tab1 Lf6 24.Txb7 Ta5 25.Tc1 Txa2 26.Lxa7 Ta1=)) 17.Se3= Tfd8 18.Sxd5 Lxd5 19.Dxd5 Dxd5 20.Axd5 Txd5 21.Le3= etc]

16…Da5?![Interessant und stark ist 16…Db6!? mit Initiative. ]

17. Sd4 Lxd4 18.Dxd4 Tfd8 19.Lg5[19.Ld2!?]

19…Td7 20.a3[oder auch 20.Ld2 Db5 21.De5= etc.]

20…Sb6 21.Dh4 Sc4

22.b4[Es sollte auch die Variante 22.Tfd1!? Txd1+ 23.Txd1 Sxb2 24.Td4 h6 25.Ld2= beachtet werden.]

22…Db6

23. Tfe1 [Eine andere wichtige Option sollte hier auch in Betracht gezogen werden 23.Tfd1 Txd1+ 24.Txd1 h6 25.Lc1=]

23…h6 24.Le7 Dc7 25.Lc5 Se5

26.Ae3?![Man hätte hier einen Ausgleich erzielen können mittels dem taktischen Manöver 26.De4!? Sd3 27.Ted1 Tad8 28.Le7 Txe7 29.Txd3=, wobei der starke schwarze Springer beseitigt wird.]

26…Sd3 27.Ted1 Lb3[27…Te8!? ist ein listiger und möglicher Zug. ]

28. Tf1

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28.. Ld5!?³ [ Prophylaxe tritt in Aktion! Lasker wies darauf hin, wenn die beiden Läufer verschwinden, wird die Stabilität des schwarzen Springers auf “d3” deutlich.]

29. Lxd5 Txd5 30.De4 Dd7 31.Ta2 Te8 32.Dg2 b6 33.Tc2 Td8

34. De4 b5[Vielleicht war es besser, wie folgt zu spielen: 34…Dh3!? 35.Dg2 Df5 etc.]

35. f4 Te8 36.Df3 De6

37.Lf2 Td7?![Eine Ungenauigkeit. Richtig war: 37…Td6 =+]

38. Kg2?![Tartakower versäumt die Gelegenheit: 38.Dc6!? zu ziehen]

38…Db3 39.Dc6 Ted8

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40. Dc3?[Ein intuitiver Fehler. Raffiniert war die einfallsreiche Verteidigung: 40.Te2!? Dxa3 41.Te8+ Txe8 42.Dxd7 mit Gegenchancen. ]

40…Dd5+ 41.Kg1 De4! 42.Db3[Uns scheint 42.Ta2 vorsichtiger.]

42…g5![oder auch 42…h5!?]

43. Da2[Schrecklich wäre hier 43.fxg5? zu spielen wegen Se5–+]

43…gxf4–+ [Der positonelle Vorteil von Schwarz ist entscheidend.]

44. Te2 Dg6 45.Dc2

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45.. Kh7[Der Gewinn von Schwarz ist schon eine Tatsache. Z. B. 45…f3 46.Td2 Dg4 47.Tfd1 Dh3 48.Lxa7 f2+ 49.Txf2 Sxf2 50.Txd7 Dxd7 51.Lxf2 Dd1+–+]

46.Dc3 Tg8[Es gewann auch 46…f3 47.Ta2 Te8 48.Ld4 Sf4–+]

47.Kh1 Dh5 48.Td2 fxg3

49.Lxg3[ Eine andere mögliche Definition war: 49.Le1 Sf2+ 50.Tdxf2 gxf2 51.Dc2+ Tg6 52.Dxf2 Dd5+ 53.Df3 Dxf3+ 54.Txf3 Td1 55.Txf7+ Tg7 56.Tf1 Te7–+]

49…Txg3 50.Dc6 Se5 51.De4+ Kg8 52.Tdf2 Tg5 53.Tc2 Td1

Und Weiss gab auf.[0–1]

Die Strategie „Vorgabestil“ von Lasker angewendet und in die Praxis umgesetzt, ist das, was Aaron Nimzowitsch predigt.

Endstellung

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Zum Nachspielen:

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Die virtuose Unauffälligkeit, mit der er seit jeher es verstanden hat, sich frühzeitig eine Basis für weiß- bzw. schwarzfeldrige Operationen zu verschaffen, darf heute noch, trotz Aljechin, der ja genanntes Stratagem zu seinem Spezialgebiet gemacht hat, als unübertroffen hingestellt werden.

Es gibt unter allen, jungen und alten Großmeistern keinen einzigen, der im Bezug auf Lavierungstechnik Lasker nur annähernd gleichkommt. Es gibt einen Probestein: die Paulsen-Variante der Sizilianischen Partie. Heute, da sie bereits ins Reich der Hauptturnierspieler gedrungen ist, ist sie natürlich bei weitem nicht so schwer zu spielen, wie vor 30 Jahren. Und doch erleben wir es noch heute, daß ein Meister wie Bogoljubow seinen Paulsen glatt überstürzt (siehe Partie gegen Reti, Kissingen) während Lasker hierin schon vor 10 Jahren Proben langsamster tiefschürfender Strategie lieferte.

Die vom Schreiber dieser Zeilen propagierte Überdeckung wird zwar von Lasker in gewissem Sinne abgelehnt (er erkennt nicht das strategisch Beglückende der Verbindung zwischen starkem Punkt einerseits und den überdeckenden Offizieren andererseits an). Aber, wenn wir die Überdeckung eigener starker Punkte als weitausschauende Konsolidierungsmaßnahme auffassen wollen, so hat Lasker mehr Überdeckung geübt als der Erfinder selbst.

Und erst gar die Prophylaxe! Noch vor 14 Jahren hatte Dr. Tarrasch den „mysteriösen Turmzug“

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Gemalt von Elke Rehder

zur Zielscheibe seines Spottes gemacht. Bedenkt man aber, daß genannter Turmzug gewissermaßen zu den Anfangsgründen der Prophylaxe gehört und zieht man ferner in Betracht, daß Tarrasch bis etwa 1911 die Spitze der Schachgelehrsamkeit bedeutete, so wird man ermessen können, um wieviel Jahre Lasker seiner Zeit voraus sein mußte, er, der schon vor 30 Jahren die weitverzweigtesten prophylaktischen Stratageme in Anwendung zu bringen wußte.

Anmerkung: Bezüglich des mysteriösen “Turmzuges” von Lasker vermuten wir, dass Dr. Tarrasch einen Zug aus den Begegnungen zwischen Lasker und Janovsky hervorhob.

Es war damals bekannt, dass David Janovsky die Spielart von Lasker nicht verstand, und es deswegen viel Häme gab.

Und zum Schluß noch eins: zu den modernen Schlagworten gehören „Phantastik“

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(die von Tartakower Bogoljubow nachrühmt) und die „Präzision“ (die Aljechin in besonders hohem Maße zu besitzen… glaubt.) Was nun Lasker anbelangt, so besitzt er auch heute noch mehr Phantastik (sein vielgerühmter „Vorgabestil“!) als manche der in Betracht kommenden Meister zusammengenommen. Und seine Präzision ist bewundernswert. – Fürwahr, Laskers Spielführung ist von wunderbarer, schlechtweg genialer Vielseitigkeit ! Möge er uns noch recht, recht lange erhalten bleiben !

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(Quelle: Wiener Schachzeitung 1929, Nr. 1, Seite 8-9)

Sitges (Barcelona), im Mai 2014

Im Alter kommen die Erfolge!

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von Javier Fernández Cordero

Vielleicht mag der Titel des Artikels übertrieben sein, aber wenn wir über Sport im Alter von 40 Jahren reden, ist es oft ein Hindernis für den Sportler, der schon als „alter Mann“ bezeichnet wird und sich besser in den Ruhestand begeben sollte.

Jedoch gibt es eine der wenigen Ausnahmen und zwar Alexey Suetin (*1926 + 2001)

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Der ab dem Alter von 40 Jahren begann, in der Welt des Schachs erfolgreich zu sein, was ihn zu einem der merkwürdigsten Fälle machte, die in der Geschichte des Schachsports existieren.
Alexey Suetin war einer der Schachspieler, der in der russischen Schachfabrik entstand. Er hatte eine glänzende Jugend in Pionierpalästen, aber einen schwierigen Zugang zu den härteren Turnieren und ein ständiges Auf und Ab in seinen Leistungen. Deshalb war das Schach nicht mehr seine Hauptbeschäftigung. Zum Glück hatte er eine Arbeit als Maschinenbauingenieur gefunden. In der Tat wurden viele der sowjetischen Schachspieler eingesetzt, um die wirtschaftliche Zukunft des Landes zu jener Zeit zu gewährleisten.
Während seiner Jugend widmete sich Suetin weniger dem Schach. Demzufolge waren seine Ergebnisse kaum nennenswert.

Doch in den 60iger Jahren erzielte er einige gute Ergebnisse, z.B. einen dritten Platz in Debreçen 1961 und das Halbfinale der UdSSR- Meisterschaft in demselben Jahr, was ihm den Titel des Internationalen Meisters einbrachte. Seine Siege in Sarajevo und Kopenhagen 1965 halfen ihm, dass er mit dem Großmeister-Titel geehrt wurde, was zu Folge hatte, dass sein Leben sich vollständig veränderte.

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Alexey Suetin während der UdSSR -Meisterschaft 1963

Nach dem GM-Titelgewinn entschied sich Alexey Suetin, ein Berufsspieler zu werden und gab seinen Beruf als Maschinenbauingenieur auf.

Er war fast 40 Jahre alt und theoretisch waren seine besten Jahre vorbei; doch Suetin war bereit, die Welt zu überraschen. Zu seinen beiden Siegen im Jahr 1965, gelang es ihm, in den folgenden Jahren weitere Ehrenplätze bei großen Turnieren zu belegen. Er begann, regelmässig im Ausland zu spielen, wo er immer ein außergewöhnliches hohes Niveau zeigte, so dass er beweisen konnte, dass sein Ruf in der Sowjetunion gewachsen war und die Dirigenten des nationalen Schachverbandes ihm absolut vertrauten.

Nachstend einige der errungenen Siege bei großen Turnieren:

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Suetin spielte bis zum Ende seiner Tage Schach; er starb 2001 im Alter von 75 Jahren. Außerdem war er im Laufe seiner Karriere auch Trainer, Analyst und Autor

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… so spät mit einer künstlerischen Ader. Wer weiß, wie weit er hätte kommen können? Er beschloss, sich auf die Suche nach dem Glück zu machen und liess alles links liegen, um nur noch Schach zu spielen. Im Laufe der Jahre wurde seine Situation ständig instabiler und prekärer; doch konnte er sich über Wasser halten und erspielte genügend Geld, um leben zu können mit dem, was er am meisten liebte … Ich denke nicht, dass es viele Menschen gibt , die das Gleiche sagen können.

Erinnern wir uns an seine Art zu spielen anhand einer seiner Partien

wie folgt:

Suetin, Alexey – Dydyshko , Vladislav

Qtr . UdSSR -Teams , Riga 1975
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1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 d6 6.g3 Le7 7.Lg2 0–0 8.0–0 a6 9.a4 Dc7 10.Le3 Sbd7 11.g4 Se5 12.g5 Se8 13.h4 g6 14.f4 Sc4 15.Lc1 Dc5 16.Kh2 Sg7 17.Dd3 Td8 18.Sde2 Ld7 19.b3 Sa5 20.La3 Dc7 21.Tad1 Le8 22.Lb2 b5 23.axb5 axb5 24.Sg3 b4 25.Sce2 e5 26.f5 Lf8 27.Td2 Lc6 28.h5 gxh5 29.Df3 h4 30.Sh5 Sxh5 31.Dxh5 f6 32.gxf6 Kh8 33.Dxh4 Sb7 34.Tg1 Ta2 35.Lc1 Tda8 36.Lf3 Le8 37.Kh1 Lf7 38.Sd4 exd4 39.Dxh7+ 1–0

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Nach 37…Lf7

Zum Nachspielen:

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Quellen:

„Ajedrez de ataque.com“
„Encyclopedia of Chess“ – Harry Golombek
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Sitges (Barcelona), im April 2014

IN MEMORIAM Erich Gottlieb ELISKASES

Wir danken dem Präsidenten des Tiroler Schachverbandes für die Erlaubnis, den Artikel „In Memoriam Erich Gottlieb ELISKASES” anlässlich der Landesligameistermeisterschaft 2013/14 wie folgt zu übernehmen:

Daher stellt der Tiroler Landesverband Schach auch das Motto: „Erich Gottlieb ELISKASES in memoriam!“ in den Mittelpunkt dieser Schachveranstaltung.

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Hamburg 1930 – Ein 17-jähriger Österreicher sorgt für Furore bei der Schachweltmeisterschaft. Er macht 11 Punkte aus 15 Partien – 8 Siege, 6 Unentschieden und nur 1 Niederlage – für das Team AUSTRIA und ist damit der Beste seiner Mannschaft. Durch diese hervorragende Leistung des jungen Tirolers schafft auch das Nationalteam das beste Ergebnis bei einer Schachweltmeisterschaft aller Zeiten. Obwohl einige Wiener Funktionäre das Antreten dieses außerordentlichen Talentes verhindern wollten.

Die Familie Eliskases stammt ursprünglich aus dem Ladinischen und übersiedelte berufsbedingt nach Innsbruck. Hier wurde 1913 Erich Gottlieb ELISKASES geboren. Durch Zufall kam der junge Eliskases zum Schach, obwohl seine Eltern ihm nie Schach gelehrt hatten. Als 13-jähriger Junge wollte er der Schachvereinigung Innsbruck beitreten. Dies wurde aber vom Verein mit der Begründung, dass er zu jung sei, abgelehnt. Aber er hatte einen Gönner und Lehrer – Carl .P. WAGNER – der ihn schachlich förderte. So durfte er mit 14 bei einem Turnier des SK SCHLECHTER INNSBRUCK teilnehmen, das er dann auch ex equo mit einem anderen Spieler gewann. 1928 spielte er bei den TIROLER EINZELMEISTERSCHAFTEN mit, die er dann auch souverän mit 7 Punkten aus 8 Partien recht eindeutig gewann. Dies berechtigte ihn ein Jahr später bei den ÖSTERREICHISCHEN AMATEURMEISTERSCHAFTEN 1929 teilzunehmen. Er spielte wieder hervorragend und gewann punktegleich mitEstaGLASS diese nationalen Meisterschaften (+5 =3 -1).
Die Wiener Schachzeitung schrieb damals: : „Besonders bemerkenswert ist der Erfolg des 16-jährigen Tiroler Landesmeisters Eliskases, der eine gesunde Spielauffassung und reifes Können bewiesen hat. Man wird sich seinen Namen gut merken müssen, denn von ihm sind bei seiner Jugend noch große Taten zu erwarten.(Bild entfernt)
Durch diesen Erfolg wurden die Funktionäre des Schachverbandes auf das Tiroler Schachtalent aufmerksam und zur Schacholympiade nach Hamburg eingeladen. Wie oben beschrieben spielte der 17-jährige Eliskases hervorragend und erreichte mit dem österreichischen Nationalteam den ausgezeichneten 4. Platz.
1931 übersiedelte er nach Wien, um an der EXPORTAKADEMIE Welthandel zu studieren. Jedoch widmete er sich fortan fast nur mehr dem Schach und schloss das Studium nie ab. Er trat dem SCHACHKLUB HIETZING bei. Dort lernte er den Lokalmatador GM Ernst GRÜNFELD, gegen den er oft und viele schachliche Duelle austrug, kennen. Als dann der Posten eines Chefredakteurs bei der WIENER SCHACHZEITUNG frei wurde, griff er natürlich gleich zu. Exweltmeister Emanuel LASKER bemerkte einmal, dass ELISKASES die tiefschürfendsten Analysen mache.
In den Dreißigerjahren entwickelte sich Erich ELISKASES zu einem der weltbesten Schachspieler und nahm an vielen nationalen und internationalen Turnieren teil. So spielte er 1932 in Linz bei einem „Schaukampf“ gegen den damals besten Schachspieler Österreichs GM Rudolf SPIELMANN zehn Partien Turnierschach und gewann überraschend 5,5 : 4,5. GM SPIELMANN versuchte in einem Rückkampf, die Niederlage auszumerzen, was ihm aber nicht mehr gelang. Er verlor wieder 5,5 : 4,5.
Der Stil des Tirolers war außerordentlich zäh und umsichtig. Eiserne Ruhe – selbst in schwierigsten Lagen – zeichnete Erich aus, genauso wie sein schnörkelloses, dem Endzweck dienendes Spiel.
Sein erfolgreichstes Turnier war sicherlich NORDWIJK 1938. Dort gewann er den ersten Preis mit 7,5 Punkten aus 9 Partien noch vor Paul KERES undMaxEUWE.

Das Endspiel gegen Paul Keres ging um die Welt:
Keres – Eliskases – Nordwijk 1938

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47…d3!

Eine taktische Finesse. Der schwarze Turm muß den a-Bauern von der zweiten Reihe aus aufhalten koennen.
48.cxd3+ Ke3! 49.b4 Ta2 50.b5 f2 51.d4. Die Gewinnchance fuer Weiss besteht in einem Opfer des Turmes auf f2, wozu der feindliche Koenig abgelenkt werden muss.
51…Kxd4 52.Txf2 Txf2 53.a7. Nach 53.b6 Kc3 54.Kd1 Kd3 55.Ke1 Ke3 56.b7 Th2 57.Kf1 Kf3 58.Kg1 Th8 59.a7 Tg8+ kann sich die Opositionsschaukel bis a5 (weisser König) und c5 (schwarzer König) zurueckdrehen: es bliebe immer remis.
53…Ta2 54.b6 Kc3 55.Kb1 Ta6 56.b7 Tb6+ 57.Kc1 Th6. Remis. Der weiße Koenig koennte, verfolgt von seinem schwarzen Gegenueber, nach g1 marschieren, um schliesslich vom Turm mit „Schach“ empfangen zu werden. Nach dieser Partie konnte an Eliskases‘ Genialität kein Zweifel mehr bestehen.

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Es folgte eine unglaubliche Erfolgsserie: Eliskases gewinnt sechs stark besetzte Turniere, jedesmal mit klarem Vorsprung: die deutsche Meisterschaft in Bad Oeynhausen 1938, das Turnier in Krefeld 1938, Bad Oeynhausen 1939 (wiederum deutsche Meisterschaft), Bad Elster 1939, Bad Harzburg 1939 und das Wiener Wertungsturnier 1939. Im selben Jahr gewinnt er gegen den stärksten „reichsdeutschen Spieler“, den gebürtigen Russen Ewfim Bogoljubow, einen Wettkampf mit +6=11-3. Er wird nun als seriöser Weltmeisterschaftskandidat angesehen und wird zum Aushängeschild des Großdeutschen Schachbundes (GSB), von dessen Ideologie er sich völlig vereinnahmen ließ. Sichtlich gefiel er sich in der Rolle des „aufrechten deutschen Mannes“, der dem „deutschen Kampfschach“ Weltgeltung verschaffen wollte und sich besonders für die „Reinheit“ der deutschen Sprache einsetzte (ein Ziel, das er übrigens bis an sein Lebensende verfolgte – siehe z.B. seine Übersetzung der Biographie David Bronsteins von Roman Toran 1962 aus dem Spanischen ins Deutsche).

Aber die Weltgeschichte machte den Ambitionen Eliskases einen dicken Strich durch die Rechnung: Genau während der Schacholympiade Buenos Aires 1939, an der die großdeutsche Mannschaft mit den zwei Österreichern Eliskases (Brett 1) und Albert Becker teilnahm (diese Mannschaft gewann den Bewerb nach vielen Hindernissen, da sich einige Länder weigerten, gegen Großdeutschland anzutreten, und daher einige Ergebnisse kampflos mit 2-2 gewertet werden mussten), brach der Zweite Weltkrieg aus. Die meisten Spieler, darunter Eliskases und Becker, konnten und wollten zunächst nicht zurückkehren, und die hoffnungsvolle Schachkarriere des Tirolers war damit vorerst beendet, da nun für etliche Jahre die Sorge um das Überleben in seiner neuen Heimat dominierte. Mit Simultanveranstaltungen und der Teilnahme an Turnieren schlug er sich so recht und schlecht durch.

Die Schachwelt nimmt Abschied von Erich Eliskases 1913-1997

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Anton Strauss, Wien
Oesterreichs letzer wohl unbestritten zur Weltklasse zählender Titan auf den 64 Feldern ist nicht mehr. Wie wir einem Internet-Bericht von „The Week in Chess“, das sich hierbei auf einen Nachruf der argentinischen Tageszeitung „Clarin“ beruft, entnehmen, ist der fruehere Weltklasse-GM am 2. Februar 1997 kurz vor Vollendung seines 84. Lebensjahres in seiner Wahlheimatstadt Córdoba für immer von uns gegangen.

Eliskases, der im Jahre 1939 während der Schacholympiade in Buenos Aires ebenso wie seine Kameraden vom Kriegsausbruch ueberrascht worden war, lebte seither in Südamerika, wo er sich nach harten Erfahrungen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit schliesslich eine gesicherte Existenz aufbauen konnte. Viele Lobsprüche und Ehrungen, wie etwa der reichlich spät (1952) verliehene Grossmeistertitel erreichten ihn erst als Staatsbürger Argentiniens, für das er auch vier Olympiaden zwischen 1952 und 1964 – zuletzt Tel Aviv am Spitzenbrett – spielte.

Nach dem Krieg lebte die internationale Schachkarriere des mittlerweile argentinischen Staatsbürgers wieder auf: Nun war er jedoch „nur noch“ ein solider Großmeister. Er spielte in vielen südamerikanischen Turnieren bis in die siebziger Jahre mit mäßigem bis guten Erfolg, gewann sogar das Zonenturnier von Mar del Plata 1951 und wurde im Interzonenturnier von Saltsjöbaden 1952 Zehnter (auf dem Weg dorthin besuchte er erstmals wieder seine österreichische Heimat). Das beste Turnierresultat seiner südamerikanischen Periode war sicher der Sieg in Mar del Plata 1948 (+9=8-0) vor Weltklassespielern, wie Gideon Stahlberg, Miguel Najdorf und Laszlo Szabo. Erich Eliskases ist wahrscheinlich einer der ganz wenigen Spieler, der in seinem Leben für drei verschiedene Länder bei Schacholympiaden antrat: Für Österreich (1930-35), für Deutschland (1939) und für Argentinien (1952, 1958, 1960 und 1964), außerdem der einzige Österreicher, der drei Weltmeister schlug – Max Euwe, José R. Capablanca und Bobby Fischer.

1976 kam er mit Frau und Sohn nach Tirol, mit der Absicht, hier wieder seßhaft zu werden, und er spielte auch Schach – sogar für die österreichische Nationalmannschaft – aber schon nach ca. einem halben Jahr mußte das Paar wieder nach Córdoba zurückkehren, die Entwurzelung war zu groß, zudem vertrug seine Frau das rauhe Klima der Alpen nicht. In Córdoba verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens, das zuletzt durch Krankheit und Depression gekennzeichnet war. Sein schachliches Erbe in Form seiner ausführlich kommentierten Partien, deren Publikation ihm in den letzten Lebensjahren ein großes Anliegen war, vermachte er einem Wiener Schachfreund.

Turnierergebnisse (Auswahl)

Wien 1932 ( 15. Trebitsch-Turnier): 1. Becker 9; Gruenfeld 7½; 3./4. Eliskases, Hoenlinger 7; 5.-7. Glass, Mueller, Robitschek 6; 8.-9. Kmoch, Podhorzer 4½; 10.-11. Igel, Palda 3½; 12. Rubinstein jun. 1½.

Budapest 1934: 1. Eliskases 13; 2.-3. Lielienthal, P. Rethy 10½; 4. A. Steiner 10 usw. (17 Teilnehmer)

Wien 1935 (18. Trebitsch-Turnier): 1.-2. Eliskases, L. Steiner 8; 3.-5. Becker, Mueller, Spielmann 6½; 6.-7. Glass, Gruenfeld 6; Gereben 5½; 9. Liechtenstein 4; 10. Fuss 3½; 11. S.R. Wolf 3; 12. Kolnhofer 2½.

Semmering-Baden 1937: 1. Keres 9; 2. Fine 8; 3.-4. Capablanca, Reshevsky 7½; 5. Flohr 7; 6.-7. Eliskases, Ragosin 6; 8. Petrow 5.

Deutsche Meisterschaft Oenhausen 1939: 1. Eliskases 11; 2. Lokvenc 9; 3. Gilg 8½; 4.-5. Kohler, Rellstab 8; 6.-9. Engels, Heinicke, Keller, Richter 7½; 10.-13. Brinckmann, Eisinger, Kieninger, Mueller 7; Michel 6½; 14. Michel 6½; Lange 6; 16. Ernst 5.

Mar del Plata 1947: 1. Najdorf 14; 2. Stahlberg 13½; 3. Eliskases 12; 4. Pilnik 11½; 5.-6. Euwe, Jul. Bolbochan 10½; 7. Rossetto 9; 8.-10. Jac. Bolbochan, Guimard, Maderna, Marini 8½ usw. (18 Teilnehmer).

Mar del Plata 1948: 1. Eliskases 13; 2. Stahlberg 11½; 3. Medina 11;
4.-5. Najdorf, Rossetto 10; 6.-7. O’Kelly, Szabo 9½; 8. Maderna 9; 9. Pilnik 8½; 10.-12. Jac. Bolbochan, Lockis, Michel 8; 13. Guimard 7;
14.-15. Castillo, Freitas 6½; 16.-17. Denker, Sanguinetti 6; 18. Olveira 5.

Eliskases – Fischer
Buenos Aires, 1960

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41…Lc5?
Fischers Gewinnversuch in dieser scheinbar guenstigen Stellung verkehrt sich ins Gegenteil. Nach 41…Lxa3! 42.Sxb6 Lxb2 43.Sxc4 Lc1 44.f5 h5 wäre die Partie remis gewesen.

42.a4!. Einerseits musste die Drohung 42…b5 verhindert werden, andererseits ist jetzt 42…Ld4 ungefaehrlich wegen 43.Sd6.
42…Kg6 43.Kg2 Kf6 44.Kf3 Ke6 45.Ke4. Gerade rechtzeitig beherrscht der weisse Koenig das Feld d4.
45…Lf2 46.f5+ Kd7 47.Sa7 Kd6 48.Sb5+ Kc5 49.Sc7 Lh4 50.Se8 Kb4 51.Kd5! Le7 52.Sxg7 Lf6 53.Se8! Lxb2 54.f6 Lxf6 55.Sxf6 c3 56.Sh5!!. Ein prachtvoller Gewinnzug. 56… c2 wuerde durch 57.Sf4 Kc3 58.Se2+ Kd2 59.Sd4! abgewehrt werden.
56…Kxa4 57.Sf4 b5 58.Se2 c2 und Schwarz gab gleichzeitig auf. 58…Kb3 59.h4 wäre ebenfalls hoffnungslos.

QUELLEN:

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P.S. Zugesandt von Herrn Dr. Paul Meyer, Innsbruck

Nachstehend noch 2 Fotos von seiner ewigen Ruhestätte, die sein Sohn Carlos für uns aufgenommen hat:

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Sitges (Barcelona), im April 2014

Ein Besuch bei Capablanca

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* 19.11.1888 + 8.3.1942

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von Frank Mayer, Sitges (Barcelona)

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Ein kleines Büchlein „Elementarer Schachuntericht“,
geschrieben von José Raúl Capablanca in den Jahren 1940/1 und erstmals aufgelegt 1947 von einem Madrider Verlag, liess mich nicht mehr los. Es war eines meiner ersten Schachbücher in spanischer Sprache:

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In der Einleitung behandelt er das Thema:

„Was ist das Schach?“

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Gemalt von Victor Vasarely (1908-1997)

Mit einfachen und verständlichen Worten erklärt er die Vorteile und Vorzüge des Erlernen des Schachs, indem er sich an die grosse Zahl der Anfänger und unentschlossenen Jugendlichen wendet.

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Vielleicht war es dieses Büchlein oder die von Capablancas Gesicht ausgehende Heiterkeit; der Zauber seiner Partien; seine wunderschönen Kombinationen ohne jegliches prahlerisches Feuer; sein „Valentino“-Aussehen der 30iger Jahre, so nahe den Filmen mit schwarzem Humor, oder eines Humphrey Bogart in dem Film, der fast seinem Namen ähnelt, die mich ihm immer nähergebracht haben.

Ich weiss nicht, wieso er dieses Charisma ausstrahlte, das ein Held braucht, um zu einer Legende zu werden; oder, weil mich die schwarz-weissen Fotos jener Zeit so faszinierten; oder…nun gut, all‘ deswegen oder aus irgendwelchen anderen Gründen…..
Die Sache war einfach die, dass ich mich entschied, zusammen mit meinem Sohn und besten Freund nach Kuba zu reisen, um Capablanca zu besuchen..

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Nun möchten wir dem geneigten Leser nicht die weiteren Umstände der anstrengenden Anreise schildern, sondern gleich zur Sache kommen:

Um den Friedhof zu erreichen, mussten wir den in der Nähe liegenden „Parque John Lennon“ durchqueren.

Dem berühmten Musiker der Beatles wurde hier ein Denkmal gesetzt.
Es gab eine Zeit, als die Gruppe der Beatles noch zusammen spielte, aber diese „abartige“ Musik in Kuba verboten war.
Als sich jedoch die Band trennte und John Lennon die amerikanische Regierung scharf kritisierte, besonders wegen des Vietnam-Krieges, kam es dazu, wie es üblich ist, dass solche „günstigen Worte für das kommunistische System“ die Meinung der kubanischen Regierung ins Gegenteil kehrte.

Die lebensgroße Bronzefigur des Sängers „sitzt“ lässig auf einer Parkbank:

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Nach kurzer Pause ging es weiter:

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Eingang zum Friedhof
Necrópolis de Cristóbal Colón, La Habana

Hübscher Eingang, nicht wahr?
Wir wissen, dass das Bild nicht so gut geworden ist, weil ständig Autos, Pferdekutschen und Leute vor dem Portal vorbeikommen.

Nachstehend stellen wir Ihnen den prunkvollen Friedhof
„Necrópolis de Cristóbal Colón“ vor:

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Dieser Friedhof beherbergt mehr Geschichte als viele Bücher, besonders der Mathematik.
Es würde zu weit führen, Ihnen alle bekannte Persönlichkeiten zu nennen, die hier Ihre ewige Ruhestätte gefunden haben wie Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler, Schauspieler und Honoratioren der Stadt.
Es gibt riesige Mausoleen, eine grosse Anzahl von Monumenten, sogar eines für einen verstorbenen Baseball-Spieler; oder ein herrliches Replikat aus Marmor, das der Grablegung Christi von Michel Angelo nachempfunden ist:

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Foto agaudi.files.wordpress
St. Peter’s Dom

Die Sonne an jenem Morgen und das Dämmerlicht des Marmors übten eine unerträgliche Helligkeit aus, die fast die Augen schmerzen liessen.

Leider war kein trauernder Besucher zu sehen, den wir hätten fragen können, so dass wir unseren Weg selbst suchen mussten. Aber ein kleiner Plan am Eingang half uns weiter.

Es war wie eine Stichflamme:

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Wissen Sie, wie einem ist, wenn man etwas entdeckt, woran man schon immer gedacht hatte?
Es ist das Gefühl eines endgültigen Treffens, das immer in deiner Erinnerung bleiben wird.
Nun standen wir vor ihm:

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Grabstätte José Raúl Capablanca

– und es war weder ein Kreuz noch ein Engel, sondern eine stilvoll gestaltete und emporgerichtete weisse Figur.
Wieso nicht? Es musste ein König sein, der König eines makabren Schachbrettes, auf dem die schwarzen Felder vergessen wurden.
Nicht niedergestreckt, nein, sondern aufrecht und bereit, um zwischen den salzfarbenen Grabsteinplatten hin- und herzuziehen;
und wieder einmal zu entdecken, wie es möglich ist, den Tod zu umgehen.
Mit welch‘ einer Standhaftigkeit, mit welch‘ einer Beherrschung der Taktik, welch‘ eine Strategie, die gewünschte Position zu erreichen……, um letztlich den Sieg über sich selbst zu finden.

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Wir blieben eine ganze Weile, hielten inne in Gedanken an sein Bild; auch vielleicht ein bisschen „enttäuscht“, dass wir nun unseren Traum erfüllt hatten.

Langsam wurde uns bewusst, dass wir in Wirklichkeit nicht Capablanca gefunden hatten, sondern eine apokryphe Darstellung seines Kontinentes.
Es konnte nicht sein, nein, dort war nicht Capablanca, den wir suchten, sondern nur sein Körper, der vielleicht noch einmal bereit war, eine intelligente Stellung auf dem Schachbrett hervorzuzaubern, die schliesslich zum Sieg führt.

Wir konnten uns kaum von ihm trennen, legten eine letztes Mal unsere Hände auf den weissen Marmor und mussten uns einen innerlichen Ruck geben, um den schmerzvollen Rückweg anzutreten……………..

Nachstehend noch einige Bilder und Ergebnisse der
WM-Turniere aus seinen Leben:

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Capablanca (4) mit seinem Vater 1892

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Capablanca (21) 1909

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Capablanca als Mitglied einer Baseball-Mannschaft 1909

Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Ergebnisse der WM 1921
15.3. bis 28.4.1921
Havanna

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15.3. bis 28.4.1921
Havanna

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Capablanca 1922

Capablanca vs Alekhine 1927
Buenos Aires

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FINAL SCORE: Alekhine 6; Capablanca 3 (25 draws)

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Mit seiner 2. Frau Olga Chagodaev

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Capablanca 1929

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Capablanca 1936

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Gemalt von Elke Rehder

Die Bauern verneigen sich vor dem König!

Für gestern, heute und zukünftig verneigen wir uns in Ehrfurcht vor dem genialen Schachmeister Capablanca.

La Habana (Kuba), im Mai 2009

Quellen: Viva-TV, Jaime Bendito S.

Der Männlichkeitskult (El machismo)

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von Juan-Antonio Montero

übersetzt und illustriert von Frank Mayer

Text:

Die Figur der Dame oder Königin im Schach hat eine sonderbare Geschichte.

Als dieses Spiel vor 15. Jahrhunderten in Indien geboren wurde, gab es keine “weibliche” Figur auf dem Brett.

Neben den König stellte man eine Figur, der wie ein Wesir aussah und hatte eine höhere Bewertung als ein Bauer.

Ausserdem hatte er nur die Hälfte der Zugmöglichkeiten des Königs:

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Hier haben wir eine arabische Figurenaufstellung bei Spielbeginn:

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Der Läufer wurde durch einen Elefanten dargestellt, der schräg ins übernächste Feld sprang.

Die ursprünglichen Figuren lt. Joachim Petzold aus seinem Buch „Das königliche Spiel“ von 1987:

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oben von links: Elefant, Wesir und Schah

unten von links: Turm, Ritter und Bauern.

(Anmerkung: Warum der Springer als Ritter bezeichnet

wird, mag hier offen bleiben)

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Als die Araber in Spanien einfielen, brachten sie das Schach mit.

Die Christen übernahmen mit Leidenschaft dieses Spiel, Männer und Frauen fast gleich.

Eine dieser Frauen, die das Schach spielte, war die Königin“Isabel La Católica”, eine Königin, die nicht eine dekorative Person war, sondern sie übte soviel Macht aus wie ihr Gemahl Fernando.

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Während ihrer Herrschaft wurde irgendwo in Spanien die Figur der Königin oder die Dame des Schachs erfunden.

Gleichzeitig ersetzte sie den “kurzschrittigen” Wesir aus dem Urschach.

Diese Dame, mit einer grossen Wirksamkeit und Beweglichkeit ausgestattet, verlieh dem Spiel eine neue Vitalität und Lebenskraft.

Klar ist, dass diejenigen, die diese Figur mit ihren Funktionen erfanden, damit der Königin Isabel la Católica eine Ehrung und Huldigung erweisen wollten, wobei somit eine Schachdame geschaffen wurde gemäss ihrem Ebenbild und fast soviel Wert wie der König auf dem Brett hatte.

Dies hier ist nicht unbedingt eine Geschichte des Männlichkeitskultes.

Viele andere Frauen wie z.B. Santa Teresa (1515-1582)

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Gemälde von Paul Rubens

(1577 – 1640)

waren auch begeisterte Anhängerinnen und niemand stellte sich in den nachfolgenden Jahrhunderten die Frage nach einen Unterschied zwischen Männern und Frauen bei Schachspielen.

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Dann gab es aber eine Zeit, als sich in Europa einiges änderte.

Die Wandlung traf mit der romantischen Epoche im 19. Jahrhundert zusammen, als die Frauen als ein schutzbedürftigtes Wesen und nur noch als Liebesobjekt für den Mann betrachtet wurde.

Diese romantische Liebe wurde von manchen Fachleuten als Ursprung der häuslichen Gewalt gegenüber den Frauen gewertet.

Eingebundene süsse Botschaften wie: “Die Liebe kann alles”,

“Wer Dich richtig liebt, wird Dich zum Weinen bringen” oder

“Ich werde Dich niemals verlassen” belegen die Unterwerfung der Frau gegenüber dem Mann.

Kommen wir wieder zum Schach und stellen fest, dass der Männlichkeitskult seinen Höhepunkt in den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhunderst fand.

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Vera Menchik,

die als eine grossartige Schachspielerin immer wieder von ihren männlichen Kollegen diskriminiert wurde, musste eine vermutliche “Schmeichelei” des Weltmeisters

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anhören,

“weil sie die einzige Frau sei, die wie ein Mann spiele.”

Nun, sie nahm diese Aussage als einen schlechten Scherz entgegen von den vielen, die sie ertragen musste.

Eine ziemlich humorvolle Kurzgeschichte, die sich ein wenig über diese romantischen und schmeichelnden Redewendungen lustig machte, erschien im Jahre 1941 in dieser grossartigen Zeitschrift

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mit dem Namen “La Codorniz”

wie folgt:

Eugen, diese unsere Liebe, die ewig halten sollte, ist nicht mehr wie vorher.

Wieso, ist sie nicht mehr wie vorher? Wie vorher, als was?

Wie ich Dich vorher Eugen nannte.

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Verlorene Liebe

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Sitges (Barcelona), im März 2014

Ein taktloser Efim Boboljubov

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Efim Boboljubov *14. April 1889 †18. Juni 1952

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Selbst für die damaligen Zeiten sehr spät kam der in der Ukraine geborene Efim Bogoljubov erst mit 18 Jahren mit Schach ernsthaft in Berührung.

Dennoch gelangen ihm in den Jahren 1924 und 1925 (Moskauer Grossmeisterturniere) seine grössten Erfolge.

Zwei Jahre danach wurde Bogoljubov deutscher Staatsbürger, der auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ohne Probleme an allen nationalen Turnieren teilnehmen durfte.

Seine Wettkampfstärke brachte ihm sogar zweimal die
Chance auf einen Weltmeisterschaftskampf ein, beide Male gegen das Kombinationsgenie Aljechin. Bogoljubov ist nicht zuletzt wegen seiner Theoriebeiträge zu den Eröffnungen, allen voran der Bogo(ljubov)-Indischen Verteidigung, hinaus bekannt geblieben.

Bogoljubows beste historische Elo-Zahl war 2.765. Diese erreichte er 1927. Demnach war er kurzfristig die Nummer 1 der Weltrangliste.

Bei der Verleihung des Grossmeistertitels im Jahr 1950 an verdiente Meister wurde er übergangen. Erst 1951 erhielt er den Titel.

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Nachstehend eine denkwürdige Partie zwischen Bogoljubov und Dr. Tarrasch, über die es viel zu sprechen gab:

BOGOLJUBOW vs TARRASCH München 1933

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Boboljubov Dr. Tarrasch

Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Kommentiert von NM Hebert Pérez García (aus Holland)

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Bogoljubow,Efim – Tarrasch,S [C83]

München, 1933 [ C83: Open Ruy Lopez ]

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6

5.0–0 Sxe4 [Dr.Tarrasch spielte oft diese Variante, die allerdings von Bogoljubov erwartet wurde und dienlich war für seine theoretische Vorbereitung anlässlich dieser Begegnung.]

6.d4 b5 7.Lb3 d5 8.dxe5 Le6 9.c3 Le7 10.Sbd2 0–0 11.Lc2 f5

12.exf6[Üblich war in jener Zeit 12.Sb3!? Dd7 13.Sbd4 Sxd4 14.Sxd4 c5 15.Sxe6 Dxe6 16.f3 Sg5 17.a4 Tad8 18.axb5 axb5 19.Lxg5 Lxg5 20.f4 Le7; auch spielt man 12.Sd4 Dd7 (wenn 12…Sxd4 13.cxd4 Sxd2 14.Lxd2 c5 15.dxc5 Lxc5 16.Lb3 Db6 17.Df3 Kh8 18.Tad1 f4 19.Lxd5 Lxd5 20.Dxd5 f3 21.gxf3 etc.)]

12…Sxf6 13.Sb3

13…Dd7[Eine bessere Variante ist 13…Lg4!? und wenn 14.Dd3 Dd7 15.Sbd4 Sxd4 16.cxd4 Lxf3 17.Dxf3 Ld6 18.Lf5 Df7 19.a4 Se8 20.Lg4 etc.]

14.Sbd4 Sxd4 15.Sxd4 c5[Auch hätte 15…Ld6!? 16.Lg5= Beachtung finden können.]

16.Sxe6 Dxe6

(Bild entfernt)

Weiss zieht

17.Te1..[Die sichtbare Schwäche des schwarzen Damenbauers und das starke weisse Läuferpaar sind spürbare Vorteile, die der GM Efim Bogoljubov wirksam in die Tat umsetzt. ]

17.. Df7 18.Lf4 Tad8 19.Lc7 Tde8 20.Df3 Ld8

21. Ld6 Txe1+ 22.Txe1 Te8 23.Txe8+ Dxe8

24.g4 Lb6[Vielleicht war 24…c4!? besser.]

25.Df5± h6 26.Le5[ Konsequent und stark war die mögliche Folge: 26.h4!? Dd7 27.Dxd7 Sxd7 28.Lf5±]

26…Dd7 27.h4 Dxf5 28.Lxf5 Kf7 29.h5 Ld8 30.f4 a5 31.Kf2 Le7 32.Kf3 Lf8[Wahrscheinlich musste hier 32…b4 gespielt werden, obwohl Weiss auch mit 33.Lc2± einen klaren Vorteil hat.]

33. Lg6+ Ke6 34.Lf5+ Kf7 35.Ld3 c4 36.Lg6+ Ke6 37.Lf5+ Ke7

38.Ke3 Se8[Eine andere zum Sieg führende Variante für Weiss ist: 38…Kf7 39.Kd4 b4+–]

39. Kd4 Sd6[Auch verliert 39…a4 40.Kxd5 Kd8 41.Lg6+–]

40. Kxd5 Sxf5 41.gxf5 Kd7[Die defensive Machtlosigkeit von Schwarz wirkt schon dramatisch. Zum Beispiel, wenn 41…Ke8 entscheidet 42.Ke6 b4 43.cxb4 axb4 44.f6 gxf6 45.Lxf6+–]

42.a3 Ke8 43.Ke6[ und wenn 43..a4 44.Ld4+–]

Schwarz gab auf: 1–0

Ein überzeugender Sieg des GM Efim Bogoljubov, der seinen so hoch gelobten Gegner besiegte.

Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass Dr. Tarrasch während der Partie krank wurde und erst nach seiner vorläufigen Besserung wieder fortgesetzt wurde.

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

***************

Bemerkung:

Laut:

“ChessCafe.com„,

einer Internetseite, werden die Worte von Hans Kmoch *1889 + 1973) wiedergegeben, als er über die Grossmeister schreibt, die er in seinem Leben kennengelernt hatte.

Wohlgemerkt war er bei Ausbruch des II. Weltkrieges nach New York ausgewandert, weil er eine jüdische Frau hatte. Dort wurde er aufgrund seiner Fähigkeiten Leiter des Manhattan-Chess-Clubs

(Bild entfernt)

und eifriger Beitragschreiber für die amerikanischen Schachzeitschriften Chess Life und Chess Review.

(Bild entfernt)

Bild: edochess.ca

**********

Zurückkommend auf die Partie Bogoljubov und Dr. Tarrasch, die 1933 gespielt wurde, als Dr. Tarrasch schon recht krank war,

(siehe die obigen Kommentare), veröffentlichte Bogoljubov nach seinem Sieg und den kurz danach erfolgten Ableben von Dr. Tarrasch diese Partie mit der Bemerkung:

“The game that killed Dr. Tarrasch.”

Anmerkung:diesen Satz hat auch die Schachseite “chess.com” als wahr übernommen.Verletzender als Bogoljubow kann man sich sich wohl kaum verhalten.

******************

So, nun kommen wir zu einem anderen Kapitel:

(Bild entfernt)

1937

Unglücksursache:

Der LZ 129 „Hindenburg“ verunglückte am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst während einer Linienfahrt im Rahmen des Nordamerika-Programms der DZR. Die Fahrt verlief – von den ungünstigen Wetterverhältnissen abgesehen – ohne besondere Vorkommnisse. Auf Grund eines Gewitters verzögerte sich die geplante Landung. Bei dieser brach im Heckteil des Schiffes ein Wasserstoff-Feuer aus, das sich dann schnell ausbreitete. Das Luftschiff verlor dadurch seinen statischen Auftrieb und sank in etwa einer halben Minute auf den Boden. Durch die Flammen entzündete sich auch der für die Antriebsmotoren mitgeführte Dieselkraftstoff.

35 (13 Passagiere, 22 Crewmitglieder) der 97 Personen (36 Passagiere, 61 Crewmitglieder) an Bord und ein Mitglied der Bodenmannschaft kamen ums Leben (23 Passagiere und 39 Crewmitglieder überlebten das Unglück). Es war das erste tödliche Unglück in der zivilen Luftfahrt mit Zeppelin-Luftschiffen nach dem Ersten Weltkrieg. Mit dem HAPAG-Dampfer Hamburgkamen die sterblichen Überreste der Besatzungsmitglieder und einiger Passagiere am 21. Mai in Cuxhaven an, wo ein feierlicher Staatsakt organisiert wurde. Danach brachte man die Särge mit einem Sonderzug der Reichsbahn in die jeweiligen Heimatorte. So wie in Friedrichshafen, wo bei einer Trauerfeier am 23. Mai sechs Besatzungsmitglieder unter großer öffentlicherAnteilnahme beigesetzt wurden, gab es auch an den anderen Orten, besonders in Frankfurt, jeweils noch einmal größere Trauerfeierlichkeiten. Eine größere Publizität hatte bisher kein Unglück in der modernen Luftfahrtgeschichte. Direkt am Unglücksort wurde später ein Denkmal errichtet. Das aus polierten Steinplatten bestehende Werk, soll vereinfacht die Umrisse des Wracks der Hindenburg zeigen. Er ist mit einer gelben, schweren Ankerkette umrandet. Mittig befindet sich eine Widmungsplakette, die an das Unglück erinnert.

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Lt. Hans Kmoch,

(Bild entfernt)

Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

einem ehrenhaften und ehrlichen Menschen,

stellte Efim Bogoljubov beim Unglück des Luffahrtschiffes “Hindenburg” , als es in Lakehurst (New Jersey) andocken wollte,

dem amerikanischen Meister Reuben Fine,

(Bild entfernt)

jüdischer Herkunft und gewiss kein Freund des Nazi-Regimes,

die Frage, ob er erfreut sei , dass der deutsche Zeppelin unter der Hakenkreuz-Flagge in Flammen aufgegangen sei.

Jene Frage machte Reuben Fine vollkommen sprachlos. Was ist hiervon zu halten?

*************

Quellen: ChessCafé, Chessgames.com, chess.com, Wikipedia.org

Sitges (Barcelona), im März 2014

Eine Anekdote über Fritz Sämisch

(Bild entfernt)


Eine Anekdote über Fritz Sämisch (* 20.9.1896 + 16.8.1975), die wir in einem Schach-Kalender gelesen haben.

(Bild entfernt)

Ausgaben von 1984-2014 – Edition Marco

Leider haben wir ihn nicht zur Hand und können deshalb nicht für die absolute Korrektheit der Wiedergabe bürgen.

Sämisch war sowohl als Kettenraucher berüchtigt, als auch dafür, dass er – obgleich ein starker Blitz-Spieler – in seinen klassischen Partien häufig in Zeitnot geriet und deshalb verlor, weil er über einer komplizierten Stellung grübelnd die Zeit vergaß.

Die folgende Begebenheit soll sich in einer Partie gegen Alberic O’Kelly de Galway

(Bild entfernt)

zugetragen haben: Sämisch ist am Zug und vertieft sich sehr lange über das Brett gebeugt in die Stellung, im Mund die obligatorische Zigarette. Ganz versunken vergisst er, die Asche abzustreifen, sondern zieht immer weiter am Glimmstengel, bis die Glut schließlich mitten aufs Brett fällt und beginnt, ins Holz zu brennen. Sämisch bemerkt von alledem nichts, aber O’Kelly überlegt fieberhaft, wie er die Situation klären kann. Schließlich hat er die rettende Idee: Er nimmt einen bereits geschlagenen Turm und stampft die Glut aus.

(Bild entfernt)

Fotomontaje Antón Busto

Tabladeflandes.com

Erst jetzt wacht Sämisch auf und schaut ihn entgeistert an: „He, das ist ein illegaler Zug, und überhaupt war ich dran…“.

(Bild entfernt)

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Sitges (Barcelona), im März 2014

Kurt Richter – ein Spätromantiker

(Bild entfernt)


von Javier Fernandez Cordero

Kurt Richter wurde am 24. November 1900 in Berlin geboren. Er starb am 29. Dezember 1969 in seiner Heimatstadt.

Richter lernte das Schachspiel mit 10 Jahren, das ihm sein Großvater beibrachte. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges starb sein Vater und Kurt musste die Schule verlassen, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten. Er arbeitete für eine Versicherungsgesellschaft . Durch die Notlage des Krieges erlitt er viele Entbehrungen, gefolgt von einer langen Krankheit, die ihn eigentlich während des ganzen Lebens belastete.

Nach dem Krieg konnte Richter sich seiner Schach-Leidenschaft widmen. Er trat zuerst in den Schachklub „Springer“ ein, um dann später zu dem „Berliner Schachverein 1876 zu wechseln.

1922 wurde er erstmals Stadtmeister von Berlin. 1928 gewann er sein erstes internationales Turnier in Wiesbaden. Ein Jahr später wurde ihm sein Arbeitsverhältnis gekündigt. Ein Ereignis, das der letzte Anstoß war, den er brauchte, um Berufsspieler zu werden. Zusätzlich war er auch als Kolumnist für Zeitschriften tätig und veröffentlichte mehrere Bücher, u.a:
(Bild entfernt)
Bald erwies er sich als einer der besten Spieler des Landes, was ihm einen Platz in der deutschen Nationalmannschaft bei der Schacholympiade im Jahr 1931 (Hamburg) einräumte. Im Jahr 1935 wurde er Meister von Deutschland

(Bild entfernt)

und Jahre später (1950) wurde ihm der Titel des „Internationalen Meisters“ verliehen.
Während seines Lebens gewann er verschiedene Turniere in seinem Heimatland; nur selten spielte er im Ausland.

Nachstehend seine wichtigsten Ergebnisse bei den verschiedenen Turnieren:

Ergebnisse von Kurt Richter

Es sind alle Turniere enthalten, von denen wir wissen, dass Kurt Richter teilnahm.

JAHR

TURNIER

PLATZ

PUNKTE

1921

Berlín

von 17

9/16

1922

Berlín

1º-2º von 18

13’5/17

1923

Berlín

1924

Berlín

von 9

5/8

1925

Berlín

11º von 15

6’5/14

1926

Berlín

11º von 17

7’5/16

1927

Berlín

von 15

10/14

1928

Turnier Café Koenig (Berlín)Turnier Freie VereinigungBerlín

5º-8ºvon 12

1º-2º von 6

1º-2º von 10

5’5/11

3’5/5

7/9

1929

Kongress deutscher SchachverbandBerlín

4º-7ºvon 14

1º-2º von 10

7’5/13

6’5/9

1930

Turnier von SwinemuendeBerliner MeisterschaftTurnier Café Koenig (Berlín)

4º-5º von 10

1º-3º von 10

von 4

5/9

7/9

2/6

1931

Kongress deutscher Schachverband

von 13

7’5/12

1932

BerlínTurnier von SwinemundeTurnier von Kiel

von 12

von 10

1º-2ºvon 8

7/11

5/9

5’5/7

1933

Turnier von Bad AachenBerlínDeutsche Meisterschaft

von 12

1º-2º von 12

5º-9º von 16

7/11

7’5/11

8/15

1935

Turnier von Bad NauheimDeutsche MeisterschaftBerlin

von 10

von 15

1º-2º von 10

4/9

10’5/14

6’5/9

1936

Turnier von PodebradyBerlín

7º-8º von 18

von 14

9/17

10/13

1937

Turnier von Bad ElsterTunrier von Bad SaarowBerlinBerliner MeisterschaftDeutsche Meisterschaft

von 10

1º-2ºvon 10

3º-4º von 8

2º-3º von 11

von 14

5’5/9

7/9

4/7

8/10

9/13

1938

Turnier von Bad HarzburgBerlínDeutsche MeisterschaftBerliner Meisterschaft

von 10

4º-5º von 8

5º-7º von 16

von 14

3’5/9

4/7

8’5/15

11/13

1939

Turnier von StuttgartDeutsche Meisterschaft

von 12

6º-9º von 16

7/11

7’5/15

1940

BerlínTurnier von WarschauDeutsche Meisterschaft

von 10

von 12

3º-4º von 16

6/9

7/11

9’5/15

1941

Turnier von MünchenDeutsche MeisterschaftBerliner Meisterschaft

5º-6ºvon 16

von 16

3º-4º von 11

9/15

10/15

6’5/10

1942

Turnier von München

3º-5ºvon 12

7/11

1948

Berliner Meisterschaft

von 16

12/15

1949

Berliner MeisterschaftDeutsche Meisterschaft

3º-4ºvon 16

14º-25º von 36

10’5/15

6/12

1950

Berliner Meisterschaft

2º-3ºvon 18

13’5/17

1951

Berliner Meisterschaft

von 12

8/11

1952

Berliner Meisterschaft

von 17

10’5/16

(Bild entfernt)

Hier im Spiel gegen Erich Eliskases

Bad Oeynhausen, 14. Juli 1939

Im Laufe seiner Schachkarriere behielt er stets seinen aggressiven Stil. Eigentlich war er nicht in der Lage, ein Positionsschach zu spielen, sondern er suchte immer Komplikationen; nur dann war er in seinem Element und in der Lage, sein Talent zu entwickeln. Wegen seines Angriffsstiles erhielt er den Spitznamen „Der Scharfrichter von Berlin“. Sein Spielniveau lag weit über dem vieler Spieler, die sich mehr auf die Theorie stützten.

Nach ihm ist ein Angriffssystem gegen die Sizilianische Verteidigung mitbenannt, das durch die Zugfolge:

  1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 d6 Lg5 (Richter-Rauser-Variante) e6 7. Sxc6 (heutzutage wird stattdessen meist Dd2 gespielt) bxc6 8. e5 eingeleitet wird:

(Bild entfernt)

Grundstellung Sizilianisch, Richter-Rauser

Seine maximale historische Elo-Zahl war 2652.

Die Bedeutung dieses Spielers war in seinem Land größer, als es scheinen mag. Gerade aus den Worten eines deutschen Journalisten und Schriftsteller namens Hans Plaz entnimmt man: „Die konventionelle Weisheit besagt, dass jeder Mensch ersetzt werden kann, aber nicht im Fall von Kurt Richter“.

Nachfolgend eine brillante Partie, kommentiert von NM Hebert Pérez García

(Bild entfernt)

Richter zögerte nicht, Eröffnungen und unregelmässige Varianten zu spielen in seinem Streben, verdeckte Kombinationen und taktische Quellen inmitten dynamischer Positionen und wahrhaften Labyrinthen zu finden.

Aus diesem Grund war sein Spiel manchmal furchterregend und etwas ungenau.

Sehen wir anschliessend ein paar praktische Beispiele, die das Vorhergesagte veranschaulichen.

Sämisch,Fritz – Richter,Kurt [D08]

Berlin, 1941 [MN Hebert Pérez García]

1. d4 d5 2.c4 e5 [Das gefährliche Albins Gegengambit, allerdings mit einem zweifelhaft theoretischen Ruf, aber zu betrachten als Schöpfung scharfer taktischer Komplikationen.]

3. dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.Sbd2[Üblicher sind die Varianten 5. a3 oder 5. g3.]

5…Lf5 [Eine unübliche Position des Läufers in dieser Eröffnung.]

6.a3 Dd7 7.g3[ Auch sollte 7. b4!? betrachtet werden.]

7…d3 8.e3[Der Vorschlag von Sämisch mit 8. exd3!? war richtig.]

8…f6[Eine andere mögliche Option ist 8…a5!?]

9. exf6 Sxf6 10.Lg2 Lh3 11.0–0 Lxg2 12.Kxg2 h5 13.h4 Sg4

14.b3[Stärker war, mit 14.b4 Le7 15.Lb2 etc. fortzusetzen.]

14…Le7 15.Se4[15.Lb2!?]

15…0–0 16.Sfg5[Die Variante 16.Seg5 Sce5 17.e4 war hier auch zu beachten.]

16…Tad8 17.f3?[Ein ersthafter Fehler. Hier musste 17.Ld2!? gespielt werden.]

17…Lxg5!

18. hxg5[Weiss hat schon notorische Schwierigkeiten. Zum Beispiel, wenn 18.fxg4 Txf1 19.Dxf1 Tf8 20.Dd1 Lf6 21.Sxf6+ Txf6; und verliert sofort mit 18.Sxg5? wegen d2–+]

(Bild entfernt)

18…Cce5! [Kurt Richter führt meisterhaft den Angriff.]

19.fxg4?..[Weiss verliert unweigerlich nach diesem Fehler. Schade, dass Sämisch nicht die interesante Verteidigung versucht hat: 19.Ld2!? Dc6 20.Cc3! und jetzt versagt Sxf3? wegen 21.Txf3 Se5 22.Cd5 Txd5 23.Txf8+ Kxf8 24.cxd5 Dxd5+ 25.Kf2 Df7+ 26.Kg1+–]

19…Dc6–+ 20.Tf4 Txf4 21.gxf4 Dxe4+ 22.Kg3 h4+!

23.Kh3[Auch würde verlieren: 23.Kxh4 Dg2 24.g6 Dh2+ 25.Kg5 Tf8–+]

23…d2 24.Lxd2 Sf3 25.Ta2 Sxd2 26.De2 Td3–+[Folgende Variante würde sofort zum Schachmatt führen: 26…Dh1+ 27.Dh2 Df3+ 28.Kxh4 Kf7 29.g6+ Kf6 30.g5+ Ke7–+] und Weiss gab auf: 0–1

Zum Nachspielen:

http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1120252

Und noch eine sehenswerte Partie:

Telefon-Partie Kurt Richter vs. Heinrich Reinhardt

KURT RICHTER vs HEINRICH REINHARDT

Hamburg – Berlin 1937

(Bild entfernt)

Weiss zieht:

26.f6[Treu seinem unternehmischen Stil, nimmt Kurt Richter die Risiko auf sich und verschmäht die vorsichtiger Variante 26.fxg6 fxg6 27.Tf6 Tf8 28.Taf1, die den Ausgleich hält.]

26…Df8[Vielleicht war für Schwarz besser die Verteidigung: 26…De6!? 27.Dh4 g5! etc.] 27.Tf3 Sc5 28.Dh4 Se6 29.Th3 h5 30.Tf1

(Bild entfernt)

30.. d3?[“Geblendet” von dieser spektakulären und brillanten Definition dieser Partie, Kurt Richter (kommentiert diese Partie in seinem Buch “Meine besten Partien”) und weder andere bekannte Kommentatoren zensierten nicht diesen verlierenden Zug und noch sahen sie, dass Schwarz die Partie gewinnen konnte, in dem z.B. wie folgt gespielt wird: 30…c3–+ 31.Tf5 Sf4 32.Txf4 cxb2 33.Dxh5+ gxh5 34.Txh5+ Kg8 35.Se3 b1=D+ 36.Sf1 Dg6–+]

(Bild entfernt)

31.Tf5!+– [Der Beginn eines brillanten und entscheidenden Angriff auf den gegnerischen König. Hier sieht man ganz deutlich die bewerkenswerte Kraft des “ewigen” Romantikers Kurt Richter.]

Dc5+ 32.Kf1[Auch gewann: 32.Kh1 Sf4 33.Txh5+ Sxh5 34.Dg5 Tg8 35.Txh5 Df8 36.Sh6+ Kh7 37.Sxf7+ gxh5 38.Df5+ Kg8 39.Dg6++–]

32…Sf4 33.Txf4[Es ist ein bisschen verwunderlich, dass Richter nicht die “malerischen” Fortsetzung spielt: 33.Txh5+! Sxh5 34.Dg5 Kg8 35.Txh5 Df8 36.Sh6+ Kh7 37.Sxf7+ gxh5 38.Df5+ Kg8 39.Dg6++–]

33…d2[Auch rettete nicht 33…Kg8, den in diesem Fall würde wie folgt gewinnen: 34.Dxh5 gxh5 35.Txh5 d2 36.Se3+–]

34.Dxh5+ gxh5 35.Txh5+ Kg8 36.Se3! und Schwarz gibt auf.

1–0

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

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Seine letzte Ruhestätte in Berlin auf dem Karlshorster und Neuen Friedrichsfelder Friedhof:

(Bild entfernt)

Anmerkung:

Wir wollen es uns nicht nehmen lassen, einige Worte von Dr. Emanuel Lasker wiederzugeben, die Kurt Richter in seinem Buch „Kombinationen“ am Anfang zitiert hat:

„Steinitz musste, um die wahren Prinzipien von den unechten zu scheiden, lange und bedachtsam die Kunst von Morphy nachgraben. Und als er die Wurzeln blossgelegt hatte, sprach er zur Welt:

Hier ist die Idee des Schachspiels; höret und urteilt nicht rasch, denn es ist etwas Grosses, und ich kann es nicht bändigen.“

*********

(Die Wiedergabe dieser Philosophie lässt uns ahnen, auf welchem geistigen Niveau sich Kurt Richter befand.)
Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Februar 2014

Schach mit Pfeife

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

Die nachfolgende hübsche kleine Geschichte hatte Theo Schuster (* 1911 + 1998) in seiner Stuttgarter Schachecke ausgegraben:

Frank Marshall,

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1900

einst ein leuchtender Stern am amerikanischen Schachhimmel, war ein humorbegabter Schachmeister. Die nachfolgende berühmt gewordene Kurzpartie gegen Englands Matador Amos Burn

(Bild entfernt) um 1900

versah er seinerzeit mit folgenden Anmerkungen:

Marshall – Burn (Paris 1900)

1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7.Burn, ein leidenschaftlicher Raucher, nahm seine Pfeife hervor und suchte den Pfeifenstopfer.

5. e3 0-0 6. Sf3 b6 7. Ld3 Lb7 8. cd5: ed5:.Er begann die Pfeife zu füllen. Ich beschleunigte das Tempo meiner Züge.

9. Lf6: Lf6: 10. h4. auf diesen Zug hin mußte nachgedacht werden! Die Pfeife wurde inzwischen vergessen… Die Drohung 11.Lh7:+ gefolgt von Sg5+ stammte von dem genialen Pillsbury.

10. … g6 11. h5 Te8 12.hg6: hg6: Nun suchte er nach seinen Streichhölzern.

13.Dc2 Lg7 14 . Lg6:! fg6:. Hier strich er eines an … verbrannte sich dabei die Finger … und das Streichholz ging aus.

15.Dg6: Sd7. Ein anderes wurde probiert!

16.Sg5 Df6. Endlich kriegt er den Tabak in Brand.

17. Th8+! Schwarz gab auf.

(Bild entfernt)

Endstellung

Armer Burn! Die Partie hätte wahrscheinlich einen anderen Verlauf genommen, wenn er früher mit seiner Pfeife klar gekommen wäre. Er nahm es aber mit gutem Humor auf und schüttelte mir die Hand. Dann ging seine Pfeife aus:

(Bild entfernt)

Zeichnung: akfoerster.de

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Quelle: Schachwoche.ch

Sitges (Barcelona), im Februar 2014

Kurioses – 3. Teil

(Bild entfernt)

Es ist allgemein bekannt, dass Bronstein viel Zeit damit verbrachte, den ersten Zug bei seinen Partien auszuführen. (Sein Rekord liegt bei 40 min.) Dies hat mehrere Journalisten veranlasst, nach dem Grund für diese Verzögerung zu fragen. Er sagte zu einem Reporter:

„Ich denke darüber nach, wie ich morgen spielen werde!“

Die Erklärung von Bronsteins Verhalten gibt uns Yuri Averbach in seinem Buch „Schachlektüre „, worin er schreibt, dass Bronstein seine Nerven kaum kontrollieren konnte, wenn es darum ging, einen Plan nach der Eröffnung zu wählen. So begann die Uhr zu laufen, und David versuchte, den Kopf kühler werden zu lassen, um Ruhe und Konzentration zu finden.

Viele schreiben folgende Geschichte Bronstein zu, die aber nach Yuri Averbach nicht Bronstein passierte, sondern einem anderen GM:

In einer Partie brauchte der Anziehende lange Zeit, um den ersten Zug auszuführen. Am Ende des Spiels fragte sein Gegner:

„Warum haben Sie so viel Zeit in die Eröffnung investiert? Haben sie vielleicht versucht, eine neue Variante zu entdecken?“

Daraufhin anwortete der Führer der weissen Steine: „Überhaupt nicht! Ich bemerkte das Fehlen meiner Hausschlüssel in der Tasche und musste immer daran denken, wo ich sie vergessen haben könnte.“

Yuri Averbach

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Isaak Boleslavsky

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Bei Simultanvorstellungen verblüffen die Meister oft die Fans, mit welcher Fähigkeit sie sich konzentrieren können und sind erstaunt über die Geschwindigkeit, die Züge auszuführen; doch manchmal schaffen sie es, die Profis zu überlisten.

Bei einer Gelegenheit gaben Yuri Averbach und Isaak Boleslavsky eine Simultanvorstellung, die folgende Besonderheit hatte: Beide spielten die gleichen Partien, wechselten sich nach jedem Zug ab, jedoch ohne Rücksprache.

Averbach kam nun an ein Brett und bemerkte das Fehlen eines Turmes und fragte drohend:

„Wo ist der Turm?“

„Isaak Boleslavsky hat ihn verloren!“ antwortete der Gegner.

Aufgrund dieses „unangenehmen“ Zwischenfalles verloren die Meister die Partie. Zurück im Hotel, kritisierte Averbach seinen Partner Boleslavsky wegen “ Fahrlässigkeit „, den Turm zu verlieren. Auf diese Kritik anwortete Isaak:

„Wie wer was vernachlässigt?“

Es stellte sich schliesslich heraus , dass der „Held“ des Treffens, dem alle applaudiert hatten, nichts weiter als ein geschickter Betrüger war.

Gösta Stoltz

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Im Interzonenturnier Saltsjöbaden 1948 musste Miguel Najdorf gegen einen der drei schwedischen Musketiere spielen: Gösta Stoltz.

Najdorf wusste von der Alkoholabhängigkeit seines Gegners. Als er ihn mittags in der Cafeteria des Turniergebäudes traf, sah er eine Möglichkeit, den Weg für die später beginnende Partie zu ebnen. Er lud Gösta Stolz zu einem Glas nach dem anderen ein, bis er glaubte, mit dem Ergebnis zufrieden zu sein und beschloss, danach zum Essen zu gehen. Der argentinische Meister dachte, dass sein Gegner nicht mehr in der Lage sei , eine ordentliche Partie zu spielen, die am Nachmittag begann.

Zur Überraschung von Najdorf spielte Stoltz sehr genau und verursachte ihm in eine Menge Ärger. Am 42. Zug angekommen, bot Stoltz ein Remis an, dass von Najdorf sofort angenommen wurde.

Stoltz kommentierte ironisch gegenüber Najdorf:

„Ich schlug Dir ein Remis vor, obwohl ich besser stand, denn wenn Du mich nicht eingeladen hättest, wäre ich heute nicht in der Lage gewesen, gut zu spielen.“


Adolf Anderssen

(Bild entfernt)

Adolf Anderssen war ein wahrer Schachsüchtiger, der seine gesamte Freizeit für das Schachspiel verwendete, wie folgende Geschichte belegt :

Eines nachts sass Anderssen am Schachtisch und fing an, ein Problem zu studieren. Je mehr er sich in alle möglichen Varianten verlor, spielte er eine Unzahl von Partien gegen sich. Er war so fasziniert von der Schönheit dieses Spieles, dass er den Überblick über die Zeit verlor und daher unter diesen Umständen nicht das Gefühl der Müdigkeit spürte. Als plötzlich jemand an die Tür klopfte, wurde er wütend, unterbrach seine Gedanken und hatte dann folgendes Gespräch mit seiner Haushälterin:

Anderssen: „Gehe hin in Frieden zu Bett. Ich bin jetzt sehr beschäftigt.“

Liesbeth: „Was sagen Sie da, bitte?“

Anderssen: „Kümmern Sie sich nicht um mich. Wie Sie wissen , kann ich perfekt die ganze Nacht durcharbeiten. Wecken Sie mich morgen früh, wie immer!“

Liesbeth: „ Herr Professor, geht es Ihnen gut?“

Anderssen: „Junges Fräulein, ich bin nicht nur sehr gut dran, aber ich mag es auch nicht, wenn ich jetzt gestört werde. Ich studiere gerade eine wichtige Stellung und werde bald aufhören.“

Liesbeth: „Herr Professor, wissen sie eigentlich, dass Sie überhaupt nicht geschlafen haben? Ich habe die Erfahrung schon mehrfach mit Ihnen gemacht. Aber … haben Sie nicht die Glocken in der Morgendämmerung gehört?“

Anderssen: „Die Glocken in der Morgendämmerung? Ich hätte schwören können, dass es die Nachtglocken waren. Haben Sie sich nicht gerirrt?“

Liesbeth: „ Herr Professor, ich habe die ganze Nacht geschlafen und bin nicht am Träumen.“

Efim Geller

(Bild entfernt)

Wir fahren mit einer Zeitmaschine in die Stadt Bled im Jahre 1961. Dort spielen der sowjetische Efim Geller und der jugoslawische Udovcic Millet gegeneinander.

Mijo Udovcic spielte mit einer brennenden Zigarre im Mund und versuchte immer wieder, Geller zu verwirren, indem er ihm den Rauch ins Gesicht blies. Geller wurde diesen Tabakqualm langsam satt und brachte eine Beschwerde bei dem Haupt-Schiedsrichter des Turnieres vor.

Der Schiedsrichter nahm es mit Humor und erinnerte an die Gewohnheit des Weltmeisters Emanuel Lasker, während seiner Partien dauernd Zigarren zu rauchen. Demzufolge antwortete er Geller:

„Sie müssen sich keine Sorgen machen, da Udovic nicht so wie Lasker spielt!“

Der Schiedsrichter hatte vollkommen recht, denn als das Turnier zu Ende war, landete Udovcic auf dem letzten Platz mit 4 Punkten aus 19 Partien. Allerdings erzielte er nach einem langen Kampf ein Remis gegen Efim Geller, den er wohl durch den Zigarrenqualm „verwirrte“.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Februar 2014

Kurioses 2. Teil

Fischer und seine Eigenheiten

(Bild entfernt)

Wie bekannt ist, gehörte der Humor nicht zu den Stärken von Bobby Fischer, vielleicht von einem Leben beeinflusst, das alles andere als normal war. Hier sind zwei gute Beispiele:
Der Journalist Dimitri Bjelica verbrachte viele Zeit mit den Grossen des Schachs, um sie in ihrer Tiefe kennen zu lernen.

Daher gibt es eine unerschöpfliche Quelle von Anekdoten wie diese, die ich gern so weitergebe, wie sie sich ereignet hat: „Anlässlich einer gemeinsamen Autofahrt mit Tal und Fischer und da wir auf einer Bergstraße hintuckerten, war es klar, dass es ein recht gefährliches Unterfangen war. Beiläufig sagte ich:
„Wenn wir einen Unfall haben, wird sicher ein allen Zeitungen stehen, dass der berühmte Journalist Dimitri Bjelica umgekommen ist.
Tal lachte, aber Fischer wurde nachdenklich und schloss mit den Worten:
„Ich glaube, Sie irren sich. In Amerika bin ich bekannter als Sie .“
Fischer war sehr beliebt und wurde immer von den Medien angesprochen und schikaniert wegen seinem „bekannten Sinn für Humor“, was ihn veranlasste, einen Journalisten zu fragen:
„Verstösst es gegen das Gesetz, einen Journalisten zu töten?“
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(Bild entfernt)

GM Efim Bogoljubow war bekannt für einen einfachen und und ungeschickten Humor.

Folgende Geschichte ereignete nach dem Sieg einer Partie gegen

den schon älteren und kränklichen Dr. Tarrasch.
Die traurige Tatsache ist, dass ein paar Tage später Dr. Tarraschim Alter von 72 Jahren verstarb.

Bogoljubow in seiner plumpen Art veröffentlichte die Partie und gab ihr folgende Überschrift : „Die Partie, die Dr. Tarrasch ins Jenseits beförderte.“

Das Wort „makaber“ reicht nicht aus, um dem vorangegangen Satz eine Beschreibung zu geben.

Aber Bogoljubov war so. Als Aljechin 1946 starb, forderte er den WM-Titel, ein Ansinnen, dass von den Organisatoren kompfschüttend abgelehnt wurde.
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(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Anlässlich eines internationalesn Schachturnieres in Völklingen, gesponsert von den Röchling Werken, ergab sich eine komische Situation.
Wie Gerhard Henschel (ein bekannter Schachautor) erzählt, hatte der Lokalmatador einen starken französischen Spieler gegenüber. Sie spielten eine Variante der Königsindischen Verteidigung und tauschten bald die Damen, wie es häufiger vorkommt.
Unter den Anwesenden befand sich auch ein Caféhauspieler, der nach dem Damentausch laut rief: „Was sind das doch für schlechte Spieler!“

Das gesamte Publikum drehte sich mit Erstaunen zu ihm um. Dieser „Experte“ sprach so laut, so dass auch die beiden Kontrahenten den Ausspruch hören mussten: „Schauen Sie nicht hin. Das sind wirklich schlechte Spieler, denn beide haben schon ihre Dame verloren! „
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Quelle: ajedrezdeataque.com

Barcelona (Sitges), im Januar 2014

Kurioses – 1. Teil

Wir befinden uns auf dem New Yorker Turnier von 1927, und es nahmen einige der besten Spieler der Welt teil, einschliesslich des „unsiegbaren“ José Rául Capablanca.
Wie erwartet, begann Capablanca brillant und machte schon mehrere Runden vor dem Ende des Turniers deutlich, dass der endgültige Sieg ihm nicht zu nehmen war. In einer der Pausen unterhielt er sich mit einem Freund, der sich spöttisch über die Überlegenheit des Weltmeisters äusserte, was Capablanca recht ärgerte und ihm antwortete, dass er alle restliche Partien auf remis spielen würde.

(Bild entfernt)

Capablanca hielt sein Wort und machte einfache Remise in den letzten vier Runden. In einer dieser restlichen Partien hatte er gegen Aaron Nimzowitsch zu spielen. Nachdem die Eröffnungszüge beendet waren, schickte Capablanca eine Notiz an seinen Gegner, die von dem Schiedsrichter übergeben wurde, in der stand: „Ich bitte Sie, nicht so schlecht zu spielen, oder es bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie zu schlagen.“

(Bild entfernt)

Dieses merkwürdige Gespräch ereignete sich in einer Partie zwischen der sowjetischen Meister Isaak Boleslavsky und dem argentinischen Meister Miguel Najdorf:
Najdorf : Wären Sie mit einem Remis einverstanden?
Boleslavsky : Nein!
Najdorf , etwas nachdenklich: Sie spielen also um zu gewinnen ?
Boleslavsky : Nein!
Najdorf : Spielen Sie um zu verlieren?
Boleslavsky : Nein!
Najdorf : Nun, was möchten Sie denn ?
Boleslavsky : Spielen!

Diese Geschichte gehört zu dem großen Mikhail Tchigorin

(Bild entfernt)

Es wird überliefert, dass er gegen weniger erfahrenen Gegner stets einen Vorteil gab, jedoch nie verlor. Nun passierte, dass er bei einer Partie nicht gewinnen konnte, weil sich nur noch die beiden Könige auf dem Brett befanden.

Wohl in einem „verweifelten“ Versuch schob Tschigorin seinen König an den gegnerischen König und sagte: „Schach!“ Zu seiner Überraschung zog sein Gegner mit dem König ein Feld weiter. Ermutigt durch den Erfolg, zog Tschigorin seinen König immer weiter mit Schachgeboten an den gegnerischen König heran, bis er ihn in eine Ecke getrieben hatte und dann sagen konnte: „Schachmatt!“ und sein bestürzter Rivalen musste „die Niederlage“ akzeptieren.


(Bild entfernt)

Der deutsche Meister Fritz Sämisch war sehr berühmt für die vielen Blind-Simultanvorstellungen, die eine große Anzahl von Zuschauern in den Bann zog.
In einer dieser Sitzungen wurden die Gegenspieler von dem Verhalten einer älteren Frau gestört, die auch gekommen war, um dieses Ereignis mitzuerleben. Sie begann mit der Prüfung von Sämisch aus allen möglichen Blickwinkeln. Nach ein paar Minuten ging sie zu dem nächsten Nachbarn und sagte ihm: „Hören Sie bitte, dieser Mann ist ein Betrüger. Ich habe ihn eine Weile beobachtet und festgestellt, dass er nicht blind ist !“
Ich fürchte, dass sich diese Geschichte oft von wenig sachkundigen Zuschauern dieser Modalität wiederholt hat .

Während des internationalen Schachturnieres

(Bild entfernt)

im Jahre 1862 in London wurde eine Partie in Absprache zwischen mehreren der teilnehmenden Meister organisiert (das war zu jener Zeit üblich und zwar zum Vergnügen der Öffentlichkeit) .
Die beiden Teams, die diese Partie spielten, waren wie folgt besetzt: Adolf Anderssen, Louis Paulsen und Serafino Dubois. Auf der anderen Seite: Jakob Löwenthal, Samuel Boden und H. A. Kennedy.
Anderssen, trotz all seiner Erfolge war stets bescheiden und sagte zu Dubois vor dem Spiel: „Wir müssen uns organisieren: Paulsen macht die genauen Züge, Sie die brillanten und ich die schlechten“. Mit etwas Glück habe ich die Partie gefunden, die vom Anderssen-Team gewonnen wurde:

Kennedy, Löwenthal y Boden – Anderssen, Dubois y Paulsen

London 1862

(Bild entfernt)

Siehe die Partie:

(Bild entfernt)

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Quelle: Ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Januar 2014

Schach – Ein kleines illustriertes Gedicht

von Ángel Alberto Aquino, Perú (Bild entfernt)

gemalt von Nicolas Sphicas

Verschiedene Figuren
auf einer geraden Linie
mit dem Pflichtgefühl des begrenzten Schrittes….

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Unter Beibehaltung der Hierarchien –

besteht dieses Spiel seit der Antike.
Die Figuren bewegen sich mit Leichtigkeit

in einem Bereich von zwei Farben
und jede weiss genau,
welches ihr Ziel ist.
Dies ereignet sich in einer kleinen Stadt,
in der dieser Grundgedanke seit Jahrhunderten in unserer Welt lebt.

(Bild entfernt)

gemalt von Samuel Bak

Eine äußere Prachtentfaltung mit Prunk
in gleichen harmonischen Feldern,
gewichtet so ausdrucksvoll und eindeutig
mit der Königin und dem König in der Mitte –

(Bild entfernt)
gemalt von Elke Rehder

ermutigt dieses Abenteuer unser Sein
seit zwei Jahrtausenden
Körper – Seele – Geist

Schach

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

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Sitges (Barcelona), im Januar 2014

Der beste Schachspieler Anfang des 19. Jahrhunderts

(Bild entfernt)

Alexandre Louis Honore Lebreton Deschapelles , auch zu seinen Lebzeiten bekannt als Guillaume le Breton, wurde am 7. März 1780 in Frankreich geboren und starb am 27. Oktober 1847. Er galt seiner Zeit als ein Experte in der oberen Gesellschaft im Whist-Spiel.

(Whist wird von vier Personen mit französischen Karten (Whistkarte, zu 52 Blättern) gespielt.)

(Bild entfernt)

Selbst seine internationalen Kollegen lobten sein Wissen und Können dieses Spieles.

(Bild entfernt)

Hinweis: Eine Quelle besagt, dass er der “inoffizielle” Weltmeister von 1800 bis 1821 im Schachspiel war. Eine Beschreibung “shortand” Biographie zitiert:

Vielleicht der größte Spieler in der Geschichte, der stärkste Whist-Spieler in Frankreich und Erfinder des Deschapelles Coup. Er kämpfte in Napoleons Armee und wurde fast tödlich verwundet. Bei der Belagerung von Mainz verlor er seine rechte Hand, was zur Folge hatte, dass er als Verfechter der republikanischen Prinzipien dann die Duelle mit seiner linken Hand führte und ein Säbelnarbe von der Augenbraue bis zum Kinn erlitt.

Der Verlust der rechten Hand machte die Hoffnung auf eine grosse Karriere zunichte; im Militärdienst konnte er daraufhin nur in der Logistik verwendet werden.

Nach einigen Berichten erreichte er am Ende seiner Laufbahn trotzdem kurzzeitig den Generalsrang.

Nach Napoleons Sturz im Jahre 1815 entfernte sich Deschapelles von seinen Aufgaben und widmete sich dem Schach, welches er nach eigener Aussage innnerhalb von nur 4 Tagen erlernte.

Bald war Alexandre Deschapelles einer der stärksten Spieler im Pariser “Café de la Régence”.

(Bild entfernt)

Café de la Régence um 1840

Seine wirkliche Spielstärke ist daher schwer einzuschätzen. Deschapelles war kein Theoretiker. Er las keine Schachbücher und hat im Gegensatz zu Philidor oder Saint-Amant auch nie ein solches verfasst. Seine Eröffnungskenntnisse war nicht besonders gut, so dass er schon bei den ersten Zügen lange nachdenken musste und oft schnell eine schlechte Position hatte.

Im Jahre 1842 gewann er einen Wettkampf gegen Pierre Saint- Amant (eines der stärksten Spieler jener Zeit)

(Bild entfernt)

mit 3:2.

Als Deschapelles gegen seinen Schüler Louis-Charles Mahé de la Bourdonnais

(Bild entfernt)

nicht mehr gewinnen konnte, zog er sich vom Schach zurück und ging in den Ruhestand auf das Land und wurde ein erfolgreicher Obst- und Gemüsebauer.

Ein Porträt über Herrn Alexandre Louis Honore Lebreton Deschapelles erscheint auf dem Cover der Publikation mit dem Titel “Der französische König des Schachs “.

(Bild entfernt)

Er war der erste französische Schachmeister, der an die Leistungen von François-André Danican Philidor anknüpfen konnte.

Der zum Porträt vorgesehene Titel heisst “Schach-Spieler”, auf Französisch, “Les joueurs d’échecs”.

Hinweis: Eine lange Biographie über Herrn Alexandre Louis Honore Lebreton Deschapelles wird dem Leser als Publikation vorgestellt: Schach & Schach-Spieler, bestehend aus Original-Geschichten und Skizzen von Mr. George Walker, von Charles J. Skeet von Charing Cross veröffentlicht, London, England, im Jahre 1850.

(Bild entfernt)

Hinweis: Die zweite Abbildung ist von Herrn Alexandre Louis Honore Lebreton Deschapelles im Café de la Regence in Paris, Frankreich. Es ist wahrscheinlich eine Partie gegen Mr. John Cochrane um das Jahr 1820.

(Bild entfernt)

Es folgt die entsprechende Partie:

COCHRANE VS DESCHAPELLES Paris 1820

Kommentiert von NM Hebert Pérez García aus Hollland

(Bild entfernt)

Cochrane, John – Deschapelles, BL [B00]

Paris, 1820

[ NM Hebert Pérez García]

1.e4 a6 [Sicher wollte der Meister Deschapelles die Partie auf unbekannte Wege bringen, wobei er damit natürlich eine psychologischen Streit entfachte.]

2.d4 Sc6[Natürlicher sind die Optionen: 2…e6; o 2…b5]

3.f4?![Zweifellos war es besser, mit dem stechenden Vorrücken 3.d5!? fortzusetzen.]

3…d5! 4.e5 Lf5 5.c3 e6 [Die Partie hat nun den Charakter einer Nimzowitsch-Eröffnung genommen (1.e4 – Sc6 etc.), was durchaus akzeptabel ist.]

6. Ld3 Sh6 7.Se2?![Der Beginn einer Serie ernsthafter Fehler seitens des Führers der weissen Steine. Richtig war 7.Sf3 zu spielen, wobei das wichtige Feld h4 verteidigt wird.]

(Bild entfernt)

7…Dh4+ 8.g3?![Notwendig war 8.Sg3 zu spielen.]

8…Dh3 9.Kd2?[Wieder ein Fehler von Cochrane. Es sollte hier 9.Lxf5 gespielt werden und wenn 9..Sxf5 10.Dd3 h5µ, (10…Dg2?!11.Tf1 Dxh2 12.Df3 Dh6 13.g4 Sfe7 14.f5 Dh4+ 15.Kd1) etc.]

9…Lxd3 10.Kxd3 Df5+[Vielleicht war der Zug 10…Dg2!? genauer.]

11.Kd2 Sg4 12.Ke1?[Jetzt verliert Weiss sofort. Eigentlich war notwendig und erzwungen, mit 12.Df1 fortzusetzen.]

(Bild entfernt)

12…De4–+ 13.Tg1 Sxh2 14.Sd2 Dd3[oder auch 14…Df5]

15.Kf2?[15.Sb1]

15…Sg4+ 16.Ke1 De3[Es gewann schnell: 16…Se3–+]

17.Sf1[ Weiss hat keine Verteidigung mehr. Auch rettete die Variante 17.Tf1 Dd3 18.Sf3 De4 19.Sg5 Df5–+ nicht.]

17…Df2+ 18.Kd2 Df3 19.Kc2?[Erlaubt ein erzwungenes Matt. Man hätte hier noch den Verzweiflungszug 19.a3 machen können.]

(Bild entfernt)

19…Sf2 20.Dd2 De4+ 21.Kb3 Sa5+ 22.Ka4 Sc4 23.De1 Dc2+ 24.b3 b5# Schachmatt! : 0–1

(Bild entfernt)

Zum Nachspielen:http://www.tabladeflandes.com/visor_global/Cochrane-vs-Deschapelles-1821.html

Bei der Beurteilung der Spielweise dürfen wir nicht vergessen, dass diese Partie vor fast 200 Jahren gespielt wurde und mehr einer Caféhaus-Partie ähnelt. Na, ja, wenn sie im Café de la Régence gespielt wurde, liegen wir nicht ganz so falsch.

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Quellen:

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Sitges (Barcelona), im Janauar 2014

Weihnachten 1878

Eine Schachpartie

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von Wilhelm Jensen (1837 – 1911)

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resümiert und illustriert von

Frank Mayer, Sitges (Barcelona)

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In “Eine Schachpartie” führt Wilhelm Jensen den Leser am Heiligabend in die Stimmung einer großen Stadt: behütete Familien, Christbaumstimmung, aber auch einsame Spaziergänger.


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Ein Student spielt des öfteren Schach mit einem älteren Herrn im Café , wo man ihn mit „Herr Baron“ anspricht.

Rückblickend erzählt Jensen den Beginn einer eigentümlichen Schachrivalität zwischen den beiden.

Das besondere Ereignis dieses Weihnachtsabends besteht darin, daß der Alte den mittellosen Studenten Wolfgang zu sich nach Hause zu einer weiteren Schachpartie einlädt. Der junge Mann zögert lange, schließlich gelangt er auf eindrucksvoll geschilderte Weise doch in dessen Wohnung, angezogen von einem möglichen Gewinn.

Bei jeder Partie geht es um Dukaten,

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und Wolfgang braucht dringend Geld.

Noch befindet er sich in seinem möbliert gemieteten Zimmer, als es plötzlich an der Tür klingelt.

Ein Laufbote überreicht ihm ein Päckchen, das eine Schatulle mit einem Goldmedaillon und einem eingesetzen Bild enthält

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sowie ein einfaches Blatt Papier mit einem mit der Hand geschriebenen Gedicht.

“Erwine!” Ja, er konnte es kaum glauben.

Das Bild stellte das hübsche Mädchen dar, das er mehrmals im vergangenenen Sommer getroffen hatte:

auf einen Studentenfest im Park und seinem täglichen Fussweg zur Universität.

Sie wechselten öfters ein paar Worte, aber er hatte den Eindruck, dass mehr als eine natürliche Sympathie nicht entstanden war.

Auf dem Weg zu dem luxuriösen Haus des Barons fragte er sich nun dauernd, wie Erwine wohl seine Anschrift erfahren habe.

Nach einem kurzem Klopfen an dem wuchtigen Eingangstor, öffnete der Gastgeber selbst und führte Wolfgang in sein prächtiges und geräumiges Wohnzimmer.

Ohne weitere grosse Worte, setzten sie sich an den Schachtisch aus Ebenholz mit Figuren aus Elfenbein und begannen zu spielen.

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Die Schachpartie

In jeder Partie handelte es sich darum, einige Dukaten zu gewinnen oder zu verlieren, die der Student dringend benötigte.

Zwischen den Partien lud der Baron seinen jungen Gegner zu einem Punsch ein und bot ihm eine Pfeife mit köstlichem Tabak an.

Die würdige Atmosphäre einer festlichen Nacht!

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Auf Wunsch des Barons und schon bei vorgerückter Stunde spielten sie um einen 20-fachen Einsatz.

Wolfgang nahm die Herausforderung an, weil er davon ausging, dass seine Stellung auf dem Brett so günstig war, um einmal in seinem Leben so viel Geld zu erspielen.

Trotzdem regte sich in seinem Inneren eine Unruhe, weil er nicht wusste, wie dieses nächtliche Abenteur schliesslich ausgehen würde, zumal es sich um eine hohe Summe handelte.

Plötzlich sagte der Baron: “Man sollte nicht um so viel Geld spielen in dieser heiligen Nacht!”

Ein Schreck durchfuhr den Studenten!

Als Wolfgang sich langsam davon zu erholen schien, brachte der Baron eine mit Eisenspangen beschlagene Truhe aus einer Ecke des feudalen Wohnzimmers und stellte sie mitten auf einen grossen Tisch.

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Er öffnete sie geheimnisvoll, und es offenbarte sich ein ungeheure Anzahl von Golddukaten mit einem unermesslichen Wert. Der junge Student war wie geblendet.

Es kam ihm in den Sinn, dass er niemals eine solche Summe verdienen könne, auch, wenn er Tag und Nacht arbeiten würde.

Jetzt geschah das, was kaum zu erwarten war:

Der Baron bot an, um den Dukatenschatz zu spielen.

“Oh, je, anwortete der Student, wenn ich die Partie verliere, werde ich niemals einen solchen Wert zurückgeben können!”

“Das macht nichts”, antwortete der Gastgeber.

“Wenn Du verlieren solltest, kannst Du mir den Betrag langsam abzahlen, sobald Du beruflich tätig wirst und verdienst.”

“Ausserdem ist Deine Stellung auf dem Brett mehr als günstig für Dich!”

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Die Versuchung war zu gross, um nicht das Wagnis einzugehen.

Sie kehrten zur Partie zurück und spielten weiter, wobei Wolfgang mit Weiss ziehen musste.

Bei so viel Geld im Spiel fingen plötzlich die Gedanken im Kopf des Studenten an zu kreisen, und er entwickelte fieberhafte Ideen, die ihn völlig verwirrten.

Er sah, wie seine weisse Dame sich in seine angebetete Erwine verwandelte und sämtliche anderen Figuren bedeckten sich mit einem Schleier, fast als wären sie in Nebelschwaden getaucht.

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Der Punsch und die Pfeife taten auch noch das ihrige dazu, er hatte die Partie nicht mehr unter Kontrolle und musste aufgeben.

Angesichts dieses Desasters und einem solchen Schicksalsschlag griff er zu einem Revolver, der sich in der Nähe auf einem Schrank befand und setzte ihn an seine Schläfe.

Er wollte einfach nicht mehr leben.

Seine Ehre sagte ihm, dass er sein Leben bei einer Schachpartie verloren hatte.

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Nun griff der Baron ein und riet ihm, sich nicht zu erschiessen. Wenn er unbedingt sterben wolle, dann empfehle er ihm, sich in den hinter dem Hause vorbeifliessenden Fluss zu stürzen, um somit eines würdigen Todes zu sterben.

Völlig resigniert fügte sich Wolfgang seinem Schicksal und liess sich von dem Baron durch einen langen und dunklen Gang des Gebäudes führen.

Bevor sie an den Hinterausgang kamen, öffnete der Baron eine Zimmertür und Wolfgang traute seinen Augen nicht mehr, was er wahrnahm.

In hinteren Teil des Zimmer befand sich wie eine Statue, umhüllt von einer mysteriösen Dunkelheit, eine Gestalt, die sich ihm näherte und ihn mit einer sanften Stimme und einem leichten Kuss begrüsste.

Es war Erwine! Seine geheime Liebe!

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Dann ergriff der Baron feierlich das Wort und sprach:

“Meine liebe Tochter: Wie Du mir mehrmals schon anvertrautest, konntest Du diesen jungen Mann nicht vergessen, in den Du Dich schliesslich verliebtest.

Was sich gerade vorher ereignet hat war die Tatsache, dass Wolfgang mit mir Schach spielte, für seine Verhältnisse als Student eine Lebenswette einging, aber nicht des Geldes willen, sondern um Dich zu erobern.

SeineEhre stand über seinem Spielglück im Schach und seinem Leben, das er nach Verlust der Partie beenden wollte.

Deinetwegen hat er sich der Versuchung unterworfen und hat die Prüfung bestanden.

Heute ist Heiligabend, liebe Erwine, und ich bat Dich, alles festlich zu gestalten und auf mein Kommen zu warten.

Ich bitte Dich inständig, mir zu verzeihen, dass ich Dich eigensinnigerweise wegen meines hohen Alters solange bei mir im Hause behalten wollte.

Nachdem ich diesen Umstand erkannt habe, bitte ich Euch herzlich, dass Ihr die Kerzen Eures Lebensbaumes anzündet,

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Der Lebensbaum

Gustav Klimt (1862-1918)

damit sie in dieser Wintersonnenwendnacht den Sonnenglanz Eures Sommers vorausdeuten!”

Nach einer lange Pause und eigenartigen Stille unter den drei Anwesenden, wendete sich der Baron wieder dem Studenten Wolfgang zu und sagte schalkhaft lächelnd:

“Eure Partie stand von Anfang gut, und Ihr habt sie gewonnen.

Lasst mich ein Weilchen Eurem Weiterspielen zuschauen!”

Anmerkung:

Der Schriftsteller Wilhelm Jensensteht wohl stilistisch zwischen Theodor Fontaneund Franz Kafka.

Konsultierte Quelle: Herbert Huber

Weihnachten, 2013

Der Bauer schlägt Duchamp [2. Teil]

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Von Pau Pascual

Nach und nach interessierte er sich weniger für die Diskussion über Literatur und Malerei, sondern entwickelte eine Leidenschaft für das Schach. Es war zu diesem Zeitpunkt, als er Mitglied des berühmten Marshall Chess Club in New York wurde .

Eines seiner größten Werke „The Great Mirror“ (das grosse Glas), (Bild entfernt)

das er zwischen 1915 und und 1923 komponierte, veranlassste ihn schliesslich den Malpinsel zur Seite zu legen.

„Meine Aufmerksamkeit wird vollständig vom Schach absorbiert. Ich spiele Tag und Nacht. Jedes Mal mag ich weniger die Farbe.“
Im Jahr 1917 traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein. Um zu vermeiden eingezogen zu werden, zog Duchamp nach Argentinien, ein neutrales Land , wo er während sechs Monaten täglich Schach spielen konnte. Müde von der Malerei, sah er in dem Schach ein anderes Feld, wo er seine künstlerischen Konzepte weiter entwickeln konnte.

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Im Jahr 1923 reiste Duchamp nach Paris, wo er Kontakt mit einigen Dadaisten aufnahm.

Duchamp beschrieb drei künstlerische und ästhetische Ebenen über das Schach.

In diesem Sinne übertrug er das Design einer Schachpartie, viele Teile nannte er „Buenos Aires“, weil er sie dort im Jahre 1918 geschaffen hatte. Er selbst drechselte die Holzfiguren, mit Ausnahme der Springer, die er einem argentinischen Handwerker in Auftrag gab.

Nachstehend das Schachbrett mit Figuren „Buenos Aires“;

Nachstehend die einzelnen Figuren:

(Bild entfernt)

Auch entwarf er und liess Gummistempel herstellen, die er für die Diagramme benutzte anlässlich seiner Fernschachpartien mit dem Amerikaner Arensberg, Kunstsammler, Kritiker und Dichter.

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

In dieser Analyse, handgeschrieben im Jahre 1919, wo er seine eigenen Gummistempel benutzte und mit Weiss spielte. Da die Schrift nicht klar aussagefähig ist, hat er die Partie teilweise noch einmal ordentlich notiert, wobei er einen Vorteil für Weiss sah, jedoch die Begegnung verlor.

1.Sxf7 Kxf7 2.Dh5 Sde7 3.Se2 Sf5 4.Sf4 Dg5 5.Dxg5 hxg5 6.Sxg6 Sxd4 7.Lxg5, mit Bauerngewinn. Wenn 6…Kxg6 7.g4 gewinnt Weiss eine Figur, aber ich verlor die Partie!

Jahre später entwickelte er ein Taschenschach mit Figuren aus Plastik und kleinen Haken unter den Figuren, damit sie gut auf dem Brett hafteten.

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Pocket Chess Set diseñado por Marcel Duchamp en 1943.

In einem Interview denkt Duchamp über die zweite künstleriche Ebene des Schachs nach:

Die abstrakten Züge in dem Geist:

“Das Schachspiel ist etwas visuelles und plastisches, und wenn es nicht geometrisch in dem statischen Sinn des Wortes ist, ist es mechanisch, da es sich bewegt, ist es eine Zeichnung, eine mechanische Realität. Die Figuren an sich sind nicht angenehm, wie auch die Art des Spieles, aber was schön ist, sind die Züge.

Es handelt sich nicht um die mechanische Form, wie z.B. ein Werk von Calder.

Im Schach gibt es sehr schöne Sachen bei Beherrschung des Zuges, aber nicht bei der visuellen Beherrschung.

(Bild entfernt)

Es ist die Vorstellungskraft des Zuges, die die Schönheit schafft.

Das heisst, die Kunst oder die Schönheit des Schachs, die Duchamp erfasst, ist die Bewegung der Figuren in seinem Geist.

Eine Schachpartie zu spielen ist, wie etwas zu entwerfen oder einen Mechanismus zu bauen, durch den man eine persönliche Erfahrung erlebt.

(Bild entfernt)

Die Fotografie demonstriert das vorläufige Ende seiner bildnerischen Tätigkeit, in dessen Folge Duchamp sich dem Kunsthandel und zunehmend dem Schachspiel widmete.Julian Wassers Fotoserie wurde weltbekannt, häufig reproduziert und sorgte sogar in der Schachwelt für einige Aufmerksamkeit. Duchamp gewann das erste Spiel gegen Eve Babitz in vier Zügen.“

(Diese Partie hat folgenden Vorteil: „Wohin du schaust, es wird nie langweilig“)

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Fortsetzung folgt im 3. und letzten Teil.

Sitges (Barcelona), im November 2013

Der Bauer schlägt Duchamp [1. Teil]

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

****************************************************************************Von Pau Pascual

„Heute bin ich zufrieden, wieder zu spielen. Ich bin immer noch ein Opfer des Schachs. Es hat all die Schönheit der Kunst und vieles mehr. Es kann nicht vermarktet werden. Schach ist reiner als die Kunst in ihrer sozialen Stellung. Die Schachfiguren sind die Blockschrift, die Gedanken prägen, obwohl sie eine visuelle Gestaltung auf dem Schachbrett bilden, äußern sie ihre abstrakte Schönheit wie ein Gedicht … Ich bin zu dem persönlichen Schluss gekommen, dass nicht alle Künstler Schachspieler sind, aber alle Schachspieler Künstler sind.“

(Bild entfernt)

Copyright: jacquesmoitoret.com

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Marcel Duchamp (1887-1968), bekannt als einer der einflussreichsten Künstler der Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts, war auch ein Einzelfall in der Geschichte des Schachs. Wir stehen vor einem Mann, der neben einem bahnbrechenden Künstler, ein großer Denker und passionierter Schachspieler war. Während seines Lebens erfand er sich immer wieder, und das Schach war stets präsent aus verschiedenen Blickwinkeln: als ein Element in seinen Bildern, in seinen spielerischen Designs, auf dem Gebiet der Philosophie, wo er viele neue visionelle Ideen des Schachs als Kunst für sich darstellte, als Theoretiker des Spieles und als professioneller Spieler. Dadurch war der Beitrag Duchamps für das Schach reichhaltig in jeglicher Hinsicht.

„Wenn Sie eine Partie spielen, es ist so, als ob Sie etwas entwerfen oder einen Mechanismus bauen, durch den Sie gewinnen oder verlieren. Das Schach selbst ist sehr, sehr plastisch. Das ist wahrscheinlich das, was mich so an das Spiel fesselt.“

Dieser Artikel beabsichtigt nicht, weder eine vollständige Biografie noch eine strenge Untersuchung über die Kunst von Duchamp zu sein, aber unweigerlich müssen wir einige seiner Werke zitieren, um sowohl die Entwicklung dieses Künstlers als auch die Auswirkungen zu verstehen, die dies auf die Gestaltung des Schachs hatte.

Marcel Duchamp malte seine ersten Gemälde 1902 im impressionistischen Stil und im selben Jahr lernte er Schach spielen. 1904 zog er mit seinen Brüdern nach Paris (in Montmartre). Eine Gravur aus dem Jahre 1904 seines älteren Bruders Gaston, zeigt Marcel wie er mit seiner Schwester Suzanne Schach spielt.

(Bild entfernt)

1910 malte Duchamp eine Familienszene in Puteaux.

Das nächste Bild stellt seine beiden Brüder dar, die im Beisein ihrer Gattinnen im Garten Schach spielen. Der Stil des Gemäldes erinnert an das berühmte Werk von Cézanne “ Die Kartenspieler” aus dem Jahre 1895.

(Bild entfernt)

Auf dem Gemälde “Schachspieler” versuchte Duchamp die geistige Aktivität bei einer Schachpartie darzustellen.

Vergleichen wir nun das Bild “Schachspieler” mit dem Gemälde “Das Schachspiel”, liegt dazwischen nur ein Jahr.

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Nachstehend Studien mit Kohlestiften “Gemälde von Schachspielern”

(Bild entfernt)

Im selben Jahr schuf er eine Art von Kleiderhaken “Trebuchet” auf einem Brett, das er auf dem Boden festschraubte und immer darüberstolperte:

(Bild entfernt)

Der Sinn lag darin, die Komposition als “Fehltritt” zu bezeichnen, wie rechts auf dem Schachbrett zu sehen ist. Egal, wer zuerst zieht (als Zugzwang), verliert.

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Fortsetzung folgt.

Sitges (Barcelona), im November 2013

Ein Marathonläufer bei Lasker

Fotodokumentation zum Besuch des Grabes von Emanuel Lasker auf dem Friedhof Beth Olom in New York
von Frank Grube und Kirsten Solberg

(Bild entfernt)

Vom 29.10.-6.11.2013 waren wir zum Marathon in New York und wollten in dieser Zeit auch das Grab des ehemaligen deutschen Schachweltmeisters Lasker besuchen. Es zu finden war fast so schwierig, wie alle seine Züge zu verstehen. Der erste Anlauf ging schief, obwohl wir von 2011 (der erste Versuch) wussten, auf welchem Friedhof das Grab zu finden war.

Leider standen wir damals vor verschlossenem Tor, da der Friedhof um 16 Uhr schloss. Nun mussten wir den genauen Ort auf dem Beth Olom Friedhof in Queens finden. Die Verwaltung vor Ort war nett, konnte uns aber nicht helfen, da es keinen Plan gäbe. Also nutzten wir nun Bilder, die wir im Netz gefunden haben, um uns zu orientieren.
Wir mussten systematisch die Reihen absuchen, bis wir es endlich
fanden. Um allen anderen den Weg dorthin leicht zu machen, haben wir
eine Fotodokumentation erstellt, die vom Bahnhof Cypress Hills bis zum
Grab geht. Etwas verwirrt hatte uns das Bild vom Eingang zu Beth Olom,
das im Netz zu finden ist. Dieser ist nämlich geschlossen und man muss
die Straße weiter hoch zum Haupttor gehen.
Von Manhattan fährt man mit der Subway J (Richtung Queens) bis zur
Haltestelle Cypress Hills (Fahrtzeit ca. 45 min). Bereits 2 Stationen
vorher kann man die riesige Friedhofsanlage, die fast so groß wie eine
Kleinstadt ist, sehen.

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Nach ca. 200-300 m kommt man an das geschlossene Tor des Friedhofs Beth Olom. Das Schild mit dem Friedhofsnamen ist im Gegensatz zu einigen Bildern aus dem Internet nicht mehrvorhanden.

Von hier geht es weitere ca. 200 m die Straße hinauf, bis man an das Haupttor kommt.

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New York, im November 2013

Ein Leben mit Risiko

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Ratmir Cholmow wurde am 13. Mai 1925 in Schenkursk geboren, einer Stadt ganz in der Nähe des Polarkreises.

Er verstarb am 18. Februar 2006 in Moskau.

Seine Jugend war hart gewesen, da er als Fischer, Vernieter und Heizer unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten musste. Aber er hatte noch Zeit, sich dem Schach zu widmen, wobei er ein erstaunliches und natürliches Talent zeigte. Mit nur 16 Jahren war er der beste Schachspieler seiner Stadt, wobei er den Meistertitel von Archangelsk erzielte. Aber der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zerstörte alle seine Schachpläne.

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Als die Stadt schwer von den Nazis bombardiert wurde, versuchten Ratmir Cholmow und mehrere andere Freunde nach Wladiwostok, eine im Osten liegende Grosstadt zu entkommen. Doch nach vielen Schiffsfahrten hin- und her in sehr widrigen Bedingungen landete er komischwerweise schliesslich an der Westküste der Vereinigten Staaten.

Von den Strapazen übel mitgenommen und letzlich nach der Genesung von der Tortur, heuerte Cholmow auf einem Öltanker an, um in seine Heimat zurückzukehren. Aber während der Fahrt geriet das Schiff in einen Sturm und strandete in einem Bereich, der von japanischen Schiffen umgeben war.

Glücklicherweise reagierte Cholmow schnell, wobei ihm von anderen Matrosen geholfen wurde, und schaffte es, ein Hauptventil zu schliessen, damit das Wasser nicht mehr in den Rumpf des Bootes dringen konnte. So gelang es, das Boot wieder flottzumachen. Diese zweite Odysee hatte ein glückliches Ende und Cholmow konnte nach Hause zurückkehren, wenn auch sehr angeschlagen, so dass er vorübergehend die Stimme verlor.

Nach dieser Erfahrung wurde Cholmow in den Dienst der sowjetischen Marine berufen, eingeschrieben auf einem Transportschiff. Er nahm an zahlreichen Missionen in der Nordsee teil, eine sehr gefährliche Arbeit, da – wie gewohnt – die feindlichen Konvois bombadiert wurden.

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Cholmow vergass aber das Schach nicht und widmete sich dem Studium in jeder freien Minute, wobei er besonders die Partien der alten Meister wie Tschigorin und Aljechin aber auch die Rivalen wie Botwinnik und Smyslow analysierte.
Cholmow zog sich nach einem so stressigen Leben nach Vilnius (Litauen) zurück und widmete sich der Landwirtschaft, aber in seiner Freizeit spielte er wieder Schach.

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Obwohl er kaum eine Vorbereitung hatte, zählte er zu den stärksten Spielern der UdSSR, erzielte immer gute Ergebnisse, und es gelangen ihm Siege gegen die besten Spieler der damaligen Zeit. Dies konnte nur durch sein immenses natürlichen Talent, eine Eigenschaft, die nur wenige Schachspieler besitzen, (wobei ich vielleicht Julio Granda erwähnen darf) erreicht werden.

1982 veröffentlichte er eine einen Autographie mit 63 kommentierten Partien in russischer Sprache.

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Seine bekannteste Gewinnpartie spielte er in Havanna 1965 gegen Bobby Fischer. Eine von Cholmow selbst überlieferte Anekdote ist, dass er sich als den „eigentlichen Weltmeister“ 1954 betrachtete, denn vor Beginn des WM-Kampfes zwischen Mikhail Botwinnik und Wassili Smyslow hatten die beiden WM-Kämpfer jeweils geheime Trainingswettkämpfe mit Cholmow gespielt und Cholmow gewannn beide.

Seine beste hisotrische Elo-Zahl war 2.736 im März 1961, damit lag er auf Platz 8 der Weltrangliste.

Schliessen wir diesen Artikel mit einer Partie ab, aus der sein ausserordentliches Naturtalent zu erkennen ist.
Padevsky , Nikola

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– Cholmow , Ratmir

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Dresden 1956

Kommentiert und anaysiert von NM Hebert Pérez García, Holland

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NIKOLA PADEVSKY vs KHOLMOV DRESDE 1956

von NM Hebert Pérez García aus Holanda

Padevsky,Nikola – Kholmov,Ratmir D [C45]

Dresden Dresden (12), 1956

1. e4 e5 2.S3 S6 3.d4 exd4 4.Sd4 Sf6 5. Sxc6 bxc6 6.e5 De7 7.De2 Sd5 8.c4 Sb6[Gegenwärtig ist üblich: 8…La6 9.b3 g6 etc.]

9.Sd2[Andere Optionen sind 9.b3 De6 10.Sd2 Lb4 11.Lb2 0–0; oder 9.Sc3 De6 10.De4 La6 11.b3 Lb4 12.Ld2 Lxc3 13.Lxc3 d5]

9…Lb7[9…De6 !?] 10.b3 0–0–0[10…a5 !?] 11.Lb2 De6[11…c5 !?]

12.0–0–0 Le7 13.f4[13.De3 !?] 13…The8 14.Sf3[14.Df2 !?] 14…c5 15.Dc2 Dh6 16.Ld3!? [ein recht unternehmerisches Bauernopfer.]

16…Dxf4+ 17.Kb1 g6 18.Thf1 Dh6[Geicht sofort aus 18…d5 !? 19.exd6 Lxd6 =]


19.a4 d6 20.a5 Sd7 21.Le4 f5 22.Lxb7+ Kxb7 23.b4

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23…Sb8[Gefährlich, aber es war eine mögliche Variante: 23…cxb4 24.Da4 a6 25.Dxb4+ Ka7 26.Ld4+ c5 27.Lxc5+ dxc5 28.Txd7+ Rxd7 29.Db6+ Ka8 30.Dxa6+ Kb8 31.Ka1 Tb7 32.Tb1 Txb1+ 33.Kxb1 Td8 (33…Tf8 34.e6 De3 35.Db5+)34.Db6+ =]

24. Da4 a6 25.Ka1[25.Tfe1 !?] 25…cxb4 26.Dxb4+ Kc8[26…Ka8 27.Tb1 d5 28.Da4 De3 29.Sd4 und Weiss steht besser.]

27. Tb1 dxe5 28.c5

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[Eine kritische Position. Vielleicjht wäare folgende Fortsetzung besser gewesen: 28.Db3 ! ? 28…Lf6 29.Lc1 Dg7 30.Ka2 e4 31.Sg5 Td3 32.Dxb8+ Kd7 33.Db4 De7 +=] 28…Df4! [Von GM Ratmir Cholmov eine ausgezeichnete Verteigung.]

29.Db3!? [Eine andere Option zu spielen, wäre 29.Dxb8+ = 29…Kxb8 ! (29…Kd7? 30.Tfd1+ Kc6 31.Db3+-)30.Lxe5+ Kc8 31.Lxf4 Lf6+ 32.Ka2 Te2+ 33.Kb3 Td3+ 34.Ka4 Te4+ 35.Tb4 Te2 36.Tb3 Te4+ 37.Tb4 Te2 =]

29…Lxc5 30.Lc3!? [Es wäre ein Fehler 30.Dxb8+? zu spielen wegen 30…Kxb8 31.Lxe5+ Db4 32.Txb4+ Lxb4 33.Tb1 Td5 34.Txb4+ Kc8 mit Vorteil für Schwarz.]

30…Sc6 31.Db7+ Kd7 32.Sxe5+? ! [Korrekt war, direkt Schach zu geben mit 32.Tbd1+ Ld6 33.Sxe5+ Dxe5 34.Lxe5 Txe5 35.Txd6+ Kxd6 36.Td1+ Td5 37.Txd5+ Kxd5 38.Dxc7 und Weiss hat Vorteil.] 32…Dxe5 33.Lxe5 Txe5

(Bild entfernt)

34.Tb3?? [In Zeitnot. Richtig wäre 34.Tb2 !? 34…Ld4 35.Td1 Td5 36.Kb1 Tb8 37.Dxc6+ Kxc6 38.Txb8; 34.Tfd1+ Ld4+ 35.Tb2 Td5 36.Kb1 Tb8 37.Dxc6+ Kxc6 38.Txb8 etc]

34…Ld4+ 35.Kb1[auch verlor: 35.Ka2 Txa5+ 36.Ta3 Tb5 –+]

35…Tb8?! [Zeitnot! Es gewann sofort: 35…Sxa5 ! 36.Dxa6 Sxb3 37.Sa4+ c6 –+]

36.Sxb8[36.Qxc6+ Kxc6 37.Rc1+ Kd7 38.Rxb8 Rxa5 39.Kc2 Be5 mit Vorteil für Schwarz.]

36…Sxb8 37.Txb8 Txa5 38.Td1 c5 39.Td2 Tb5+–+ 40.Txb5 axb5 41.Ta2 Kc6 42.Ta7 und Weiss gibt gleichzeitig auf: 0–1

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Karikatur: (Bild entfernt)

REFERENZEN
“ Die sowjetische Schule des Schachs “ – Alexander Kotov und Mikhail Yudovich
“ Sowjetisches Schach (1917-1991) “ – Andrew Soltis
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Sitges (Barcelona), im November 2013


Der Mann am Schachbrett

geschrieben von der Autorin “Aha”, D’dorf

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“Hier stehe ich und kann nicht anders….”

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Diese Geschichte ist so beeindruckend und einfühlsam, dass ich mir erlaube, sie illustriert wiederzugeben, damit noch mehr Schachfreunde sie geniessen können:

Schon auf der Autobahn ergriff mich ein seltsames Gefühl…

Vor drei Jahren hatte mein Vater darauf bestanden, in ein Seniorenstift zu ziehen.

„Mein Freund Paul aus dem Schach-Club wohnt auch im Elisen-Park“, erklärte er. „Ich muss nur über den Flur gehen, dann kann ich jeden Tag mit ihm Schach spielen.“

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gemalt von Claude Weisbuch

Für seine achtzig Jahre war Vater enorm fit. Deshalb traf es mich völlig unerwartet, als sein Freund Paul eines Abends anrief und mir schonend beibrachte, dass mein Vater ganz plötzlich gestorben sei.
„Friedrich hat nicht gelitten“, tröstete er mich. „Er griff sich ans Herz, als wir über einer besonders kniffligen Partie saßen, lehnte sich im Sessel zurück und schloss einfach die Augen.“

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Ich konnte es nicht fassen. Noch am Morgen hatte ich mit Vater telefoniert. Da hatte er sich prächtig gefühlt und mich gebeten, ihn nach Feierabend zu besuchen. Ich hatte mein Versprechen nicht halten können, weil ich wegen eines Geschenks durch die Geschäfte gehetzt war. Als ich zwischendurch anrief, um Vater zu sagen, ich käme erst am folgenden Tag, hatte niemand den Hörer abgehoben. – Hatte er da noch gelebt?
Ich weinte vor Verzweiflung, weil ich ihn am letzten Tag seines Lebens so enttäuscht hatte.
Bei der Beerdigung lag eine Zentnerlast auf meiner Brust. Spät am Nachmittag spürte ich den Wunsch, noch einmal in Vaters Wohnung zu fahren. Zwischen den Dingen, die er zuletzt berührt hatte, wollte ich allein sein und an ihn denken.

Schon auf der Autobahn ergriff mich ein seltsames Gefühl.

Als ich in Vaters Apartment stand und sein Schachbrett betrachtete, wo jemand die Figuren wieder in Reih und Glied gestellt hatte,

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glaubte ich fast, er stünde neben mir. Sein Geist schien im Raum zu schweben, und so erzählte ich ihm stumm, wie unendlich traurig ich ohne ihn sei. In meinen Gedanken antwortete er mir, schlagfertig und humorvoll, wie er es auch im Leben getan hätte.

„Beim Schachspiel zu sterben, so ganz ohne Vorwarnung, ist bestimmt nicht der schlechteste Tod“, hörte ich ihn sagen. „Ich würde zu gern noch wissen, ob Paul seinen Läufer auf “f5” gesetzt hat.“
Ich glaubte fast, sein Lachen zu hören. Ganz allmählich löste sich meine Beklemmung, die Traurigkeit ließ sich besser ertragen. Ich nahm mir vor, Vaters Freund nach dem letzten Schachzug zu fragen, und irgendwie spendete mir dieser Gedanke Trost.

Auf dem Heimweg fuhr ich durch die Platanen-Allee hinter dem Elisen-Park, eine schöne Straße mit Blumenbeeten und weißen Bänken. Hier hatte Vater im Sommer gern gesessen, weil in die Steinplatten der Tische Schachbretter aus weißem und grauem Marmor eingelassen waren.

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Jetzt, im Spätherbst, war der Park leer. Nur ein schlanker, weißhaariger Herr hatte an einem der Tische Platz genommen. Er schaute mir entgegen. Erst als ich auf seiner Höhe war, erkannte ich ihn: Es war mein Vater!

Vor Schreck trat ich voll auf die Bremse. Im selben Moment schoss ein Schatten an mir vorbei. Bremsen quietschten, ein Knall, ein Poltern … alles ging rasend schnell. Ein Auto hatte meinen Weg gekreuzt, war gegen einen Zaun geschleudert und dann in einem Rosenbeet zum Stillstand gekommen. Aus dem Wagen kletterten drei junge Männer mit blassen Gesichtern. Da erst wurde mir klar, was für ein Glück ich gehabt hatte: Der Fahrer hatte mit hohem Tempo ein Stoppschild überfahren; ohne meine Vollbremsung wäre es zu einem Unfall gekommen, der nicht so glimpflich ausgegangen wäre.
Mir zitterten die Knie. Ich stieg aus und schaute zur Bank zurück. Doch drüben auf dem steinernen Schachtisch kreiselten jetzt nur ein paar welke Blätter. Die Bank war leer.

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Ich kann es noch heute beschwören: Ich habe meinen Vater dort leibhaftig sitzen gesehen – eine Erscheinung, die mir vielleicht das Leben rettete.

Ein paar Tage später fragte ich Vaters Freund Paul nach dem letzten Schachspiel der beiden.
„Friedrich war auf der Siegerstraße“, meinte er schmunzelnd. „Ich hätte meinen Läufer wahrscheinlich auf “f5” gesetzt:

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Gemalt von Elke Rehder: Läufer “f5”

Dann wäre ich schachmatt gewesen und Dein Vater hätte gewonnen.“

Quelle: OPINIO – Mediengruppe RP

Sitges (Barcelona), im November 2013

Das Schach und das Leben

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Gemalt von David Tobey

Sie standen sich gegenüber. Der Mensch mit dem Vorteil des ersten Zuges von Weiss; das Leben mit jener Ruhe zu wissen, dass alle Zeit der Welt zur Verfügung steht für Schwarz.

Der Anbruch des Tages gibt das Zeichen, die Schlacht zu beginnen – mit einem unendlichen Himmel als Zeuge.

Die Partie fängt an.

Die Soldaten auf beiden Seiten beeilen sich, in Stellung zu gehen, Körper an Körper.

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gemalt von Elke Rehder.de

Sie beobachten sich gegenseitig. Die ersten Linien sind mit einer alles verzehrenden Geschwindigkeit besetzt.

Nun ist es an der Zeit, die schweren Geschosse aufzufahren.

Die Kavallarie hört den Ruf, verlässt ihre sichere Stellung und eilt in den Kampf. Jeder Springer besetzt schnell die strategischen Felder. Die Nachhut ist gedeckt. Die Soldaten schreiten sicher nach vorn. Es gibt keine Furcht in ihren Augen.

Es erklingen die Stimmen der Könige, die Befehle erteilen.

Die Offiziere (Läufer) treten auf den Plan und besetzen die Diagonalen.

Die Spannung steigt.

Die Stille ergiesst sich wie ein dicke Flüssigkeit auf das Brett.

Ein falscher Zug kann das Leben des Königs kosten.

Es ist die Zeit zum Nachdenken gekommen.

Die Augen des weissen Königs blitzen; sein Blick hat einen triumphierenden Glanz.

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Gemalt von Elke Rehder.de

Er gibt seinen Männern entschlossen die Befehle; es gibt keinen Zweifel.

Die Spannung steigt ins Unermässliche und die Soldaten treten in Aktion.

Das Schachbrett verschwindet; jetzt interessiert nur noch ein Feld.

Der weisse Soldat bohrt die Spitze seiner Lanze tief in die Brust des schwarzen Soldaten.

Dunkle Tropfen ergiessen sich wie Gottestränen über das Brett.

Der weisse Soldat, noch mit dem frischen Blut des Gegners an seinen Händen, spürt die Kälte des Schwertes des schwarzen Ritters in seinem Hals.

Sein lebloser Kopf liegt vor den Füssen seines Henkers; somit wird der Anfang einer Welle des Todes und der Rache angekündigt.

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Der weisse König stimmt mit Genugtuung zu.

Er denkt, dass er seinem Gegner eine Falle gestellt hat, aber das Leben ist eine erfahrene Spielerin.

Ein Lächeln huscht über das Gesicht des schwarzen Königs.

Ein goldener Pfeil durchbohrt das Schachbrett, bis er in das Herz des weissen Offiziers eindringt. Der Blick des Läufers bleibt gleichmütig, auch angesichts des Todes.

Der schwarze König stimmt zu.

Die leblosen Körper häufen sich zu Bergen.

Es gibt leider keine Zeit zu grossem Bedauern.

Der weisse König versteckt sich schnell hinter seiner königlichen Wache.

Der schwarze König befiehlt nun auch die Rochade.

Die Königinnen (Damen) schauen sich in die Augen.

Es ist die Stunde der Wahrheit; alles aufs Ganze!

Die weisse Dame gleitet mit einer vollkommmenen Eleganz in Richtung des Schlachtfeldes.

Der schwarze König beobachtet sie von seinem sicheren Hort aus, kaum einige Schritte entfernt.

Die schwarze Dame bewegt sich mit absoluter Genauigkeit, in dem sie die Flanke angreift, die vorher von der weissen Dame geschützt war.

Der weisse Läufer kommt dem Angriff zur Hilfe, wobei er mit seinem gespitzten Pfeil in die Richtung der schwarzen Festung zielt. Der weisse Soldat wartet resigniert auf sein Sterben;

man sieht keine Furcht in seinen Augen. Die schwarze Dame stellt sich vor ihn.

Der Atem des Soldaten kommt zum Stillstand. Die Dame nähert sich ihm und streift gefühlsam seine Lippen.

Wo vorher der Kopf des Soldaten ruhte, bleibt nur noch ein schneeweisser Schädel.

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Gemalt von Robert Sgarra

Nun bewegt sich der weisse Berg, indem er sich mit der Kraft eines Sturmes gegen den schwarzen Bogenschützen wirft. Der Schütze fällt sofort um, weil er sich gegen solche entfesselten Kräfte nicht halten kann.

Der schwarze Soldat rächt sich ohne zu Zögern wegen des Ablebens seines Kamaraden.

Auf keiner Seite gibt es ein Mitleid; es werden nur Befehle ausgeführt.

Das ist die Wahl, die Du hast, um das Leben oder Sterben

zu bestimmen.

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Die schwarze Dame hat sich verstrickt, wird gefangen und

niedergestreckt.

Die weisse Dame hat im Kampf überlebt.

Somit ergibt sich bei einer neuen Abwägung der Stellung ein grosser Vorteil für Weiss.

Die Dame hebt den Kopf und schreitet stolz auf den schwarzen König zu: “Schach!”, wiederholt sie.

Und immer und immer wieder, bis der schwarze König keinen Fluchtweg mehr hat: “Schachmatt!” ruft sie aus und streichelt mehr als zufrieden ihre eigenen Worte.

Der schwarze König entnimmt seiner Tasche eine kleine Kristallflasche und trinkt bis zum letzten Tropfen die darin enthaltene bernsteinfarbenene Flüssigkeit aus, schliesst die Augen und fällt wie vom Blitz getroffen um.

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“Der Fall” gemalt von Damijan Fric

Die weisse Dame hebt die Königskrone vom Boden auf und zeigt sie in der Runde.

Der weisse König lächelt zum letzten Mal.

Das Spiel ist zu Ende.

Der Mensch lacht; er hat überlebt. Morgen wird ein anderer Tag sein und eine andere Schlacht ist zu schlagen. Und so wird er weitermachen, bis der letzte Teil des Seins so erschöpft ist, dass er keine Figur mehr auf dem Schachbrett halten kann; oder seines Körpers.

Dann ist es nicht mehr notwendig, dass er irgendeine Flüssigkeit trinkt; das Leben ist barmherzig und sendet den Tod auf die Suche nach seinem Schüler.

Das Leben ist geduldig; es weiss, dass es früher oder später gewinnt.

Das Schach und das Leben, unendliche Schlachten für den Menschen.

Das Schach, eine Miniaturausgabe des Lebens……

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Der Mensch spielt eine Partie Schach mit dem Tod

(Das siebente Siegel 1957) – Regisseur Ingmar Bergmann

Quelle: Javier Vargas Caro

Sitges (Barcelona), im Oktober 2013

Eine Erinnerung an Johannes Hermann Zukertort

(*7.9.1842 in Lublin + 20.6.1888 in London)

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Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Johannes Hermann Zukertort war ein polnisch-deutscher Schachmeister.

An universeller Begabung dürfte Zuckertort nicht so schnell übertroffen werden.
Neben seiner Hauptleidenschaft, das Schach, studierte er in Heidelberg Chemie, in Berlin Physiologie, und er soll in Breslau den akademischen Grad eines Dr. med erlangt haben.
Allerdings wurde diese Überlieferung von den polnischen Historikern Tomasz Lissowski und Cezary W. Dománski in ihrer Zukertort-Biographie “Arcimistrz z Lublina“ (Warschau 2002) widerlegt.

In drei Kriegen Preussens wurde er als “Militärarzt” mehrfach schwer verwundet und erhielt hohe Orden.

Später betätigte sich der hervorragende Pianist als Musikkritiker und gab vorübergehend eine eigene Zeitung heraus.

Als enger Berater von Otto von Bismarck

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vertrat er später aber dessen “Blut- und Eisenpolitik” nicht mehr und übersiedelte nach England.


Zukertort beherrschte neun Sprachen perfekt und konnte in mindestens weiteren sieben das Gedruckte verstehend lesen.

Zukertort war auch einer der stärksten Fechter seiner Zeit, galt als kaum zu schlagender Pistolenschütze und beherrschte mehrere Kampfsportarten so, dass ihm die Widersacher lieber aus dem Weg gingen.

Soweit zu seinen persönlichen Eigenschaften.

Seine schachlichen Meriten errang er zunächst als Schüler von

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Adolf Anderssen

in Breslau, der vielen damals als bedeutendster Spieler der Welt galt.

Im Jahre 1871 gelang es Zukertort, seinen Lehrer im Wettkampf in Berlin zu besiegen mit dem Ergebnis von 5:2 Punkten.

Zuvor, im Jahre 1867, zog Zukertort nach Berlin um.

Dort wurde er Mitglied der Berliner Schachgesellschaft und übernahm die Redaktion der Neuen Berliner Schachzeitung, deren offizieller, aber nicht praktizierender Hauptredakteur
Adolf Anderssen war.

Nachstehend ein “Familienfoto” des Turnieres in Barmen 1869
wie folgt:

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Schallopp, W. Paulsen, Anderssen, Hein, Minckwitz, Zukertort

Schliesslich nahm Zukertort 1872 seinen ständigen Wohnsitz in London. Dort gab es viel bessere Chancen, eine Existenz als Berufsspieler zu führen.

Rivalität mit Steinitz und Lebensende:

Neben Wilhelm Steinitz galt er bald als bester Spieler in England.
Zunächst verlor er einen Wettkampf gegen Steinitz

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im Oktober 1872 mit 9:3 (7 Siege Steinitz, 1 Zukertort, 4 Remis).

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Steinitz zog sich 1875 für 7 Jahre vom praktischen Spiel zurück, da er keinen ernsthaften Gegner mehr sah.
Währenddessen konnte Zukertort seine schachlichen Fähigkeiten laufend verbessern.
Zu Anfang der 1880er Jahre galt er bereits als klar bester Spieler nach Steinitz.
Sein grösster Erfolg, der überlegende Sieg im grossen Londoner Turnier von 1883:

Spielort:

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Victoria Hall im Criterion-Gebäude

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das er mit drei Punkten Vorsprung auf Steinitz gewann, der Zweiter wurde und liess die damalige Schachwelt glauben, Steinitz’ Anspruch auf den “Weltmeister” sei vorbei, und die Ehre gebühre Zukertort.

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1883

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Nach langwierigen Verhandlungen fanden sich in den USA Geldgeber, die einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft im Schach finanzierten.
Vom 11. Januar bis zum 29. März 1886 wurde der Wettkampf auf 10 Gewinnpartien (Remisen zählten nicht) zwischen den beiden in
New York, St. Louis und New Oleans ausgetragen.

Steinitz gewann mit 12,5: 7,5 (10 Siege, 5 Niederlagen und 5 Remis) Punkten.
Ergebnisse der WM 1886

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Modus: Zehn Siege

Johannes Hermann Zukertort, der von seinem Arzt vor dieser neuerlichen Anstrengung gewarnt worden war, brach nach einer hohen Führung (4:1 nach dem Auftakt in New York) psychisch und physisch ein.
Nachdem Seinitz in St. Louis auf 4:4 (in nur 4 Partien) ausgleichen konnte, benötigte er nur noch elf weitere Partien in New Orleans, um auf die erforderlichen zehn Gewinnpartien zu kommen.

Zukertort erholte sich nicht mehr von diesem Zusammenbruch und war nur noch “ein Schatten seiner selbst”

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(lt. Dr. Siegbert Tarrasch)

in den folgenden wenigen Turnieren, die er bis zu seinem durch einen Schlaganfall herbeigeführten Tod im Jahr 1888 (während eines Handicap-Turnieres im Cigar Divan (London)

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spielte.

Ausserdem wurde nach Zukertort ein Eröffnungssystem benannt.
Die Züge waren: 1. Sf3 d5 2. d4 Sf6 3. e3 e6 4. b3

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Zukertort selbst entwickelte meistens den weissfeldrigen Läufer nach „e2“, wobei in der modernen Spielweise, der Läufer wohl eher auf “d3” postiert wird.

Die höchste von Zukertort erreichte historische Elo-Zahl betrug 2.798 Punkte.
Die nachträglich berechnete Weltrangliste von 8/1878 bis 11/1882 und erneut von Juli bis September 1.883 ergab für ihn den 1. Platz.

Nachstehend noch eine Glanzpartie, die wir wie folgt bezeichnen:

“Die Unsterbliche” von Zukertort
Johannes Hermann Zukertort – Joseph Henry Blackburne
Londres, 1883
1-0
Johannes Hermann Zukertort

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Quellen: Schachverein Dachau und Wikipedia

Sitges (Barcelona), im Oktober 2013

LANDESAUSSTELLUNG NÜRNBERG 1896

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Die Stadt Nürnberg wollte einen deutschen Schach-Kongress veranstalten anlässlich der Bayrischen Landesausstellung 1896, aber der örtliche Schachklub nahm das Zepter in die Hand und organisierte die Veranstaltung, wobei kleinere Nebenturniere erlaubt wurden.39 Spieler wollten an dem Meister-Wettbewerb teilnehmen, allerdings wurden nur den damals bestbewerteten 19 Spielern der Zugang erlaubt. Als Amos Burn sich zurückzog, nahm Adolf Charousek seinen Platz ein.
Neunzehn Runden wurden in den Räumlichkeiten der Museums-Gesellschaft vom 20. Juli bis zum 9. August gespielt. Die Zeitregel war dreißig Züge in zwei Stunden, die am Morgen ausgetragen wurden. Die noch nicht beendeten Partien wurden am Nachmittag mit einer Vorgabe von fünfzehn Züge pro Stunde wieder aufgenommen und weiter bis zum Ende gespielt.

Das Familienfoto:

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Stehend: Lasker , Charousek , Schlechter , zwei Organisatoren , Janowsky , Maroczy , Marco , Showalter , drei Organisatoren
Sitzend: Albin , Porges , Chigorin , Tarrasch , Winawer , Steinitz , Blackburne , Schallopp , Schiffers , Pillsbury , Walbrodt , Teichmann

Die Endtabelle:

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Lasker hatte ein besseres Ergebnis als in Hastings, weil er mit einem Punkt Vorsprung als Sieger hervor ging und dieses Mal nicht einen Punkt hinter dem Erstplatzierten Harry Pillsbury lag.

Der Weltmeister war auf dem Weg, um seine Überlegenheit in den Superturnieren zu bestätigen. Dr. Tarrasch meinte aber, „dass fünf Partien von Lasker mit etwas Glück gewonnen wurden“.

In seinem entsprechenden Turnierbuch lobte er aber das Lasker-Spiel.

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Später wurde Lasker wurde als „Psychologe“ eingeschätzt, der in komplizierten Stellung den „zweitbesten“ Zug machte, um den Gegner zu verunsichern. Ob das nun wahr ist, können wir nicht beurteilen.

Die Preisverteilung in Goldmark:
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Die Hauptpreise gingen an Lasker (3.000 Goldmark) , Maroczy (2.000 Goldmark) , Tarrasch und Pillsbury (jeweils 1.250 Goldmark ), Janowsky (600 Golmark) , Steinitz (300 Goldmark) , Walbrodt und Schlechter (jeweils 100 Goldmark).

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Das Spielniveau und die Regeln waren ähnlich wie in Hastings 1895 .

Partie

Dr. Lasker – Tschigorin

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Dr. EMANUEL LASKER – MIKHAIL TSCHIGORIN Nürnberg 1896

Lasker,Emanuel – Tschigorin,Mikhail [D26]

Nürnberg (8), 1896

[ Kommentar von NM Hebert Pérez García ]

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1. d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 e6 4.e3 Sf6 5.Lxc4 Le7 6.Sc3 0–0 7.0–0 Sbd7?![Die von Schwarz geplante Strategie es recht zweifelhaft. Freiwillig wird dem Gegner ein klarer Raumvorteil eingeräumt. Üblich ist: 7…c5!] 8.De2 c6 9.Td1[Man konnte schon direkt 9.e4!? spielen.]

9…Dc7 10.e4 Td8 11.Lg5[Hier hätte man auch das Vorziehen des Bauern 11.e5!? bedenken sollen.]

11…Sf8 12.e5 Se8 13.Lxe7 Dxe7 14.Tac1 b6 15.Se4 Lb7 16.La6 Tac8 17.Td2 Sg6 18.g3 Lxa6 19.Dxa6 Dd7 20.Kg2 Se7 21.b4 Sd5 22.a3 Tc7 23.Tdc2 Se7 24.Dd3 h6 25.Sc3 Dc8 26.De4 Da6 27.a4 Tdc8 28.Dg4?![Besser war, den Damentausch mit 28.De2!? anzubieten.]

28…Sd5! 29.Sxd5 cxd5 30.Txc7 Txc7 31.Txc7 Sxc7

32. Dh4![Schwarz gewinnt einen Bauern, aber Weiss kompensiert den Verlust mit einer besseren Stellung.]

32.. Dxa4 33.De7 Dc2[Solider war: 33…Dc6!?]

34. h4!? [Lasker verteigt sich mit Geschick.] 34..a5 35.bxa5 bxa5 36.h5 a4 37.g4

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37.. Dc1=

[Ein starkes Schachprogramm empfiehlt eine hübsche Remis-Variante: 37…Sb5!? (HPG) 38.De8+ Kh7 39.Dxb5 a3 40.Da6 a2 41.g5 Db1 42.Kh2! a1D 43.g6+ fxg6 44.hxg6+ Kxg6 45.Dxe6+ Kh7 46.Sg5+! hxg5 47.Dh3+ Kg8 48.De6+ Kf8 49.Dc8+ Ke7 50.Dc7+=]

38. Kg3![Ein genauer prophylaktischer Zug, wobei ein entscheidendes Schachgebot vermieden wird.]

38..g5?[Ein schlimmer Fehler. Absolut zutreffend schlug Dr. Siegbert Tarrasch vor, ein Remis mittels 38…a3! 39.g5 hxg5 (39…Rh7=HPG 40.Dxf7 hxg5 41.Dg6+ Rg8 42.h6 Df4+ 43.Rg2 Dg4+ 44.Rh2 Df4+=)40.Cxg5 Dg1+= oder auch 38…Dc3 39.g5 Dc6= zu erreichen.]

39. hxg6+– fxg6

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40. Dd8+?![Es scheint, dass Weiss sich schon wie folgt durchsetzen kann: 40.g5!+– h5 41.Df6 Dc2 (41…h4+ 42.Sxh4 Da3+ 43.Kg4 Df8 44.Dxg6+ Dg7 (44…Kh8 45.Dc2+–)45.Db1 De7 46.f4+–) 42.Sh4+– etc.]

40…Kf7[Tarrasch analysierte den gewinnbringenden Weg mit 42.Sxg5+ Kg7 43.Df6++–

Wenn 40…Kh7 (HPG), dann würde die weisse Seite wie folgt gewinnen: 41.g5! hxg5 (41…h5 42.Df8 h4+ 43.Kg4 Db1 44.Df7+ Kh8 45.Sxh4 Dg1+ 46.Kf3 Dd1+ 47.Kg3 Dg1+ 48.Sg2+ etc.]

41. g5 h5 42.Dd7+?[Ein ernsthafter Fehler. Man hätte mit 42.Df6+ Ke8 43.Dxg6+ etc. fortsetzen sollen.]

42…Kf8 43.Dxa4 h4+?[Richtig ist die von Dr. Tarrasch empfohlene Variante: 43…Db1! 44.Dd7 Df5! Und wenn: 45.Dxc7 Dg4+ 46.Kh2 Dxf3 47.Dd8+ Kg7 48.Df6+ Dxf6 49.gxf6+ Kf7 50.f4 Kf8= etc.]

44. Kg4 Dh1?[Man hätte hier eine defensive Absicht in Betraacht ziehen sollen: 44…Se8!?=]

45. Dd7[Besser ist, mit 45.Dc2 fortzusetzen!]

45…Dg2+ 46.Kf4 Se8?[Schwarz hätte mehr Widerstand leisten können mit: 46…Dh3! 47.Dd6+ Ke8 48.Dc6+ Kf8 49.Dc2 Df5+ 50.Dxf5+ gxf5 51.Sxh4± lt. Dr.Tarrasch]

47. Dxe6 Dxf2 48.Dxg6 Dg3+[Auch hätte Schwarz der Zug 48…Cg7 geholfen und wenn: 49.Dd6+ Ke8 50.Dxd5+– etc.]

49. Ke3 Dg4 50.e6 Sd6

51. Df6+ Ke8[So wird ie Niederlage beschleunigt, aber Schwarz hätte auch mit 51…Kg8 52.e7 De4+ 53.Kf2 Dc2+ 54.Kf1 Dd3+ 55.Kg1 h3 56.De6+ Kg7 57.Dh6+ Kg8 58.Df8+ Kh7 59.Kh2+– etc. verloren.]

52. Dh8+ Ke7

53. Dg7+![Schwarz gibt auf. Wenn 53…Kxe6 54.Df6+ Kd7 55.Se5+ gewinnt Weiss.] 1–0

Endstellung:

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Trotz der Fehler von Schwarz gegen Ende der Partie, kommentierte Dr. Siegbert Tarrasch in seinem Turnierbuch: “Die zweite Hälfte der Partie ist von Dr .Lasker ausgezeichnet gespielt worden.“

Zum Nachspielen:

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Fuente: endgame.nl

Sitges (Barcelona), im Oktober 2013

Ein Leben wie im Film

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Pierre Saint-Amant

*12. September 1800 + 29. Oktober 1872

von Javier Fernandez Cordero
Mit der professionellen Ausrichtung hat sich das Leben der Schachspieler wieder normalisiert, so dass sie sich ausschliesslich dem königlichen Spiel widmen können.

Allerdings war das nicht so im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, wo Schachspieler bei vielen Gelegenheiten ein stressiges und abenteuerliches Leben führten.

Einer der bemerkenswertesten Fälle war der Franzose Pierre Charles Saint-Amant, dessen Reisen und Unternehmen ihn auf der gesamten Welt zu einer Persönlichkeit wie im Film gestalteten.
St. Amant stammte aus einer adligen Familie, deren Vermögen aber auf Grund der Französisch Revolution enteignet wurde, so dass unsere Hauptperson nicht die Privilegien geniessen konnte, die eigentlich für den Adel vorbehalten waren.

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Schloss Latour bei Montflanquin

Foto luxuo.com

Dies führte dazu, dass er eine unglaubliche Vorstellungskraft entwickelte, die er auch tausendmal auf dem Schachbrett und in seinem Leben zeigte.

In seiner Jugend glänzte er in der Geschäftswelt (wie auch in der Welt des Schachs), wobei er den Posten des Sekretärs des Gouverneurs von Französisch-Guayana in Amerika ausübte.

Jedoch konnte er den dortigen, in jener Region üblichen Sklavenhandel nicht ertragen und beschwerte sich häufig bei der Obrigkeit. Die Konsequenz war, dass ihm gekündigt wurde.
Mit 23 Jahren entwickelte er sich zum Weinhändler, eine Tätigkeit, bei der er sich bald einen renommierten Namen schaffte und ein kleines Vermögen erarbeitete.

Gleichzeitig begann er auch, sich einen Ruf in der Schachwelt aufzubauen. Bedingt durch seine vielen Geschäftsreisen nach England, um seine Weingeschäfte abzuwickeln, nutzte er die Gelegenheit, sich mit den englischen Schachmeistern zu messen wie Georg Walker, George Brunton Fraser oder John Cochrane, die er aber mit relativer Leichtigkeit besiegen konnte.

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Seine Reisen nach England hatten ihren Höhepunkt anlässlich einer Begegnung mit dem Landesmeister Howard Staunton, der von vielen als der stärkste Spieler auf dem Planeten betrachtet wurde. Die Partien zwischen dem britischen und französischen Spieler gingen in ihrer Bedeutung weit über das Schachbrett hinaus. Die daraus folgende Spannung erinnerte an die Jahrzehnte davor an die Schlachten zwischen Napoleon und den britischen Truppen, die mit großem Interesse in beiden Ländern verfolgt wurden.

St. Amant schaffte es, den Gegner zu überraschen und gewann in einem sehr eng ausgehenden match mit : +3 -2 =1, womit er den wichtigsten Meilenstein in seiner Karriere errang.
Howard Staunton,

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treu seinem Charakter, nahm die Niederlage sehr missmutig auf und forderte ihn zu einem „ernsthaften Rückkampf“ auf, der 1843 als „inoffizielle Weltmeisterschaft“ eingestuft wurde und in dem Pariser Café La Régence stattfinden sollte und mit einem Preisgeld von 100 Pfund ausgestattet war. (Umgerechnet zur heutigen Kaufkraft: ca. 7.300 Pfund) . Das Duell wurde auf hohem Niveau gespielt und folgte den von Bourdonnais und McDonnell entwickelten Strategien und Taktiken.

Es wurde jedes Detail beachtet und auf der Unterseite der Figuren Filz aufgeklebt, damit ein Aufsetzen bei den Zügen kein Geräusch verursachte, was heute natürlich üblich ist, aber nicht zur damaligen Zeit.

Die Figuren wurden ausdrücklich von Staunton aus London mitgebracht.

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Staunton chess set 1843

Die Partien begannnen um 11 Uhr morgens und dauerten zeitweilig bis zu 20 Stunden.

Der Verursacher der unendlichen Partien war Staunton, der für seine Züge viel längere Bedenkzeit als sein Rivale beanspruchte.

(Diese Tatsache führte St. Amant zu dem Vorschlag, die Verwendung von Uhren während des Turnieres einzusetzen; dieser Wunsch wurde aber nicht erfüllt und erst einige Jahrzehnte später in die Praxis eingeführt.)

Der Beginn des Matches war katastrophal für St. Amant, der in den ersten 8 Partien nur ein Unentschieden erreichte bei 7 Niederlagen.

In der neunten Begegnung errang er endlich seinen ersten Sieg, der eine große Erleichterung für den Franzosen bedeutete. Nach Beendigung der Partie erhob er sich begeistert und meinte: „Ich habe die Ehre gerettet!“

Das Endergebnis war 13 zu 7 Punkten mit 6 Siegen für Saint Amant und 11 Siegen für Staunton. Damit ging die Vormachtstellung Frankreichs im Schach an England über.


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Treffen zwischen Saint Amant und Staunton im Café de La Régence

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St. Amant versuchte, einen Revanchekampf zu organisieren, den Staunton unerklärlicherweise ablehnte.

Diese Tatsache erhöhte seinen schlechten Ruf, denn in jener Zeit herrschte Ritterlichkeit und eine Herausforderung nicht anzunehmen, galt als ein Akt von Feigheit.

Mehr als ein Jahr lang schickten sich beide Spieler Briefe mit verschleierten Angriffen voller Ironie und veröffentlichten endlose Schmäh-Artikel in Zeitschriften und Zeitungen … aber keine dieser Herausforderungen veränderte die Situation oder die negative Einstellung Stauntons.

Saint-Amant war von 1841 bis 1847 der Herausgeber der Schachzeitung „Le Palamède“.

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Nach diesen unschönen Umständen spielte er öffentlich kaum noch Schach und sein Name verschwand verhältnismässig schnell aus der Schach-Szene.

Sein Leben war nicht nur auf kommerziellen Erfolgen und Siegen beim Schach beschränkt, sondern er war zeitweilig auch Schauspieler, flirtete mit den Buchstaben mittels seines Journalismus und war sogar Hauptmann der Wache im Tuilerienpalast,

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ein Posten der ihm später half, die Position des französischen Konsuls in Kalifornien zu übernehmen.

Auf Grund seines bewegten Lebens erarbeitete er sich ein beachtliches Vermögen, das ihm ermöglichte, eine riesiges Grundstück mit Schloss bei Algier zu erwerben mit dem Ziel, dort seinen Ruhestand und die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen.

Unglücklicherweise starb er wenige Jahre später bei einem Unfall, als er von seiner Pferdekutsche fiel.

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Nachsatz:

Als 1858 der Amerikaner Paul Morphy

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nach Paris kam, erkannte Saint-Amant dessen überlegene Spielstärke an und würdigte ihn auf einen Bankett als den derzeit besten Schachspieler der Welt.

Beide spielten mehrer private Partien miteiander.

Seine beste historische Elo-Zahl betrug 2.603 Punkte, die er im August 1846 erreichte.

Er lag demnach über drei Jahre auf Rang zwei der Welt.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Oktober 2013

Ein ersticktes Matt

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Gewidmet dem Schachspieler Carl Schlechter * 1874 + 1918

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von Sheenagh Pugh (* 20.12.1950 in Birmingham)

übersetzt und illustriert von Frank Mayer

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Ich möchte mit Carl Schlechter spazieren gehen
Anfang des letzten Jahrhunderts und eine mit Steinen gepflasterte Strasse hinunterlaufen.

Die Sonne scheint zuckersüss. Aus irgendeinem Fenster klingt leise ein Piano, und die traurigen Augen von Carl leuchten ein wenig.
Ich frage ihn nach seinem Schach, warum er immer ein Unentschieden anbietet, und er zuckt mit den Schultern.

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Die weissen Tauben sammeln sich auf den Brüstungen.

“Ich hasse diesen Blick in den Augen der Spieler, wenn sie verlieren”.

Ich liebe ihn.
Wir kaufen uns Kirschen an einem Stand, Sauerkirschen, dunkelfarbig, halb bitter, und wir verzehren sie gemeinsam.

Ich küsse ihn und koste sie in seinem Mund.

Ich möchte ihm sagen:

“Carl, Du stirbst vor Hunger mit Deinen vierundvierzig Jahren und könntest Weltmeister sein. Spiele auf Gewinn!”

Aber dann wäre er nicht mehr der, der er ist.

Und ich hätte nicht diese ganze Reise gemacht im vergangenen Jahrhundert, um die Hände des Remiskönigs zu fassen,

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Gemalt von Elke Rehder

ihn mit einer leichten Verbeugung zu betrachten,
wobei ich versuche, die Stille der Tauben zu hören,
eine nach der anderen, in einem Traum.

Ein Edelmann; liebenswürdig.

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Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

P.S. In der Tat starb Carl Schlechteram 27. Dezember 1918 geschwächt und verhungert unmittelbar nach einer Simultanvorstellung in Budapest.

Sitges (Barcelona), im September 2013

NEW YORK 1924

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1924

Ein Besuch von Aljechin nach New York führte zu einem Kontakt mit dem Geschäftsführer Harry Latz des Alamac Hotels

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The Alamac Hotel

am Neujahrstag 1924. Nach den Gesprächen dort wurde ein Super-Turnier für das Frühjahr in New York innerhalb von zwei Monaten von dem Manhattan Chess Club organisiert.

Hauptwettbewerber waren Weltmeister José Capablanca und sein Vorgänger Emanuel Lasker.
Lasker versuchte, aus Finnland anzureisen, aber seine Fähre blieb im Eis stecken. Der 56-jährige Emanuel Lasker verließ das Schiff und schleppte sich viele Meilen über das Eis und stapfte durch den Schnee, bis er einen Bahnhof fand. Er kam rechtzeitig mit einem Zug in Hamburg an und traf sich mit Aljechin, Bogoljubow, Maroczy, Réti, Tartakower und Yates.

Sie dampften mit dem Passagierschiff „Cleveland“

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am 28. Februar nach New York und vereinten sich dort mit Capablanca, Marshall, Janowsky und Edward Lasker. Nur Rubinstein und Nimzowitsch fehlten von den damaligen Top-Spielern.

Das Turnier wurde in zwei Runden von 6. März bis zum 18. April 1924 gespielt.

Fünfzehn Minuten vor jeder Runde wurde die Begegnung ausgelost, aber so, dass jeder Spieler nur 2mal gegen denselben Gegener antreten musste. So wurde eine „häusliche Vorbereitung vermieden“.

Ob diese Lösung gerecht war, darüber wird heute noch diskutiert.

Lasker erhielt $ 1500 für seinen ersten Platz und noch eine großzügige Entschädigung für die Aufwendungen seiner beschwerlichen Anreise. Capablanca gewann $ 1000 als Preisgeld und eine zusätzliche Kostenerstattung.

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Zum Vergrössern bitte daraufklicken.

Originalnotation von der Partie zwischen Réti und Capablanca:

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Die entsprechenden Kommentare von NM Hebert Pérez Garcia aus Holland

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wie folgt:

Réti, Richard – Capablanca, José Raúl [A15] New York

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New York, 1924

1. Sf3 Sf6 2.c4 g6 3.b4!?[Ein Zug, der in die Meisterpraxis von GM Aaron Nimzowitsch eingeführt wurde.]

3…Lg7 4.Lb2 0–0 5.g3[Eine andere Möglichkeit wäre, 5.e3 d6 6.d4 Sbd7 7.Le2 e5 8.0–0 etc. in Betracht zu ziehen.]

5…b6!? 6. Lg2 Lb7 7.0–0 d6 8.d3 Sbd7 9.Sbd2 e5 10.Dc2 Te8 11.Tfd1 a5 12.a3 h6

13. Sf1 c5?![Besser war es, wie folgt zu spielen: 13…e4!? 14. S3d2 exd3 15.exd3 Lxg2 16.Kxg2 Dc8=]

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14. b5[Es ist seltsam, dass sowohl Aljechin als auch andere Experten die interessante Variante: 14.Sxe5!? Lxg2 15.Sxd7 Lb7 16.Sxf6+ Lxf6 17.bxc5 dxc5 18.e4 etc. nicht erwähnt haben.]

14…Sf8 15.e3[Aljechin empfahl einen Plan zu entwickeln, der sich evtl. auf die Züge: e4, Se3 y Sd5 stützte.]

15…Dc7[Hier sollte auch15…S6h7!? geprüft werden.]

16. d4 Le4 17.Dc3?![Genauer war 17.Dc1]

17…exd4 18.exd4 S6d7?![Ein Fehlzug. Richtig war, mit 18…Se6!? zu antworten.]

19. Dd2 cxd4 20.Lxd4 Dxc4 21.Lxg7 Kxg7 22.Db2+! Kg8

23. Txd6[Hier ist eigentlich 23.S3d2± Dc2 24.Dxc2 Lxc2 25.Lxa8 Lxd1 26.Txd1 Txa8 27.Se3± mit klarem Vorteil für Weiss angesagt.]

23…Dc5 24.Tad1 Ta7?![Hier hätte man 24…Te7!? spielen sollen.]

25. Se3 Dh5 26.Sd4 Lxg2

27. Kxg2 De5?[Ein schrecklicher Fehler. Es gab hier keine andere Option, als 27…Se5 zu ziehen.]

28. Sc4![Der Vorteil von Weiss ist entscheidend.]

Dc5 29.Sc6 Tc7 30.Se3 Se5[30…Txe3 31.fxe3 Dxe3 32.Dd2+–]

31. T1d5+– und Schwarz gab auf: 1–0

Ein historischer Erfolg des GM Richard Réti, der somit eine lange Periode der Unschlagbarkeit des damaligen Weltmeisters Raúl Capablanca beendete.

Die Partie zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Das Familienfoto:

(Bild entfernt)

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Quelle: endgame.nl

Sitges (Barcelona), im September 2013

Der grauhaarige Herr

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Gemalt von Elke Rehder

von Néstor Quadri, Buenos Aires

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In meinem ganzen Leben als Schachanhänger erinnere ich mich immer an den Herrn mit den weissgrauen Haaren.

Er war ein erfahrener und bereits älterer Spieler, der das Blitzspielen von fünf Minuten über alle Maßen bevorzugte.

In der Mittagszeit besuchte ich oft das Café „Richmond“ in der Nähe des Büros in der Innenstadt von Buenos Aires.

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Die ganze Geschichte ereignete sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts.

Dort blieb ich mit einigen Kollegen an seinem Tisch stehen, um seiner Spielkunst zuzusehen und seine Partien zu geniessen.
Der Edelmann mit dem grauen Haar spielte mit erstaunlicher Geschwindigkeit diese Art von Kurzpartien.

Er kannte im Detail sämtliche Gambits, die es gab oder geben konnte. Normalerweise opferte er einen Bauern in der Eröffnung, um in eine bessere Stellung zu kommen und dann später den Bauern wieder zurückzuerobern.

Wenn stattdessen der Gegner ein Gambit spielte, zog er ein Gegengambit aus dem Hut. Damit hatte er auch einen Bauern geopfert und gestaltete ein äusserst schwieriges Spiel; schon allein zur Überraschung des Gegners, das Problem in so kurzer, zur Verfügung stehender Zeit zu lösen.
Offensichtlich musste er das Buch von Eröffnungsfallen auswendig kennen, weil er plötzlich und unerwartet eine Figur opferte. Wenn der Gegner das Opfer annahm und glaubte, der grauhaarige Herr habe einen Fehler gemacht, war er hoffnungslos in wenigen Zügen verloren.
Ich denke, im herkömmlichen Schach und, wenn wir die Zeit überspringen, dass seine Blitz-Partien dem großen russischen Weltmeister Michail Tal

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oder noch weiter zurückblickend den Zeiten von Paul Morphy

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oder Frank Marshall ähnelten. Zu seiner eigentlichen Spielstrategie gehörte auch, dass er mit erstaunlicher

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Geschwindigkeit und nachdrücklich positionelle Schwächen des Gegners erzeugte, gleichzeitig aber seine Figuren in der Verteidigung stärkte.

Ich bewunderte ihn, denn er gewann die Endspiele in der so kurz zur Verfügung stehenden Zeit wie der grosse Capablanca.

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Und was könnte ich alles über die wunderbare Vollendung seiner Partien erzählen. Es war ein Schauspiel bei jeder Partie, die wir miterleben durften. Mit Blick auf diese Geschwindigkeit konnten seine erstaunlichen und glänzenden Opfer nur begeistern. Als privilegierte Zuschauer haben wir ähnliche Züge oder Stellungen der „Unsterblichen“ oder „Immer Grünen Partie“ gesehen .
Manchmal wurden seine Pläne und Opfer widerlegt, aber in der Regel verbrauchten die Gegner zu viel von der kurzen Bedenkzeit, so dass sie selbst unter Druck gerieten. In diesen Positionen spielte der grauhaarige Herr noch schneller und seine Hand drückte wie ein Blitz auf die Uhr, was in der Regel dazu führte, dass das Blättchen des Gegners eher fiel.
Der grauhaarige Herr spielte stundenlang, wobei die Gruppe von ausgewählten und starken Gegenspielern nach und nach sich niedergeschlagen vom Schachbrett schlichen.
Um den Spieltisch bildete sich ein dichter Kreis von Schachanhängern, die dieses kostenlose Schauspiel genossen.

In einigen Fällen hörte man Rufe der Begeisterung und Erstaunen über einige spektakuläre Partien.
Heute füllen mich diese Erinnerungen mit Wehmut, weil ich sie nie mehr genießen werde. Der grauhaarige Herr und das Café „Richmond“ sind von uns gegangen, ebenso wie die Nächte mit ihren Träumen.

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Eine Hommage an das unsterbliche Genie und den Schachgroßmeister Miguel Najdorf .

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Sittges (Barcelona), im September 2013

Aus der Vergangenheit und vor langer Zeit

(Bild entfernt)gemalt von Lautaro Fiszman

Die vergessene Partie

von AI Héctor Silva Nazzari, Uruguay

Leider haben heute im Schach nur die Partien Bedeutung, die in den Mega-Archiven berücksichtigt sind. All jene anderen alten, die in Zeitschriften oder Zeitungen veröffentlicht waren, werden oft ignoriert, aber sie existieren…
Dieser Eindruck entstand, als kürzlich ein Artikel mit dem Titel „Das Ehrenzeichen des Dr. Kotov“ die beliebte Partie zwischen Averbach und Kotov in Zürich anlässlich des Kandidaten-Turnieres von 1953 kommentiert wurde, die Schwarz mit einem spektakulären Damenopfer gewinnt. Den 30. Zug von Weiss qualifiziert der Redakteur wie folgt: „Ein seliger Fehler, aus dem eine der herrlichsten Kombinationen der Geschichte entsteht.“

Anmerkung: Recht hat er!

(1) Y. Averbach (URSS) – A. Kotov (URSS)

(Bild entfernt)

Königsindische Verteidigung (A55) Kandidaten-Turnier (14). Zurich, 23.09.1953

1. d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sf3 Sbd7 4.Sc3 e5 5.e4 Le7 6.Le2 0–0 7.0–0 c6 8.Dc2 Te8 9.Td1 Lf8 10.Tb1 a5 11.d5 Sc5 12.Le3 Dc7 13.h3 Ld7 14.Tbc1 g6 15.Sd2 Tab8 16.Sb3 Sxb3 17.Dxb3 c5 18.Kh2 Kh8 19.Dc2 Sg8 20.Lg4 Sh6 21.Lxd7 Dxd7 22.Dd2 Sg8 23.g4 f5!?(Weiss hat zwei Vorteile: den besseren Läufer – der auf f8 stehende wird durch seine Bauern blockiert – und mehr Raum; aber Kotov sieht, dass der weisse König weniger geschützt ist als seiner) 24.f3 Le7 25.Tg1 Tf8 26.Tcf1 Tf7!?(Schwarz hätte eine solide Stellung nach [26…f4, aber Kotov riskiert weiter.)] 27.gxf5 gxf5 28.Tg2?(Averbach musste eigentlicht verstehen, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Zentrum zu öffnen, um seinem besseren Läufer mehr Spielraum zu geben und die Kontrolle über das Feld e4 einzuleiten, sei es nun mit [28.exf5 oder mit 28.f4! )] 28…f4! 29.Lf2 Tf6! 30.Se2

(Bild entfernt)

(Ein wirklich “gesegneter Fehler”, der zu einer der brillantesten Kombinationen der Geschichte führt; richtig war 30.Tg4 ) 30…Dxh3+!! 31.Kxh3 Th6+ 32.Kg4 Sf6+ 33.Kf5 Sd7(räumt dem anderen Turm den Weg frei.) 34.Tg5 Tf8+ 35.Kg4 Sf6+ 36.Kf5 Sg8+ 37.Kg4 Sf6+ 38.Kf5 Sxd5+ 39.Kg4 Sf6+ 40.Kf5 Sg8+ 41.Kg4 Sf6+ 42.Kf5 Sg8+ 43.Kg4(nach einigen Bedenken versteht Kotov aber, dass der weisse König dem Tode geweiht ist, obwohl es noch etwas dauert.) 43…Lxg5 44.Kxg5 Tf7! 45.Lh4 Tg6+ 46.Kh5 Tfg7!(droht matt auf h6) 47.Lg5 Txg5+ 48.Kh4 Sf6(matt auf h5) 49.Sg3 Txg3 50.Dxd6 T3g6 51.Db8+ Tg8 und Averbach gab auf:

0–1

Zum Nachspielen: (Bild entfernt)

Allerdings gibt es eine andere Partie, die man als „Zwilling“ qualifizieren könnte und einige Jahre davor gespielt wurde, die leider ausser Acht gelassen wird, ich denke, aus Unwissenheit.

Wir beschäftigen uns mit der Partie zwischen Reynaldo Taborelli und Voyin Lalich, gespielt im März 1945 in der Stadt Necochea Balnearia (Argentinien), und die ich höher bewerte als die von den namhaften sowjetischen Meistern.
Der Held dieser Partie, Voyin Lalich, war ein Spieler in der Stadt Bahia Blanca, der aber kaum in Erscheinung trat. Allerdings erinnere ich mich an seine Teilnahme bei der argentinischen Meisterschaft von 1938 und einigen anderen Turnieren.

Diese Partie wurde in der inzwischen legendären argentinischen Zeitschrift „Rochade“ in ihrer Ausgabe Nº 40 vom Juni 1945 auf ihren Seiten 45 und 46 veröffentlicht.

Nachstehend ein Foto des Gewinners der Partie.

(Bild entfernt)

Taborelli, Reynaldo – Lalich, Voyin [E68]

Turnier Playas de Necochea, Necochea (4), 10.03.1945

[Revista „Enroque“] – auch kommentiert von NM Hebert Pérez García aus Holland

1. d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.c4 Lg7 4.Sc3 d6 5.g3 0–0 6.Lg2 Sbd7 7.0–0 Te8 8.e4 e5 9.d5 De7Logischer ist: [9…Sc5 10.Se1 a5 11.b3 Ld7 etc.] 10.Dc2 a5Das klassische Manöver, um Le3 zu spielen, ohne den Springer auf g4 zu fürchten. 11.h3 Sh5 12.Le3 b6 13.Kh2 Sc5 14.Sg1 f5 15.Lxc5?Dieser Wechsel wird die schwarzen Felder entblössen; ein ernster strategischer Fehler, dessen Konsequenz man bald sehen wird. Richtig war Sge2. 15…bxc5 16.De2 Ld7 17.Lf3 Sf6 18.Lg2 Tab8Der unglückliche Wechsel bei dem 15. Zug überlässt nun Schwarz den Weg zu einem Angriff auf dem Damenflügel offen. Es ist schon interessant, auf welche Weise Lalich auf beiden Flügeln Druck ausübt. 19. Tfe1 Df8 20.f3Mit dem Textzug, der die Selbstbehinderung seines Läufers vervollständigt, glaubt Weiss, dass er eine widerstandsfähige Stellung erreicht hat, wobei nur Wartezüge hinter der Bauernkette anfallen. Andererseits bereitet Schwarz seinen Angriff gegen den gegnerischen König vor, wobei dieser Schritt einfallsreich mit einem anderen Angriff auf der halboffenen Linie “b” verbunden wird.

20…Sh5 21.Dc2 Tb4 22.b3 Lh6 23.Tab1 Df6 24.Dd3 Tf8 25.Tf1Aus diesem gleichgültigen Zug entwickelt sich eine bemerkenswerte Kombination, die momentan mit 25. Sge2 hätte vermieden werden können. Aber auf jeden Fall wird der Angriff gegen den Königsflügel entscheidend sein. 25…Sxg3! 26.Kxg3 Dh4+!! 27.Kxh4 f4

(Bild entfernt)

Jetzt wird der weisse König in einem Mattnetz festgehalten. 28.Sb5?Wenn [28.Sge2 Lg7 29.Sxf4 exf4 30.e5, wenn (30.Kg5 h6+ 31.Kxg6 Le8#)30…Lxe5 31.Se4, wenn (31.Dxg6+ hxg6 32.Kg5 Kg7 gefolgt von Tf5+ y Th5++)31…Tf5 32.Sg5 Lf6 33.Dxf5 Lxf5 34.Tg1 oder (34.Lh1 h6 35.Tg1 hxg5+ 36.Txg5 Kg7! 37.Tbg1 Tb8 und matt im nächsten Zug.)34…h6 35.Lf1 Kg7 36.Ld3 Lxd3 37.Tbe1, wenn (37.Kg4 Lxg5 38.h4 Lf5#)37…hxg5+ 38.Txg5 Lf5 39.Teg1 Tb8 und matt im nächsten Zug. Kommentare von V. Lalich.] 28…Lg7und Weiss gibt auf.

Zum Nachspielen:

http://www.tabladeflandes.com/visor_global/Taborelli-Lalich-1945.html

Es sagte einmal Roberto Grau,

(Bild entfernt)

Geburtsdatum 18. März de 1900
Argentinien, Buenos Aires
Sterbedatum 12. Abril de 1944, 44 Jahre
Argentinien, Buenos Aires
Nationalität argentinische
Beschäftigung Schachspieler, Journalist, Schriftsteller

dass einer der Fehler beim Schach ist, um eine künstlerische oder brillante Arbeit zu leisten, man sich auf die Zusammenarbeit des Gegners stützen muss.

In dem vorliegenden Fall und zwar bei dem 28. Zug von Weiss aufgrund der Zeitnot, in der sich Taborelli befand, verhinderte Lalich auf eine brillante Weise die begonnene Kombination mit den Opfern bei den Zügen 25 und 26 abzuschliessen.

Aber es konnte ihm nach Abschluss der Partie nicht genommen, den grundsätzlichen Gedanken darzulegen, dass, wenn Weiss 28.Sge2! gespielt hätte, dieser Umstand eine ziemlich langwierige Serie von Manövern gekostet hätte, um schliesslich matt zu geben.0–1

(Bild entfernt)

Schachmatt

Gemalt von Elke Rehder

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Sitges (Barcelona), im September2013

Turnier von New York 1889

Brooklyn-Bridge 1889


Der WM-Kampf zwischen Steinitz und Zukertort 1886 in verschiedenen amerikanischen Städten regte das allgemeine Interesse für das Schach in den USA.

Danach unterbreiteten Ellsworth, Schubert und Steinitz einen Vorschlag für die Austragung des Sechsten Amerikanischen Schach-Kongresses in New York.

Das wichtigste Ereignis sollte ein doppel-rundiges Turnier mit zwanzig Spielern sein. Später würde dann ein WM-Kampf folgen. Wenn die erforderliche Summe von $ 5000 im Jahre 1888 aufgebracht werden könnte, würde das Turnier für das Jahr 1889 geplant.

Steinitz und Tschigorin spielten ihr erstes WM-Match in Havanna vom 20.1 bis 24.2. 1889. Steinitz gewann mit 10,5 zu 6,5 Punkten.


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New York 1889 begann einen Monat später. Steinitz zog sich als Teilnehmer zum grossen Entsetzen des Organisationskomitees zurück, aber er stand für die Aufgaben der Organisation und als Autor des Turnier-Buches zur Verfügung.

Die Teilnehmer bestanden aus zehn Europäern (Bird, Burn, Blackburne, Tschigorin, Klatsch, Gunsberg, Mason, Pollock, Taubenhaus und Weiss) und zehn Amerikanern (DG Baird, JW Baird, Burille, Delmar, Hanham, Judd, Lipschütz, MacLeod, Martinez und Showalter).

Es wurden 6 Partien pro Woche am Union Square Nº 8

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von 13-17 und 19-23 Uhr gespielt. Die verfügbare Zeit von 15 Zügen je Stunde wurde von Stoppuhren geregelt. Ein Remis wurde als ein halber Punkt in dem ersten Durchgang von neunzehn Runden bewertet, die Partie musste jedoch noch einmal während des zweiten Zyklus wiederholt werden. Das Turnier dauerte vom 25. März bis 27. Mai 1889.

Endstand

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Ergebnisse der sieben Preisträger:

1 2 3 4 5 6 7 Others

1 Weiss ** 1½ ½1 ½1 ½0 10 ½½ 7 + 22 = 29 I/II $875

2 Mason 0½ ** ½0 0½ 11 01 11 6½ + 15½ = 22 VII $200

3 Lipschütz ½0 ½1 ** ½1 01 01 0½ 6 + 19½ = 25½ VI $300

4 Gunsberg ½0 1½ ½0 ** 11 01 ½0 6 + 22½ = 28½ III $600

5 Tschigorin ½1 00 10 00 ** ½1 11 6 + 23 = 29 I/II $875

6 Blackburne 01 10 10 10 ½0 ** 01 5½ + 21½ = 27 IV $500

7 Burn ½½ 00 1½ ½1 00 10 ** 5 + 21 = 26 V $600

Das Playoff zwischen Weiss und Tschigorin endete mit vier Remisen.

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Der Schachkongress in New York 1889 bestand aus 38 normalen, 8 Wiederholungen und 4 Playoff-Runden, also insgesamt 50 Runden! Sicher eines der längsten Turniere der Schachgeschichte….

Der Star der Veranstaltung war Max Weiss (aus Österreich-Ungarn). Er gewann sechzehn Partien und erzielte 7 Remise vor der ersten Wiederholungsrunde während des zweiten Zyklus.

An jenem Tag begann er mit einem Sieg in 68 Zügen. Danach wurde das Spiel gegen DG Baird nachgespielt. Weiss erreichte ein gewonnenes Endspiel, verlor aber schliesslich in 113 Zügen. Seine Genauigkeit liess stark nach, und er verlor gegen Blackburne in 57 Zügen am nächsten Tag. Am Ende des Turnieres musste Weiss sich den ersten Platz und Preis mit Tschigorin teilen.

New York 1889 kann als erstes Kandidaten-Turnier betrachtet werden. Der Gewinner hatte die Auflage, ein WM-Match gegen Steinitz innerhalb eines Monats zu beginnen.

‚Beide Meister äußerten jedoch den Wunsch, nicht gezwungen zu werden, ein WM-Match spielen zu müssen.’

Der Ausschuss beschloss, die Veranstaltung abzusagen.

Weiss kehrte nach Österreich zurück. Er gewann das Kolisch-Memorial in Wien 1890 ohne eine Verlustpartie. Danach konzentrierte er sich auf seine Arbeit bei der Rothschild Bank.

Sein solider Schachstil war das Leitbild für die spätere Spielweise von Marco, Schlechter und Maroczy.

Der dritte Preisträger Isidor Gunsberg interessierte sich für eine Begegnung gegen William Steinitz in New York.

Vorher spielte Gunsberg gegen Tschigorin in Havanna zu Beginn des Jahres 1890 mit dem ausgeglichenen Ergebnis von: 11 ½ -11 ½.

Schliesslich wurde seine Herausforderung von Steinitz akzeptiert. Sie spielten ein Match im Manhattan Chess Club gegen Ende jenen Jahres, das Steinitz mit10 ½ – 8 ½ gewann.

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Steinitz schrieb ausgiebig über das New Yorker Turnier von 1889 in dem International Chess Magazine

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und dem Buch über den 6. amerikanischen Schachkongress, das 1891 in New York aufgelegt wurde. Seine Publikationen zeigten tiefe Einblicke in Positionsformationen und unbegrenzten taktischen Verstand.

The Book of the Sixth American Chess Congress:

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Ein Match zwischen William Steinitz und Max Weiss

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Fotos: chessgames.com

hätte die besten positionellen Spieler des Jahres von 1889/90 zusammengebracht. Leider kam es nicht dazu.

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Quelle: endgame.nl

Sitges (Barcelona), im August 2013

Herman Pilnik – ein Optimist

Ein Optimist im Schach wie im Leben(lt. Miguel Najdorf)

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1963

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Von GM Zenón Franco, Paraguay

Herman (ursprünglich Hermann) Pilnik* 8. Januar 1914 in Stuttgart + 12. November 1981 in Caracaswar ein deutschstämmiger argentinischer Schachmeister.

In den 1950er Jahren zählte er zur Weltspitze.

Bereits im jugendlichen Alter von 15 Jahren wurde er Stadtmeister von Suttgart.

Seine Familie wanderte 1930 nach Argentinien aus.

Er wurde 3x argentinischer Meister: 1942, 1945 und 1958 und

repräsentierte Argentinien bei fünf Olympiaden.

Seine besten Ergebnisse erzielte er bei dem Turnier von Mar del Plata 1942, geteilter 2. Platz mit Stahlberg und Najdorf und 1944 geteilter erster Platz mit Najdorf, aber vor Stahlberg.

Ausserdem gewann er ein Turnier in Belgrad im Jahre 1952.

Aufgrund dieser vielen Erfolge verlieh ihm die FIDE in jenem Jahr den Grossmeistertitel.

Ausserdem wurde er 1954 in die Mannschaft „Der Rest der Welt gegen die Sowjetunion“ berufen.

Er war während seiner Schachlaufbahn viel unterwegs und letztlich liess er sich in Venezuela bis zu seinem Lebensende nieder, wo er regelmässig Schachunterricht an der Militärschule von Caracas gab.

Sehen wir uns das Pilnik-System an, wo nach früher eine Variente in der Sizilianischen Verteidigung benannt wurde:

  1. e4 c5 2. Sf3 – Sc6 3. d4 cxd4 4. Sf3xd4 Sf6 5. Sc3 e5 6. Sd4-b5 d6 (üblich war zuvor 6…a7-a6).

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Pilnik hatte diese Variante gemeinsam mit Jorge Pelikan erarbeitet, nach dem sie ebenfalls häufig benannte wurde: Pelikan-Variante.

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Nach der Schacholympiade in Buenos Aires im Jahr 1939 blieben wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs viele starke Spieler für eine unbestimmte Zeit in Argentinien, wie der Schwede Gideon Stahlberg, der Israele Moshe Czerniak usw. und andere Meister für immer wie der Pole Miguel Najdorf, der Deutsch-Österreicher Erich Eliskases.

Es gab zu jener Zeit einen „argentinischen“ Schachspieler, der unerklärlicherweise für Geld gegen diese Meister spielte und natürlich immer verlor, was mehr als einen verschleierten Spott hervorruf. Dieser „Kunde“, genannt Herman Pilnik, nachdem er seine Lektionen gelernt hatte, bestritt 11 Jahre später als „ehemaliger Kunde“ das Interzonenturnier in Göteburg und im folgenden Jahr 1956 anlässlich des Kandidaten-Turnieres in Amsterdam mass er sich mit den weltbesten Spielern.

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Dieser „Qualitätssprung“ war wirklich beeindruckend für jemanden, der mit den Worten von Ludek Pachman in seinem Buch „Jetzt kann ich sprechen“ wie folgt zitiert wurde:

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„Niemand hat ihn jemals bei dem Studium vor dem Schachbrett oder auch mit einem Schachbuch in der Hand, sondern fast nur bei romantischen Abenden mit schönen Frauen gesehen.“
Pilnik war ein Romantiker; in jedem Bereich des Lebens optimistisch, pflegte einen kräftigen Angriffsstil und war ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Er sah gut aus und auch ein wenig eitel wegen seiner äusseren Erscheinung.

Vielleicht hatte er seine größten sportlichen Erfolge mit der argentinischen Olympia-Mannschaft, die Vizeweltmeister in Dubrovnik 1950, Helsinki 1952 und Amsterdam 1954 zusammen mit den leistungsstarken Meistern Miguel Najdorf und Julio Bolbochán wurde; aber noch lobenswerter war wohl der 3. Platz der Mannschaft anlässlich der Schacholympiade in München 1958 ohne die Beteiligung der vorgenannten Schachgrössen mit Pilnik am 1. Brett.

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München 1958

Olympiade München 1958

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Wie John Morgado in seinem Buch „Die Abenteuer von Herman Pilnik“ schildert,

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wurden die Mitglieder der Olympia-Mannschaft, bevor sie an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki teilnahmen, zu einem liebenswürdigen Empfang im Ministerium für Arbeit in Buenos Aires eingeladen. Anwesend waren also das Team und einige wichtige Persönlichkeiten; unter ihnen natürlich auch Pilnik, dessen politischen Vorstellungen als „Nicht-Peronist“ bekannt waren, (Pilnik definierte sich viele Jahre später als „Oppositor“), aber da bei dem Empfang keine politschen Untertöne erwünscht waren, schloss er sich höflich an.
Die Atmosphäre war herzlich. Evita Peron wollte eine positive Motivation für das olympische Engagement bieten, vielleicht auch als Dank für die brillanten Leistungen des Teams. Sie fragte jeden, was er sich so wünsche. Einer bat darum, eine Lebensversicherung auf ihn abzuschliessen, ein anderer fragte nach einem Hauskauf, aber zu sehr günstigen Konditionen, ein anderer nach der Installation eines Telefones in seiner Wohnung.

(Diese Bitte erzeugte dann allgemein viele spöttische Kommentare, aber ein Telefon im Jahr 1952 zu Hause zu haben, war nicht so einfach.)
Nun kam Pilnik an die Reihe. Was war zu tun? Würde er ein Geschenk annehmen unter dem Aspekt, dass man das Eine nicht mit dem Anderen vermischen sollte, wozu er den Anspruch hatte?

Oder würde sich Pilnik im Einklang mit seinen Ideen weigern, etwas entgegen zu nehmen? Könnte in diesem Fall sein Verhalten unhöflich oder sogar beleidigend für Eva Peron sein?
Sicher eine schwierige Entscheidung, aber nicht für Pilnik, der sich an Evita Peron wandte und nur eine Belohnung haben wollte, in dem er sich „einen Kuss von ihr“ wünschte.

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Anmerkung:

Nachstehend ein Foto aus der „Chess Review“ vom Oktober 1945, wo man Herman Pilnik am Kopf stark bandagiert und verbunden sieht. Der Grund war ein Autounfall auf einer abenteuerlichen Autofahrt quer durch die Vereinigten Staaten nach Hollywood, um dort rechtzeitig an einem Internationalen Turnier teilzunehmen.

Allerdings landete er erst einmal für ein paar Tage im Krankenhaus.

Als er entlassen wurde, durfte er aus diesen besonderen Gründen die 3 ersten Partien nachspielen, war immer noch stark behindet durch den Unfall und die damit verbunden Schmerzen.

Trotz allem spielte er ein vorzügliches Schach während des ganzen Turnieres und belegte letztlich den 2. Platz hinter Reuben Fine.

(Die genaue Schilderung des Herganges steht auch mit allen Details

in dem vorgenannten Buch „Die Abenteuer des Herman Pilnik“.)

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courtesy: Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Nun noch nachstehend eine klassische Partie zwischen den Kontrahenten:

Najdorf ,M (2540) – Pilnik, H (2450)
Indo-Benoni-Verteidigung. [A77]
Buenos Aires (5), 1973

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 c5 4.d5 exd5 5.cxd5 d6 6.Sf3 g6

(Die Indo-Benoni-Verteidigung wurde von Bobby Fischer im Jahr davor anlässlich des Wettkampfes gegen Spassky erfolgreich angewendet. Die Einzelergebnisse von Pilnik gegen Najdorf waren ziemlich mager, so dass Pilnik mal etwas anderes spielen wollte als die klassischen Verteidigungen oder das Königsindische, in der er nicht so gut vorbereitet war wie Najdorf, aber warum nicht, auch wenn er wegen den “schönen Abenden mit hübschen Frauen” kaum seinen schachlichen Hausaufgaben nachkam. Also, wie war es möglich, dass er eine für ihn ziemlich neue Verteidigung anwendete, die er wohl in kürzester Zeit analysiert hatte? Es muss wohl so gewesen sein, dass einer seiner Bewunderer ihm am Vorabend empfahl, diese Verteidigung zu spielen, die er Zug für Zug anhand von Beispielen vorführte. Trotz allem fühlte Pilnik sich nicht wohl in dieser Variante, aber er wendete sie mit Mühe und Not an, was noch in seinem Gedächtnis haftengeblieben war.

7.Sd2 Sbd7 8.e4 a6 9.a4 Lg7 10.Le2 0-0 11.0-0 Te8 12.Dc2 Se5 13.Sd1?![Najdorf wurde hier überrascht und improvisierte; auch war nicht geeignet 13.f4? Seg4 14.Sc4 aufgrund von 13…Sxe4! 15.Sxe4 Ld4+ 16.Kh1 (16.Sf2 Lf5 17.Dd2 Txe2 18.Dxe2 Dh4 19.h3 Sxf2 20.Txf2 Ld3) 16…Sxh2!; logischer war 13.h3] 13…g5!(thematisch, um die Drohung f4 zu vermeiden)14.h3 Sg6 15.Se3 Sf4 16.Te1 Sxe2+ 17.Txe2

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17…b6!(Das Studium am Tage zuvor bringt seine Früchte, da Schwarz die Blockade von 18.a5 vermeidet, aber man macht diesen Zug nicht nur aus Gründen derVerteidigung)18.Tb1 Ta7!(Das ist eine ökonomische Art, den Ta8 ins Spiel zu bringen, wobei dann ein Druck auf „e4“ entsteht.)

19.b3 Tae7 20.f3 Sh5! 21.Lb2 Ld4! 22.Kh2[Das Spiel von Schwarz ist sehr energisch und zeigt den Stil von Pilnik.Auch würde 22.Lxd4?! cxd423.Sg4 d3!nicht helfen. (Zweifelhaft ist 23…Lxg4?! 24.hxg4 d3 25.Dxd3 Sf4 26.Dxa6) 24.Dxd3 f5, etc. mit schwarzem Vorteil; ab jetzt bricht ein Sturm auf dem weissen Territorium los.]22…f5 23.Dc4 Lxb2 24.Txb2 Te5 25.Tf2 g4! 26. fxg4 fxg4 27.g3[Das Schlagen auf g4 kann nicht mit 27.Sxg4 Lxg4 28.hxg4 Dh4+ 29.Kg1 Sg3 30.Tf4 Dh6! 31.Tf3 Txe4 32.Sxe4 Dh1+ 33.Kf2 Sxe4+ 34.Ke3 “gebremst” werden. (34.Ke2 Dxg2+) 34…Sf2+ und gewinnt.]27…gxh3 28.Df1 Tg5 29.Sf5 Lxf5 30.Txf5 Sxg3 31.Txg5+ Dxg5 32.Dxh3 Sh5 33.Dg2 Dxg2+ 34.Kxg2 Sf4+ 35.Kf3 Sd3 36.Tb1 b5![Ein totaler Erfolg; für den Sd2 gibt es keine Beteilung in dem Kampf und mit der möglichen Schaffung von 2 Freibauern, hört das Spiel auf]37.axb5 axb5 38.Ta1 Se5+ 39.Ke3 Tf8 40.Ta6 Tf6 41.Tb6 h5! 42.Txb5 h4 43.b4 c4 44.Kd4 h3 45.Ta5 h2 46.Ta1 Tg6[Schwarz gibt matt nach 46…Tg6 47.Th1 Tg3 etc.]0:1

Partie zum Nachspielen:

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Dieser Artikel wurde erstmals in der Tageszeitung (Bild entfernt), im Januar 2002 veröffentlicht.

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Sitges (Barcelona), im August 2013

Schach mit Träumen und Qualen

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von Néstor Quadri, Buenos Aires

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„Gott bewegt den Spieler und er die Figur.
Welcher Gott steht hinter Gott und beginnt mit dem Spiel von
Staub und Zeit und Traum und Qualen?“
von Jorge Luis Borges

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Copyright Lautaro Fiszman

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Auf dem Weiss und Schwarz meines Schachbrettes in diesem Turnier glänzen meine weissen Figuren und mein erleuchteter Geist fliegt mit ihnen, indem ich ein grausames Gambit gegen Schwarz spiele. Aber meine bessere und überlegene Position in der Eröffnung zerfliesst auf diesem Flug zwischen einem umherirrenden Labyrinth raffinierter Kombinationen.

Wie auch immer, bereits im Mittelspiel fühle ich, dass sich meine Träume weiter entfernen und unerreichbar werden, aber das Streben, die Partie zu gewinnen, füllt sich noch mit etwas schwacher Hoffnung.

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Doch diese Träume, wie die untergehende Sonne, verblassen langsam; sie gehen quälend in eine positionelle Unterlegenheit. Und plötzlich, obwohl ich mich noch in der leidvollen Lage befinde, erscheint mir auf wundersame Weise eine taktische Variante, die mich in ein erlösendes Remis führen könnte. Es schien wie bei diesem Sonnenuntergang, dass ein Blitz meinen qualvollen Abstieg erhellte.

Aber der Faden der Kombination zeigt mir, dass er nur ein Hoffnungsschimmer war. Die schwarzen Figuren mit ihrer magischen Strategie beginnen, meine weissen Figuren langsamauseinander zu treiben, so als ob sie wie welkes Laub durch den Wind gewirbelt würden.

Ganz langsam, immer noch atmend, immer noch zuckend, stehe ich kurz vor dem Ende des Spieles. Dort bewirkt die materielle Überlegenheit des Gegners mein letztes Sterben taktischer Ressourcen in dieser spannenden Partie; zuerst meiner Träume und später meiner Qualen.
Und da geschieht es in vollständiger Überlegenheit,

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als ein erschütternder Schrei meines Gegners mir ein doppeltes Matt verkündet.

Vor diesem Hintergrund kann ich nur meinen weißen König in respektvollem Schweigen auf die Mitte des Brettes legen.

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Aber diese Angst ist langsam und tut nicht zu sehr weh, weil diese Träume auf einen Sieg immer wieder meinen Geist erleuchten, wie die Morgenröte nach dem Sonnenuntergang.

Morgen wird in dem Turnier ein neuer aufregender Flug mit einer anderen Schachpartie starten, auf dem unsterblichen weißen und schwarzen Weg mit Staub und Zeit, wunderbar und erhaben.

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Sitges (Barcelona), im August 2013

Eine tragisch-komische Episode um Akiva Rubinstein

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* 1882 + 1961

Einleitung:

Übrigens hat mich ein bekannter Forscher der Schachgeschichte, Johannes Fischer, belehrt, dass sich AKIVA mit “v” schreibt.
Hierzu noch das Titelbild eines Buches:

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Ein Interview zwischen Miguel Najdorf(bekannt für seine “blumenreiche und einfaltsreiche” Sprache) und dem spanischen Schriftsteller und ausgezeichneten Schachspieler Eduardo Scala:

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Zu dem Bild: Ein nachdenklicher Eduardo Scala auf der Suche nach einer Verteidung für das “Nichts” und gleichzeitig stellt er sich der unerklärbaren Partie seines Lebens………

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Also Miguel Najdorf erzählt:

Bezüglich des aussergewöhnlichen Schachmeisters Akiva Rubinstein

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1914: Akiva Rubinstein in der Mitte, rechts Capablanca

habe ich zahlreiche Anekdoten zu berichten.
Ausserdem darf ich mit Stolz sagen, dass ich gegen diesen Meister dreimal noch kurz vor seinem Ableben spielen durfte.
Er hatte zwei Söhne. Einer war Künstler, Maler, und er wusste, dass ich ein Freund seines Vaters war und obwohl Rubinstein sehr krank war und eigentlich niemand empfing, öffnete er mir aber die Tür seines Hauses.

Es ist schon hochinteressant, wie er seine Leben vor der “Gestapo” retten konnten.
Schon ziemlich verwirrt, versuchte ein Psychiater, gleichzeitig Bewunderer und Freund, ihn in seiner Klinik entsprechend zu behandeln.

Als die “Nazis” in Polen einmarschierten, durchsuchten sie auch das Sanatorium.
Ein Offzier der Gestapo befragt die Klinikleitung:
“Gibt es Juden in Ihrer Klinik?”
“Ja,” antwortete der zuständige Arzt. “Hier befindet sich der berühmte Schach-Grossmeister Akiva Rubinstein in Behandlung, aber leider ist er geisteskrank.”
Der Offizier: “Ich möchte mit ihm sprechen und sehen, ob Sie mit Ihrer Behauptung Recht haben.”

Der Gestapo-Offizier betrat das Krankenzimmer, wo Akiva Rubinstein lag und fragte ihn:
“Sind Sie der Schachmeister Akiva Rubinstein, ein Jude?”
“Jawohl, Herr Offizier!”
“Stehen Sie sofort auf und kommmen Sie mit mir!”
“Warum?” fragt der Kranke.
“Um zu arbeiten!” schnauzt der Offizier.
“Ach so, um zu arbeiten, wo denn?”
“In einem Konzentrationslager!”
Rubinstein strahlt: “Wunderbar! Das wird mir sicher gefallen!

Dann zog Rubinstein seinen Schlafzanzug aus und nahm aus dem Kleiderschrank seinen besten Sonntagsanzug, so, als ob er zur Oper gehen wolle.
Der Offizier: “Oh, je, bleiben Sie, bitte, hier. Sie sind in der Tat geisteskrank!”

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Und so rettete sich Akiva Rubinstein vor dem Todeslager.

“Ich persönlich”, so Miguel Najdorf

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“musste die Tragödie verkraften, dass ich meine Frau, meine Tochter, meine Eltern und vier Brüder, viele Verwandte und Freunde verlor.

Dank der Schach-Olympiade 1939 in Buenos Aires, gerade als der 2. Weltkrieg angefangen hatte, blieben meine Mannschaft und ich in Argentinien und konnten somit weiter in Frieden leben.”

P.S. Akiva Rubinstein befand sich während des Krieges in Belgien. Da hat sich Miguel Najdorf bei seiner Erzählung wohl im Land geirrt.

Quelle: Revista Internacional de Ajedrez 1988

Sitges (Barcelona), im August 2013

Salzburg 1942

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1942


Die Organisatoren des Salzburger Turnieres von 1942

(Grossdeutscher Schachbund) versuchten, folgende Spieler einzuladen:

Weltmeister Alexander Aljechin, Ex-Weltmeister Dr. Max Euwe, Paul Keres als Herausforderer für ein WM-Match, der ehemalige Herausforderer Efim Bogoljubow, Gösta Stoltz und den Deutschen Meister Paul Felix Schmidt, d.h. die sechs stärksten Spieler Deutschlands und den besetzten Ländern.

Dr. Euwe kam schon der Einladung für München 1941 aufgrund seiner „beruflichen Verpflichtungen“ nicht nach. Dieses Mal weigerte er sich zu beteiligen, weil Aljechin eingeladen wurde. Die von Dr. Euwe genannten Gründe waren ziemlich belanglos.

Das eigentliche Motiv war Aljechin’s Vergehen gegenüber Euwe bezüglich seiner antisemitischen Artikel. Aljechin hatte über die „jüdische Clique“ um Euwe herum im Jahre 1935 geschrieben. Der Hauptorganisator, Ehrhardt Post, beabsichtigte Aljechin auszuschließen, doch der berühmte Name blieb auf der Liste. Danach zog sich Euwe wegen „Krankheit“ zurück.

An seiner Stelle wurde Klaus Junge berufen. Das Turnier war ursprünglich für Januar 1942 geplant, aber es fand schliesslich in der Zeit vom 9.-18. Juni 1942 statt.

Die Schach-Veranstaltung wurde in den wunderschönen Räumen des Schlosses Mirabell abgehalten;

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also in der Nähe von Berchtesgaden, der Sommerresidenz Hitlers.

Die Partien begannen um 9 Uhr morgens. Die Regel war, 32 Züge in zwei Stunden auszuführen, danach 16 Züge je Stunde.

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Stoltz – Junge

Anmerkung:
Ein tschechischer Meister erzählte mir, dass anlässlich des Turnieres von Prag 1943 sämtliche Teilnehmer bei jeder neuen Runde mit dem Hitlergruss begannen. Dennoch waren die Nazi-Turniere nicht mehr ein so wichtiger Propagandazug. Der Dienst an der Front war wichtiger geworden. Schach wurde für die Propaganda vor dem Krieg genutzt.

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Seinerzeit erschien kein Turnierbuch über Salzburg 1942.

Nur kurze Berichte wurden in Schach-Fachzeitschriften veröffentlicht.

Ken Whyld(ein britischer Schachpublizist und einer der bedeutendsten Schachhistoriker weltweit)sammelte neunzehn Partien aus diesen Quellen.

Als GM Lothar Schmid

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ihm die Original-Notierungen auslieh, konnte er in einem Buch alle dreißig Spiele im Jahr 1962 veröffentlichen.

Der Verleger M.A. Lachaga publizierte die Partien mit den entsprechenden Kommentaren undAnalysen im Jahr 1974.

Es wurden erbitterte Kämpfe während dieses Turnieres in der Kriegszeit ausgefochten: nur 27% der Partien endeten mit Remis und die durchschnittliche Spielzeit dauerte mehr als 50 Züge. Aljechin erzielte sein bestes Ergebnis während des Zweiten Weltkriegs, obwohl sein Kampfgeist stärker zu erkennen war als seine Fähigkeiten für ein ausgewogenes Positionsspiel.

Paul Keres spielte gut und belegte den 2. Platz hinter dem Weltmeister sowie auch 1941, als er wiederum den 2. Platz hinter dem zukünftigen Weltmeister Botwinnik erspielte.

Ein großer Erfolg verzeichnete der achtzehn Jahre alte Klaus Junge. In allen Phasen der Partien zeigte er ein gleiches Niveau wie die anderen Grossmeister. Der damalige deutsche Meister Paul Felix Schmidt spielte ein solides Schach. Efim Bogoljubow führte nach dem 1. Durchgang, verlor aber alle Partien im zweiten Zyklus. Gösta Stoltz hatte wenig Erfolg.

Turnierergebnis

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Nachstehend noch eine von NM Hebert Pérez García aus Holland

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kommentierte und analysierte Partie von Klaus Junge aus jenem Turnier:

Junge, Klaus – Stoltz, Goesta [D95]
Salzburg (6), 1942

1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 c6

4.e3 g6 [Ein von GM Carl Schlechtereingeführtes defensives System anlässlich seiner WM-Partie gegen Dr. Emanuel Lasker 1910.]

5. Sc3 Lg7 6.Db3 0-0 7.Ld2 e6 8.Ld3 Sbd7

9.0-0 c5[Man hat eigentlich öfters wie folgt gespielt: 9…b6 10.cxd5 exd5 11.e4 dxe4 12.Sxe4 c5 13.Sxf6+ Sxf6 14.dxc5 bxc5 15.Lc4 Dc7 16.Lc3 etc.]

10. cxd5 cxd4[Besser ist die Variante: 10…exd5!? 11.Sxd5 Sxd5 12.Dxd5 Se5 13.Dxd8 Sxf3+ 14.gxf3 Txd8 etc.]

11. exd4 exd5 12.Sxd5[Hier sollte auch: 12.Tac1!? Cb6 13.Af4 etc. beachtet werden.]

12…Sxd5 13.Dxd5 Se5 14.Dxd8 Sxf3+ 15.gxf3 Txd8 16.Le4

(Bild entfernt)

16.. Lh3[Hier sieht es so aus, dass Schwarz ein gutes Spiel mit 16…Lxd4!? 17.La5 Te8 18.Tfd1 Lxb2 19.Tab1 Le5 20.Lxb7 Tb8 21.Ld5 Lh3 22.Txb8 Txb8 23.Lb3 Tc8 etc. hatte.]

17. Tfd1 Txd4 18.Le3 Tb4[oder auch 18…Txd1+!? 19.Txd1 Lxb2] 19.Tac1 Lxb2

20. Tc7 Le5[Interessant war wie folgt zu spielen 20…Le6!? 21.Lxb7 Le5 etc.]

21.Txb7 Txb7 22.Lxb7 Tb8 23.Ld5 a5

24. Lb3 Tc8[Der listige Zug 24…Ta8 und wenn, dann 25.Ld5 Tc8, war hier vorzuziehen.]

25.Td5 Lc3

26. Tb5 Ld7[Eine andere Möglichkeit war: 26…a4!? 27.Ld1 Le6 28.a3 Ta8] 27.Tb7 Le8 28.Ta7 h5?![Genauer war: 28…Tb8 29.Lh6 Tc8]

29. Lb6+/= h4[29…Kg7]

30. Kg2 g5?! [Ein Fehler, der Weiss einen Vorteil verschafft. Besser war mit 30…Kg7]

31. Lxa5[31.Le3+/- !? ist ein starker Zug.]

31…Ld4 32.Tc7 Txc7

33. Lxc7 Kg7[Die Schwierigkeiten für Schwarz nehmen zu. Wenn 33…Lc6, dann käme 34.Lc2 f6 35.Le4 Ld7 36.f4 Kf7 37.fxg5 fxg5 38.f4+/=]

34. Ld5 Kg6 35.f4 g4 36.f3 f5 37.Ld8[37.h3]

37…Kh5[Etwas besser war 37…Le3!? 38.Lg5 Lb5]

38. h3 Lc5[Falls 38…gxh3+, behält Weiss den Vorteil mit 39.Kxh3 Le3 40.Lg5 Kg6 41.Kxh4 Lf2+ 42.Kh3 Lc5 43.Lb3+/-]

39. Lg5[Weiss hatte hier eine gute Variante mit 39.hxg4+!? fxg4 40.a4 Lxa4 41.Lf7+ Kh6 42.fxg4]

39…gxh3+ 40.Kxh3 Kg6 41.Kxh4 Lb5 42.Kg3 Kg7 43.Ld8 Kg6 44.La5 Ld3?![44…Le8] 45.a4 Kf6 46.Ld8+ Kg6 47.Lc6 Kf7 48.Lb5 Lxb5 49.axb5+- Ke8 50.Lc7 Kd7 51.Le5 Le7:

(Bild entfernt)

52. Kg2[Der von Weiss eingeschrittene Weg ist richtig. Aber man konnte auch direkt mit 52.Lg7! Ld8 53.Lh6 Ke6 54.Lg5 Lb6 55.Kh4 Lc7 56.Kh5 Kf7 57.Kh6 Lb6 58.Lh4 Lc7 59.Lg3 Kf6 60.Kh5 Ke6 61.Kg6+- gewinnen.]

52…Lc5 53.Kg3 Le7 54.Ld4 Kd6 55.Kf2 Kd5 56.Le3 Ld6 57.b6 Kc6 58.Ke2 Lb8 59.Kd3 Kb5 60.Kd4 Kc6 61.Lc1 Ld6 62.Ld2 Lb8 63.Le3 Kd6 64.Kc4 Kc6 65.Kb4 Ld6+ 66.Ka5 Kb7 67.Kb5 La3 68.Ld4 Lc1 69.Le5 Le3 70.Kc4 und Schwarz gibt auf: 1-0

Endstellung:

(Bild entfernt)

Eine herrliches Finale geführt von dem unvergessenen Meister

Klaus Junge.

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Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

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Quelle: endgame.nl

Sitges (Barcelona), im August 2013

Wenn der Vater mit dem Sohne…

Warum viele Schachkarrieren als Familiendrama enden……

Von Jörg Sommer

– aus dem Spanischen übersetzt

(Bild entfernt)

Bild: pathguy.com

Wir widmen uns nun einem Thema, das noch konfuser und mystischer ist, als wir alle glauben:

Söhne, Eltern und Schach

Eine explosive Kombination, die unglaubliche Genies hervorbrachte, wobei grossartige Triumphe geschaffen und Meere von Tränen erzeugt wurden.

Viele Psychologen sind sicher, dass die Faszination SCHACH nicht erklärbar ist ohne das Problem

„Vater – Sohn“.

Allerdings weisen wir darauf hin, dass es in der Tat keine ernsthaften Forschungen über dieses Thema gibt, jedoch einige Entwürfe, eine Mischung aus Halbwahrheiten, lebhaften Vermutungen und zutreffenden Beobachtungen.

Das Thema beginnt mit dem Dekan der modernen Psychologie, Siegmund Freud (1856 -1939)

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dessen Vater übrigens mehr Zeit in Cafés verbrachte, um dem Schachspiel zu frönen, als zu Hause mit der Familie. Er formulierte die These der Rivalität zwischen Vater und Sohn, die in mörderischen Phantasien und der „sexuellen“ Besitzergreifung der Mutter gipfelt.

Sicher hat diese These ihr Fundament.

Warum nun Freud ausgerechnet den armen Ödipus auswählte, um diesen Komplex so zu bezeichnen, ist ziemlich irreführend:

Ödipus ist alles andere als „ödipusich“: Er tötete irrtümlich seinen Vater, hatte keinerlei Ahnung, dass der Siegespreis letztlich seine Mutter sein würde, und nachdem beide Umstände geklärt waren, bestrafte er sich selbst auf eine schreckliche Weise, indem er sich die Augen ausstach.

Somit war dann Ödipus nicht „ödipusich“. Um diese Frage hier aber richtig zu stellen und auch übereinstimmend mit verschiedenen Theoretikern, so ist auch ein problematischer männlicher Schachspieler.

Wenn man nun ein bisschen sexuelle Mystik hinzufügt, wird die Sache fast abgerundet:

Zum einen ist dort der feindliche König, der sich kaum bewegt, der also umgebracht werden muss, begleitet von einer überheblichen Königin (oder zu starken), die notfalls als „Mutter“ geopfert wird, um das Leben des (eigenen) Königs zu retten und/oder um den gegnerischen König zu schlagen.

Zum anderen ist dort die Umwandlung des kleinen Bauern

(= Kind) in eine starke Figur (vielleicht zu starke) als Mutter.

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Bild: cummunityneu.klz.apa.net

Man kann natürlich mit etwas Fantasie das phallische Symbol in der Figur des Königs sehen.

Aber macht Euch keine Sorgen: Wir möchten hier keine fachliche Diskussion über Psychoanalyse bringen, sondern die Fragen mit anderen Fragen beantworten.

Die vorgenannten Thesen könnten vielleicht die Motivation und das Interesse der Söhne für das Schach erklären, aber nicht die der Eltern, die den Kindern das Schachspielen beigebracht haben, und sie nun auf den Weg zu führen, damit entsprechende Leisungen erzielt werden.

Wenn sie sich an diese These halten und im Hinblick auf das griechische Drama, müssten die Eltern von Schachspielern sie im Prinzip an einem in der Nähe gelegenen Strand aussetzen, wenn sie ihre Schützlinge mit einem König in der Hand erwischen.

Aber nein! Was machen diese dummen Kerle, die es genau wissen müssten, weil sie es selbst einmal versucht haben, gedrängt von dem ödipusichen Verlangen nach der Mutter und den eigenen Vater auf dem Schachbrett umbringen?

Dann nehmen Sie doch einmal ein Schachbrett aus dem Schrank und bringen ihren Söhnen die Technik des Schachs bei, die dann eines Tages den Tod des Vaters, seinen eigenen Tod bedeuten wird….!

Bevor wir aber in die Tiefen der Seele tauchen, bleiben wir lieber bei dem täglichen Leben eines Schachvaters und fragen uns:

“Was verbirgt sich hinter der Beziehung Vater-Sohn beim Schach?”

Fast alle Väter sind einmal gefangen gewesen von einem missionarischen Bestreben – gleichgültig, ob sie den Meistertitel haben oder “nur” ein starker Clubspieler oder in der

7. Mannschaft der Provinzliga beheimatet sind..

Wenn sie Schach spielen und Söhne haben, sollte man ihnen das Schach beibringen.

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Bild: de/academic.ru

Letztlich wissen die Schachspieler, dass das Erlernen dieses königlichen Spieles die Konzentrationsfähigkeit fördert, das analytische Denken, den kämpferischen Geist und fast alles sonst noch, was idealerweise eine Person aktiv werden lässt.

Ausserdem ist es ein Sport für echte Kerle: männlicher als der Fussball und auch für diejenigen, die weder einen traumhaften Körper besitzen, noch eine geistige Arbeit oder fast risikofreie Tätigkeit ausüben.

Männlich? Selbstverständlich: Das ist der einzige Sport, bei dem sich zwei Menschen derselben Sache widmen, und sie tun es für sich, ohne den Mund nur einmal aufzumachen.

Ein klares Reglement, eine weitere klare Sache: den Mund zu halten und die Tatsachen sprechen zu lassen, auf sein eigenes Ich zu schauen und das Ego des Gegner zu zerstören – eine Männerarbeit seit der Zeit der Höhlenmenschen, als sie sich um ein Weib balgten.

In der Konsequenz: “Ist das Schach ein mannhaftes Ritual?

Ist die erste Partie mit dem Vater ein beginnendes Ritual?

Zuerst sieht das alles so abenteuerlich und diskutierbar aus wie die These des Ödipus.

“Aber alles ist doch einfach”, sagte mir ein Schachfreund, Vater eines erfolgreichen jungen Turnierspielers: “All das, was man als Freude bei diesem Spiel empfindet, will man auf den Sohn übertragen. Mehr nicht.”

Mehr nicht? Spielt da nicht auch etwas Ehrgeiz mit?

Vielleicht soll der Sohn das erreichen, was dem Vater versagt wurde?

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Bildkomposition: tabladeflandes.com

Was passiert dem Vater des jungen Fresh, dargestellt von dem bekannten Schauspieler Samuel L. Jackson aus Hollywood, in dem Film mit dem gleichen Titel “FRESH”, als er seinem Sohn während einiger Blitzpartien einige Ohrfeigen verpasst, gleichzeitig er von den Weisheiten des Lebens spricht und währenddessen mit vorsichtiger Hand seinem Sohn matt gibt und auf diese Weise die Überlegentheit als Vater dokumentiert?

Ist es nur Hollywood oder auch etwas Wirklichkeit?

Nun gut,Fresh’sVaterist arbeitslos, hat in seinem Beruf und seiner Ehe versagt, lebt auf erbärmliche Weise in einem Wohnwagen mit einem kleinen Kind.

Aber wo fängt die typische Übertreibung in den Filmen an?

Fast jeder Vater wünscht sich für seinen Sohn grossartige Dinge.

Und wenn er das Schachspiel liebt und glaubt, ein gewisses Talent bei seinem Sohn zu spüren, dann ergibt sich daraus eine sehr schwierige Beziehung – mit einem absoluten offenen Ende.

Anlässlich von Umfragen bei ca. 500 Vätern, deren Söhne Schach spielen, wurden folgende Fragen gestellt:

1. Was passiert in Ihrem Inneren, wenn Ihr Sohn eine Turnierpartie spielt?

2. Glauben Sie, dass Ihr Sohn gut trainiert oder könnte er es besser machen?

3. Glauben Sie, dass Väter gute Trainer sein können?

4. Muss der Sohn die Partien seines Vaters gewinnen?

Wir möchten Sie nun nicht mit sämtlichen Antworten überhäufen, die letztendlich zu folgendem Schluss führen:

Der Faktor des Erfolges: Die Aufrichtigkeit

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Rom, Fontana di Trevi

Sind es tatsächlich wir, die Väter, die, traumatisiert von dem Ödipus-Komplex, im Leben versagt haben und verschlungen von dem Ehrgeiz sind, sich in Monstergestalten verwandeln, die die Söhne missbrauchen, um dem eigenen misshandelten Ich einen gewissen Glanz zu verleihen?

Nein! Das sind wir nicht!

Zumindest die Mehrheit von uns. Aber es gibt auch andere Väter, die wir bei einigen Turnieren beobachtet haben und die die Organisatoren gut genug kennen.

Dieser Typ von Männern sind nicht nur dabei, die eigenen Söhne zu ruinieren sondern auch den Zustand des Gemütes der Schiedsrichter.

Selbstverständlich ziehe ich es vor, nicht der Schachvater zu sein, der sich häufig einmischt, in dem er den eigenen Sohn dreissig Minuten lang vor allen Beteiligten beschimpft, weil er einem schwächeren Gegner die Möglichkeit gegeben hat, sich mit einem Patt zu retten.

Vielleicht bringt ein alkoholisierter Vater einen erfolgreichen Schachsohn hervor.

Aber wahrscheinlich verursacht er auch eine geschädigte Seele.

Das soll nicht das Ziel für uns Väter sein, die den Erfolg mit der schachlichen Verpflichtung verbinden.

Natürlich wollen wir unsere Söhne gewinnen sehen, wir freuen uns über ihre Siege und steigende Spielstärke.

Es würden vielleicht unserer Meinung nach mit noch intensiverer Anstrengung mehr Siege herauskommen.

Das Wichtigste für unsere Söhne sollte sein, dass sie Erfolg im Leben haben: sie müssen gesund an Körper, Geist und Seele sein. Das Schach muss das Seinige dazu beitragen und nicht behindern.

Wir folgen also diesen Ansprüchen so gut, wie es geht, wenn wir ehrlich sind – auch gegenüber uns selbst.

Wie bei einer Schachpartie:

* die Hoffnung und der Optimismus sind wichtig.

* ein fester Siegeswille und eine Bereitschaft zur Anstrengung

sind nützlich.

Trotzallem ist es entscheidend, ehrlich und ohne Tabus die Lage zu beurteilen und nicht zu versuchen, das Unmögliche zu erreichen.

Das Schach: ein Spiel mit Risiko

Auf dieselbe Art und Weise können wir letztlich auch nicht wissen, welche Wirkung wir erzielen, wenn wir unsere Söhne in “unsere” richtige Richtung führen.

Wie für das Schach selbst, existiert die Beziehung “Vater-Sohn” im Schach.

Ungeachtet aller Planungen und Anstrengungen, bleibt das Schach ein Spiel mit einer Unendlichkeit von unbekannten Varianten und einem offenen Ausgang.

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Fotokomposition tabladeflandes.com

Das Beste ist wohl, das Schach so zu sehen, wie es ist:

* ein Spiel

* ein ernsthaftes Spiel

* vielleicht das schönste Spiel der Welt

* aber sicher “nur” ein Spiel

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Anmerkung:

Trotz intensivster Bemühungen über eine lange Zeit ist es uns nicht gelungen, noch einmal Kontakt mit Herrn Jörg Sommer aufzunehmen.

Quelle: Tabladeflandes.com

Sitges (Barcelona), im Juli 2013

Jutta Hempel – ein Schachwunderkind Erinnerungen

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Jutta Hempel bei einer Simultanvorstellung 1966

Hier sehen wir das Schachwunderkind im Alter von sechs Jahren, als sie gegen 12 Gegner simultan im „Streichmühle Schachklub“ spielt.

Das junge Mädchen gewann sechs Partien … und beendete die anderen mit remis.

Jutta Hempel wurde am 27. September 1960 in Flensburg geboren.
Im Alter von 3 Jahren war sie fähig, sich den Verlauf einer Schachpartie anzusehen und nach Beendigung des Spieles die Züge auswendig zu wiederholen.
Vierjährig spielte sie im Jugendzentrum der Stadt Flensburg.
Mit 5 Jahren war sie bereits die beste Juniorenspielerin der Stadt.
An ihrem 6. Geburtstag spielte sie anlässlich einer Simultanvorstellung gegen 12 Gegner und gewann 9,5 zu 2,5 Punkten in vier Stunden.

(Bild entfernt)Die 6jährige Hier zeigt sie in einer simultanen Art, wie sie sechs Meisterpartien nachspielt. Dieses Ereignis fand in Glücksburg am 13. August 1967 statt.Oben rechts auf dem Bild ist der deutsche Schachmeister Ludwig Rellstab (* 1904 + 1983) zu erkennen.Das Foto erschien 1967 im STERN-Magazin und ist dem Buch „Der FlensburgerSchachklub von 1876 im Spiegel der Zeit“ entnommen.

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Bei ihrer nächsten Simultanvorstellung auf dem Nordermarkt in Flensburg gewann sie mit 9-1 Punkten.

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Mit 7 gewann sie die Flensburger Junioren-Meisterschaft. Danach spielte sie 6 Partien simultan mit verbundenen Augen.
Im Alter von 8 wurden weitere Simultanveranstaltungen sogar im Fernsehen ausgestrahlt.
Ein Jahr später gewann sie einen Problemlösungs-Wettbewerb.
Sehr hart und überspitzt, aber vielleicht auch treffend formulierte es einmal ‚Der Spiegel‘:

„Eine der spärlichen weiblichen Frühbegabungen, Jutta Hempel aus Flensburg, die in den sechziger Jahren zum Beispiel durch eine 48zügige Blindpartie glänzte, erwies sich aber ohne eine solide Grundlage: Ihre Fähigkeit bestand in erster Linie im bloßen Auswendiglernen, zu schöpferischem Schachspiel war sie wohl nicht talentiert genug.“

(Anmerkung: Wir kennen ja die „bissigen“ Kommentare jenes Magazines.)
Das letzte Mal spielte sie noch einmal offiziell am 2. Juni 1979 bei dem Flensburger Blitz-Turnier, und es gelang ihr zum ersten Mal, keine Partie zu verlieren.

Dann beendete sie ihre Schachlaufbahn bis auf ein paar Freundschafts- und Fernschachpartien.

Ihre eigentliche Schachlaufbahn dauerte nur 10 Jahre mit den entsprechenden Unterbrechungen wegen schulischer Verpflichtungen.

Sicher haben ihr Vater und auch der Schachexperte Alfred Brinkmann dazu beigetragen, dass sie erst einmal ihre Ausbildung fortsetzen sollte.

Danach ging sie zur Weiterbildung nach Kiel in Übereinstimmung mit ihrer eigenen Haltung: ‚Erst das Studium, dann einen Beruf finden und danach vielleicht wieder anfangen Schach zu spielen.’
Als sie sich für die kaufmännischen Belange interessierte, absolvierte sie eine zweieinhalbjährige Lehre in einer dänischen Bank. Danach setzte sie Ihr Studium in Kiel bis zum Ende des Jahres 1985 mit gutem Abschluss fort.
In dem darauffolgenden Jahr wurde sie bei der Landesbank von Kiel angestellt.
Am 6. Juni 1986 heiratete sie und hiess dann Jutta Hempel-Nissen.
Aufgrund ihrer Lebensauffassung, dass eine Frau mit dem Schach nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten kann, nahm sie sich aber fest vor, ihren Kindern das Schach beizubringen, ‚weil das für mich in allen Bereichen eine grosse Hilfe war’!

Anmerkung: Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, wenn wir z.B. an die Polgar-Schwestern und Alexandra Kosteniuk denken.

Sehen Sie sich bitte das nachstehende Video an:

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Abschliesssend präsentieren wir Ihnen noch zwei ihrer Partien wie folgt:

Kommentiert und analysiert von NM Hebert Pérez García, Holland

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Jutta Hempel – Hans-Joachim Hecht (2374) [A02]
Deutschland, 1966

1. f4 [ Das Mädchen Jutta (6 Jahre alt) spielte immer scharfe Linien bei ihren Simultanvorstellungen. Sie trainierte das Schachwesen, indem sie vorzugsweise Fernschachpartien per Post spielte.]
1….e5 [ GM Hecht akzeptiert die Herausforderung, die Partie auf taktisch komplizierte Wege zu führen, wobei er gleich mit dem gefährlichen From-Gambit anwortet.]
2. fxe5 d6 3.exd6 Lxd6 4.Sf3 g5
5. d4 [Gegenwärtig ist die Variante 5.g3!? g4 6.Sh4 Se7 7.d4 Sg6 8.Sxg6 hxg6 9.Dd3+/= etc. populärer.]
5…g4 6.Sg5?! [Die Theorie empfiehlt eine vorsichtigere Variante wie: 6.Se5 Lxe5 7.dxe5 Dxd1+ 8.Kxd1 Sc6 9.Lf4= etc.]
6…f5 [Eine andere wichtige Alternative war: 6…De7 7.Dd3 f5 8.h3 Sc6 9.hxg4 Sb4 10.Db3 f4 11.Ad2 Sxc2+ 12.Dxc2 Dxg5 13.Sc3 Sf6 14.Se4 Sxe4 15.Dxe4+ De7 16.Df3 etc.]
7. e4 h6 8.e5 Le7

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9. Sh3 [Ein thematisches Figurenopfer auf der Suche der Linienöffnung zum gegnerischen Königsflügel, aber der Stellungsausgleich war für Weiss nicht ausreichend angesichts der kaum entwickelten eigenen Figuren. Trotz allem ist es lobenswert, mit welchem Mut Jutta ihren gefährlichen Gegner angreift.]
9….gxh3 10.Dh5+ Kf8 11.Lc4 Th7
12. Dg6 Lb4+!
[ Der Grossmeister verteidigt sich auf eine listige Art und Weise!
Es war nicht gut, mit 13.c3? zu antworten wegen Tg7 14.Lxh6 Dh4+ 15.g3 Dxh6 16.Dxh6 Sxh6 17.cxb4 Tg4-+ mit entscheidendem Vorteil für Schwarz.]

13. Ke2 Tg7 14.Lxh6 Sxh6 15.Dxh6 Dg5 16.Dxg5 Txg5
17. g3 Sc6 [Der Textzug führt zu einem soliden Spiel für Schwarz gegenüber den anstrengenden Varianten, die bei dem Vorstoss 17…f4 entstehen.]

18. c3 Le7 19.Sd2 Sa5 20.Ld3 Le6 21.Thf1 Kg7
22.Tad1 [Jutta konnte sich mit einer grösseren Genauigkeit mittels den Optionen 22.Tf4!?; o 22.b4!? verteidigen.]

22…Td8 [22…Tf8!?]23.b4 Sc6

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24. Sc4?! [Eine kritische Stellung. Vielleicht wäre geeigneter gewesen: 24.Tf4 oder 24.Ac4 zu spielen.]
24…Lxb4!
25. cxb4 Sxd4+ [Es scheint, dass GM Hecht hier impulsiv agierte. Stark und korrekt war der Zug 25…Txd4!?]

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26. Kd2? [Es ist schade, dass die talentierte Jutta nicht den Zug 26.Ke3!? spielte. Mit der Optik der starken Schachprogramme bestehen Chancen, einen relativen Ausgleich für Weiss zu erreichen, z.B. 26..Sc6 27.Le2 Txd1 28.Txd1 Lxc4 29.Lxc4 Tg4 30.Ad3 Sxe5 31.Lxf5 Txb4 32.Tc1 Sc4+ 33.Kd3 b5 34.Lxh3=. Die Leser können gern eine strenge taktische Prüfung nach dem interessanten Zug 26. Ke3 !? vornehmen.]

26…Lxc4-/+ 27.Tc1? [Ein schrecklicher Fehler, der die Niederlage von Weiss beschleunigt. Hier war angesagt: 27. Lxc4]
27…Sb3+!-+ [ Ein taktischer Schlag, der den Sieg von Schwarz sichert. ]

28. axb3 Txd3+ 29.Ke1 Lb5 30.Txc7+ Td7 31.Txd7+ Lxd7
32.Tf4?! [32.Kd2] 32…Tg4-+

33.Tc4 Lc6 [ auch gewinnt 33…Txc4 34.bxc4 Kf7 35.Kd2 Ke6 36.Ke3 Kxe5-+]

34. Kd2 Txg3!? [34…Txc4 35.bxc4 Kf7-+] 35.Kc2 Kf7-+ [35…Tg2+-+]

Und Weiss gibt auf: 0-1

Zum Nachspielen:

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Mit unterschiedlichem Erfolg hatte Jutta Hempel (10) praktische Erfahrungen gewonnen mit der Anwendung des Lettischen Gambits und zwar mit beiden Farben. Es waren thematische Fernschachturniere per Post, die finanziell von reichen lettischen Sponsoren gefördert wurden.
Hier ein Beispiel mit einem überzeugenden Sieg bei nachstehender Partie:
Hempel, Jutta – Priede, C [C40]
corr CADAP, 1970

[NM Hebert Pérez García]
1. e4 e5 2.Sf3 f5 [ Das diskutierte lettische Gambit macht eine kritische Periode in ihrer Geschichte durch. Die kürzlichen Analysen der starken Schachprogramme bezweifeln die Güte dieses Gambites .]
3. Lc4!? [Eine der Hauptvarianten ist 3.Sxe5!? Df6 4.d4 d6 5.Sc4 fxe4 6.Sc3 Dg6 7.Se3 (7.f3 exf3 8.Dxf3) 7…Sf6 8.Le2 c6 9.0-0 etc.]
3…fxe4
4. Sxe5 Dg5?! [Derzeit spielt man normalerweise 4…d5!?, aber Schwarz stolpert immer noch über Schwierigkeiten. Z.B.: 5.Dh5+ g6 6.Sxg6 Sf6!? (6…hxg6 7.Dxh8 Kf7 8.Dd4 Le6 9.Le2+/-) 7. De5+ Le7 8.Sxe7 (8.Sxh8? dxc4 und Schwarz hat Ausgleich) 8…Dxe7 9.Dxe7+ Kxe7 10.Lf1+/-]

5. d4 [ Wahrscheinlich ist das die beste Variante für Weiss. Eine Option ist: 5.Sf7 Dxg2 6.Tf1 d5 7.Lxd5 (7.Sxh8 Sf6 8.Lxd5 Lg4 (8…Sxd5? 9. Dh5++-) 9.f3 Dxh2 10.De2 Dxe2+ 11.Kxe2 Lxf3+ 12.Txf3 exf3+ 13.Lxf3 Sc6 14.Lxc6+ bxc6 15.d3 Lc5 16.Sd2 Ke7) 7…Sf6 8.Sxh8 Lg4 9.f3 Dxh2 10.De2 Dxe2+ 11.Kxe2 Lxf3+ 12.Txf3 exf3+ 13.Lxf3 Sc6 =]

5…Dxg2 6.Dh5+ g6 7.Lf7+ Kd8 [7…Re7 ist nicht besser wegen 8.Lg5+ Sf6 9.Lxg6+- Dxh1+ 10.Ke2 und wenn 10..Dg2 11.Lxf6+ Kxf6 12.Df5+ Kg7 13.Df7+ Kh6 14.Df6+-]

8. Lxg6 [Zu beachten ist auch die Variante 8.Dg5+ Dxg5 9.Lxg5+ Le7 10.Lb3 Lxg5 11.Sf7+ Ke7 12.Sxg5 (12.Sxh8 Sf6 13.Sc3 Lh4 14.Sf7 d6) 12…Sf6 13.Sc3 h6 !? =] 8….Dxh1+ 9. Ke2

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9.. c6? [Ein dicker Fehler. Noch gültig und zu empfehlen ist die von GM Paul Keres vorgesehene Verteidigung 9..Dxc1!. 10.Sf7+ Ke8 11.Sd6+ (11.Sd2 Dxb2!?; 11.Sxh8+ hxg6 12.Dxg6+ Kd8 13.Sf7+ Ke7 14.Sc3 Dxc2+ 15.Ke1 d6 16.Sd5+ Kd7 17.Dxg8 Dxb2) 11…Kd8 12.Sf7+ = etc.]

10. Sc3 Sf6 [Wenn 10…Kc7 folgt 11.Lf4+- hxg6 (11…Dxa1 12.Sxd7+ Kxd7 13.Df5+ Kd8 14.Dxf8+ Kd7 15.Dd6#) 12.Dg5 Le7 13.Sxc6+ d6 14.Lxd6++-; 10…e3 11.Sf7+ Kc7 12.Dg5! b6 13.Dd8+ Kb7 14.Se4! Dxh2 15.Dxf8+-; 10…Dg2 11.Lg5+ Le7 12.Lxe4+-]
11. Dg5 Tg8 [Auch verlor: 11…Ae7? 12.Sf7+ Ke8 13.Sxh8+]

12. Dxf6+ Le7 13.Df7+- hxg6 [Keinen Zweck hat 13…Tf8 wegen 14.Dxf8+! Lxf8 15.Ag5++-]

14. Lg5 [“Malerisch” war die mögliche Matt-Variante 14.Dxg8+! Kc7 15.Lf4 Dxa1 16.Sxc6+ Ld6 17.Lxd6+ Kxd6 18.Dxg6+ Kc7 19.Sd5#]

14…Dxa1 15.Lxe7+ [Es gewinnt auch 15.Dxe7+ Kc7 16.Lf4+-]
15…Kc7 16.Dxg8 b5 17.Dd8+ Kb7 18.Sxe4 und Schwarz gibt auf: 1-0

Zum Nachspielen:

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Ein hübscher Sieg von Jutta Hempel, besonders im theoretischen Interesse.
Die geneigten Leser sind eingeladen, unsere Analysen zu bereichern zu den bereits kommentierten Varianten.

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Quellen: Europe Chess Promotion / Facebook / chessgames.com

Sitges (Barcelona), im Juli 2013

Ein Schauspieler, der das Schach liebte


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von Javier Fernández Cordero

Er ist nicht mehr unter uns, und sein Tod überraschte uns im Januar 2008. Er war ein Mensch, der das Schachspiel geliebt und genossen hat wie kaum ein anderer. Es handelt sich um den Schauspieler Heath Ledger, der einen weltweiten Ruhm mit dem Film „Brokeback Mountain“ erreichte und für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert wurde.

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Ledger am Anfang seiner Karriere

Heath kam am 4. April 1979 in der australischen Stadt Perth zur Welt.

Die Berufung zum Schauspieler offenbarte sich bereits in seiner Kindheit, doch der Vorrang hatte ein Spiel voller Tiefe und Schönheit, welches ihn faszinierte und nie in seinem Leben verlassen sollte …ein Spiel, das kein anderes sein konnte als das Schach.

Unser Protagonist nahm an mehreren Jugend- Schachturnieren teil und gewann die Landesmeisterschaft von Australien in der Kategorie U-10.

Aber dies dauerte nicht lange, da Heath sich entschloss, die Schachlaufbahn aufzugeben, um sich einem anderen lukrativeren Beruf zu widmen und zwar den des Schauspielers. Wir alle wissen, wie schwer es ist, den Weg eines professionellen Schachspielers zu gehen, so dass es nicht verwunderlich war, mehr Zukunft vor den Kameras zu sehen.

Das Schach wurde dadurch in den Hintergrund gedrängt, aber nie aufgegeben in seiner Praxis, allerdings nur auf einer Amateur-Ebene.

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gemalt von Elke Rehder

Seine Film-Anfänge waren nicht brillant, etwas, das den meisten Schauspielern passiert.

Die Rollen, die man ihm in seinem Heimatland anbot, waren nur durchschnittlich, so dass er sie ablehnte. Aus diesem Grund entschied er sich für eine drastische Wende und zog in die Vereinigten Staaten, wo es viel mehr Möglichkeiten gab, um erfolgreich zu sein.

Die Arbeit und Beharrlichkeit zahlten sich aus, vor allem durch Nebenrollen, die ihm zugeteilt wurden und ihn dadurch bekannt machten.

Das Jahr 2005 war wohl der Meilenstein in seiner Filmkarriere. Er spielte die Hauptrolle in vier Filmen, darunter „Brokeback Mountain“, ein Film, der seine Laufbahn und sein Leben markieren würde.

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Wie wir uns erinnern, zeigt dieser Film eine Beziehung zwischen zwei homosexuellen Cowboys in den 60er Jahren; sicherlich eine transgressive Geschichte, vor allem bei einer bestimmten Schicht der amerikanischen Gesellschaft, die sich in starren Vorurteilen vieler Jahrzehnte verschanzt hat.

Wie ich schon sagte, wurde er für einen Oscar für „Brokeback Mountain“ nominiert und als bester Hauptdarsteller prämiert. Zur gleichen Zeit erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter die als bester Schauspieler des Jahres 2005 (verliehen von dem New Yorker Kritikerkomitee) und die gleiche Ehrung von der Australian Academy.

Sein Ruhm hatte sich stets weiter verbreitet und im Jahr 2007 genoss er seine erste Hauptrolle in einer Superproduktion, wo er das Leben des „Joker“ in dem Film „The Dark Knight“

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verkörperte, die letzte Version des Superhelden Batman. Die grossartige Darstellung dieses berühmten Bösewichtes verhalf ihm zu dem Oscar für die beste Nebenrolle, neben vielen anderen Auszeichnungen, wobei einige ihm posthum (wie der Golden Globe) verliehen wurden.

Die Last des Ruhmes begann bei ihm tiefe Spuren zu hinterlassen, denn nicht jeder kann es verkraften, seine Unabhängigkeit und Anonymität zu verlieren, so dass es Schauspieler gibt, die versuchen, dem Bekanntsheitgrad und dem Starruhm zu entfliehen.

Heath Ledger starb am frühen 22. Januar 2008 an einer zu hohen Dosis von Schlaf- und Schmerztabletten. Die ermittelden Behörden konnten einen Selbstmord nicht beweisen, und die Polizei sprach von einem Unfall.

Aber lassen Sie uns über seine Leidenschaft für das Schachspiel sprechen, „eine Sucht“ gemäss seinen eigenen Worten. Trotz Verzicht auf die Praxis bei Schach-Turnieren setzte sich er sich täglich an das Brett, eine kaum zu glaubende Tatsache, die er aber immer wieder in vielen Interviews bestätigte.

Er hatte sich zur Gewohnheit gemacht, in den Washington Square Park in New York zu gehen, um Schach zu spielen. Im Park gibt es viele Tische, auf deren Oberfläche ein Schachbrett aufgemalt ist, so dass man im Freien spielen kann; ein sehr häufiger Brauch in den Vereinigten Staaten, der auch mehr bei uns eingeführt werden sollte, da ich nur wenige Tische dieser Art in Parkanlagen in den Städten gesehen habe, die ich besuchte.

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Schachspieler in Washington Square Park

Anmerkung: In nicht allzu weiter Entfernung befindet sich in einem Residenzviertel der Marshall Chess Club.

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Die Schachfreunde, die gegen ihn spielten, gaben zu, dass er kein hohes Spielniveau hatte, aber er war immer mit großer Begeisterung und Freude bei der Sache, wie ein Kind, das die ersten Süßigkeiten kostet. Es war und ist Tradition, dass in solchen Parks um ein gewisses Preisgeld gespielt wird. (Wir sollten nicht vergessen, dass dies die Art und Weise war, in der Humphrey Bogart sich in den schwierigen Zeiten seines Lebens durchgeschlagen hat).

Ledger war ein Mensch, der das Schach genoss. In seinen Partien brachte er öfters seine Freude zum Ausdruck, wenn er gut stand, aber er konnte auch voller Ironie sein mit seinen Kommentaren gegenüber dem Rivalen wie z.B.: „Oh, Du hast einen grossartigen Zug gemacht; natürlich, weil Du verlieren möchtest!“

Als Anerkennung für die vielen genussvollen Stunden, die ihm das Schachspielen geschenkt hatte, beabsichtigte er das Thema Schach auf die große Leinwand zu bringen.

Ledger arbeitete an einem Projekt, das sein Regiedebüt gewesen wäre mit dem Titel: „The queen’s gambit“, eine Adaption des Romans von Walter Tevis,

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Anmerkung: Es geht darin um Beth, ein Waisenkind, das vom Hausmeister des Heims das Schachspiel lernt, sich zu einem Wunderkind entwickelt und schließlich um die Weltmeisterschaft spielt. Dieser Plot klingt erst einmal nach Pathos und Tränendrüse; Tevis zeigt aber auch sehr klar Beths andere Seite, ihre Angst, ihre Einsamkeit, ihre Abhängigkeit von Benzos und Alkohol. Er beschreibt das Schachspiel in solcher Schönheit, dass jeder Leser so begeistert sein wird, evtl. das Schach zu lernen oder nach langer Abstinenz wieder aufzugreifen.

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Sein vorzeitiger Tod machte es nicht möglich, diesen Film zu geniessen, der sicher eine breite Aufnahme unter der Kategorie „Schach im Kino“ gefunden hätte.

Um den Film zu fördern, schrieben schon vorher einige Zeitungen, dass Ledger ein GM – Niveau hätte, was jedoch nicht stimmte, wie schon erwähnt.

Nach seinem Tod wollte man in seiner Heimatstadt eine Hommage an dem Strand erstellen, wo er früher Schach spielte, und es wurden drei Skulpturen des Künstlers Ron Gömböc aufgestellt.

Zwei von ihnen wurden dem Schach gewidmet (wie auf dem Bild zu sehen ist)

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und die dritte hatte das Symbol von Yin und Yang in Bezug auf seinen Glauben an die orientalische Philosophie.

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Darüber hinaus kann man auf dieser letzten Skulptur folgende Inschrift aus einem Brief von Kahil Gibran lesen:

„Nur, wenn Du aus dem Fluss der Stille trinkst, sagst Du die Wahrheit.“

„Wenn Du den Gipfel des Berges erreicht hast, dann beginnt erst der Aufstieg.“

„Wenn Deine Heimat Deine Gebeine zurückruft, dann wirst Du wirklich tanzen.“

Was Schachanhänger von Heath Ledger echt lernen können, war seine Begeisterung für das Spiel. Manchmal, aus dem einen oder anderen Grund, wissen wir nicht, wie wir unserer Lieblingsbeschäftigung nachgehen können.

Aber dieser Schauspieler aus Perth genoss schon allein die Tatsache, vor einem Brett zu sitzen; sobald er anfing, die Figuren zu bewegen, dann und nur dann, verschwanden alle seine Probleme.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Juli 2013

Alle Figuren vom Brett

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Gemalt von Elke Rehder

Eine Studie von Sam Loyd von 1.866,

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free domain

die zu folgendem Schluss kommt:

1. c4 d5 2. cxd5 Dxd5 3. Dc2 Dxg2

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4. Dxc7 Dxg1 5. Dxb7 Dxh2 6. Dxb8 De5 7. Dx8+ Txc8 8. Txh7 Dxb2 9. Txh8 Dxa2 10. Txg8 Dxd2+ 11. Kxd2 Txc1

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12. Txg7 Txb1 13. Txf7 Txf1 14. Txf8+ Kxf8 15. Txa7 Txf2 16. Txe7 Txe2+ 17. Kxe2

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17…Kxe7.

Selbstverständlich wird diese Art zu spielen keinen Schönheitspreis erringen, es ist aber eine seltsame Tatsache, die wir für die treuen Leser wiedergeben. ½ – ½

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Gemalt von Elke Rehder

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Noch seltsamer ist, dass diese Studie bisher in Bezug auf die Anzahl der Züge nicht widerlegt werden konnte und das Geniale daran ist, dass die Partie im Bereich von “Schlagschach” remis ausgeht.

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Quelle:Sam Loyd’s Cyclopedia of 500 Puzzles, Tricks & Conundrums With Answers by Sam Loyd
( „FRANKLIN BIGELOW CORPORATION, THE MORNINGSIDE PRESS PUBLISHERS“;
„LAMB PUBLISHING COMPANY“;)

Sitges (Barcelona), im Juli 2013

Der Sklave

(Bild entfernt)

© Nicolas Sphicas Artists Rights Society (ARS),

New York / ADAGP, Paris

von Dexsö Kosztolányi, Hungría

zusammengefasst und bebildert von Frank Mayer

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Die Geschichte

Eines Abends kam mein Vater mit strahlendem Gesicht nach Hause.

Sofort sprach er mich mit erhobenem Finger an:

“Morgen gehst Du hinüber zu den Tars. Der Herr Oberst hat Dich heute zum Hauslehrer von Aladár bestellt.”

Anderntags klopfte ich pochenden Herzens an einer breiten, geschnitzten Eichentür meines neuen Schülers.

Aladár selbst öffnete die Tür und reichte mir widerwillig seine schmale, blasse Hand; doch nach wenigen Minuten hatten wir Freundschaft geschlossen.

Von da an begab ich mich jeden Tag zu ihm, und später sass ich Nachmittage lang an seinem Bett, wobei wir über Gott und die Welt sprachen und klassische Musik hörten, die über das Radio ins Zimmer drang.

An einem dieser langweilen Tage holte Aladár ein wertvolles Schachspiel mit Zinkfiguren aus dem Schrank. Er brachte mir das Spiel bei.

(Bild entfernt)

Die ganze Kraft zu leben floss aus seinem Schach, wobei er doch schwerkrank war und an hohem Fieber litt.

Bald übernahm ich die Leidenschaft am Schach, und es verging keine Woche, dann schlug ich ihn, wie ich wollte.

Wir langweilten uns gar nicht mehr, unsere Gesichter liefen rot an, seines wegen des Ehrgeizes und meines, weil ich mich schämte.

So geschah es und ohne es eigentlich richtig zu erfassen, machte ich mich zum Sklaven des Hauses.

Seine Familie behandelte mich mit einer kühlen und arroganten Höflichkeit.

Bald kam aber der Augenblick, dass sich die Mutter an mich wendete – sicher wegen der Klagen ihres kranken Sohnes – und mich aufforderte, ihn immer gewinnen zu lassen, um seine Stimmung wieder anzuheben und auch mit dem Ziel, dass er nicht in noch tiefere Depressionen verfalle.

So blieb mir nichts anders übrig, als der Anordnung zu folgen.

(Bild entfernt)

Gemalt von Sergio Alessandro Ughi

Es verstand sich von selbst, dass ich die Hausaufgaben für Aladár machte, weil er wegen seiner chronischen Erkrankung kaum oder wenn, dann nur mit grossen Unterbrechungen zur Schule ging.

Eines Tages sagten die Ärzte, dass Aladár nicht mehr lange zu leben habe und bald sein Ende nahe.

Nichtsdestotrotz und sicher wegen dieser Gewissheit, klammerte sich mein Schüler an die Schachpartien, die ich ihn immer gewinnen liess.

(Bild entfernt)

Selbstverständlich spielte ich weiter die Rolle eines Clowns, um dem Todgeweihten zu gefallen.

Sobald ich wieder zu Hause war, weinte ich vor Wut, Enttäuschung und Verzicht auf mein eigenes Leben, weil ich mich jeden, aber auch jeden Tag erniedrigen lassen musste.

Nun ergab sich während der letzten Tage von Aladár, dass wir zum unendlichen Mal Schach spielten und ich gedankenlos die Figuren auf dem Brett hin- und herschob, um meinem Gegner den Gewinn der Partie zu erleichtern.

Es schien aber, dass mein Schüler nicht den richtigen Weg fand, um die Partie zu einem für ihn guten Ende zu bringen.

Plötzlich sprang er – schon fast bis auf die Knochen abgemagert –

aus dem Bett und schrie mich an:

“Du darfst nicht gewinnen! Ich muss immer gewinnen, weil ich über Dir und Deinem Spiel stehe!”

Gleichzeitig und mit seiner letzten Kraft gab er mir eine fürchterliche Ohrfeige.

Ich fühlte mich ihm gegenüber wie eine ausgestopfte Strohpuppe, ein Hampelmann, ein Knecht, sein Sklave.

(Bild entfernt)

Gemalt von Igor Gorin

Obwohl mein Gegner aus einer aristrokatischen Familie war, erinnerte ich mich plötzlich an meine bescheidene Herkunft und fing an, innerlich gegen mich selbst zu rebellieren.

Ich schüttelte meine Unterwerfung ab und unabhängig von den Folgen, fasste ich eine verzweifelte Entscheidung und fing an, mit Gefühlskälte, Nachdenken und Konzentration zu spielen.

Ich brauchte nicht mehr als drei Züge und schon hatte ich eine vorteilhafte Stellung.

Fest standen die Türme und wachsam die Läufer, die Rössel spitzten die Ohren – jede Figur die Inkarnation eines triumphierenden Gedankens.

Ich hob die Stirn und meine Hand ballte sich zur Faust.

“Schach!”sagte Aladár und seine Mutter lächelte selig.

Ich machte einen ausweichenden Zug, den letzten Sklavenschritt.

Als dann die Reihe wieder an mir war, stiess ich – blind vom Blut, das mir ins Hirn schoss und trunken vor Erregung den Freudenschrei “Schachmatt”aus.

Und schob langsam einen Bauern vor……

(Bild entfernt)

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Sitges (Barcelona), im Juni 2013

Die siebte Reihe

(Bild entfernt)


gemalt von Elke Rehder

von Harold L. Bearce, United Kingdom

(Bild entfernt)

angepasst und illustriert von Frank Mayer

Text:

Der silberne König lächelte, während er das Schlachtfeld genau beobachtete.

(Bild entfernt)

König Charles hatte bestimmte Gründe zufrieden zu sein.
Seine Kampftruppen zählten mit einen listigen Springer und einem unerbittlichen Läufer, während die Kräfte des Gegners aus Bronze fast schon erschöpft waren.
Es schien nach einem sicheren Sieg auszusehen.

Charles konnte feststellten, dass der bronzene König ordenlich schwitzte, als er die Lage auf den 64 Feldern genau überprüfte, um den ihm gegenüberstehenden silbernen Truppenverband einzuschätzen.

(Bild entfernt)

William ist so einfältig…”, dachte Charles.
“Nie hat er gegen mich gewonnen, nicht einmal war in der Nähe eines Sieges.
Es war sicher auch ganz abwegig, alle Figuren und Kräfte zu opfern, um zu dieser Stellung zu kommen.
Er lernt nie dazu. Jetzt wird er wohl merken, dass es nichts anderes als eine Niederlage geben wird.”

(Bild entfernt)

Der Kampf
gemalt von Elke Rehder

Charleswandte sich an seinen treuen Untertanen, die sich noch auf dem Schlachtfeld befanden und sprach zu Ihnen:
“Meinen Glückwunsch, Ihr Herren Ritter. Sehr gut gemacht!
König William mag kein grosser militärischer Führer sein, aber er ist ein Mann von Mut und Ehre.
Es wird nicht mehr lange dauern, dann legt er sein Schwert nieder und der Sieg ist auf unserer Seite.”

(Bild entfernt)

König Charles sah, wie sein Gegner aus Bronze die Augenbrauen hob, danach sein Schwert zog und sagte:
“Charles, endlich hast Du Deine Partie gefunden. Ich bleibe jedoch trotz Deiner Stärke und werde Deiner Macht widerstehen.
Ich werde den Sieg aus dem Rachen der Niederlage reissen.
Charles sah dann, dass sich William an seine letzte Figur wandte
und ihr befahl: “Winston, vorwärts, vorwärts!”

Kalter Schweiss lief über Charles Gesicht, als er feststellte, was auf ihn zukam.
Es war etwas vollkommen Unerwartetes.


Der silberne Springer und der Läufer fingen an schrecklich zu zittern, eigentlich wehrlos gegenüber dem, was gleich geschehen würde.

(Bild entfernt)


Winston, der bescheidene Bauer,

zweifelte, ob er weiter vorrücken sollte und somit noch isolierter dastehen würde.
Sein König flehte ihn an: “Winston, aufgrund der Treue zu Deinem König und der Ehre zu Deinen Gefährten, schreite VORWÄRTS!”

Winston nahm sich ein Herz und rückte von der siebten auf die achte Reihe vor.

Dann streckte er seine Arme nach oben und verneigte sich nach hinten, sah zum Himmel und rief triumphierend aus:

(Bild entfernt)


„Ein langes Leben für den König!”

Die Metamorphose war vollzogen.

Nachdem er an sein Ziel gekommen war, verwandelte er sich in Mary, die geschlagene Königin, viel mächtiger als die Springer und Läufer, die Stärkste auf dem Platz.
Der silberne Springer und der Läufer zogen sich zurück, um einen Fluchtort zu suchen, während Charles sich vor seinem Kollegen aus Bronze verneigte.

Er bot ihm sein Schwert an, fiel zu seinen Füssen als Zeichen der Niederlage, um sich letzlich seinem Besieger zu ergeben.

(Bild entfernt)


Der König ergibt sich
gemalt von Elke Rehder

Sitges (Barcelona), im Juni 2013

Das schwierigste Schachmatt

(Bild entfernt)

von Federico Marín Bellón

Es gibt sicher komplexere Studien von Sam Lloyd,

(Bild entfernt)

public domain

aber zu den grundlegenden Mattstellungen, wenn das Spiel sich dem Ende neigt und nur noch ein paar Figuren auf dem Brett sind, ist wohl das schwierigste Mattgeben mit Läufer und Springer gegen den König. Es gab Fälle, vor allem in Situationen der Zeitnot, in denen renommierte Meister unfähig waren, den richtigen Weg zu finden.
Das Zusammenwirken der Figuren ist hier besonders wichtig und der eigene König bedarf einer viel höheren Beteiligung als sonst.

Der Läufer und Springer allein wären nur in der Lage, ein paar Schachgebote zu geben, aber nie das Matt.

Dagegen steht die 50 Züge-Regel. Wenn während dieser Anzahl von Zügen keine Figur geschlagen wird oder kein Bauer zieht,​​ wird das Spiel als remis erklärt.

(Bild entfernt)

Der Grossmeister Alexander Grischuk (Elo 2779 Juni 2013) benötigte nicht mehr als eine Minute, um mit Läufer und Springer matt zu geben.
In Mexiko trafen Yago Gallach (Herausgeber) und ich einen Schachmeister, der angab, eine andere, einfach zu lernende Methode entwickelt zu haben, so dass sogar Kinder matt geben könnten, ohne mit den Wimpern zu zucken. Leider war dieser mexikanische Spieler nur auf Geld erpicht im Tausch für die Bekanntgabe seines geheimen Systemes, so dass wir es nie kennenlernten.
Im Internet gibt es viele Seiten und Videos, um dieses Mattgeben zu lernen. Persönlich finde ich es recht lehrreich, dass der Meister Deletang 1923 „das Dreiecksverfahren“ zum ersten Mal spielte, doch das ist nicht vergleichbar, Alexander Grischuk in Aktion zu sehen, der gegen Sergey Karjakin (Elo 2782 Juni 2013) in einem Blitzturnier mit erstaunlicher Leichtigkeit und in weniger als einer Minute das Matt erspielte.

Die Geschwindigkeit ist wirklich beeindruckend für jeden, der schon einmal versucht hat, selbst gegen einen Anfänger, dieses Matt auf das Brett zu zaubern.

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Sitges (Barcelona), im Juni 2013

Auf der Suche nach Bobby Fischer

Von Xavier Moret

Während am Himmel von Island sich in diesem Sommer erstaunliche Nordlichter bilden, gibt es Touristen, die sich vorgenommen haben, die Insel zu erkunden, um nach den Spuren bekannter Persönlichkeiten zu suchen.

Nach dem Tod vonNeil Armstrong, zum Beispiel, wurde mir erzählt, dass die Besuche zum Vulkan Askja

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zugenommen hätten; dort trainierte man die Astronauten, bevor sie auf den Mond flogen, und wo Armstrong sicher den berühmten Satz geübt haben musste: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit…. „

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Aber es gibt einen weiteren beliebten Weg, der nicht in den offiziellen Rundreisen enthalten ist, jedoch die Aufmerksamkeit der isländischen Behörden hervorruft.

Immer mehr Touristen zeigen Interesse an dem amerikanischen exzentrischen Bobby Fischer – Schachweltmeister von 1972 bis 1975 – und pilgern bis zu seinem Grab in Selfoss, etwa 60 Kilometer von Reykjavik entfernt. Dort angekommen, beklagen sie, dass keine Souvenirs verkauft werden! Die Mythologen, wissen Sie.

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Bobby Fischers Karriere (1943-2008) weckt zumindest die Neugierde. Er wurde Schachweltmeister in Reykjavik im Jahre 1972 nach dem Sieg über den Russen Boris Spasski, welches als „das Spiel des Jahrhunderts“ erklärt wurde.

Danach kam das Durcheinander: Fischer weigerte sich, die Bedingungen für eine neue Begegnung im Jahr 1975 zu akzeptieren und verlor somit seinen Titel.

20 Jahre später 1992 wurde er von den Vereinigten Staaten des Verrates beschuldigt wegen der Teilnahme an einem Turnier in Jugoslawien (Revanchematch zwischen Fischer und Spassky),

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weil das Land unter einem UNO-Embargo stand und befahl seine Verhaftung. Nach mehreren Jahren auf der Flucht wurde er 2005 in Japan verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, doch ein längere Haft blieb ihm erspart, weil Island ihm die Staatsbürgerschaft gewährte.

Man erzählt eine Menge über Bobby Fischer in Reykjavik, einschließlich der Rechtstreite wegen seines Erbes. Es musste sogar sein Körper exhumiert werden wegen einer Vaterschaftsklage eines philippinischen Mädchens.

Aber die DNA-Untersuchungen zeigten keine Übereinstimmung.

Ein sehr chaotischer und „fischerianischer Tempel“ ist die Buchhandlung Bokin (im Bild), die der Meister regelmässig aufsuchte.

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Der Besitzer, Bragi Kristjónsson, erzählte mir, dass Fischer gern den ganzen Nachmittag dort verbrachte, um in einer Ecke zu lesen und meinte, ‚dass sie ihn an die Bibliotheken von New York erinnere’.

Und die Mythologen erzählen, dass sie die Anwesenheit des Meisters unter den Büchern spüren, wenn sie sich lange genug in der Buchhandlung aufhielten.

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Sitges (Barcelona), im Juni 2013

José Raúl Capablanca und seine Familie

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José Raúl war 1923 kaum am Schachbrett zu sehen wegen familiärer Angelegenheiten.

Sein erstes Kind, ein Sohn, wurde am 2. Januar geboren mit dem Namen José Raúl Capablanca und Simoni, der später Rechtsanwalt wurde.

In Bezug auf das Schach ist er bekannt geworden wegen „seiner Intervention“ bei dem IV Capablanca Memoriam-Turnier im Jahre 1965 in La Habana als ausführendes „Organ“, d.h. er führte für GM Bobby Fischer die Züge aus, die dieser per Fernschreiber aus dem Manhattan Chess Club New York an die Turnier-Organisation schickte, um an dem hochkarätigen Turnier teilnehmen zu können.

(Diese salomonische Lösung entwickelte sich aus einem Konflikt der Interpretation zwischen Fidel Castro und Bobby Fischer.)

Zur Erinnerung die Abschlusstabelle:

La Habana, vom 25. August bis zum 25. September 1965

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Zum Vergrössern bitte draufklicken.

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Ein Jahr später sah es dann schon etwas anders aus:

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Bobby Fischer reicht Fidel Castro die Hand

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José Raúl Jr. heiratete Mercedes Medina Acosta am 22. Dezember 1961. Das Paar hatte zwei Söhne und zwei Töchter zwischen 1963 und 1973.

José Raúl Jr., starb an einem Herzinfarkt am 31. Januar, 1984.

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Capablanca mit seiner Frau Gloria Simoni Betancourt, Eltern des jungen José Raúl jr. und Gloria (in seinen Armen).

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Capablanca mit seinem Sohn José Raúl jr.

Am 23. Juni 1925 kam seine Tochter Gloria de los Angeles Capablanca und Simoni zur Welt, auch nach ihrer Mutter Gloria Simoni Betancourt genannt.

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Capablanca und seine Tochter Gloria

Als die schöne Muse, die Russin Olga Chagodayeva 1934 seinen Weg kreuzte, liess er sich am 20. Oktober 1938 von seiner ersten Frau scheiden.

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Capablanca mit seiner letzten Liebe Olga Chagodayeva

Nun dürfen wir dem geneigten Leser noch etwas besonders bieten und zwar einen handgeschriebenen Brief Capablanca’s an seinen Sohn José Raúl jr.:

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(Leider nicht ganz vollständig!)

Zusatz:

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Nachstehend die deutsche Übersetzung:

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Quellen und Bilder: Ajedrez Municipio Quilmes ONG

Lasker, Argentina

Isaak und Wladimir Linder, Berlin

Sitges (Barcelona), im Mai 2013

GM Lothar Schmid – ein ganz Grosser ist von uns gegangen…

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Lothar Schmid während eines Turnieres 1959 in Nürnberg

Lothar Schmid, der im Alter von 85 Jahren starb, war ein deutscher Schach-Grossmeister und hat wohl die weltweit reichste Privat-Schachbibliothek.

Lothar Schmid verdiente sich den Lebensunterhalt, indem er seinen Brüdern half, das familiäre Verlagshaus zu unterstützen; als Spieler erreichte er eigentlich nie die Weltspitze, aber seine Sammlung von Büchern vermehrte sich zu vielen Tausenden von Bänden und enthält einige besondere Kostbarkeiten.
Er besaß zum Beispiel eines von den nur noch 10 existierenden Exemplaren des ersten gedruckten Buches über Schach: Luis Lucena: die Repetition der Liebe und die Kunst des Schachspieles (Repetición de Amores y Arte de Ajedrez), das 1497 in Salamanca (Spanien) veröffentlicht wurde.

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Er war auch im Besitz aller 8 Ausgaben von „LIBRO DA IMPARARE GIOCARE A Scachi“, in Rom 1512 veröffentlicht von dem portugiesischen Apotheker Pedro Damiano (1470-1544):

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Bild: Archiv Telegraph.co.uk

Der erste „Bestseller“ als Schach-Handbuch des modernen Spieles (aufgelegt acht Ausgaben in 50 Jahren), bot Ratschläge, wie man spielen sollte und um auch „ein ersticktes Matt“ kennenzulernen.

Damiano vermutete, dass das Schach von Xerxes dem Großen, König von Persien 519-465 v. Chr. erfunden wurde. (Vielleicht bezog er sich hierbei auf die Ähnlichkeit des Namens „Xerxes = jadrez“)
Im Jahre 1562 wurde das Buch von James Rowbothum ins Englische übersetzt mit dem Titel „The Pleasaunt und Wittie Playe of the Cheasts Renewed with Instructions Both to Learne Easely, and to Play it Well“.


GM Lothar Schmid war auch als Hauptschiedsrichter bei mehreren Weltmeisterschaften, darunter das unvergessene Zusammentreffen in Reykjavik 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski; ein Ereignis, das sich in einen Mikrokosmos des Kalten Krieges entwickelte.
Fischer gewann die Weltmeisterschaft mit 12,5 zu 8,5 Punkten, unterbrochen von vielen „Hakeleien“ und „Schuldzuweisungen“ beider Parteien.
Es wird gesagt, dass das Spiel noch „stürmischer“ geworden wäre, wenn Lothar Schmid nicht mit seinen geschickten und diplomatischen Interventionen Ruhe geschaffen hätte.

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in der Mitte GM Lothar Schmid

Foto Tageblatt.de

Nachdem Boris Spasski die erste Partie gewonnen hatte, weigerte sich Fischer, bei dem zweiten Spiel anzutreten und Schmid erklärte, dass Spasski kampflos gewonnen hatte.

Fischer drohte, aus dem Match auszusteigen.
Es erforderte eine Menge Arbeit und Bemühungen seitens Lothar Schmid, dass beide Spieler wieder vernünftig wurden.

„Ich fühlte, es gab nur eine Chance, sie zusammen zu bekommen“, erinnerte er sich später. „Sie waren zwei erwachsene Jungs, und ich war der ältere. Ich nahm sie beide zu mir und drückte sie an den Schultern nach unten in ihre Stühle, und dann sagte ich: ‚Jetzt wird Schach gespielt!’“

Lothar Schmid war abermals der Schiedsrichter, als Bobby Fischer und Boris Spasski ihr sogenanntes „Revanche Match“ in Sveti Stefan im Jahr 1992 spielten, auf einer kleinen Adria-Insel zu Montegro gehörig.

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Er beaufsichtigte auch die WM-Kämpfe 1978 zwischen Anatoli Karpov und Viktor Kortschnoi auf den Philippinen und zwischen Anatoly Karpov und Gary Kasparov 1986 in London und Leningrad.


Lothar Maximilian Lorenz Schmid wurde am 10. Mai 1928 in Radebeul bei Dresden geboren. Seine Familie war Mitinhaber des Karl-May-Verlages, der die Abenteuer-Romane des deutschen Schriftstellers Karl May (1842-1912) veröffentlicht.


Im Alter von 15 Jahren gewann er die Dresdner Schach-Meisterschaft und 1948 belegte er den vierten Platz anlässlich der deutschen Meisterschaft in Essen, im folgenden Jahr wurde er Dritter.

1951 erreichte er den Internationalen Meister Status und wurde im Jahre 1959 zum Großmeister ernannt.
Lothar Schmid spielte für die Bundesrepublik Deutschland bei 11 Schacholympiaden, gewann vier einzelne Silbermedaillen (1950, 1952, 1968 und 1970) und zwei Team-Bronzemedaillen (1950 und 1964).


Aber seine beste Leistung als Spieler war wahrscheinlich das internationale Turnier in Bamberg im Jahr 1968, als er sich den zweiten Platz mit dem amtierenden Weltmeister Tigran Petrosjan hinter dem estnischen Paul Keres teilte.

100 Jahre Schachclub 1868 Bamberg

Zu seinem hundertjährigen Jubiläum richtete der Schachclub 1868 Bamberg im Bamberger Bootshaus vom 11. – 28. April 1968 ein hochkarätig besetzes Turnier aus.

Endstand

1 Paul Keres 12,0
2 Tigran Petrosian 10,0
3 Lothar Schmid 10,0
4 Rudolf Teschner 9,5
5 Wolfgang Unzicker 9,5
6 Borislav Ivkov 9,0
7 Heikki Westerinen 8,5
8 Jan Hein Donner 8,0
9 Helmut Pfleger 7,5
10 Milko Bobotsov 7,0
11 Hans-Günther Kestler 6,0
12 Laszlo Szabo 5,5
13 Andreas Dückstein 5,5
14 Jürgen Teufel 4,5
15 Klaus Klundt 4,0
16 Roman Toran Albero 3,5


Als Spitzen-Spieler im Fernschach gewann er die erste deutsche Fernschach-Meisterschaft (1950-1952) und das erste Eduard Dyckhoff Memorial (1954-1956).

Bei der Fernschach-Weltmeisterschaft 1956-59 wurde er Vize-Weltmeister.

(Bild entfernt)

Lothar Schmid, geboren 10. Mai 1928, starb 18. Mai 2013

Quelle:telegraph.co.uk

Sitges (Barcelona), im Mai 2013

Efim Geller – der Gigantenschreck 3. und letzter Teil

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Gemalt von Elke Rehder

Botwinnik sagte über Geller: „Vor Geller verstanden wir nicht richtig die Konzepte des Königsinders.“

Geller blieb bescheiden und anerkannte, dass Bronsteins Arbeit im Königsinder genialer als seine wäre; ein guter Beweis besteht darin, dass er sein Buch über diese Eröffnung einem bekannten Schachkollegen mit der Widmung überreichte:

„Für einen alten Freund in Dankbarkeit für die kreativen Ideen, die mich einst zu den Anhängern der Königsindischen Verteidigung führte; jetzt habe ich dieses teilweise unvollständige Buch geschrieben.“

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Geller war auch ein Schachtrainer, arbeitete zusammen mit den Weltmeistern wie Botwinnik, Spasski, Petrosjan, Karpov und Kasparov.

Er spielte bis ein paar Jahre vor seinem Tod noch Schach, wobei er bei dem Veteranen Weltcup 1991 (nach Wassili Smyslow) den 2. Rang erzielte.

Im folgenden Jahr gelang es ihm aber, diesen Titel mit 8,5 aus 11 Punkten zu gewinnen. Schließlich wurde er doch Weltmeister, obwohl es „nur“ in der Kategorie der Veteranen war.

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Efim Geller 1992

Während seiner Jugend wurde er von den Spielern der Romantik beeinflusst; diese Tatsache fand man stets in seinem Spiel wieder, d.h. auf der Suche, die Position zu komplizieren und die Partien so schön wie möglich zu beenden.

Diese Angriffslustigkeit behielt er im Grunde während seiner gesamten Laufbahn bei, so dass wir von ihm immer wieder herrliche Kombinationen und kostbare Angriffspartien finden können.

David Bronstein beschreibt das Spiel Geller’s mit schönen Worten:

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„Nach der Theorie muss Weiss als Anziehender versuchen, Vorteile zu erlangen und Schwarz den Ausgleich finden. Aber Efim Geller – nach seinen Partien zu urteilen – war stets der Ansicht, dass er, sei es nun mit Weiss oder Schwarz, immer die Initiave übernehmen sollte. Er hat eine bemerkenswerte Fähigkeit, vollen Nutzen aus der Eröffnung oder Verteidung zu schöpfen und ist jederzeit bereit, kombinatorische Systeme aufzubauen, um in ein offenes Spiel zu kommen bzw. umgekehrt: so sind die Eigenschaften seiner Partien.“

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Sein Statistik der offiziellen Spiele (1947-1995): 873 Siege (37,16%), 1.135 Remise (48,32%) 341 Niederlagen (14,52 %) mit einem score von 61,32 %.

Gellers beste historische Elozahl betrug 2765. Diese erreichte er im August 1963. Im gleichen Jahr lag er zeitweilig auf Platz 2 der Weltrangliste.

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Nachstehend eine brillante Partie von Efim Geller aus dem Jahre 1968, in der sich die Kriterien wiederspiegeln, die wir vorstehend beleuchtet haben:

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MN Hebert Pérez García aus Holland

EFIM GELLER vs Z. MIKADZE

GORI (Karseladze Memorial) 1968

Diese Partie wurde von GM Efim Geller selbst ausgewählt für sein biographisches Buch “The Aplication of Chess Theory”, Pergamon Press, 1984:

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Geller, Efim – Mikadze,Z [A34]

Gori Karseladze Memorial Gori, 1968

1. Sf3 Sf6 2. c4 c5 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.g3 Sc6

6. Lg2 Sc7 [Eine in die Meisterpraxis eingeführte Variante von GM Akiva Rubinstein und populär gemacht von GM Mikhail Botwinnik.]

7. 0–0 e5

8. b3[Bekannt ist die Variante: 8.d3 Le7 9.Sd2 Ld7 10.Sc4 f6 11.f4 b5 12.Se3 Tc8 13.a4 b4 14.Sb5 exf4 15.Sxc7+ Txc7 16.gxf4 Le6 usw., Hjartarson – Andrei Sokolov Rotterdam 1988]

8…Le6?![ Gemäss des Kommentares von GM Efim Geller ist der Textzug nicht richtig. Bessere Optionen sind: 8…Le7 9.Lb2 Lg4

(oder auch 9…0–0 10.Tc1 f6 11.Se1 Lf5Kirillov – Botwinnik USSR 1931)10.Tc1 Sa6 11.h3 Korchnoi – Gipslis Moskau 1966]

9. Lb2 Tc8 10.Tc1 f6

11. e3![Bereitet einen starken Durchbruch im Zentrum auf dem Feldd4 vor.]

11.. c4?![Vielleicht war es besser, den weissen Plan mit 11…..Dd3!? zu erschweren.]

12. De2![Mit seinem typisch dynamischen Stil zeigt uns Geller ein bemerkenswertes Beispiel, wie man die Initiative zur Geltung bringt.]

12….Sb4[Wahrscheinlich war es genauer wie folgt zu spielen:12…cxb3 13. axb3 (13.d4 e4 14.Sh4! Lb4!? (14…g5 15.d5 Sxd5 16.Sxd5 Axd5 17.Tfd1+–)15.axb3) 13…Dd7 14.d4]

13. Se1 cxb3 14.axb3 Sc6?[Nach diesem Fehlzug wird der weisse Angriff entscheidend. Man hätte mit 14…Le7!? fortsetzen müssen und wenn 15.Axb7 Tb8 usw.]

15. Sf3[Auch wäre die Variante in Betracht zu ziehen 15.d4!? exd4 16.exd4 Sxd4 17.De3± usw.]

15…Le7 16.d4 0–0 17. dxe5 fxe5 18.Se4 Lxb3 19.Sxe5 Ld5 20. Dg4! Le6

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21. Dxg7+!

[Der Schlüssel einer“petite combinaison”, perfekt geplant vonGM Efim Geller]

22.. Kxg7 22.Sxc6+ Lf6 23.Sxd8 Lxb2 und Schwarz gibt

auf, ohne auf den Gewinnzug von Weiss mit 24.Txc7+! zu warten:

1–0

Eine brillante und unvergessliche Partie von EFIM GELLER !

Zum Nachspielen:

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Foto seiner letzten Ruhestätte:

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Friedhof Peredelkinskoe, Moskau

courtesy Rob Bijpost, Holland

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Quellen: ajedrezdeataque.com und chessgames.com

Sitges (Barcelona), im Mai 2013

Efim Geller – der Gigantenschreck 2.Teil

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Sie können seine Ergebnisse gemäss beigefügter Aufstellung bewerten:

Enhält alle Turniere, bei denen Efim Geller gute Ergebnisse erzielen konnte:

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Einzelmatchs:

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Gellers Teilnahme an den Schacholympiaden und als Mannschaftsmitglied derSowjet Union:

MEN’S CHESS OLYMPIADS

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Zum Vergrössern, bitte draufklicken.

Im Jahr 1962 schaffte er wohl seine beste Leistung in einem Kandidaten-Turnier, das in Curaçao abgehalten wurde, wobei er auf den 2. bzw. 3. Platz kam, nur einen halben Punkt hinter dem Sieger, Tigran Petrosjan. Der Wettbewerb in diesem Turnier hatte ein aussergewöhnlich hohes Niveau, wie man aus der Tabelle des Turniers entnehmen kann:

Kandidatenturnier- Curaçao 1962

Mikhail Tal musste wegen starken Nierenproblemen (schon während des ganzen Turnieres) ins Krankenhaus und trat somit in der letzten Runde nicht mehr an.

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Vorstehend ein Foto des Besuches von Bobby Fischer bei Mikhail Tal im Krankenhaus.

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Zum Vergrössern, bitte draufklicken.

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Turnier in Curaçao

Die Überschrift dieses Artikels ergab sich aus seinen Begegnungen mit den Weltmeistern, wobei Efim Geller gegen fast alle Weltmeister seiner Zeit ein positives Ergebnis hatte:

Mikhail Botwinnik (+4, =5, -1), Wassili Smyslow (+ 11, =31, -7), Bobby Fischer (+5, =2, -3) und Tigran Petrosjan (+6, =33, -2).

Es schien, dass er gegen solche Weltklassspieler über sich hinaus wuchs und sie durch seinen aggressiven Stil fast „erstickte“.
Wie ich am Anfang dieses Artikels erwähnte, brachte Efim Geller viele seiner Ideen in verschiedenen Öffnungen ein: wie die Altindische Verteidigung

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Ruy Lopez, Damengambit, Sizilianer und vor allem im Königsinder.

Es war in der letzten Runde in Curaçao, wo Efim Geller erneut erwies, ein Meister der Eröffnungen und Verteidigungen zu sein, und somit kam auch die Königsindische Verteidung wieder in Mode.

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Die von ihm neuen eingeführten Konzepte in dieser Verteidung wurden so stark, dass weder der Weltmeister Botwinnik in der Lage war, sie zu bewältigen.

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Fortsetzung folgt im 3. und letzten Teil.

Sitges (Barcelona), im Mai 2013

Efim Geller – der Gigantenschreck – 1.Teil

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von Javier Cordero Fernández

Efim Petrovich Geller wurde am 8. März 1925 in Odessa (Ukraine) geboren. Er starb am 17. November 1998 in Moskau.
Ich persönlich hielt ihn nicht für einen Angriffsspieler, doch eine Bemerkung von Kasparov in einem seiner Bücher weckte meine Neugier.

Kasparov lobte Gellers kombinatorische Kraft und dies veranlasste mich, eine Serie von seinen Partien durchzuspielen; zu meiner Überraschung, traf ich auf wirkliche Edelsteine. Ich befasste mich schnell mit dem Thema, indem ich mehrere Schachbücher durcharbeitete, um dann diesen Artikel schreiben zu können.
Efim Geller ist eine Legende des Schachs, es fehlte ihm nur noch der Weltmeistertitel, um ihn besser kennen zu lernen.

Die sowjetischen Spieler dominierten die Schachwelt für Jahrzehnte. Sie boten große Fortschritte in der Theorie und waren wesentliche Impulsgeber dieses Spiels; einer ihrer Hauptvertreter war Geller, dessen Beiträge zur Theorie noch heutig gültig sind.
Die Ukraine war seit jeher die Wiege der großen Spieler. In ihren Städten müssen sicher viele Gelegenheiten existieren, wo man spielen kann und dieses Umfeld begünstigt die Entwicklung der jungen Spieler. Dies geschah auch mit dem jungen Efim Geller, der rasch bekannt wurde, besonders durch seine Fähigkeit, die Initiative zu erspielen und günstige Stellungen aufzubauen, gegen die seine Rivalen keine Mittel mehr fanden.

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gemalt von Elke Rehder

Im Jahr 1949 hatte er sein erstes ernsthaftes Engagement: das Halbfinale der UdSSR-Meisterschaft. Wie erwartet enttäuschte er seine Anhänger nicht und belegte den ersten Platz, der ihm den „Reisepass“ zum Finale gewährte, bei dem alle grossen Figuren des Landes wie Smyslov, Bronstein, Keres, Petrosjan auf ihn warteten.

Seine Leistung im Finale war elektrisierend; er wurde zur Sensation, als er den dritten Platz erzielte.

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Auch begeisterte sein offensives Spiel die anwesenden Schachfreunde. Vor der letzten Runde führte Efim Geller mit einem halben Punkt Vorsprung die Tabelle an, aber sein Mangel an Erfahrung auf diesem hohen Niveau zollte seinen Tribut. Er wurde in der letzten Partie vor Ratmir Kholmov besiegt, weil er zu risikoreich spielte.

Trotzallem wurde Geller von allen Experten gelobt; unter anderem sagte Grigory Levenfish:

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„In der Geschichte der sowjetischen Turniere ist es sehr selten, ein Beispiel wie Efim Geller zu finden, der so herrliche und zahlreiche Partien auf das Brett zaubert mit einem bemerkenswerten Talent für das taktische positionelle Verständnis, hervorragende Technik im Endspiel, verbunden mit voller Energie und Dynamik. Er hat sicherlich eine große Zukunft vor sich.“

So wie sich Levenfish äusserte, war Geller ein Spieler, der alle Phasen des Spiels beherrschte. Man kann ihn in den Rahmen „eines universellen Stiles“ eingliedern, das will heissen, dass er sich so auf einen Gegener einstellen konnte, wie es notwenig war, um sein Gegenüber zu schlagen. Es gab nur wenige solcher Spieler in der Geschichte, die auf verschiedene Arten eine Partie angehen konnten, wie die Umstände es erforderten.

(Capablanca ist ein gutes Beispiel für diese Art von universellen Spielern).
Geller bestätigte die Vorhersagen der Experten, sich für das Kandidaten-Turnier zu qualifizieren, als er 1952 den 4. Platz bei dem Interzonenturnier belegte.

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Im Laufe seiner Karriere wurde es fast schon zur Gewohnheit, denn er war an sämtlichen Kandidatenturnieren von 1953-1971 beteiligt. Bei diesen Turnieren hatte er aber leider nicht viel Glück und somit blieb ihm ein Kampf um den WM-Titel versagt.
Im Jahr 1953 wurde er in die Auswahl der UdSSR berufen und gab sein Debut bei der Schachloympiade in Helsinki. Seine Leistung war hervorragend: 10,5 Punkte aus 14 Partien.

1955 konnte er seinen ersten großen Sieg verbuchen:

Er gewann die UdSSR-Meisterschaft (gleichauf mit Smyslov), in einem allgemein ausgeglichenen Turnier, wobei sich beide Spieler als sehr konstant zeigten. Geller gewann aber im Tie-Break 4-3, wie man gut aus der Tabelle des Turnieres entnehmen kann.

UdSSR – Meisterschaft 1955

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Play Off:

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Er wiederholte den Sieg 1979 im Alter von 54 Jahren vor Spielern wie Gary Kasparov oder Arthur Jusupow.
In den folgenden Jahren erzielte Geller weitere gute Ergebnisse, indem er noch mehr Trophäen sammelte zu seinen bereits errungenen während seiner langen Laufbahn.

Bei den jeweiligen Meisterschaften der Ukraine hatte er keine Rivalen, die ihm das Wasser reichen konnten und erzielte bei fast jeder Ausgabe die Meisterschaft, nachdem er in seine Heimat zurückgekehrt war.

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Fortsetzung folgt.

Sitges (Barcelona), im Mai 2013

Der Schach-Programmierer

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Bild: ajedrezarteycalculoblogsport.com

von Ing. Néstor Quadri, Buenos Aires

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Er war ein brillanter Wissenschaftler und Programmierer und seit seiner Jugend hatte er nur ein Ziel: Das Schachspiel zu hassen und zu versuchen, es zu zerstören.

Dieses Gefühl befand sich in seinem Unterbewußtsein seit seiner Kindheit; doch sein Vater, der ein mittelmäßiger Spieler war, zwang ihn mit aller Macht, ein Meister zu werden, was ihm selbst versagt blieb.

Er hatte ihm das Spiel beigebracht, erklärte und notierte einige grundlegende Varianten, begleitete ihn zu zahlreichen Turnieren, die in der Nähe ihres Wohnortes veranstaltet wurden.

Aber der Sohn spürte keine Leidenschaft für das Spiel, verlor die meisten Partien und war stets den Vorwürfen seines Vaters ausgesetzt bis der Augenblick kam sich zu weigern, an einem Turnier teilzunehmen zur Verzeiflung und den entsprechenden Schuldzuweisungen seines Vaters. All diese Umstände entwickelten sich soweit, dass er mit seinem ganzen Herzen das Schachspiel verabscheute.

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Die Zerstörung des Schachspieles war auch seine heimliche Aufgabe, der er sich zu einem Großteil seines Lebens vereinsamt und kränklich gewidmet hatte. Im Laufe der Jahre beschränkte er sich nur noch auf die Programmierung von Computern. Seit seiner Jugend arbeitete er als Programmierer bei IBM, und war aktiv an dem Bau des Betriebssystems von Deep Blue beteiligt, welches auf das Schachspielen programmiert wurde und in der Lage war, 200 Millionen Stellungen pro Sekunde zu berechnen. Dieses System war für ihn und seine Konstrukteure eine große Genugtuung, weil es den bis dahin besten menschlichen Spieler aller Zeiten Gary Kasparov besiegen konnte; aber es wurden heimlich Tricks angewendet, wobei zumindest ein Grossmeister bei einigen entscheidenden Zügen zu Gunsten des Programmes intervenierte.

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Unglücklicherweise hatte diese Niederlage keinen Einfluss auf den Ruf des Schachspiels weltweit und eigentlich nur dazu gedient, die überwältigende Arroganz der menschlichen Überlegenheit ein wenig zu dämpfen, die stets im Unterbewusstsein verankert ist.

Der Computer dient weiter als ein nützliches Werkzeug, um den Spieler dauerhaft zu unterstützen, zu beraten, zu trainieren und verbesserte Varianten oder strategische Pläne zu finden.

Somit wurde das göttliche Spiel überhaupt nicht von der Entwicklung der Computer betroffen, immer unter der Voraussetzung, dass von Angesicht zu Angesicht loyal gespielt wird, so dass die Gegner das Vergnügen des edlen Wettstreites genießen können, umgeben von Kunst und ästhetischer Schöpfung.

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Diese Tatsache machte den Programmierer wütend und brachte ihn auf die Idee zum Bau eines Programmes, welches so perfekt Schach spielen kann, dass der kleine Vorteil des Anzuges von Weiss ausreichend sein soll, um die Partie zu gewinnen. Wenn dies wahr würde, wären diese ungleichen Kräfte unerbittlich, um den Begriff der Gleichheit beim Beginn des Schachspieles zu zerstören. Doch in seiner freien Zeit und stets im Verborgenen, allein, immer allein, grübelnd über das bittere Ergebnis seiner Ideen, begann er ein spezielles Programm zu entwickeln. Im Gegensatz zu Deep Blue bot es eine große Menge an Informationen und eine künstliche Intelligenz, die in der Lage war zu entscheiden, welches die beste Antwort auf igendwelche schachlichen Fragen ohne menschliche Hilfe war.

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Bild: omicrono.com

Nach äusserst mühevoller Arbeit war er im Begriff, sein Schach-Programm zu vervollständigen, das zweifellos dann das perfekteste und modernste der Welt wäre.

Danach würde er es gegen sich selbst spielen lassen, um schliesslich zu einem Ergebnis zu kommen. Allen Schachgroßmeistern, deren Bücher er studiert hatte, war der kleine Öffnungsvorteil nicht ausreichend um zu gewinnen. Sie waren sicher, dass bei richtiger Führung der schwarzen Steine sämtliche Varianten unweigerlich in einem Remis enden.

Doch er bezweifelte diese Behauptungen und erwartete, dass die treffsichere Präzision dieses Programmes das Geheimnis enthüllen würde. Wenn er entdecken könnte, dass tatsächlich ein Sieg in allen Fällen dank des minimalen Vorteiles bei der Eröffnung möglich sei, wäre damit das Schicksal des Schachspiels zwangsläufig besiegelt.

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Gemalt von Elke Rehder

Tief in seiner Seele hatte er diese Hoffnung und bei erfolgreichem Test würde er zum bekanntesten und renommiertesten Schach-Programmierer auf dem Planeten.

Als er begann, die endgültigen Anpassungen des Programmes vorzunehmen, um mit dem Experiment zu beginnen, erfasste ihn eine tiefgreifende Unsicherheit, als er den Bildschirm des Computers anstarrte. Er fühlte sich gereizt wie noch nie, und als er nach intensiver und und fast fanatischer Arbeit einschlief und wieder aufwachte, wusste er nicht, ob es ein richtiger Schlaf war oder ob es nur den Anschein hatte. Schließlich, als er mit der Arbeit fertig war, überwältigten ihn intensive Gefühlserregungen, und er musste ein paar Minuten warten, um sich zu beruhigen, bevor er das Programm auf dem Computer in Betrieb nahm. Nachdem er sich wieder gefaßt hatte, dass der Computer gegen sich selbst spielen konnte, drückte er die Eingabetaste, um die Partie zu starten, und überliess dem Zufallsprinzip einer der 20 möglichen Varianten für die weisse Eröffnung.

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Das Warten entwickelte sich zu einer Agonie. Es dauerte viele Minuten, die eine Ewigkeit schienen, während sich in ihm eine nagende Angst bildete aufgrund der langsamen Fortschritte des Spieles auf dem Monitor. Er suchte in den Tiefen seines Gedächtnisses selbst jeden Zug wieder zu finden, und wenn er glaubte, ihn ausgemacht zu haben, verlor er aber durch den erlittenen Stress jegliche Erinnerung. Wenn das Programm antwortete, fing er an zu zittern und sein Herz zu klopfen und zu hämmern.

Von Zeit zu Zeit trübten sich seine Augen, und er wusste nicht, ob sie ihm einen Streich spielten oder sich der Bildschirm verdunkelt hatte. So geschah es, dass ihn seine Nerven mehr und mehr aufzehrten und ihm schliesslich das Herz brachen.

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Bild: es.123rf.com

Da seine Familienmitglieder von ihm keine Nachricht und auf ihre Telefonanrufe keine Antwort erhielten, sorgten sie sich und entschlossen, zu seinem Haus zu gehen. Doch niemand öffnete, und so brachen sie das Schloss auf.

Sie fanden seinen toten Körper auf dem Computertisch liegend.

Der Computer war weiter in Betrieb geblieben, und man konnte auf dem Bildschirm zwei einsame Könige erkennen.

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Bild: Antón Busto

Da die Spielzeit längst überschritten war, standen sie wie versteinert da und schienen sich feierlich zu begrüssen auf diesem Schwarz-Weiß-Muster des erhabenen und unsterblichen Spieles.

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Sitges (Barcelona), im April 2013

Jules Verne und seine seltsame Schachgeschichte

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(* 8. Februar 1828 in Nantes; † 24. März 1905 in Amiens)

Jules Verne um 1890, Fotografie von Nadar

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Im Laufe seiner umfangreichen Arbeit griff Jules Verne nur einmal auf die Dynamik des Schachspiels zurück und bewies, dass er das Spiel kannte.

Im folgenden handelt es sich um den Roman über Hector Servadac.

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Im Kapitel XIII des ersten Teiles stellt Verne zwei englische Persönlichkeiten vor und beschreibt mit grosser Ironie, wie unerträglich langsam sich ihre Schachpartie entwickelt:

“Wenn Sie mir gestatten, werde ich einen Läufer nehmen”, sagte der Brigadegeneral Murphy.

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Gemalt von Elke Rehder

Nach zwei Tagen des Zögerns und Überlegens beschloss er schliesslich, diesen Zug auszuführen.

“Ich kann das nicht verhindern”, meinte Hauptmann Oliphant in die Betrachtung des Schachbrettes vertieft.

Dies geschah am Morgen des 17. Februars (nach dem alten Kalender), doch Mayor Oliphant verbrachte den ganzen Tag am Spieltisch, um auf den Zug des Brigadiers Murphy zu antworten.
Schon vor 4 Monaten hatte diese Schachpartie begonnen, und beide Gegner hatten nicht mehr als 20 Züge gemacht.
Beide stammten aus der Schule Philidors, der dozierte, dass niemand beim Schachspiel stark sei, wenn man nicht gut mit den Bauern umgehen könne, “denn die Bauern seien die Seele des Schachspieles!”

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Aus diesem Grund hatte keiner einen Bauern gezogen ohne vorherige gründliche Überlegung.

Brigadier Henage Finch Murphy und Major Sir John Temple Oliphant überliessen nichts dem Zufall und zogen unter keinen Umständen eine Figur, nur nach langem Nachdenken.

Sie waren auf einem entfernten Aussenposten in einer luxeriösen Villa stationiert und um sich die Zeit zu vertreiben, spielten sie Schach.
(….)

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Der Brigadier und der Hauptmann stellten die geschlagenen Figuren wieder auf das Brett und spielten in aller Ruhe ihr endloses Spiel weiter.
Vielleicht waren die Läufer, Springer und Bauern leichter geworden als vorher, und sie bewegten sich nicht mehr so sicher auf dem Brett, vor allem die Könige und Damen waren durch ihre Figurengrösse häufiger dem Umfallen ausgesetzt, aber mit einer gewissen Vorsicht konnten Oliphant und Murphy ihre kleine Armee aus Elfenbein auf dem Schachbrett halten.

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Diese nicht endende Partie setzt sich in dem Kapitel XVI – Teil 2
fort, aber dieses Mal mittels eines Telegraphen; es darf uns nicht überraschen, dass Jules Verne diesen technischen Fortschritt für die Praxis des Spiels benutzt und ihn in seine Geschichte aufnimmt:

Darüber hinaus waren die in Ceuta (Nordafrika – Exklave von Spanien) stationierten Engländer nicht sonderlich isoliert, da sie nur 20 Meilen von Gibraltar trennte, und wenn einer von ihnen die Meeresenge überquerte, waren sie dank eines Telegraphen in ständiger Verbindung.

Somit ahmten die beiden illustren Offiziere nichts weiteres nach als amerikanische Gesellschaften, die im Jahre 1846 trotz der starken Regen und aufkommender Stürme “telegraphisch” eine berühmte Schachpartie zwischen Washington und Baltimore spielten.

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Die Partie, die der Brigadier Murphy und Hauptmann Oliphant spielten , war die gleiche, die sie bereits begonnen hatten, als der Kapitän Servadac sie in Gebraltar besuchte.

Beachten Sie, bitte, den Tippfehler: statt “1846” soll es 1844 heissen.

Wir können diesen Artikel nicht abschliessen, ohne zu erwähnen, dass dieses Spiel vielleicht die erste Partie „auf Sendung“ zwischen Nordafrika und dem europäischen Festland war.

Anmerkung:

Jules Verne
war ein französischer Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem durch seine Romane “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864), “20.000 Meilen unter dem Meer” (1869-1870) sowie “Reise um die Erde in 80 Tagen” (1873).
Neben Hugo Gernsback, Kurd Lasswitz und H.G. Wells gilt Jules Vernes als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur.

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Quelle: Perlas ajedrecísticas von Christian Sánchez

Sitges (Barcelona), im April 2013

Philatelie über Capablanca 3. und letzter Teil

Capablanca wurde nicht die Möglichkeit eingeräumt, einen Rückkampf gegen Aljechin zu spielen. Nachdem er den Titel verloren hatte, nahm er aber weiterhin an Turnieren teil, lieferte grossartige Partien und wurde in die Top-Positionen eingestuft.

Aber immer noch glaubte er an seine Unbesiegbarkeit.

Ab 1935 erschien in der Praxis eine neue Generation von Schachspielern (Botwinnik, Keres, Fine, Reshevsky …) und begann mit einem neuen Stil, der die hypermoderne Schule des Schachs meisterhaft konsolidierte.
Bei dem AVRO-Turnier im Jahre 1938 (an dem Lasker nicht teilnahm), wurde Botvinnik Dritter vor Capablanca, Aljechin und Reshevsky.

Botwinnik-Capablanca Briefmarke. AVRO, Holland, 1938

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Position nach 29 … De7
Wie auf dieser Briefmarke der Serie „Les grands maîtres des échecs“ der Zentralafrikanischen Republik gezeigt wird, spielt die schwarze Dame auf e7 eine traurige Blockade vor dem Freibauern auf e6. Botvinnik lenkt geschickt die Dame mit 30. Aa3 !! ab als Beginn einer schönen Kombination von 12 Zügen.

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Endstellung der gleichen Partie

Diese Briefmarke der Mongolei zeigt die Position der gleichen Partie nach 41.Kh5, wonach Capablanca aufgab, denn er konnte nur das Matt durch das Opfern der Dame auf f8 vermeiden.

Mikhail Botvinnik vs Jose Raul Capablanca
„A Thing of the Passed“ (game of the day Jan-27-06)
AVRO (1938) • Nimzo-Indian Defense: Normal Line (E40) • 1-0


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To move: black Last move: 41. Kh5

1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. e3 d5 5. a3 Bxc3 6. bxc3 c5 7. cxd5 exd5 8. Bd3 O-O 9. Ne2 b6 10. O-O Ba6 11. Bxa6 Nxa6 12. Bb2 Qd7 13. a4 Rfe8 14. Qd3 c4 15. Qc2 Nb8 16. Rae1 Nc6 17. Ng3 Na5 18. f3 Nb3 19. e4 Qxa4 20. e5 Nd7 21. Qf2 g6 22. f4 f5 23. exf6 Nxf6 24. f5 Rxe1 25. Rxe1 Re8 26. Re6 Rxe6 27. fxe6 Kg7 28. Qf4 Qe8 29. Qe5 Qe7 30. Ba3 Qxa3 31. Nh5 gxh5 32. Qg5 Kf8 33. Qxf6 Kg8 34. e7 Qc1 35. Kf2 Qc2 36. Kg3 Qd3 37. Kh4 Qe4 38. Kxh5 Qe2 39. Kh4 Qe4 40. g4 Qe1 41. Kh5

Zum Nachspielen: (Bild entfernt)
Der Sieger wurde Paul Keres, einer der besten Spieler aller Zeiten, der aber nie Weltmeister wurde und als ewiger Zweiter in Erinnnerung bleibt. Capablanca wurde Siebter, das schlechteste Ergebnis seiner Karriere.
Anmerkung: Schon zu Anfang des Turnieres erlitt Capablanca einen Schlaganfall aufgrund seines ständig zu hohen Blutdruckes.

Briefmarke Keres-Capablanca Partie: AVRO, Niederlande, 1938

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Position nach 21 … Tb6
Auf dieser Briefmarke der Republik Niger sehen wir die Stellung nach Capablancas Turmzug auf b6. Keres reagierte mit 22.Se6 mit starkem Druck, aber Capablanca konnte noch bis zum 38. Zug widerstehen.

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Im Laufe seiner Karriere als Schachspieler verlor José Raul Capablanca nur 36 Partien aus 567. Er verlor nicht eine einzige Partie zwischen 1916 und 1924.
Er starb beim Schachspielen im Alter von 53 Jahren als Folge einer starken Hirnblutung, die er in dem Manhattan Chess Club erlitten hatte.

Mehr Capablanca Briefmarken:

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Das ist ein Beweis des Bekanntheitsgrades von Capablanca auf Briefmarken aus verschiedenen Ländern und Epochen.
Capablancas Popularität kam auch ins Kino, wie in dieser Szene Shakhmatnaya goryachka („Chess Fever“) in einem Stummfilm in Moskau, Russland 1925, wo auch Capablanca selbst erscheint:

Siehe: (Bild entfernt)

(Bild entfernt)

Auf der linken Seite das Kind Capablanca bei einer Simultanvorstellung und auf der rechten Seite ein schon erwachsener Capablanca. Ein Leben für das Schach.

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Quelle: (Bild entfernt)

Sitges (Barcelona), im April 2013

Philatelie über Capablanca 2. Teil

Briefmarke Capablanca-Lasker um den WM-Titel.
La Habana, 1921. Runde 11

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Position nach 47 … Dd6
Diese Briefmarke der Republik Niger zeigt die Position der elften Partie im gleichen Turnier, nachdem von Lasker 47 … Dd6 gespielt wurde. Capablanca schliesst mit 48.Dxf8 +!! ab und Lasker gab auf, denn wenn 48 … Dxf8 (erforderlich, um die Dame zu retten), 49.Txh7 matt.

Briefmarke Lasker-Capablanca Spiel. WM-Titel.
Havana, 1921. Runde 14
Die Stellung auf der nächsten Briefmarke, die sich im letzten Spiel der Meisterschaft ergab, ist besonders wichtig für die Geschichte des Schachs.

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Endstellung nach 56 … Lxe4

(Ansicht von der Seite des Führers der schwarzen Steine)
Die Briefmarke zeigt den Moment, in dem Lasker aufgab. Nach fast 27 Jahren der Herrschaft übergab er das Zepter an den neuen Weltmeister Jose Raul Capablanca.
Partie: Emanuel Lasker vs Jose Raul Capablanca

„The Whole Shooting Match“ (game of the day Apr-09-08)
Lasker-Capablanca World Championship Match (1921) • Spanish Game: Berlin Defense. Closed Showalter Variation (C66) • 0-1


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To move: white Last move: 56… Bxe4

1. e4 Notes by J.R. Capablanca 1… e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6 4. O-O d6 5. d4 Bd7 6. Nc3 Be7 7. Bxc6 Bxc6 8. Qd3 exd4 9. Nxd4 Bd7 10. Bg5 O-O 11. Rae1 h6 12. Bh4 Nh7 13. Bxe7 Qxe7 14. Nd5 Qd8 15. c4 White has now a powerful position and Black has to play with extreme care in order to avoid drifting into a hopeless position. 15… Re8 16. f4 c6 This weakens the queen’s pawn, but something had to be done to obtain manouvering space for the White pieces. Besides, with the advance of the f-Pawn, White’s king’s pawn becomes also weak, which is somewhat of a compensation. 17. Nc3 Qb6 18. b3 Rad8 Unnecessary. Re7 was the proper move. 19. Kh1 Nf6 20. h3 Bc8 21. Rd1 This is waste of time. In order to obain an advantage, White will have to make an attack on the king’s side, since Black’s queen’s pawn, though weak, cannot be won through a direct attack against it. 21… Re7 22. Rfe1 Rde8 23. Re2 Qa5 24. Rf1 Qh5 25. Kg1 a6 26. Rff2 Qg6 27. Rf3 If 27.Nf5 Bxf5 28.exf5 Qh5 29.Rxe7 Rxe7 and Black has a good game. 27… Qh5 28. f5 Of doutbful value. While it shuts off the bishop, it weakens furthermore the king’s pawn and also creates a hole on e5 for Black’s pieces. The position at first glance, looks very much in favor of White, but careful analysis will show that is much more apparent than true. 28… Qh4 29. Kh2 A blunder, made under time pressure combined with difficulties attached to the position. 29… Ng4 30. Kh1 Ne5 31. Qd2 Nxf3 32. Nxf3 Qf6 Qg3 was dangerous and might lead to the loss of some material 33. a4 To prevent b5. There are a number of variations where White would regain the quality in exchange for a pawn had he played 33. g4, to be followed by e5 and Ne4,but the resulting ending would be so much in favor of Black that the course pursued by White may be considered the best. 33… g6 34. fxg6 fxg6 35. Re3 Bf5 36. Qd3 There were some very interesting variations beginning with 36.Rd3, viz.,36…Bxe4 37.Rxd6 Qg7 38.Nh4 Bf5 39.Nxf5 gxf5 40.Rxh6 Re1+ 41.Kh2 Qe5+ 42.g3 Qxc3, and White is lost. 36… g5 37. Nd2 Bg6 38. b4 White’s idea is to change as many pawns as possible, hoping to reach an ending where the advantage of the exchange may not be sufficient to win. 38… Qe6 39. b5 axb5 40. axb5 Ra8 41. Qb1 Qe5 42. Qe1 Kh7 43. bxc6 bxc6 44. Qg3 Qxg3 45. Rxg3 Ra3 46. Kh2 Rb7 47. c5 Forced, as Rb2, winning a piece, was threatened. 47… dxc5 48. Nc4 Ra1 49. Ne5 Rc1 The moves of this rook are worth studying. I believe that Black had no better way to play. 50. h4 This brings the game to a climax, for which Black is now ready. 50… Re7 51. Nxc6 Re6 52. Nd8 gxh4 53. Rd3 Rf6 The key to Black’s defence. The holding of the KB file. 54. Rd7 Kh8 55. Nd5 Rff1 56. Kh3 Bxe4

Annotations by Jose Raul Capablanca.

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Zusammenfassung:

In dieser spanischen Partie erhielt Capablanca mit Schwarz eine etwas beengte Stellung. Bei der Suche nach dem besten Plan verbrauchte Lasker viel Zeit, aber fand auch nichts Konkretes, während Capablanca ein scharfsinniges, langes Damenmanöver auf der Marschroute d8-a5-h5 durchführte und unmissverständlich auf die weisse Königsstellung zielte. Allerding waren vorerst keine konkreten Drohungen vorhanden, doch die Anwesenheit der gegnerischen Dame machte, aller Wahrscheinlich nach, Lasker nervös. Er beging zwei Fehler hintereinander, wobei der zweite sich nicht korrigieren liess. Weiss büsste die Qualität ein, und damit schwand auch die Hoffnung auf einen günstiges Ausgang des Kampfes.

Nach dieser Partie – das war am 28. April 1921 – entschloss sich Lasker, das WM-Match frühzeitig aufzugeben.

Zum Nachspielen:

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Nachstehend eine Serie von Briefmarken zur Erinnerung an den 30. Jahrestag des Sieges von Capablanca über Emanuel Lasker bei der Weltmeisterschaft im Jahr 1921. (Kuba, 1951)

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Drei Jahre später gewann Lasker das Turnier in New York und verlor nur eine Partie und zwar gegen Capablanca, der Zweiter wurde, gefolgt von Aljechin, der später Weltmeister wurde.

Briefmarke Partie Capablanca-Lasker. New York, 1924

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Position nach 39 … Kxf5
Diese Partie von Capablanca gewann den Schönheitspreis des Turnieres. Lasker übersah eine goldene Gelegenheit, mit 37 … Lf7!. Aber er spielte 37 … De6? Zwei Züge später findete man die Ausgangsposition der Briefmarke anlässlich einer Serie der Schacholympiade in Dubrovnic, Jugoslawien 1950.

Im Jahr 1927 organisierte man das Kandidaten-Turnier in New York mit sechs der damaligen Top-Spielern. Capablanca nahm auch daran teil und gewann. Der zweite Platz ging an Alexander Aljechin, der sich somit das Recht auf den WM-Titekampf des Weltmeisters verdiente und spielte dann in jenem Jahr um die Weltmeisterschaft in Buenos Aires. Capablanca vertraute vielleicht zu sehr in seine Schachkunst, aber Aljechin hatte sich gründlich vorbereitet und gewann mit drei Punkten Vorsprung nach 24 Partien.

Briefmarke Championship der 1927: Aljechin – Capablanca

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(Aber die Stellung gehört zu einer Partie zwischen
Nimzowitsch und Aljechin nach 9. d3)

Die österreichiche Marke zeigt Aljechin und Capablanca bei dem vermeintlichen Endspiel um den Titel 1927 in Buenos Aires. Interessanterweise ist das Bild auf der Briefmarke von einem manipulierten Foto (wie Edward Winter in Chess History Center zeigt). Diese Position wurde tatsächlich von Nimzowitsch vs Aljechin auf dem Semmering (Österreich) im Jahre 1926 gespielt (siehe die Vollversion).

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Die manipulierte Fotografie von 1927 Meisterschaft

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Auf der linken Seite das kolorierte Bild von Aljechin und Nimzowitsch in einer realen Partie des Jahres 1926.
Auf der rechten Seite eine Foto von Capablanca aus dem Jahre 1925 genommen (die Figuren sind noch in der Ausgangsstellung). Dieses Foto entspricht der rechten Seite der manipulierten Photographie.


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Fortsetzung folgt!

Sitges (Barcelona), im April 2013

Philatelie über Capablanca 1. Teil


Von Paul Pascual

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Capablanca Filatelium

Die Philatelie über Capablanca ist ein Weg, sich in die tief beeindruckende Existenz von Capablanca in der Welt der Briefmarken zu versetzen. Kleine Briefmarken erzählen uns eine aussergewöhnliche Geschichte des Schachspiels.

José Raúl Capablanca (Havana, 1888 – New York, 1942), auch als „Mozart des Schachs“ bekannt, war einer der größten Spieler aller Zeiten. Es war der dritte offizielle Weltmeister, einen Titel, den er zwischen 1921 (gegen Lasker) und 1927 (Niederlage gegen Aljechin) innehatte.

Capablanca wurde speziell für seine Fähigkeit bekannt, die Endspiele in Vollendung zu spielen. Er hatte einen einfachen, transparenten und effizienten Stil.

Er brachte sich selbst das Schachspiel bei, in dem er den von seinem Vater gespielten Partien zusah, und den er in seiner 1. Partie seines Lebens im Alter von 4 Jahren schlagen konnte.

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Links eine kubanische Briefmarke und rechts ein Orignalfoto von 1892, als er gegen seinen Vater spielte.

Mit dreizehn wurde er Schachmeister von Kuba.
Mit achtzehn verließ die Schule und widmete sich voll dem Schach. Zwei Jahre später gewann er ein Match gegen den amerikanischen Meister Frank Marshall, das ihm erlaubte, an dem ersten großen internationalen Turnier in San Sebastian 1911 teilzunehmen, bei dem die besten Spieler der damaligen Zeit präsent waren, außer dem damaligen Weltmeister Emanuel Lasker. Gegen alle Voraussagen gewann Capablanca.

Im selben Jahr forderte er offiziell Dr. Emuanel Lasker um den WM-Titel heraus, der damit einverstanden war, aber die vorgeschlagen Bedingungen waren für Capablanca inakzeptabel.
Es kam zu keiner Einigung.

1914 fand er zum ersten Mal ein offizielles Kandidaten-Turnier für den WM-Titel in St. Petersburg statt, an dem auch an Dr. Lasker teilnahm. Es wurde vereinbart, dass, wenn Dr. Lasker das Turnier nicht gewinnen würde, er bereit sei, um den WM-Titel zu spielen.
Aber es kam nicht so. Dr. Lasker erzielte den ersten Platz und gewann knapp vor Capablanca (13 ½ : 13). Hinter dem kubanischen Spieler nahmen die anderen Plätze ein wie Dr. Tarrasch, Marshall und Aljechin.

Briefmarke Lasker-Capablanca – Partie. St. Petersburg, 1914

(Bild entfernt)

Position nach 16. Td7

Auf dieser Briefmarke der Republik Tchad können die Position der siebten Partie des Turniers erkennen, nachdem Capablanca 16 … Td7 gezogen hatte. Diese Partie wurde gespielt, als nur noch vier Begegnungen fehlten bis zum Abschluss des Turnieres und Capablanca, der bisher keine Niederlage erlitten hatte, führte vor Dr. Lasker mit einem Punkt. Aber der Vorteil ging verloren, und er musste sieben Jahre warten, um dann endlich um die WM-Krone zu spielen.
Emanuel Lasker vs Jose Raul Capablanca
„Rage Against the Machine“ (game of the day Jan-01-05)
St Petersburg (1914) • Spanish Game: Exchange. Alekhine Variation (C68) •

1-0

Endstellung

(Bild entfernt)

To move: black
Last move: 42. Nc5

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Bxc6 dxc6 5. d4 exd4 6. Qxd4 Qxd4 7. Nxd4 Bd6 8. Nc3 Ne7 9. O-O O-O 10. f4 Re8 11. Nb3 f6 12. f5 b6 13. Bf4 Bb7 14. Bxd6 cxd6 15. Nd4 Rad8 16. Ne6 Rd7 17. Rad1 Nc8 18. Rf2 b5 19. Rfd2 Rde7 20. b4 Kf7 21. a3 Ba8 22. Kf2 Ra7 23. g4 h6 24. Rd3 a5 25. h4 axb4 26. axb4 Rae7 27. Kf3 Rg8 28. Kf4 g6 29. Rg3 g5 30. Kf3 Nb6 31. hxg5 hxg5 32. Rh3 Rd7 33. Kg3 Ke8 34. Rdh1 Bb7 35. e5 dxe5 36. Ne4 Nd5 37. N6c5 Bc8 38. Nxd7 Bxd7 39. Rh7 Rf8 40. Ra1 Kd8 41. Ra8 Bc8 42. Nc5

Zum Nachspielen:

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Kurz nach dem St. Petersburg Turnier trafen Capablanca und Lasker in Berlin zusammen und vereinbarten, ein 3-Minuten Blitzturnier zu spielen, das Capablanca um 6 ½ -3 ½ gewann. Eine dieser Partien hatte ein wunderschönes Finale, das eher einem künstlerischen Problem ähnelte als der Stellung aus einer normalen Partie.

Finale des Freundschaftsspieles zwischen Capablanca-Lasker, Berlin 1914

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Ausgangsposition des Problems
Diese beiden Marken von Kuba aus den Jahren 1965 und 1988 zeigen die Ausgangslage für dieses Problem, wobei Weiß zieht und auf eine intelligente Weise gewinnt und somit ein Remis verhindert.

Capablanca vs. Lasker

Berlín 1914 | Weiss zieht und gewinnt

(Bild entfernt)

1. Sxc7 Sxc7 2. Ta8+ Sxa8 3. Kc8 Sc7 4. Kxc7 Ka8 5. Kxb6

Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gewann Capablanca weiter mehrere große Turniere.

Im Jahre 1920 gab es weitere Versuche, Dr. Lasker herauszufordern. Schließlich fand im Jahre 1921 der WM-Kampf in La Habana zwischen Dr. Lasker und Capablanca statt, den Capablanca gewann ohne ein Spiel zu verlieren und wurde als Weltmeister erklärt.

Auf den folgenden drei Briefmarken sehen wir Stellungen, die aus Partien dieser Meisterschaft entnommen sind. Diese Partien sind mit instruktiven Kommentaren von José Raúl Capablanca versehen.

Briefmarke der Partie Lasker-Capablanca um den WM-Titel in
La Habana, 1921. Runde 10

(Bild entfernt)

Position nach 43. Sd1

In dieser zehnten Partie gewann Capablanca auf eine brillante Weise. In der in dieser Briefmarke aus Laos wird gezeigt, wie Capablanca eine Falle umgeht. Wenn 43 … Sb4? und laut des Kommentares ist der schwarze Springer gefangen und die Partie ist remis. Capablanca spielte 43 … Tb1! und schließlich nach 44.Kd2 verlor Lasker die Partie..

Emanuel Lasker vs Jose Raul Capablanca
„Havana Knights“ (game of the day Oct-17-08)
Lasker-Capablanca World Championship Match (1921) • Queen’s Gambit Declined: Orthodox Defense. Rubinstein Variation (D61) •0-1

Endstellung

(Bild entfernt)

To move: white Last move: 68… Kd5

1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 Nf6 4. Bg5 Be7 5. e3 O-O 6. Nf3 Nbd7 7. Qc2 c5 8. Rd1 Qa5 9. Bd3 h6 10. Bh4 cxd4 11. exd4 dxc4 12. Bxc4 Nb6 13. Bb3 Bd7 14. O-O Rac8 15. Ne5 Bb5 16. Rfe1 Nbd5 17. Bxd5 Nxd5 18. Bxe7 Nxe7 19. Qb3 Bc6 20. Nxc6 bxc6 21. Re5 Qb6 22. Qc2 Rfd8 23. Ne2 Rd5 24. Rxd5 cxd5 25. Qd2 Nf5 26. b3 h5 27. h3 h4 28. Qd3 Rc6 29. Kf1 g6 30. Qb1 Qb4 31. Kg1 a5 32. Qb2 a4 33. Qd2 Qxd2 34. Rxd2 axb3 35. axb3 Rb6 36. Rd3 Ra6 37. g4 hxg3 38. fxg3 Ra2 39. Nc3 Rc2 40. Nd1 Ne7 41. Nc3 Rc1+ 42. Kf2 Nc6 43. Nd1 Rb1 44. Ke2 Rxb3 45. Ke3 Rb4 46. Nc3 Ne7 47. Ne2 Nf5+ 48. Kf2 g5 49. g4 Nd6 50. Ng1 Ne4+ 51. Kf1 Rb1+ 52. Kg2 Rb2+ 53. Kf1 Rf2+ 54. Ke1 Ra2 55. Kf1 Kg7 56. Re3 Kg6 57. Rd3 f6 58. Re3 Kf7 59. Rd3 Ke7 60. Re3 Kd6 61. Rd3 Rf2+ 62. Ke1 Rg2 63. Kf1 Ra2 64. Re3 e5 65. Rd3 exd4 66. Rxd4 Kc5 67.

Zum Nachspielen:
(Bild entfernt)

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Fortsetzung folgt!

Sitges (Barcelona), im März 2013

Ein tödliches Spiel


(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

– von Mór Jókai, Ungarn * 1825 + 1904

– frei zusammengestellt und bebildert von Frank Mayer

Ort des Geschehens:Albanien

Krieg:Türken, unterstützt von tunesischen Söldnern gegen

griechische Rebellen.

Die Söldnertruppe des tunesichen Anführers Mehemed leistete den Türken eine grosse Hilfe während dieses Krieges.

Im Laufe diese Feldzuges ergab sich, dass Mehemedacht seiner Reiter strategisch an den fünf Brunnen von Artapostierte, wo schon mehrmals nächtliche Überfälle der Griechen erfolgt waren.

(Bild entfernt)

Bild: Franc-Urbano

Die Reiter taten, wie ihnen geheissen.

Als sich gegen Mitternacht ein Fuhrwerk in ihrer Nähe zeigte, hielten sie es an. Der Mann, der die Ochsen führte, rannte davon und liess sein Fuhrwerk zurück.

Auf dem Wagen befand sich ein grosses Fass, und was darin war, konnte man feststellen, ohne die Füsse aus den Bügeln zu nehmen.

(Bild entfernt)

Man brauchte nur den Zapfen herauszunehmen und schon kam ihnen der Duft guten Weinbrandes entgegen.

In der Tat war es ein köstlicher Weinbrand, gebrannt aus Feigen und getrockneten Trauben.

(Bild entfernt)

Den Reitern war von ihrem Befehlshaber ausdrücklich verboten, irgendetwas aus Behältern oder Fässern zu trinken, die sie unterwegs fanden.

In der Tat tranken sie auch nicht wirklich daraus, sondern steckten ein Rohr hinein und saugten so den süssen, genussspendenden Saft.

Es konnte ja wohl nicht schädlich sein, was man durch ein dünnes Schilfrohr einsaugte; etwas, das man nicht einmal als Trinken bezeichnen konnte.

Nach kurzer Zeit stiegen sie von ihren Pferden, setzten sich auf den Rasen, und die ersten vier Ritter waren fest eingeschlafen; wohl wissend, dass noch weitere vier Ritter die Nachtwache halten konnten.

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Bald aber fanden die restlichen vier Wächter, es dauere zu lange, bis sie mit dem Schlafen an die Reihe kamen, und sie einigten sich deshalb darauf, dass zwei sich niederlegen sollten, während die zwei andern wachten.

Marufund Scheferwaren diejenigen, die wachen sollten.

Um sich nicht zu langweilen, beschlossen sie, eine Schachpartie zu spielen, wobei nicht zu vergessen ist, dass die Araber stets ein Schachspiel im Gepäck mit sich führen.

Sie setzten sich in die Nähe des Feuers, damit das Licht der Flammen das Spiel erhellen konnte.

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Die Siege und Niederlagen der beiden Gegner wechselten sich friedlich ab.

Aber Schefermusste immer wieder zwischen den Partien neue Kraft schöpfen und ging deshalb zum Fass, um seinen Glauben an die nächste Partie zu stärken.

Langsam, aber sicher tat der köstliche Weinbrand seine Wirkung, und er konnte kaum noch die Figuren auseinanderhalten.

Er büsste seine Dame ein und stand kurz vor dem Matt.

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Er sah ein, dass er die Partie verlieren würde, unabhängig von der Müdigkeit, die der Weinbrand verursachte.

Sein edler Kriegsgefährte Maruferlaubte ihm, sich zum Schlafen hinzulegen, da er nun die Wache übernehmen würde.

Aber, wie es sich bei allen guten Vorsätzen ergibt, einige werden erfüllt und andere nicht.

Schliesslich übermannte Marufebenso ein tiefer Schlaf.

Die griechischen Rebellen bemerkten bald die “schlafende” Wache und entführten die acht Pferde.

Nur das Pferd von Marufwehrte sich gegen die Entführung, obwohl die Griechen versuchten, es mit aller Gewalt mitzunehmen.

Aber das Pferd befreite sich immer wieder und galoppierte davon.

Da es nun ein treuer Diener seines Herrn war, kehrte es alsbald zu den Brunnen zurück, wo inzwischen die Söldner wieder aufgewacht waren.

(Bild entfernt)

gemalt von Michael Goller

Nun mussten sie aber ihrem Anführer beichten, was geschehen war und erzählten auch, dass die zwei letzten Wachhabenden aus Zeitvertreib Schach gespielt hätten.

Doch ihr Anführer Achmanzadesprach nie ein Urteil im Zorn.

Aus seinem immer ruhigen Antlitz konnte niemand Leben oder Tod ablesen.

“Da für acht Mann nur ein Pferd übrig ist, werdet Ihr einsehen, dass sieben von Euch überflüssig sind.

Denn nirgendwo, nicht einmal im Koran, habe ich davon gelesen, dass acht Mann auf einem Pferd sitzen können.

Wenn ihr so berühmte Schachspieler seid, dann tretet gegeneinander an! Entscheidet darüber, welcher von Euch auf dem einzigen Pferd sitzen wird!

Die anderen werden vom Todesengel erwartet.”

(Bild entfernt)

Daraufhin liess Achmanzadevier Schachbretter bringen und liess sie gegeneinander spielen. Der jeweilige Verlierer wurde von zielsicheren Schützen erschossen.

Schliesslich blieben nur noch Marufund Scheferübrig, die dann die letzte Partie spielen mussten, die sich zu einem Drama entwickelte.

Scheferbefand sich im Nachteil, aber plötzlich entdeckte er einen Gewinnzug mit dem Opfer seiner Dame für den Turm des Gegners.

Bevor er jedoch diesen Zug ausführte, fragte er Maruf:

“Maruf, wieviel Kinder hast Du zu Hause?”

Marufantwortete: “Vier und meine Frau ist mit dem fünften Kind schwanger.”

“Nun gut”, erwiderte Schefer.“In der letzten Nacht hattest du schon die Partie gewonnen und obwohl du wegen Deines Sieges an der Reihe warst, dich zum Schlafen zu legen, verzichteste du darauf und liessest mich dafür in einen erholsamen Schlaf fallen.

Marufnickte zustimmend.

“Du warst immer ein grossartiger und ausgezeichneter Kamerad für mich, Maruf!”

Jener neigte melancholisch seinen Kopf.

Scheferstreckt die Hand aus und zieht – nicht mit der Dame, sondern mit dem Läufer und verlor die Partie.

Alle, die dort im Kreis stehen, rufen: “Maruf hat gesiegt, Scheferhat verloren!”

Schefererhob sich ruhig von seinem Platz, drückte seinem reglosen Gefährten die Hand und gab den Bewaffneten einen Wink, dass er bereit sei.

Marufblieb vor dem Schachbrett sitzen, er starrte mit leeren Augen vor sich hin und stellte mit fahrigen Händen von Neuem die Figuren auf.

Doch er tat es wie einer, der noch nie die richtige Aufstellung gesehen hatte, mischte Weiss mit Schwarz, mischte Offiziere mit Bauern.

(Bild entfernt)

gemalt von Nicolas Sphicas

“Du kannst aufstehen!” rief ihm Achmanzadezu.

“Besteig’ Dein Pferd! Du bist’s, der am Leben bleibt!”

Doch Maruf blieb sitzen und starrte vor sich hin. Er vollführte Züge, vor und zurück, und schaute lachend auf die Figuren.

Wie seltsam sie doch sind! Eine hat einen Turban, eine andere einen Pferdekopf.

“Hebt ihn auf!” befahl Achmanzade.

Zwei Kameraden stellten ihn auf die Beine.

Er starrte weiter ins Leere, unheimlich lächelnd.

Himmel, Erde und Menschen erkannte er nicht mehr, ohne Sinn schweifte sein Blick umher, und unmenschlich waren seine Laute, die er von sich gab.

(Bild entfernt)

gemalt von Nicolas Sphicas

Wahnsinn hatte beim letzten Zug sich seiner bemächtigt.

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Sitges (Barcelona), im März 2013

Eine Hängepartie

(Bild entfernt)Gemalt von Elke Rehder

London International Chess Congress London (13), 1922

(Bild entfernt)

Der damalige Weltmeister Capablanca und der jugoslawischen Großmeister Dr. Milan Vidmar vereinbarten offensichtlich eine Hängepartie mit dem im verschlossenen Kuvert notierten Zug 42. Tb8+ von Weiss, um sie am nächsten Tag zu beenden.

Vidmar war schon der Auffassung, dass seine Position verloren war, aber er wolllte noch nicht aufgeben, um noch weiter zu analysieren. Es scheint, dass die Spieler versuchten sich zu verständigen, aber beide in einem nicht so guten Französich. Was Vidmar aber klar verständlich sagte, dass er sehr schlecht stehe und eigentlich aufgeben müsste.

Am nächsten Tag wurde die Partie wieder aufgenommen, aber Capablanca erschien nicht und seine Uhr fing an zu laufen.

Während der Wartezeit sah sich Vidmar im Saal um und begutachtete noch andere laufenden Partien.

Vidmar wurde unruhig und sprach den Schiedsrichter an mit dem Hinweis, dass sein Gegner noch nicht gekommen sei, aber noch genügend Zeit sei, um die Partie rechtzeitig fertig zu spielen. Als die für Capablanca noch verfügbare Zeit immer knapper wurde, wies Vidmar den Schiedsrichter nochmals auf den Umstand hin. Es blieben nur noch einige Minuten, und Capablanca war noch nicht am Brett erschienen.

(Bild entfernt)

Vidmar wurde immer sorgenvoller und dachte über die bei der Verabschiedung am Vorabend gewechselten Worte nach und kam schliesslich zu der Ansicht, dass sein Gegner wohl der Annahme gewesen sein musste, dass Vidmar aufgegeben habe.

Es fehlten nur noch ein paar Sekunden, bis das Blättchen fallen musste. Unter Aufsicht des Schiedsrichters beeilte sich Vidmar nun, seinen König in die Mitte des Brettes als Zeichen seiner Aufgabe zu legen und vermied so, dass der Weltmeister durch Zeitüberschreitung verloren hätte.

Capablanca tauchte später auf und war überrascht, dass die Partie aufgebaut war und noch gespielt wurde, aber er als er an das Brett trat, lächelte er zufrieden, den König von Vidmar als Zeichen der Aufgabe auf dem Brett hingestreckt zu sehen.

Nachstehend nun die entsprechende Partie:
CAPABLANCA vs. VIDMAR

(Bild entfernt)

Kommentiert von NM Hebert Pérez García

aus Holland

(Bild entfernt)

Capablanca, José Raúl – Vidmar, Milan Dr. [D64]

London BCF Congress London (13), 1922

1. d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 e6 4. Sc3 Le7 5.Lg5 Sbd7 6. e3 0–0 7.Tc1 c6 8.Dc2 dxc4 9. Lxc4 Sd5 10. Lxe7 Dxe7 11. 0–0 b6 12.Sxd5 cxd5 13.Ld3 h6 14.Dc7 Db4 15.a3 Da4 16.h3 Sf6 17.Se5 Ld7 18.Lc2 Db5 19.a4 Dxb2 20.Sxd7 Tac8 21.Db7 Sxd7 22.Lh7+ Kxh7 23.Txc8 Txc8 24.Dxc8 Sf6 25.Tc1 Db4 26.Dc2+ Kg8 27.Dc6Da3 28.Da8+ Kh7 29.Tc7 Dxa4 30.Txf7 Dd1+ 31.Kh2 Dh532.Dxa7 Dg6 33.Tf8 Df5 34.Tf7 Dg6 35.Tb7 Se4 36.Da2 e5 37.Dxd5 exd4 38.Tb8 Sf6 39.Dxd4 Df5 40.Txb6 Dxf2 41.Dd3+ Kg8

Der von Capablanca abgegebene Zug war 42. Tb8+ und der “ritterliche” Dr. GM Vidmar legte seinen König aufs Brett als Zeichen des Partieverlustes: 1 – 0

Endstellung:

(Bild entfernt)

To move black:

1. d4 d5 2. Nf3 Nf6 3. c4 e6 4. Nc3 Be7 5. Bg5 Nbd7 6. e3 O-O 7. Rc1 c6 8. Qc2 dxc4 9. Bxc4 Nd5 10. Bxe7 Qxe7 11. O-O b6 12. Nxd5 cxd5 13. Bd3 h6 14. Qc7 Qb4 15. a3 Qa4 16. h3 Nf6 17. Ne5 Bd7 18. Bc2 Qb5 19. a4 Qxb2 20. Nxd7 Rac8 21. Qb7 Nxd7 22. Bh7 Kxh7 23. Rxc8 Rxc8 24. Qxc8 Nf6 25. Rc1 Qb4 26. Qc2 Kg8 27. Qc6 Qa3 28. Qa8 Kh7 29. Rc7 Qxa4 30. Rxf7 Qd1 31. Kh2 Qh5 32. Qxa7 Qg6 33. Rf8 Qf5 34. Rf7 Qg6 35. Rb7 Ne4 36. Qa2 e5 37. Qxd5 exd4 38. Rb8 Nf6 39. Qxd4 Qf5 40. Rxb6 Qxf2 41. Qd3 Kg8 42. Rb8

In der Tat eine richtige Entscheidung, da Schwarz keine Verteidigung mehr hatte.

Sehen wir uns doch noch ein paar Hauptvarianten an nach dem von Capablanca abgegebenen Zug:

[42.Tb8+ und wenn 42..Kf7 43.Tb7+ Ke6 44.Dc4+ Kf5 45.Te7 Kg5 (45…Kg6 46.Df7+ Kf5 47.Dxg7 Dh4 48.e4+ Kf4 (48…Sxe4 49.De5+ Kg6 50.Tg7#)49.g3++-) 46.Txg7+ Kf5 (46…Kh5 47.Dc5+ Kh4 48.Tg6+-)47.Dc5+ Ke4 48.Te7+ Kd3 49.Dd4+ Ke2 50.Ta7+- mit Sieg für Weiss.]

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

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Endstand:

London

(Bild entfernt)

Quelle: Richard Guerrero, ajedrezespectacular.com

Sitges (Barcelona), im März 2013

Captain Evans

(Das Evans-Gambit)

(Bild entfernt)

Gemalt von Hugo Schnars – Alquist

Von Pau Pascual

Es klingt wie ein Märchen:

Wir sind auf hoher See.

Zwischen Milford Haven und Waterford. Ein grauer Spätherbst 1824. Windböen, raue See und eisige Kälte. William Davies Evans ist 34 Jahre alt und überquert das Meer seit 20 Jahren.
Er spielt eine Partie Schach und gewinnt sie.
Es war auf dem Meer, schon vor langer Zeit, als der junge William sich für dieses Spiel begeisterte.
Niemals wird er ein hochrangiger Spieler sein, aber wird einen tiefen Eindruck in der Geschichte des Schachs hinterlassen.

(Bild entfernt)

Auf der linken Seite sehen wir den ungefähren Standort, wo das Evans Gambit entdeckt wurde.
Auf der rechten Seite: Captain Evans

Kapitän Evans kratzt sich am Bart und spielt mit Weiß. Er begann mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5. Die italienische Eröffnung.

Mit natürlicher Bewegung der Hand will er den nächsten Zug spielen; voraussichtlich, um den c-Bauern vorzurücken. Plötzlich trifft eine schwere Welle das Schiff, das sich zur Seite neigt. Evans rückt achtlos den Bauern b2 nach vorne… „Figur berührt – geführt,“ geht ihm durch den Kopf.

Der Kapitän nimmt die Bauern b2 und nach einem eindringlichen Blick auf seinen Gegner rückt er den Bauern zwei Felder vor. Das ist die “Geburt” des Evans-Gambites: 4.b4! Ein Bauernopfer, dass wie angegossen in den romantischen Geist der Zeit passt.

(Bild entfernt)

Stellung kurz nach dem Wellenschlag: 4.b4!

Dank einer Laune der Natur hat Evans einen versteckten Pfad entdeckt: die Zeit, die Schwarz verlieren wird, wenn er das Gambit annimmt. Die Idee ist also, den schwarzen Läufer mit 4 … Lxb4 zu locken und für Weiss nach 5. c3 die wertvolle Zeit hat, das Zentrum mit d4 zu öffnen.

(Bild entfernt)

Perspektive nach 4 … Lxb4

Die Strategie besteht in “tempus versus material”.
Es wird ein starkes Zentrum aufgebaut mit c3 und d4 und öffnen gefährliche Diagonalen zum Angriff für Weiss, zum Beispiel:

(Bild entfernt)

Stellung nach 4 … Lxb4 5.c3 La5 6. 0-0 Sf6 7. d4 exd4 8. cxd4

Obwohl es bei dieser Eröffnung üblich ist, den Bauern anzunehmen, können Sie das Gambit auch ablehnen und wie folgt fortsetzen: 4 … Ld6, 4 … Le7 oder 4 … d5. Es gibt für jeden Geschmack etwas. Nun seid Ihr dran.

Jahre danach lernte Kapitän Evans zufällig den Meister Alexander McDonnell kennen, einen relevanten Spieler der romantischen Schule, der die Verbreitung dieser Variante der italienischen Öffnung stark beeinflusste.
So kam es, dass ab dann das Evans-Gambit von den Elite-Spielern wie McDonnell, Labourdonnais, Morphy, Staunton, Anderssen und Blackburne angewendet wurde.

Sehen wir uns einige Partien an, in denen das Evans-Gambit in jenen Jahren gespielt wurde:

(Bild entfernt)

Captain Evans vs Alexander McDonnell. Zwei bärtige Schachspieler

(Bild entfernt)
„Evans Almighty“ ((Bild entfernt) Dec-01-07)
London (England) 1829 · Italian Game: Evans Gambit. Accepted (Bild entfernt) · 1-0

Endstellung:

(Bild entfernt)

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Bc5 6. O-O Nf67. d4 exd4 8. cxd4 Bb6 9. e5 d5 10. exf6 dxc4 11. Re1 Kf812. Ba3 Kg8 13. d5 Na5 14. Be7 Qd7 15. fxg7 Kxg7 16. Qd2 Qg4 17. Qc3 Kg8 18. Qxh8 Kxh8 19. Bf6 Qg7 20. Re8 #

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

Adolf Anderssen vs Jean Dufresne. Die Immergrüne, eine herrliche Partie.

(Bild entfernt)
„The Evergreen Partie“ ((Bild entfernt) May-18-07)
Berlin GER 1852 · Italian Game: Evans Gambit. Pierce Defense (Bild entfernt) · 1-0

Endstellung:

(Bild entfernt)

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Ba5 6. d4 exd47. O-O d3 8. Qb3 Qf6 9. e5 Qg6 10. Re1 Nge7 11. Ba3 b5 12. Qxb5 Rb8 13. Qa4 Bb6 14. Nbd2 Bb7 15. Ne4 Qf5 16. Bxd3 Qh5 17. Nf6 gxf6 18. exf6 Rg8 19. Rad1 Qxf3 20. Rxe7 Nxe7 21. Qxd7 Kxd7 22. Bf5 Ke8 23. Bd7 Kf8 24. Bxe7#


Zum Nachspielen:


(Bild entfernt)

(Bild entfernt)


La Bourdonnais vs McDonnell. Eine der Partien als beispielhaftes Duell der Epoche:

(Bild entfernt)
London 1834 · Italian Game: Evans Gambit. Main Line (Bild entfernt) · 1-0

Endstellung:

(Bild entfernt)


To move: black Last move: 23. Rg3

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Ba5 6. d4 exd4 7. O-O d6 8. cxd4 Bb6 9. d5 Na5 10. Bd3 Nf6 11. Nc3 O-O 12. h3 Bd7 13. Bg5 h6 14. Bh4 g5 15. Nxg5 hxg5 16. Bxg5 Bd4 17. Ne2 Bxa1 18. Qxa1 Kg7 19. f4 Qe7 20. Qc3 b6 21. Rf3 Nc4 22. Bxf6 Qxf6 23. Rg3+

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

Das Genie Paul Morphy vs. Theodore Lichtenhein.

(Bild entfernt)
New Orleans 1857 · King’s Gambit: Accepted. Modern Defense (Bild entfernt) · 1-0

Endstellung:

(Bild entfernt)

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Bc5 6. O-O Nf6 7. d4 exd4 8. cxd4 Bb6 9. e5 d5 10. exf6 dxc4 11. fxg7 Rg8 12. Re1 Ne7 13. Bg5 Be6 14. Nc3 Ba5 15. Ne4 Rxg7 16. Nf6 Kf8 17. Re5 c6 18. Bh6 Nf5 19. Rxe6 fxe6 20. Ng5 Ke7 21. Bxg7 Nxg7 22. Qf3 Qxd4 23. Rd1 Bd2 24. Ng8 Rxg8 25. Qf7 Kd8 26. Nf3

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

Hermann Clemenz vs. Eisenschmidt in einem romantischen Spiel mit schönem Ausgang.

(Bild entfernt)
„‚Twas the Knight Before Christmas“ ((Bild entfernt) Dec-24-06)
Dorpat – 1890 · Italian Game: Evans Gambit. Morphy Attack (Bild entfernt) · 1-0

Endstellung:

(Bild entfernt)

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Bc5 6. d4 exd47. cxd4 Bb6 8. O-O d6 9. Nc3 Bd7 10. e5 dxe5 11. Re1 Nge712. Ng5 Be6 13. Bxe6 fxe6 14. Nxe6 Qd6 15. Nxg7 Kf816. Qg4 Bxd4 17. Ne4 Qb4 18. Ne6 Ke8 19. Nf6 Kf7 20. Ng5 Kf8 21. Ba3 Qxa3 22. Qe6 Nd8 23. Qf7 Nxf7 24. Ne6
Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

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Sechzehn Jahre nach dem „schweren Wellenschlag“ spielte Kapitän Evans mehrmals wieder gegen Howard Staunton in London, aber leider sind die Partienotationen nicht mehr auffindbar.

Das “romantische” Schach entwickelte sich vollständig in den Jahren 1830 und 1880.
Die Partien waren viel offener und waren vorzugsweise mehr von taktischer als strategischen Bedeutung.
Die Meister der Romantik entwickelten ihre Phantasie und Vorstellungskraft auf dem Brett.
Ihr Bedürfnis und Ziel war, Schönheit zu schaffen.
Sie spielten vor allem Gambits, schufen brillante Opfer und spektakuläre Mattangriffe.
Diese Phase der Geschichte des Schachs erklärte der deutsche Meisters Adolf Anderssen, der einmal sagte: “ Die wahre Kunst des Schachspiels liegt in den Kombinationen“ .
Natürlich konnte er nicht ahnen, dass später mehr strategische und positionelle Konzepte entwickelt wurden, die das Schach noch tiefgründiger und schöner gestaltete.

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Quellen: chessgames.com – chess.com

Sitges (Barcelona), im März 2013

Der Meteorit

(Bild entfernt)

von Jaroslav Veis – angepasst und illustriert von Frank Mayer

Präambel:

Dämmerung.

Dunkle, schwere Eichenmöbel, dunkle, schwere Samtvorhänge, die in weichen Falten über vergilbte Stores fallen.

Dunkle Türen, dunkle Bilder in brüchigen Rahmen, gedämpftes Licht.

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Gemalt von Marcel Duchamp

So ist es gut.

Dunkle Welt.

So ist es erträglich.

Das Interview:

„Meister, man sagt von Ihnen, Sie leuchten wie ein Meteorit. Sie strahlen blendendes Licht aus, in der die ganze Schachwelt nur als schwacher Abglanz erscheint.

Wie würde Ihnen der Beiname <amerikanischer Meteorit>

gefallen?”

“Amerikanischer Meteorit?”

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“Sie interessieren sich für Schach, Madam?”

“Miss Helen Cartwright, Meister. “Daily News”.

Nein, ich interessiere mich nicht für Schach.

Das ist für Frauen zu metaphysisch.

Aber ich interessiere mich, wir alle interessieren uns für berühmte Persönlichkeiten.

Und Sie sind nach dem Kampf gegenDerandes der Held des Tages.

Wissen Sie, dass Sie der erste Schachspieler sind, dem die

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ganze zwei Spalten auf der ersten Seite widmen will?”

“Hmm. Ich nehme an…..das ist für mich eine grosse Ehre.

Miss Cartwright. Wahrscheinlich verdiene ich das gar nicht.“

“Erlauben sie, Meister, aber das wissen wir besser. Ich verstehe nichts vom Schach und Sie verstehen nichts vom Journalismus.

Es kommt alles auf die Aufmachung an. Wenn man es geschickt anfängt, werden unsere Leser sich morgen um eine Autogramm von Ihnen prügeln.”

“Wirklich?”

“Gewiss. Und deshalb möchte ich wissen, was Sie von diesem Beinamen halten. Beinamen ziehen nämlich, das wissen wir aus Erfahrung.

<Der amerikanische Meteorit>, das klingt doch gut.”

“Ich …..ich weiss nicht. Und Sie glauben wirklich, ich strahle?”

“Hauptsache, unsere Leser glauben es. Wir machen aus Ihnen ein Symbol des Lichts, den Cäsar des Schachbretts!

Veni vidi vici

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“Er kam, sah und siegte. Und das alles in bloss drei Jahren!”

Und das alles bloss in drei Jahren.

Und das alles…

Das Resultat:

Bilder. Ein Strom von Bildern, bekannten, halbvergessenen, immer tiefer, langsam vorbeifliessend. Er steht in der Mitte, unbeweglich, allein.

Weisse und schwarze Felder, in denen die Welt sich spiegelt. Nun kommen graue Schatten hinzu.

(Bild entfernt)

Gemalt von David Spa

Das Leben. Ein toller Wirbel kurzer Episoden.

Verwirrrung. Suchen. Angst.

Der Schluss:

Auch nach vielen Jahren wird man den Meister auf dieser Erde nicht vergessen, der als Meteorit bei seiner Reise durch das All wunderbare Erlebnisse erfahren durfte.

Die Welt um ihn herum trat auseinander und er mit ihr,

(Bild entfernt)

Läufer,

gemalt von Elke Rehder

(Bild entfernt)

Damen,

gemalt von Elke Rehder

(Bild entfernt)

Springer

gemalt von Elke Rehder

(Bild entfernt)

und Türme

gemalt von Elke Rehder

entfernten sich kreiselnd in den Weltraum hinaus und verwandelten sich in strahlende Sterne.

Noch ein letztes Mal blickte er zurück, dann flog er bereits, restlos glücklich, dem leuchtenden Dunkel entgegen.

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Sitges (Barcelona), im März 2013

Historisches Lebendschach

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

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vonPauPascual
Im Gegensatz zum normalen Schach, das in der Regel mit Holzfiguren gespielt wird, wird das „Schach mit lebendigen Figuren“ mit wirklichen Menschen dargeboten.

Ein lebendiges Schachspiel ist wie ein echtes Theaterstück, das eine perfekte Entwicklung erfordert, eine gute und angemessene Kleidung für die Darsteller.
José Raúl Capablanca spielte auch diese Art von Schach.Auf dem nachstehenden Bild sehen wir eine wunderbare Partie gegen Hermann Steiner, die im Jahre 1933 in Los Angeles gespielt wurde.Capablanca und Steiner sitzen im Hintergrund, jeder vor seinem Brett. Wie Sie vielleicht sehen können, scheint es, dass sich ihre Blicke mehr den Beinen der Bauern widmen, als den Figuren aus Holz………Aber die Wahrheit ist, dass die Partie ein außergewöhnliches Niveau hatte.(Bild entfernt)

Die Stellung nach 12 … fxe6 (gesehen von der „schwarzen“ Seite.)Diagramm entsprechend der Position des Bildes:

(Bild entfernt)

Hier würde dann die weiße Dame entlang der Diagonalen bis g4 ziehen und sich vor den „korpulenten“ Herren stellen, Schach auf der offenen Linie geben und einen unaufhaltsamen Angriff einleiten.
Vorher im selben Spiel, das Foto von einer anderen Seite gesehen, erkennt man den Läufer (als weisser Bischof verkleidet), just in dem Augenblick, als er von c4 wegziehen will, wendet er seinen Blick auf das unbeirrte Mädchen, das gerade von c7 nach c6 geschritten war. Nach 10. Lc4 geht der schwarze Läufer (Bischof) auf d6.

Wahrscheinlich ist dieser Zug schon der Anfang der Verlust der Partie für Schwarz.

(Bild entfernt)

Position nach 9 … c6

Die Partie ist sehr interessant. Weiß, nach der Schwächung der schwarzen Rochade, opfert zuerst einen Turm und nach einem stürmischen Angriff opfert er den anderen Turm in einem spannenden Endspiel mit einem Schachmatt.

José Raúl Capablanca gegen Herman Steiner [C49]
Los Angeles, USA. 1933

(Bild entfernt)

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Sc3 Sf6 4. Lb5 Lb4 5. O-O O-O 6. d3 d6 7. Lg5 Lxc3 8. bxc3 Se7 9. Sh4 c6 10. Lc4 Le6 11. Lxf6 gxf6 12. Lxe6 fxe6 13. Dg4+ Kf7 14. f4 Tg8 15. Dh5 Kg7 16. fxe5 dxe5 17. Txf6 Kxf6 18. Tf1+ Sf5 19. Sxf5 exf5 20. Txf5+ Ke7 21. Df7+ Kd6 22. Tf6+ Kc5 23. Db7 Db6 24. Txc6+ Dxc6 25. Db4# 1-0

Hier nun die analysierte und kommentierte Partie:

PARTIE CAPABLANCA vs HERMAN STEINER

(Bild entfernt)

von NM Hebert Pérez García

Capablanca,José Rául – Steiner,Herman [C49]

Los Ángeles, USA, 1933 – Lebendschach

1. e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6

4.Lb5 Lb4 [Gegenwärtig hat die von Akiva Rubinstein eingeführte Variante mit 4. ..Sd4!? immer noch seine Gültigkeit.]

5.0–0 0–0 6.d3 d6 7.Lg5 Lxc3

8. bxc3 Se7[ Üblich und sehr populär ist die Fortsetzung: 8…De7 9.Te1 Sd8 10.d4 Se6 11.Lc1,etc.]

9.Sh4 c6[Eine andere Option ist 9…Sg6, obwohl Weiss dadurch etwas aktiver wird – z.B. 10.Sxg6 fxg6 11.Lc4+ Kh8 12.f4, etc]

10. Lc4

(Bild entfernt)

Schwarz zieht

10..Le6?[Ein schwerer Fehler, der von dem Ex-Weltmeister José Raúl Capablanca auf eine brilliante Weise beantwortet wird. Die moderne Theorie rät zu folgender möglichen Fortsetzung: 10…d5!? 11.Lb3 dxe4 12.Lxf6 gxf6 13.dxe4 Dxd1 14.Taxd1 Sg6 15.Sxg6 hxg6 16.Td6 Kg7 17.f4 exf4 18.Txf4 Le6 19.Lxe6 fxe6, etc.]

11. Lxf6! gxf6 12.Lxe6 fxe6 13.Dg4+ Kf7

14. f4± Tg8?[Dieser neue Fehler von Schwarz hat schreckliche Folgen.

Die Stellung von Schwarz war inzwischen schon recht schwierig geworden; unzureichend ist auch der Verteidigungsversuch 14…Sg6,

wegen 15.f5 exf5 16.Txf5 Sf4 17.Tf1! Tg8 18.Df3 Ke6 19.g3 Kd7 20.Kh1+-]

15. Dh5++- Kg7 16.fxe5 dxe5

(Bild entfernt)

Weiss zieht

In dem er wieder einmal seine geniale Kreativität zeigt, beendet Capablanca die Partie auf eine elegante und tadellose Schlagkraft.

17. Txf6! Kxf6 18.Tf1+ Sf5 19.Sxf5+-[oder auch 19.exf5+-] 19…exf5 20.Txf5+ Ke7 21.Df7+ Kd6 22.Tf6+ Kc5

(Bild entfernt)

Weiss zieht

23.Dxb7! Db6 24.Txc6+ Dxc6

25.Db4 ¡ Matt !1–0

Taktisch gesehen glänzt das Spiel von Capablanca durch seine Genauigkeit und Harmonie.

Wir empfehlen den Schachfreunden eine aufmerksame Analyse, die Ihnen sicher einen wertvollen Unterricht anbieten wird.

(Bild entfernt)

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Schachmatt

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

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Sitges (Barcelona), im Februar 2013

Schachphilosophie im 11. Jahrhundert

(Bild entfernt)

Gemalt von Ludwig Deutsch

Weil dieses Leben nicht mehr ist

ich hoffe, dass Ihr das beweisen könnt –

als ein verschwommenes Schachbrett für das komplizierte Spiel.

Die weissen Felder: die Tage

die schwarzen Felder: die Nächte….

Und auf dem Brett beschäftigt sich das Schicksal mit den Menschen, wie sie die Figuren bewegen

nach Belieben ohne Ordnung…..

Und eine nach der anderen wandert in das Kästchen.

Von nichts ohne Namen.

Omar Khayyam

(Bild entfernt)

Omar Khayyam (* 18 Mai 1048 – + 4 .Dezember 1131 ) war ein persischer Mathematiker, Astronom, Philosoph und Dichter, geboren in der damaligen Hauptstadt Nischapur, Provinz Chorasan.

Der Selschukenfürst Malik Schah I. beauftragte Omar Khayyām 1073 mit dem Bau eines Observatoriums und der Erstellung eines Sonnenkalenders zu astrologischen Zwecken. Omars Kalender war genauer als der 500 Jahre spätere Gregorianische Kalender. Der moderne iranische Kalender beruht auf seinen Berechnungen.

(Bild entfernt)

Statue Omar Khayyāms, Iran

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Sitges (Barcelona), im Februar 2013

Partisan, Schachspieler und Nationalheld

(Bild entfernt) Gligoric 1959 Zürich

von Javier Cordero Fernández

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Respektiert und von seinen eigenen Landsleuten bewundert zu werden, ist eines der Ziele für einen Menschen.

Svetozar Gligoric (* 2.2.1923 in Belgrad + 14.8.2012 ebenda) schaffte es und setzte dies auf zwei verschiedene Arten als Kriegsheld und Held auf dem Schachbrett in die Tat um.

In chronologischer Reihenfolge müssen wir mit den Ereignissen während des Zweiten Weltkriegs beginnen. Im Jahr 1941 fielen die Nazis in Jugoslawien ein und zwar als Teil des Planes im Hinblick auf die zukünftige Invasion in die UdSSR. Gegen die gut bewaffneten Nazi-Verbände konnten sich die Jugoslawen vorerst kaum wehren, so dass das Land bald ganz besetzt wurde.

Die harten Repressalien der Invasoren gegenüber der Bevölkerung (100 Menschen zu töten für jeden gefallenen deutschen Soldaten) führte zu einer massiven Zunahme der Befreiungsbewegung: die Partisanen. Es ist leicht vorstellbar, dass der junge Svetozar Gligoric sich diesem Widerstand anschloss.

(Bild entfernt)

Courtesy Arqto. Roberto Pagura
Die Partisanen kämpften für die Befreiung ihres Landes und halfen auch an der sowjetischen Front. Sie konnten fast 800.000 Kämpfer in ihren Reihen vereinen, so dass es sich hierbei nicht um einen Gruppe einfacher Widerstandskämpfer handelte, sondern um eine vollwertige Armee. Die Kämpfe zogen sich über Jahre hin, wobei die deutschen Truppen mit aller Macht versuchten, diese Widerstandsbewegung auszulöschen, was aber nicht gelang. Schließlich erreichte die jugoslawische Widerstand die totale Befreiung des Landes im Herbst 1944.

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Svetozar Gligoric in den 50iger Jahren

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stoppte seine weitere Entwicklung, die brillant begonnen hatte. Gligoric wiederholte zwar noch 1940 und 1941 seinen Erfolg mit den Meisterschaften von Belgrad, doch nachdem seine Mutter (37-jährig) 1940 verstorben war, rührte er bis 1945 keine Schachfigur mehr an.

Ausserdem unterbrach der Krieg unterbrach drastisch seine Schachlaufbahn, weil er für die Befreiung des Landes dauernd im Einsatz war.

Sofort nach dem Krieg 1945 wand er sich anderen „Schlachten“ zu, die dieses Mal auf dem Schachbrett ausgefochten wurden, und zwar mit großem Erfolg.

In jenem Jahre siegte er (ausser Konkurrenz mitspielend) bei der Bulgarischen Meisterschaft in Sofia und gewann (mit zwei Punkten Vorsprung) zur Jahreswende 1945/46 das „Freiheitsturnier“ von Ljubljana, vor den Erzgegnern Jugoslawiens, Milan Vidmar und Vasj Pirc.

Seine Karriere wurde durch gute Ergebnisse in den hochquotierten Turnieren bestätigt; er war aber nie in der Lage, in die starke Riege der Sowjets bei den Qualifikationen zu den Weltmeisterschaften einzudringen. Trotzdem gelang es ihm, sich unter den Top-10 für mehrere Jahre zu halten, was ihn zu einem Idol in Jugoslawien machte.

Im Jahre 1951 wurde Gligoric der Grossmeisterteiel verliehen.

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Hier mit Bobby Fischer 1958

Er war einer der spielfreudigsten Schachmeister seiner Zeit:

Insgesamt zwölfmal Meister von Jugoslawien, ausser 1947 noch 1948 (geteilt), 1949, 1950, 1956, 1957, 1958 (geteilt), 1959, 1960, 1962, 1965 und 1971.

Im November 1958 lag er gemäss der nachträglich berechneten historischen Elo-Zahl von 2.743 auf Platz 6 der Welrangliste.

Die hervorragenden Leistungen von Gligoric gaben einen großen „schachlichen“ Schub in Jugoslawien und bewirkte, dass das Spiel stets beliebter wurde, als es ohnehin schon war.

Partiebeispiel:

Zu den bekanntesten Partien von Gligoric zählt sein Schwarzsieg gegen Ex-Weltmeister Tigran Petrosjan bei Turnier von Zagreb.

Siehe Partie und die Kommentare von Hebert Pérez García aus Holland:

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Petrosian,Tigran V – Gligoric,Svetozar [E97]

Rovinj/Zagreb Zagreb (5), 16.04.1970

Bei dieser Begegnung handelte sich um eine bemerkenswerte Partie, die mit dem Schönheitspreis bei diesem internationalen Turnier ausgezeichnet wurde.

Die Leistung des jugoslawischen Grossmeisters Svetorzar Gligoric war ausgezeichnet.

Trotz allem kommentierte Gligoric in seiner Biographie diese Partie wie folgt: “Ich spiele gegen die Figuren”

(Bild entfernt)

Bild Amazon.de

und bestätigte: “ich unternahm einen Angriff auf den gegnerischen Königsflügel aufgrund der schwierigen Umstände, die ich erkannte.”

Wagemutig unternahm Gligoric ein spektakuläres Figurenopfer, um eine riskante und dynamische Position zu schaffen.

In der heutigen Zeit besteht immer noch das Dilemma, ob das Figurenopfer richtig war.

Nach unserer Meinung sollten wir diese Partie genauestens analysieren und zusätzlich, die interessanten Kommentare von Gligoric selbst über seine Partie lesen.

Petrosian, Tigran V – Gligoric, Svetozar [E97]

Rovinj/Zagreb Zagreb (5), 16.04.1970

[MN Hebert Pérez García]

1. d4 Sf6 2. c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0–0 6.Sf3 e5 7.0–0 Sc6 8.d5 Se7 9.b4 Sh5

10. Sd2!?[Eine theoretische Überraschung von Petrosian, die aus seinen Vorbereitungen von dem vorangegangen match gegen Boris Spassky stammt.]10..Sf4! [Eine noch gültige Variante] 11.a4 f5 12. Lf3 g5 13.exf5 Sxf5 14.g3

(Bild entfernt)

Schwarz am Zug

14. ..Sd4!?[Obwohl die heutigen starken elektronischen Schachprogramme dieses Opfer von Schwarz bezweifeln, gefällt uns persönlich dieser Zug und die damit verbundene Idee.

Für einen “menschlichen” Schachspieler liegt es auf der Hand, dass die “praktischen Chancen” von Schwarz realistisch und eine mögliche Ablehnung sich rein hypothetisch darstellt. Trotz allem sind wird einverstanden, dass 14…Sh3+! die richtige Fortsetzung war, zum Beispiel: wenn 15.Kg2 Dd7 16.Sde4 Sd4 17.Le2 Df5= etc.]

15. gxf4 Sxf3+[oder auch 15…exf4 16.Sde4 Sxf3+ 17.Dxf3 g4 etc.]

16. Dxf3[Vorsichtiger und vielleicht besser war, mit 16.Sxf3!? exf4 17.Ta3! etc. fortzusetzen.]

16…g4[Eine andere mögliche Option war 16…exf4 17.Sde4 g4]

17. Dh1 exf4 18.Lb2[Hier konnte sich Petrosian genauer mit 18.Ta3!? verteidigen.]

18…Lf5 19.Tfe1 f3[In Betracht kam auch der attraktive Zug 19…Dh4!?]

20. Sde4[Die Programme empfehlen: 20.Sf1]

20…Dh4![Gligoric setzt sein aktives Spiel fort, wobei er sogar die solide Variante mit 20…Lxe4 21.Txe4 Dg5 = ausschlägt.]

21. h3?![Der starke Angriff von Schwarz wächst. Die Programme legen 21.Sg3 Lg6 (21…Dh3 22.Te7) etc. nahe.] 21…Le5! 22. Te3?[Ein Fehler, der den Verlust der Partie beschleunigt. Man sollte hier 22.Sd1 gespielt haben.]

22…gxh3–+[Es gibt keinen Widerstand mehr gegen den schwarzen Angriff.]

23. Dxf3 Lg4 24.Dh1 h2+ 25.Kg2 Dh5 26.Sd2 Ld4[Der Textzug ist gut, aber stärker ist: 26…Dg5!]

27. De1 Tae8–+

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[Es gewann auch 27…Lxe3! 28.Dxe3 Tf3! 29.Sxf3 Dh3+–+]

28. Sce4 Lxb2 29.Tg3 Le5 30.Taa3 Kh8[ Es gewann auch die prosaische Lösung 30…Lxg3! 31. Txg3 Txf2+!]

31. Kh1 Tg8 32.Df1 Lxg3 33.Txg3 Txe4!Und Weiss gibt auf:

0-1

Endstellumg

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Zum Nachspielen:

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Gligoric war ein äusserst aktiver und facettenreicher Mensch. Von Beruf Journalist und ein grosser Liebhaber der Musik. Er beherrschte mehrere Fremdsprachen.

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Bemerkenswert ist, dass er sich nicht ausschliesslich dem Schach widmete, was den hervorragenden Ergebnissen noch einen grösseren Verdienst verleiht. Er war Schiedsrichter bei mehreren Weltmeisterschaften und seine journalistische Arbeit beschäftigte sich ebenso mit dem Schach, wobei er einen Text mit dem Titel „Das Spiel des Monats“ schrieb, der in der ganze Welt wiedergeben wurde.

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Dies ist die Geschichte eines besonderen Menschen mit einem privilegierten Geist, der sich entwickeln konnte, wie er wollte, so dass er die Lorbeeren des Sieges und die Anerkennung seines Volkes geniessen konnte.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Februar 2013

Der Meister des Patts

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Levente Lengyel (* 13. Juni 1933 in Debrecen) ist ein ungarischer Schachmeister

von Javier Cordero Fernández

Betrachten wir heute eine Reihe von Kunstgriffen auf einem Schachbrett, um sich in verzweifelten Situationen noch zu retten. Denn das Schach ist ein Spiel, wo nichts ist, wie es scheint, und wo nichts unmöglich ist.

Die Grenzen stellt nur unser eigener Geist.
Der Meister solcher Leistungen war der ungarische Spieler Levente Lengyel, ein Schachspieler mit ruhigem Stil, ein Liebhaber von Remisen und kein Freund von Risiken, aber im Jahr 1964 gelangen ihm bei zwei hochinteressanten Partien wunderbare Kombinationen, um der Niederlage zu entkommen.
Lengyel,

wie Harry Houdini (* 24. März 1874 als Erik Weisz in Budapest; † 31. Oktober 1926 in Detroit war ein US-amerikanischer Entfesselungs- und Zauberkünstler österreichisch-ungarischer Herkunft),

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ausgestattet mit einer besonderen Fähigkeit, seine Gegner zu überraschen, schaffte er es, zwei schon verlorene Partien auf höchstem Niveau noch mit der Pattregel zu retten.

Dieses Thema ist bei Kompositonen von Endspielen und künsterlischen Studien öfters zu finden. In Turnierpartien sind solche Stellungen selten zu sehen, zumal wenn und weil nur eine begrenzte Denkzeit vorhanden ist.

Lassen Sie uns einige Lebensabschnitte des Spielers betrachten.

Lengyel war kein Unbekannter im Schach, im Gegenteil, er wurde regelmässig zu großen europäischen Turnieren eingeladen und in Ungarn selbst war ein hoch angesehener Spieler.

Er nahm mit der Nationalmannschaft an sechs Olympiaden teil, gewann den IM-Titel im Jahr 1962 und wurde GM im Jahre 1964 (das Jahr, in dem er zwei Aufgaben verwirklichte: den Schach- und Pattmeister).
Er errang mehrere bedeutende Siege im Laufe seiner Karriere:
• Ungarische Meisterschaft 1962, die er sich mit Portisch teilte, aber im Tie-Break (3’5-1’5) verlor.
• Turnier 1968 Solingen zweifellos seine größte Errungenschaft:

Siehe Tabelle:

(Bild entfernt)

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• Bari Turnier 1972, mit 8 Punkten von 11 möglichen.

• Reggio Emilia Turnier 1972, mit 7 von 11 möglichen Punkten.
• Virovitica Turnier mit 9 Punkten aus 13 möglichen.
Er erzielte weitere herausragende Leistungen und erreichte den zweiten Platz in vielen Turnieren: insbesondere anlässlich der Zonenmeisterschaft 1962 und der ungarischen Landesmeisterschaft von 1963.

Vielleicht ist es seine Gleichmässigkeit, die ihn am besten definiert. Er nahm immer mit dem Ziel an einem Turnier teil, welches ihm einen Ehrenplatz ermöglichte, und er belegte fast nie einen Platz im unteren Teil der Tabelle.

Wir haben schon erwähnt, dass er ein solider Spieler war, ein harter Gegner, um gegen ihn zu gewinnen. Wenn er den taktischen Bereich vielleicht noch besser beherrscht hätte, wären ihm sicher noch günstigere Ergebnisse möglich gewesen.

Seine höchste historische Elo-Zahl war 2.628 und sein bestes Turnierergebnis hatte er in Belgrad 1969 mit 2.704 Punkten.

Bis 2002 spielte er noch Turniere, aber offensichtlich auf einem niedrigeren Niveau.
Lassen Sie uns sehen, warum wir dieser Artikel schreiben. Beginnen wir mit dem ersten Kunstgriff gegen einen der besten Spieler in jener Zeit:
Lajos Portisch – Levente Lengyel, Málaga 1964

Diagramm:

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Weiss steht auf Gewinn, denn zwei Mehrbauern sind genug, um bequem die Partie zu Ende zu bringen.

Aber mit dem nächsten Zug, verdirbt Portisch alles:

1.f4

Es gab mehrere gültige Alternativen, aber dieser Zug stellte sich als ein bitterer Irrtum heraus.

Nachstehend sehen wir, wie Lengyel mit meisterhaftem Geschick die Stellung nutzt:

1 … Dg4 + 2.Kh6 Dg5.

Es gibt keine andere Wahl, als die Dame zu nehmen, und der schwarze König steht im Patt.

Diagramm:

(Bild entfernt)

Dieses erste Meisterpatt zeigt uns, dass es im Schach immer Mittel gibt, sich aus verzweifelten Situationen zu retten. Im Gegensatz dazu meinte sein Gegner sicher: „Welch ein böses Patt!“.

Die Partie zum Nachspielen:

http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1113112

Lengyel überraschte nochmals die Welt einige Monate später wieder gegen einen starken GM.

Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Partien sind unglaublich, denn es wiederholt sich die Anzahl der Figuren:

Dame und 3 Bauern gegen Dame und einen Bauer.

Dieses Mal ist die Kombination jedoch noch komplizierter und erwies sich grösster Schönheit.

Der ungarische Meister spielte bei diesem Anlass einer seiner brillantesten Partien, zumindest was das Finale angeht:
Aleksandar Matanovic – Levente Lengyel, Budapest 1964

Diagramm:

(Bild entfernt)

Auch hier ist die Lage hoffnungslos, aber …

1.De6 + Kf8 2.f6

scheint keine sehr gute Idee zu sein, weil dem schwarzen König kein Fluchtweg mehr bleibt.

2 … Df4 + 3.Kg1 Dc1+ 4. Kf2 Df4+ 5. Ke2 d3+

6. Kxd3 Dd4+

doch Lengyel erreicht wieder eine überraschende Pattstellung, die Matanovic ratlos machte.

Diagramm:

(Bild entfernt)

Beide Partien wurden bei wichtigen Turnieren gespielt, so dass sie um so wertvoller sind.

Partie zum Nachspielen:

http://www.tabladeflandes.com/visor_global/Matanovic-Lengyel-1964.html

Wir denken, dass es nicht viele Spieler gibt, die sich zwei solcher meisterhaften Pattstellungen rühmen können, die sich bei Turnierpartien zwischen Grossmeistern und in so kurzer Zeit ereigneten.
Aus diesen beiden Partien kann man die Schlussfolgerung ziehen: Sie sollten sich nicht einer Entspannung hingeben, wenn Sie an einem Brett sitzen, denn die Entspannung ist der Vorabend einer Niederlage.

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(Bild entfernt)

Pattstellung

Gemalt von Elke Rehder

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Janaur 2013

Schach-Olympiade am Beginn des II. Weltkrieges

(Bild entfernt)

von Javier Cordero Fernández

Gehen wir zurück in das Jahr 1939. In Buenos Aires erlebte man mit Leidenschaft ein großes Ereignis: die Schacholympiade.

Spieler aus der gesamten Welt setzten sich zur Freude der argentinischen Anhänger an die Schachbretter.

Das Turnier fand im Theater Politeama vom 24. August bis 19. September statt.

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Viele dieser Teilnehmer konnten sich nicht vorstellen, ihrem Leben eine Wende von 180 Grad zu geben, indem sie dank des Schachspieles dem fast sicheren Tod durch die Flucht entronnen.

Die Invasion Polens durch die Nazi-Armee fand am 1. September 1939 statt, also während des noch laufenden Turnieres. Die Kriegsnachricht war wie eine Bombe bei Teilnehmern eingeschlagen und ein ungläubiges Staunen herrschte an den Spieltischen.

Man erfuhr von der Verfolgung polnischer Juden (es waren ungefähr 3.000.000) und die Sorge wuchs ständig.

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Viele Spieler blieben zunächst ratlos in Argentinien, denn sie wussten, dass sie bei der Rückkehr in ihre Heimatländer verfolgt würden und somit ihr Leben ernsthaft in Gefahr sei.

Es waren äußerst schwierige Zeiten, ohne Nachricht ihrer Familien:

sie fühlten sich unfähig, etwas zu tun, um ihnen zu helfen.

Auch viele der deutschen Spieler der Olympia-Mannschaft des “Grossdeutschen Reiches” weigerten sich, in ihr Land wegen ihrer jüdischen Abstammung zurückkehren, wie es der Fall von Erich Eliskases, Albert Becker, Paul Michel, Ludwig Engels und Heinrich Reinhardt war.

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Dies ist der Anfang der Geschichte, wo einfach ein Spiel wie das Schach geholfen hat, mehrere Menschenleben zu retten.

Am Ende des Wettbewerbs blieben nicht nur jüdische Spieler in Argentinien zurück, sondern auch Teilnehmer aus Frankreich, Österreich, Lettland, Polen, den Niederlanden und Litauen für eine längere Zeit ihrer Heimat fern.

Die Schachspieler, die sich zu der Zeit in Europa aufhielten, erlitten andere Schicksale. Zitieren wir einige Beispiele:

David Przepiórka (polnischer Herkunft)

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starb in einem Konzentrationslager.

Salo Landau (mit holländischer Nationalität)

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starb in Auschwitz.

Der Ungar Endre Steiner wurde von der deutschen Wehrmacht erschossen.

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Der vom Grauen des Krieges betroffene Spieler,

Dr. Max Euwe, lebte in den Niederlanden praktisch isoliert und erlitt Bedrängnisse und Sanktionen bis zum Ende des Krieges.

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Dr. Emanuel Lasker wurde aller seiner Besitztümer beraubt und musste mit 60 Jahren wieder anfangen zu spielen, um überleben zu können. Er verzichete auf seine deutsche Staatsbürgerschaft und spielte unter englischer und später unter amerikanischer Flagge.

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Der legendäre Akiva Rubinstein rettete sich durch seine psychische Erkrankung. Als die Gestapo ihn verhaften wollte, konnte er sein Krankheitsbild durch die ihn betreuenden Ärzte bestätigen lassen, allerdings mit der Auflage, im Krankenhaus zu bleiben, wo er quasi gefangen gehalten wurde.

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courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Es gab mehrere sowjetische Spieler, die den Krieg nicht überlebten wie: Belavenets, Geneusky, Rabinovich, Ryumin, Ilyin Zhenevsky und Troitzky.

Dies sind nur einige Beispiele von vielen, die sich während des Krieges ereigneten.

Sie dienen dazu, uns an die fürchterlichen Ereignisse zu erinnern, die jeden Krieg umgeben und uns gute Gründe für die Ablehnung eines jeden bewaffneten Konfliktes liefern.

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Bild:articulo.mercadolibre.com.ar

Lassen Sie uns nach Argentinien zurückkehren.

Die dort verbliebenen Spieler waren Flüchtlinge mit ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hatten nur ein Mittel, um Geld zu verdienen, indem sie Schach spielten. Trotz der doch zum Teil armseligen Zeiten, meisterten sie ihre Schicksale und spielten auf hohem Niveau gut dotierte Turniere.

Es gab viele Teilnehmer, die folglich ihre frühere Staatsangehörigkeit aufgaben und beschlossen unter argentinischer Flagge zu spielen und deren Staatsangehörigkeit anzunehmen: Miguel Najdorf, Erich Eliskases, Albert Becker, Paul Michel, Ludwig Engels, Paulin Frydman oder Heinrich Reinhardt.

Die Dankbarkeit gegenüber dem Land, das sie aufgenommen hatte, war offensichtlich.

An den argentinischen Turnieren nahmen noch nie so hochkarätige Spieler teil wie: Najdorf, Stahlberg, Sonja Graf, Moshe Czerniak, Pilnik, Eliskases … usw.

Besonders ragten

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Gideon Stahlberg

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und Miguel Najdorf heraus.

Es war ein Vergnügen mitzuerleben, mit welcher Rivalität sie jeweils um den ersten Platz in jedem der Turniere kämpften.

Der Einfluss “der Flüchtlinge” war sehr vorteilhaft für das argentinische Schach. Das Spielniveau steigerte sich erheblich bei den abgehaltenen Turnieren, was auch zu einer Verbesserung in der Nationalmannschaft führte. Die argentinischen Spieler konnten sich nun stärkeren Gegnern stellen und erreichten wesentlich bessere Ergebnisse.

Die Nationalmannschaft wurde von Weltklasse-Spielern verstärkt. Betrachten Sie die ausgezeichneten Ergebnisse von Argentinien anlässlich der Olympiaden nach dem Weltkrieg:

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Bitte, draufklichen zwecks Bildvergrösserung

Bei den Olympiaden von 1950, 1952 und 1954 konnten nur die sowjetischen Spieler verhindern, dass die argentinische Mannschaft nicht die Goldmedaille erringen konnte.

Schach war in der Tat ein Zufluchtsort für einige Spieler, die sich in einer schwierigen persönlichen Lage befanden.

Wir wollen nur den Fall Miguel Najdorf erwähnen, welcher insgesamt 300 Personen verlor (einschließlich Freunde und Familie, darunter seine Frau und seine Tochter, die in Auschwitz starben).

Najdorf bestätigte, dass das Schach es ihm ermöglichte, seinem Schicksal zu entkommen und nicht geisteskrank zu werden. Die Teilnahme an Turnieren und Simultanvorstellungen konnten ihn emotional wieder aufbauen und erlaubten, finanziell zu überleben.

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Unser geliebtes Spiel ermöglichte die Flucht vor den Problemen während den Partien und war ein Balsam für die gequälten Geister der politischen Flüchtlinge in Argentinien.

Mit diesen Zeilen möchten wir eine Hommage an diese Gruppe von Spielern leisten. Heutzutage und bequem im Wohlergehen der Gesellschaft neigen wir dazu, uns über Kleinigkeiten zu beschweren, und wir sollten noch viel mehr von dem Kampfgeist der hier genannten Spieler lernen. Diese Ehrung sollte auch dazu dienen, an die Menschen zu erinnern, die ihr Leben in einem Krieg verloren haben, der nie hätte stattfinden dürfen.

Das Schach hat seine besondere Charakteristik: wenn ein Spieler stirbt, dann gerät er nicht in Vergessenheit, sondern wird uns durch seine Partien stetig in Erinnerung bleiben. Zukünftige Generationen werden das Erbe eines jeden Schachspielers geniessen und seine geistigen Kunstwerke, die auf einem kleinen Stück Papier notiert sind:

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Nachstehend die Abschlusstabelle der Finalrunde der Olympiade

in Buenos Aires 1939:

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Janaur 2013

Der romantische oder trügerische Prinz

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Andria Dadiani

* 24. Oktober 1850 in Sugdidi; † 12. Juni 1910 in Kiew

Public domain
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von Javier Cordero Fernández

Das Schachspiel ist voll von interessanten Geschichten und unglaublichen Legenden. Seine Jahrtausend alte Geschichte wurde bereichert durch das Vermächtnis dieses Spieles, das unübertroffen in Reichtum und Schönheit ist.

Heute erzählen wir eine jener kuriosen Geschichten, halb Mythos, halb Wirklichkeit, dessen Protagonist ein Mitglied des georgischen Königshauses war:

Prinz Andrey Dadian von Mingrelien Davidovich.

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In der Welt des Schachs als Mingrelia bekannt, aber der Name ist einfach die Benennung der Heimatregion, einer Provinz in der Nähe des Schwarzen Meeres.

Andrey stammte aus einer Familie der High Society, wohlhabend und von altem Adel. Sein älterer Bruder war der Herrscher der Provinz Mingrelia.

Der Großvater des Prinzen spielte regelmässig Schach, was in der oberen Gesellschaftsschicht üblich war, und man bat ihn, seine Begeisterung für das Spiel auf den Enkel Andrey zu übertragen.

Für den jungen Prinzen wurde das Schach eine ebenso reiche wie freudige Freizeitbeschäftigung. Im Laufe der Jahre wurde er zum anerkannten Talent.

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Gemalt von Elke Rehder


In seiner Eigenschaft als Prinz war es ihm allerdings nicht erlaubt, an Turnieren teilzunehmen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als Spieler in seine Villa einzuladen. Unter ihnen befanden sich angeblich die „besten“ russischen Spieler, obwohl die meisten Amateure waren, die nicht über ein hohes Spielniveau verfügten.

Wie erklärt sich dann der Ruhm von Mingrelia? Nun, es ist einfach, denn seine Partien waren brillant, immer voll von elektrisierenden Kombinationen und wilden Angriffen auf die gegnerische Rochade.

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Gemalt von Elke Rehder

Lassen wir jetzt die Worte einmal beiseite und betrachten seine Partie gegen einen Oberst der georgischen Armee:

Mingrelia: weiß vs. Boutourlin: schwarz 1 – 0

St. Petersburg 1883

1. e4 / e5 2. f4 / exf4 3. Sf3 / g5 4. Lc4 / g4 5. Sc3 / gxf3 6. 0-0 / Lc5 + 7. d4 / Lb6 8. Lxf4 / fxg2 9. Lxf7 + / Kf8 10. Tf2 / Sf6

(Bild entfernt)

11. Dh5 / Sxh5 12. Lh6 + / Ke7 13. Sd5 + / Kd6 14. e5 + / Kc6 15. Sb4 + / Kb5 16. a4 + / Ka5 17. Sd3 / Lxd4 18. b4 + / Kb6 19. a5 + / Ka6 20. b5 + / Kxb5 21. c4 + / Ka6 22. Sb4 + +.

Zum Nachspielen:
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Mingrelia schickte seine besten Partien an das französische Schachmagazin

„La Stratégie“,

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die sofort wegen ihrer Qualität veröffentlicht wurden.

Aber bald kamen Zweifel von mehreren Spielern auf bezüglich der Authenzität der Partien des Prinzen, weil sie für einen Schachamateur zu genial waren. In der Tat begann man zu spekulieren, dass einige seiner Partien nur eine Farce darstellten und die Züge von Mingrelia vorgegeben, bevor sie dann von seinen Gegnern nach Erhalt einer ziemlichen Geldsumme als gespielt notiert wurden.

Nichts davon konnte nachgewiesen werden, aber wir müssen anerkennen, dass einige der Partien zumindest überraschend sind. Es genügt, das nachstehende Beispiel einer Partie gegen

Ignatz von Kolisch,

(Bild entfernt)

Public domain

einer der stärksten Spieler seiner Zeit, zu zeigen, wobei dieser seinen Gegner praktisch „vernichtete“, wenn nicht dieser Verdacht gewesen wäre …….und das bei der bekannten Spielstärke des Österreichers.

Mingrelia: weiss vs. von Kolisch: schwarz 1 – 0

Wenman 1885

1. e4 / e5 2. Sf3 / Sf6 3. Lc4 / Sxe4 4. Sc3 / Sxc3 5. dxc3 / f6

6. Sh4 / g6 7. 0-0 / d6 8. f4 / De7 9. fxe5 / dxe5 10. e3 / Sc6 11. De2 / Ld7 12. b4 / 0-0-0

13. a4 / Lg7 14. b5 / Sb8 15. b6 / axb6 16. a5 / bxa5 17. Tfb1 / Sc6

(Bild entfernt)

18. Txb7 / Kxb7 19. La6 + / Ka8

(Bild entfernt)

20. Lb7 + / Kxb7 21. Db5 + / Kc8 22. Da6 + / Kb8

(Bild entfernt)


23. Txa5 / Sxa5 24. Da7 + / Kc8 25. Da8 + +.

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Der sowjetische Spieler, Dus Chotimirsky,

(Bild entfernt)

Public domain

warf weitere Zweifel auf den Ruf des Prinzen, als er bekannt gab, dass er gegen ihn ein Match mit 9-3 gewann.

Da der Prinz nicht außergewöhnlich stark war, kann man seine blendenden Siege gegen Von Kolisch und andere Meister kaum verstehen. Ein weiterer Spieler, der die Partien von Mingrelia beanstandete, war Mikhail Chigorin,

(Bild entfernt)

Public domain

der durch harte Kritiken versuchte, den Ruhm der brillanten Partien bei einigen Kombinationen zu widerlegen beziehungsweise Zweifel an ihrer Echtheit zu hegen.

Dadian bemühte sich stets, mit dem Schach in Verbindung zu kommen, indem er auch mehrere Turniere sponserte. Eines der wichtigsten fand in Monte Carlo (1903) statt.

(Bild entfernt)

Monte Carlo 1903 – Bild: edochess.ca

Hier hatte er die Gelegenheit, sich für die Beleidigung von Chigorin zu rächen. Der Russe wurde zunächst zum Turnier eingeladen, doch Mingrelia drohte, seine finanzielle Unterstützung zurückziehen, wenn dieser teilnähme.

So kam es schliesslich, dass Chigorin ohne Erklärung des Turnieres verwiesen und mit einer Entschädigung von 1500 Franken abgefunden wurde.

Eine andere Version besagt, dass Mingrelia dessen Ausschluss wegen einer alten Geschichte erzwungen hätte, bei der Chigorin eine Einladung des Prinzen zu einer Partie auf seinem Landsitz abgelehnt habe, was für die georgische Tradition ein schwerer Affront darstellte.

(Bild entfernt)

gemalt von Nicolás Sphicas

Viele seiner Partien sind in Fachzeitschriften veröffentlicht worden und haben bis heute überlebt; somit ist es nicht verwunderlich, dass einige von ihnen in Büchern gesammelter brillanten Partien wiederzufinden sind.

Aber wir können nicht absolut sicher sein, ob die Mehrzahl dieser Partien eine Farce oder echt waren: doch zumindest haben wir einen gewissen Trost, indem wir in der Lage sind, sie nachzuspielen und die Schönheit ihrer Kombinationen zu geniessen, etwas, das unsere Ansicht stärkt, dass Schach eine Kunst ist.

(Bild entfernt)

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Januar 2013

Dunkle Herkunft und gequälte Seele

Fernández Fernández _______________________________________________________________ von

von Javier Fernández Cordero

Die Persönlichkeit von Howard Staunton ist in die Schachwelt eingegangen.

Im Laufe der Zeit hat man die Tiefe seines positionellen Stiles anerkannt, die weit über der seiner Zeitgenossen lag. Vielleicht ist seine Herkunft nicht so bekannt, die stark seinen Charakter und sein Verhalten prägten.

Die Wurzel seiner Probleme geht zurück auf seine Geburt als unehelicher Sohn von Frederick Howard, 5th Earl of Carlisle.

(Bild entfernt)

Der Graf erkannte ihn nie als seinen Sohn an, so dass Staunton nicht den Status geniessen konnte, der ihm eigentlich zustand.

Diese Ablehnung traf ihn tief, und er hatte eine erbärmliche Jugend, die er nur mit vollem Arbeitseinsatz überwinden konnte. Es ist eine wahre Geschichte, die in einigen Medien erschien, dass Staunton im Alter von 20 Jahren eine grosse Geldsumme von dem Grafen erbte, die er aber in kürzester Zeit verschwendete.

(Bild entfernt)

Howard Staunton (*1810 +1874)

Staunton begann eine Zukunft als Schauspieler, und vielleicht war es diese Berufung, die später sein grosses Interesse an den Werken von Shakespeare zeigte.

Seine Vorliebe für Schach begann erst mit 19 Jahren.

Schach war genau das Instrument, das ihm verhalf, eine Anerkennung zu gewinnen, die ihm nach seiner Geburt verweigert wurde.

Allerdings beeinflusste seine komplizierte Kindheit und Jugend recht negativ seinen Charakter, der sich in seiner Schachkarriere wiederspiegelte. Staunton pflegte schlechte Beziehungen zu mehreren Spielern und viele von ihnen kritisierte er in seiner Kolumne der Zeitung „The Illustrated London News“ ungewöhnlich scharf.

(Bild entfernt)

Aber einiges mehr prägte negativ die Laufbahn von Staunton. Bei mehreren Gelegenheiten lehnte er es ab, gegen andere Spieler anzutreten, so dass sich gewisse Schatten des Zweifels über seine Person aufbauten.

So handelte er auch im Falle Pierre Saint Amant, was eigentlich unverständlich ist, denn er konnte ihn bei einem vorangegangenen match klar besiegen. Doch vermied er wiederholt einen Rückkampf.

Allerdings sprach man am meisten über seine Weigerung, gegen Paul Morphy zu spielen; immerhin war er der einzige europäische Spieler, der einer schachlichen Begegnung mit dem Amerikaner ständig aus dem Weg ging.

(Aber zumindest besiegte ihn Morphy bei einer Beratungspartie, die wir nachstehend zeigen.)

In allen Fällen verwendete er die gleiche Ausrede: er sei mit der Bearbeitung von Shakespeare’s Schriften beschäftigt. In der Tat war es so, dass Staunton einer der grössten Interpreten von Shakespeare wurde und sich 20 Jahre lang bis zu seinem Lebensende den Werken widmete.

Mein Eindruck ist, dass Staunton den Verlust des privilegierten Rufes fürchtete, den er in der Schachwelt erreichte hatte.

Sein mehr als gequälter Geist hätte nicht einen Sturz aus einer solchen Höhe verkraftet.

Also jedes Mal, wenn er seine „fiktive“ Schachkrone aufs Spiel setzen musste, vermied er das Treffen und suchte immer den einfachsten Weg, um nicht das zu verlieren, was er mit viel Mühe errungen hatte.

Nachstehend nun die vorerwähnte Beratungspartie:

Eine historische Partie:

Eine kleine Revanche

(Bild entfernt)

Staunton und Owen 0 – Morphy und Barnes 1

London 1858

1. e4 / e5 2. Sf3 / d6 3. d4 / f5 4. dxe5 / fxe4 5. Sg5 / d5 6. e6 / Sh6

7. Sc3 / c6 8. Sgxe4 / dxe4 9. Dh5+ / g6 10. De5 / Tg8 11. Lxh6 / Lxh6

12. Td1 / Dg5 13. Dc7 / Lxe6 14. Dxb7 / e3 15. f3 / De7 16. Dxa8 / Kf7

17. Se4 / Lf4 18. Le2 / Kg7 19. 0-0 / Dc7 20. Sc5 / Lxh2+ 21. Kh1 / Lc8

22. Td4 / Lg3 23. Te4 / Kh8 24. Td1 / Dg7 25. Th4 / Lxh4 26. Dxb8 / La6

27. Dh2 / Lxe2 28. Td7 / Dh6 29. Se4 / Lc4 30. Sf6 / e2 31. Te7 / Dc1+

32. Dg1 / Dxg1+ 33. Kxg1 / e1=D+ 34. Txe1 / Lxe1 35. Aufgegeben ( Staunton ).

(Bild entfernt)

Nach 12. Td1 (opfert den Turm in 2 Zügen)

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Bedauerlich ging Staunton auch deshalb in die Schachgeschichte ein, weil er immer wieder zu verhindern suchte, gegen Paul Morphy zu spielen. Der Amerikaner überquerte den Atlantik, um sich mit den besten europäischen Schachspielern zu messen und sie zu besiegen, aber er schaffte das Vorhaben bei Staunton nicht direkt, nur bei dieser Beratungspartie.

(Bild entfernt)

Man kann man somit sagen, dass sie sich nie direkt gegenüber sassen, eine Tatsache, die den Namen von Staunton befleckte.

Ausserdem schrieb er in der Schachkolumne von “Illustrated London News” auch negativ über Paul Morphy, womit er sich viele Feinde machte.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Dezember 2012

Raschid Neschmetdinow – der Schach- und Damespieler

(Bild entfernt)
von Javier Cordero Fernández
Neschmetdinow Gibyatovich Raschid wurde 15. Dezember 1912 in Aktubinsk (Russland) geboren und starb am 3. Juni 1974.
Er hatte eine sehr schwierige Kindheit und lebte während der Nachkriegszeit der sowjetischen Revolution in einer armen Familie. Darüber hinaus starben seine Eltern recht früh und sein älterer Bruder musste den Unterhalt der Familie übernehmen. Sie zogen nach Kasan (an der Wolga), wo es mehr Chancen gab, Arbeit zu finden und überlebten trotz grosser Armut. Dies ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie hart das Leben in jenen Jahren war. Gerade deswegen haben sie unseren Respekt und unsere Bewunderung verdient für alles, was sie sich erkämpfen mussten. (Bild entfernt) Der junge Raschid hatte ein natürliches Talent für das Schach- und Damespiel. Er war einer der seltenen Fälle, die kaum eine langwierige Vorbereitung benötigten, um ein außergewöhnlicher Spieler zu werden. Er lernte das Schach mit 14 Jahren und zwar durch das Zusehen der Partien, die in einem Schachklub in Kasan gespielt wurden. Stundenlang in Gedanken vertieft beobachtete er die Spielzüge der Figuren, die auf den Brettern „tanzten“, bis einer der Spieler des Vereins sein sichtliches Interesse bemerkte; so wurde er eingeladen, eine Partie zu spielen und zu jedermanns Überraschung gelang es Neschmetdinow, ihn zu schlagen. Ein weiterer Spieler, der sich danach auch an seinen Tisch setzte, wurde ebenfalls besiegt.Die Vereinsmitglieder liessen sich diesen talentieren jungen Mann nicht entgehen und luden ihn ein teilzunehmen, wann immer er wollte.
Mit 15 Jahren gewann er das im Palast der Pioniere gespielte Kasan-Turnier mit 15 Punkten aus 15 Partien.Im selben Jahr lernte er das Damespiel und schob das Schach zur Seite, so dass er sich ausschließlich auf jenes Spiel mit bemerkenswertem Erfolg konzentrierte (6. Platz bei den russischen Meisterschaften).Zur Freude der Schachfreunde beschloss er aber nach ein paar Jahren, die schachliche Laufbahn wieder aufzunehmen, wobei er „das Damespiel“ für gelegentliche Auftritte benutzte.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte, dass er seine angefangene Schachkarriere weiter ausbauen konnte, da er verpflichtet war, den Wehrdienst zu leisten.(Bild entfernt) 

Er musste bis 1946 (34 Jahre) warten, um sich wieder an örtlichen Schachturnieren beteiligen zu können und hatte das Glück, nicht als einer der Millionen seiner Landsleute im Krieg umgekommen zu sein.

Neschmetdinow konnte bedauerlicherweise erst im Jahre 1949 in einem großen Turnier spielen:

Das Halbfinale der UdSSR-Meisterschaft.

Noch während dieses Turnieres schrieb er sich im letzten Augenblick bei der UdSSR-Meisterschaft für das Damespiel ein, das er dann 1950 sogar gewann. Welch eine Leistung!

Bei dem vorangegangen Schachturnier war er allerdings nicht so erfolgreich und schnitt recht bescheiden ab.
Bezüglich der Ergebnisse war seine Schachkarriere nicht so brillant, weil er auch nur an wenigen Turnieren außerhalb der UdSSR teilnehmen konnte. Seinerzeit war es sehr schwierig, Einladungen für starke Turniere zu bekommen, weil auch eigentlich der Wettbewerb für ihn zu groß war (z.B. Smyslov, Botwinnik, Keres, Tal, etc. ..).

(Bild entfernt)

Spartak team championship 1954

hinten stehend: Y. Karajan, Semyon Furman, Vladimir Simagin, Rashid Nezhmetdinov, Ratmir Holmov, Isaac Lipnitzky

sitzend: Nina Rusinkevich,Tigran Petrosian, N. Voytsik.

Foto3.bp.blogspot.com

Somit war es auch fast unmöglich, sich für die GM-Normen zu qualifizieren, und er musste sich mit der Verleihung des IM-Titel zufrieden geben.

Neschmetdinow wurde insgesamt fünfmal Schachmeister der Russischen Unionsrepublik.

Er nahm an mehreren Meisterschaften der UdSSR teil und konnte dort als bestes Ergebnis im Jahre 1954 einen 7. Platz erreichen.

Ihm gelangen Siege gegen Weltklassespieler wie Mikhail Tal, Boris Spasski, Lev Polugajeweski und Efim Geller.

Für den September 1954 wurde als seine beste historischen Elo-Zahl 2.660 bestimmt.
Neschmetdinow war stets seinem Spiel-Verständnis treu, wobei er vorrangig mit Phantasie und Risiko spielte. Seine Partien trugen den Stempel der „romantischen“ Epoche, so dass er ein beliebter und von der Öffentlichkeit geschätzter Spieler war, die seine elektrisierenden Kombinationen genoss.

Mikhail Tal verliebte sich in sein Spiel und beschloss, ihn bei der Vorbereitung für die Weltmeisterschaft 1960 gegen Mikhail Botwinnik in sein Beraterteam aufzunehmen.

(Bild entfernt)

Wenn Sie mir nicht glauben, sollten Sie sich die Zeit nehmen, seine Partien nachzuspielen um zu sehen, dass er jede Gelegenheit nutzte, wertvolle Figurenopfer zu bringen, um beeindruckende Siege zu erzielen. Sein Vermächtnis ist groß und reich an Schönheit.
Die Partie gegen Lew Polugajewsky gilt als eine der besten Spiele der Schachgeschichte, dem ich voll und ganz zustimme.

Nachstehend die Partie:

Die Tataren-Invasion

(Bild entfernt)

Tatarische Soldaten

Polugajewski – Neschmetdinow 1958 Sotschi

1. d4 Sf6 2. c4 d6 3. Sc3 e5 4. e4 exd4 5. Dxd4 Sc6 6. Dd2 g6 7. b3 Lg7 8. Lb2 O-O 9. Ld3 Sg4 10. Sge2

Dh4 11. Sg3 Sge5 12. O-O f5 13. f3 Lh6 14. Dd1 f4 15. Sge2 g5 16. Sd5 g4 17. g3 fxg3 18. hxg3 Dh3

19. f4 Le6 20. Lc2 Tf7 21. Kf2 Dh2+ 22. Ke3 Lxd5 23. cxd5 Sb4 24. Th1

(Bild entfernt)

24……. Txf4!! ein spektakuläres Damenopfer

25. Txh2 Tf3+ 26. Kd4 Lg7 Droht matt durch 27. … b5 und 28. … Sec6 27. a4 c5+ 28. dxc6 bxc6 29. Ld3 Sexd3+ 30. Kc4 d5+ 31. exd5 cxd5+ 32. Kb5 Tb8+ 33. Ka5 Sc6+ 0-1

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Dies ist eine der bekanntesten Partien des 20. Jahrhunderts und gerade aufgrund des spektakulären Damenopfers von Neschmetdinow und auch wegen der Kategorie des Gegners wie Polugaevsky.

Lev Polugaevsky war häufig Mitglied der russischen Schachauswahl und mehrmals Anwärter auf die Kandidatenturniere, was zum Ausdruck bringt, wie stark der Gegner war… aber in dieser Partie wurde er von dem immer genialen Raschid Neschmetdinow , einem Spieler tatarischer Herkunft, geschlagen, dem es eigentlich nur daran lag, die Schönheit auf das Brett zu bringen ….und wie ihm dies gelang!

(Bild entfernt)

Raschid Neschmetdinow

In der Tat war der 24. Zug von Schwarz mit Txf4 eines der genialsten Züge der Schachgeschichte, wobei Turm und Dame gleichzeitig geopfert wurden. Er schuf eine derart grosse Anzahl von Varianten, dass Lev Polugaevsky wohl wie niemals in seinem Leben so am Brett leiden musste.

Und einmal mehr ähnelt unvergleichlicherweise das Schach der Realität, wenn man eine Partie dieser Art sieht, die eine echte Lebensgeschichte sein könnte.

Wieviel Schlachten sind durch das überraschende Eingreifen der Kavallerie entschieden worden? Der schwarze Turm schwächt die feindliche Verteidigung und die unvorhersehbaren Springer übernehmen den Rest mit ihren geschickten Zügen.

Ein Lektion der Schläue, wie man den maximalen Nutzen jeder Figur umsetzt und ausserdem den Verlust der wertvollsten Figur in Kauf nimmt.

Eine beispielhafte “tatarische Invasión”, die dazu verholfen hat, dass

Raschid Neschmetdinow,

(Bild entfernt)

dessen Schachlaufbahn sich zwar nicht an der absoluten Spitze bewegte, jedoch in zahlreichen Schachbüchern wiedergegeben wird und ihm die höchsten Auszeichnungen verliehen wurden.

Ein Schmuckstück, das jeder Schachfreund kennen und sich daran erinnern sollte.

Im Jahre 1962 wurde ihm der Titel „Verdienter Trainer der UdSSR“ verliehen.

(Bild entfernt)

Botwinnik sagte über ihn: „Niemand versteht die Kombination so wie Neschmetdinow.“
Er war sowohl der erste sowjetische Spieler, der den Titel des Meisters des Damespieles und des Schachs verdiente, als auch der Autor des ersten Schachbuches, welches in der tatarischen Sprache geschrieben wurde.

(Bild entfernt)

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Nachstehend noch seine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof von Kasan:

(Bild entfernt)

chess.co.uk.

Photo © Alex McFarlane.

Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im November 2012

Ein Fussballspieler am Schachbrett

(Bild entfernt) Foto : (Bild entfernt) von Javier Cordero Fernández

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Kann ein Schachspieler Tore schießen? Ja, doch!

Der Norweger Simen Agdestein ( * 15. Mai 1967) tat beides. Ein wirklich seltsamer Fall und recht selten.

Simen konnte aber diese beiden doch unterschiedlichen Disziplinen (körperlich und geistig) kombinieren, und er machte es auf einem hohen Niveau.

Lassen Sie uns mit seinen Leistungen auf dem Schachbrett beginnen, die sich als Erste einstellten.

Simen lernte schon als Kind das Schachspiel. Die Teilnahme an seinem ersten Turnier vollzog er im Alter von 7 Jahren, als er noch nicht schreiben gelernt hatte. Natürlich konnte er deswegen auch seine Partien nicht aufschreiben. Er zeigte sich als ein sehr vielversprechender Jugendlicher und bestätigte dieses Talent im Alter von 15 Jahren mit dem Gewinn der absoluten norwegischen Meisterschaft.

Meisterschaft von Norwegen 1982

(Bild entfernt)

Play-off

(Bild entfernt)

Im gleichen Jahr nahm er für Norwegen an seiner ersten Schach-Olympiade mit Bravour teil und gewann die Goldmedaille am vierten Brett mit neun Punkten aus 12 Partien.
Er setzte seine Erfolgsserie fort wie beim Lloyds Bank Open mit einem sensationellen Resultat von 8/9.

Im Jahre 1983 wurde er Zweiter bei den Junioren-Europameisterschaften, nur von Valery Salov übertroffen. Aufgrund solch herausragender Leistungen wurde ihm der IM-Titel 1983 und GM-Titel im Jahre 1985 verliehen.

1986 wurde er Vize-Junioren-Weltmeister auf gleicher Höhe mit Walter Arencibia.

Sein Aufstieg war kometenhaft, und er wurde schon bald zu den großen europäischen Turnieren eingeladen.

In seiner Laufbahn gab es viele Erfolge, einige von ihnen besonders wichtig wie in Gausdal anlässlich der nordischen Meisterschaften.

Simen Agdestein vertrat Norwegen bei fünf Olympiaden und nahm an mehreren Interzonen-Turnieren teil. Sein dort erspielter 6. Platz im Jahre 1985 öffnete ihm das Tor zum Kandidaten-Turnier.

Seine höchste Elo-Zahl von 2.630 Punkten erreichte er im Januar 1993.

Die Tätigkeiten als Profi-Schachspieler und Berufsfussballer waren sicher kaum zu vereinbaren wegen der schwierigen und anstrengenden Belastungen, die ihn wahrscheinlich daran hinderten, neue Höhen in beiden Disziplinen zu

erreichen.

(Bild entfernt)

In der Tat gingen seine Leistungen deutlich in den 90iger Jahren zurück, weil er seine Bemühungen zwischen dem Rasen und dem Schachbrett aufteilte.
Diese Stagnation, die ein Jahrzehnt dauerte, war katastrophal für seine Fortschritte.

GM Agdestein ist ein renommierter und wettbewerbsfähiger Spieler, aber eine Stufe unter den Großen (was man in der Jugend verliert, ist schwer wieder aufzuholen).

Bislang trainierte er mit der großen Hoffnung für die Schachwelt:

Magnus Carlsen,

über den er auch ein Buch verfasst hat.

(Bild entfernt)


Seine Fußballzeit war weniger überragend. Er spielte stets im selben Verein

„ Lyn Oslo“ von 1984 bis 1992.

Sein Platz auf dem Feld war der des Mittelstürmers, und wir wollen nicht hoffen, dass durch die vielen Kopfbälle seine geistigen Leistungen am Brett dadurch beeinträchtigt wurden. (Das klingt nach Boxsport, wenn man zu viele Schäge einstecken musste…….)

(Bild entfernt)

Foto chessbase.com


Er absolvierte insgesamt 92 Spiele in der 1., 2. und 3. norwegischen Liga und erzielte 37 Tore. Darüber hinaus spielte er 8 mal in der Nationalmannschaft seines Landes und schoss 1 Tor. (Das bedeutet, dass er am Ende seiner Karriere recht ordentlich spielte). Er zog sich aber schon mit 25 Jahren vom Fußball zurück, weil er einsah, dass man zwei Sportarten auf professioneller Ebene nicht viele Jahre lang gleichzeitig ausüben kann.

Jedenfalls ist dies eine tolle Lebensgeschichte, voll von persönlicher Überwindung und eine Demonstration der geistigen und körperlichen Kraft.

Allein das Studium der Schachtheorie nimmt soviel Zeit in Anspruch, so dass er sicherlich eine Menge Schlaf opfern musste, um seine Ziele zu verfolgen.
Mal sehen, wie der Mittelstürmer sich auf dem Brett entfaltet, wenn ihn die künstlerische Eingebung heimsucht.

Dafür haben wir eine Partie zum Nachspielen ausgesucht, um die letzten Zweifel zu beseitigen:

Agdestein – Ljubojevic, Wijk aan Zee 1988

(Bild entfernt)

Quelle: ajedrezdeataque.com

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Sitges (Barcelona), im November 2012

Alexander Pushkin und das Schach

Wir widmen diesen Artikel, der auch mit Schach in Verbindung steht, einem Genie der Poesie – Alexander Sergejewitsch Pushkin ( * 26. Mai 1799 in Moskau + 29. Januar 1837 in St. Petersburg) (Bild entfernt) Gemalt von Vasili Tropilin 1827 Es ist bekannt, dass der „Großmeister der anmutigen Literatur“ auch das Schach liebte und sich mit dem Spiel einen grossen Teil seines Lebens beschäftigte.
Alexander Pushkin lernte das Schach während seines Studiums in dem Tsarskoye Selo Lyceum (in der Nähe von St. Petersburg) kennen. (Bild entfernt) gemalt von Aleksandr Briullov
In einem seiner Briefe an sie schrieb er:«Ich danke Dir, meine Seele, dass Du das Schachspiel mit mir studiert hast, was immer notwendig ist, wenn eine Familie in Harmonie und Ordnung leben will. Ich werde es Dir noch später beweisen ». Schon bald entwickelte sich die Frau des Dichters, die sehr talentiert schien, zur besten Schachspielerin von St. Petersburg……
Pushkin hielt sich mit Schachbüchern auf dem neuesten Stand der Theorie.In der Bibliothek des Dichters hatten zwei Exemplare des Buches des ersten russischen Meisters Alexander Petrov einen Ehrenplatz mit dem Titel: 

«EinSchachspielresultiert aus einerregelmäßigen Ordnung,mit Partien vonPhilidorund denentsprechenden Kommentaren».


Eines der Bücher wurde von dem bekannten Schachspieler wie folgt signiert: «Alexander Sergejewitsch Pushkin als Zeichen ehrhaften Respektes».


Fest steht, dass Pushkin als Mitarbeiter der ersten Ausgabe des Schach-Magazines

„LE PALAMÈDE“ 1836 in Paris mit aufgeführt wurde …

(Bild entfernt)

Abbildung: fr.wikipedia.org

Das Schach war eine Art Begleiter des Dichters bis zum Ende seines kurzen Lebens. Pushkins Zeitgenossen haben überliefert, dass er die letzte Schachpartie am Vorabend des tödlichen Duelles gespielt hat.

Nachstehend ein Foto von Alexandra Kosteniuk neben einem der zahlreichen Denkmäler zu Ehren des Dichters Alexander Pushkin:

(Bild entfernt)

Quelle: Perspectiva/info.ru

Sitges (Barcelona), im November 2012

Ein historischer Brief

gerichtet an Mrs. Caroline D. Marshall (+1971)

(Witwe von Frank Marshall)

(Bild entfernt)

19. Oktober 1944

Caroline Marshall und Frank Marshall kurz vor seinem Ableben

und geschrieben von Capablancas Sohn Dr. José Raúl Capablanca

(Bild entfernt)

Familie Capablanca 30. April de 1974

von links nach rechts: Clemencia Capablanca (Schwester), Sizonenko (Biograph von Capablanca),

Dr. José Raúl Capablanca (Sohn), Miguel Capablanca (Enkel) IM Maria Teresa Mora (verschiedene Male Schachmeisterin von Kuba). Zenaida Capablanca (Schwester) Reynalda Montes (Freundin der Familie).

(Bild entfernt)

Zum Vergrössern, bitte draufklicken.

Courtesy Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

Freie Übersetzung:

Sehr geehrte Frau Marshall,

aufgrund unseres nationalen Schachturniers ist es uns ein Vergnügen Ihnen mitzuteilen, dass die sechs Gewinner die Möglichkeit haben werden, die USA für eine Woche zu besuchen und gegen die führenden Schachmeister New Yorks zu spielen.
Unsere Freunde – Herr Luis A. Bacallao und Herr Edward Lasker – haben mit Ihrem Einverständnis ein match im Marshall Chess Club am 4. November organisiert. Es könnte auch sein, dass wir gegen den Manhattan Chess Club spielen, dies ist jedoch noch nicht sicher.


Für uns wird es eine grosse Ehre sein, den Marshall Chess Club wieder zu besuchen, vor allem in Gedenken an den verstorbenen Herrn Frank J. Marshall, der ein sehr guter Freund meines Vaters, José R. Casablanca war.
Mit freundlichen Gruessen

unterschrieben von Dr. José R. Capablanca

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(Bild entfernt)

Marshall Chess Club – Aussenansicht heute

Anmerkung: Der Manhattan Chess Club existiert seit dem Jahre 2002 nicht mehr.

(Bild entfernt)

Capablanca bei einer Simultanvorstellung

1925 im Marshall Chess Club

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Kommentar:

Angesichts dieser Bilder und des historischen Briefes befällt uns eine gewisse Wehmut, ein Gefühl leichter Traurigkeit, hervorgerufen durch die Erinnerung an Vergangenes.

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Sitges (Barcelona), im November 2012

Die schlechte Erziehung des Curt von BARDELEBEN

**************************************************************************************** Schach ist seit jeher ein Gentleman-Spiel oder zumindest wurde bzw. wird diese Eigenschaft von der Mehrheit berücksichtigt. Allerdings haben auch die besten Spieler hin wieder einige Aussetzer des guten Benehmens und verletzen die grundlegenden Regeln der Höflichkeit: Händeschütteln am Anfang und Ende, oder zumindest das Spiel ordentlich aufgeben, wenn man in eine aussichtslose Position gerät.
Aber hier haben wir ein Beispiel dafür, wie man sich nicht benehmen soll. In der bekannten Partie zwischen Wilhelm Steinitz und Curt von Bardeleben, der den Schönheitspreis bei dem Hastings Turnier 1895 erhielt, ereignete sich ein mehr als bedauerlicher Vorfall anlässlich der großartigen Partie des Begründer des modernen Schachs. William Steinitz vs. Von Bardeleben(Bild entfernt) Hastings 17.8.1895
1. e2-e4 e7-e5 2. Sg1-f3 Sb8-c6 3. Lf1-c4 Lf8-c5 4. c2-c3 Sg8-f6 5. d2-d4 e5xd4 6. c3xd4 Lc5-b4+ 7. Sb1-c3 7. … d7-d5?! 8. e4xd5 Sf6xd5 9. 0-0! Lc8-e6 10. Lc1-g5 Lb4-e7 11. Lc4xd5! Le6xd5 12. Sc3xd5 Dd8xd5 13. Lg5xe7 Sc6xe7 14. Tf1-e1 f7-f6
15. Dd1-e2?! Dd5-d7 16. Ta1-c1 c7-c6? 17. d4-d5!! c6xd5 18. Sf3-d4 Ke8-f7 19. Sd4-e6 Th8-c8 20. De2-g4! g7-g6 21. Se6-g5+! Kf7-e8 22. Te1xe7+!! Ke8-f8!23. Te7-f7+! Kf8-g8! 24. Tf7-g7+! Kg8-h8! 25. Tg7xh7+! 1-0 Endstellung (Bild entfernt) 

Zum Nachspielen:

1. (Bild entfernt) Giuoco Piano

Steinitz, der diese Partie selbst als die beste seines Lebens ansah, fand eine besonders tiefe und ästhetische Gewinnkombination.

Nachdem Schwarz eine unmerkliche Ungenauigkeit in der Eröffnung begangen hatte, blieb sein König unrochiert in der Mitte stehen.

Steinitz gelang es, mit glänzender und seiner hohen Meisterschaft dokumentierten Zügen den Sieg herbeizuführen.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters zu der damaligen Zeit (immerhin schon fast 60 Jahre alt), führt er die Partie, die mit einem Qualitätsopfer beginnt und den schwarzen König auf seine lange Reise in den Tod schickt.

Hier sah von Bardeleben schon, was auf ihn zukam: die unvermeidliche Niederlage.

Anstatt nun aufzugeben, erhob er sich von seinem Stuhl und verließ den Raum, ohne ein Wort zu sagen, und kehrte auch nicht mehr zurück.

Nachdem die Bedenkzeit abgelaufen war, konnten die ungeduldigen Zuschauer und selbst Steinitz diese Haltung weder glauben noch verstehen.

Der Weltmeister zeigte aber danach den erstaunten Augen der Zuschauer die Folgezüge bis zu einem glasklaren Matt.


26. Kg8 27..Tg7+ Kh8 [27… Kf8 6.Sh7+] 28. Dh4+ Kxg7 29.. Dh7+ Kf8

30.. Dh8+ Ke7 31.. Dg7+ Ke8

32.Dg8+ Ke7 33. Df7+ Kd8 34. Df8+ De8 35. Sf7+ Kd7 36. Dd6++

(Bild entfernt)

Das Publikum applaudierte minutenlang angesichts einer solch herrlichen Kombination.

Beifall und Jubel für Steinitz und Demütigung für von Bardeleben – im doppelten Sinn.

P.S. Diese Partie begeisterte und beschäftigte Generationen von Schachspielern.

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Sitges (Barcelona), im Oktober 2012

Das Schach- oder König-Spiel

(Bild entfernt) Gustavus Selenus public domain Als Herzog seit 1635 war er einer der gelehrtesten Fürsten seiner Zeit, ein Verfechter und Schutzherr der Künste und Wissenschaften, Sammler und Mäzen. Er gründete die Bibliothek Augustea, die umfangreiche herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel und hatte den Verdienst, den Wiederaufbau des Landes nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) zu unterstützen.
Er starb am 17. September 1666 im Alter von 87 Jahren in Wolfenbuettel. Bibliothek Augustea (Bild entfernt) Bild: llb.detmold.de 

Vieles aus dem Text ist die großartige Übersetzung und Erweiterung der Arbeit von Ruy López de Segura, Verfasser des spanischen Buches „Libro de Axedrez“, aufgelegt 1561 in Alcalá, der als „Vater der Schachtheorie“ gilt.
„Documento de Invención liberal y arte del Juego del Ajedrez”

(Dokument der freien Erfindung und Kunst des Schachspieles).

Das Werk teilt sich in vier Bücher auf, basierend auf einer tiefen und systematischen Form, mit Kupfer-Gravuren verziert. Die Sammlung von Anekdoten und Extrakten wurde durch eine intensive und aufwendige Suche in den Büchern der herzoglichen Bibliothek zusammengestellt. Beigefügt ist eine Anleitung im Anhang zur Beschreibung eines mittelalterlichen Spieles

„Rythmo-Machia“.


Jakob Henry Sarratt, als einer der besten englischen Spieler seiner Zeit, veröffentlichte auch in London im Jahre 1817 eine Abhandlung über die Arbeiten von Gustavus Selenus.

Diese Ausgabe und andere der alten Meister, die etwas oberflächlich bearbeitet waren und zudem nur Teilübersetzungen enthielten, trugen dem Herausgeber seitens der Zeitgenossen einige Kritik ein. Jedenfalls machte Sarratt die seit langem vergriffenen Schriften den Schachinteressierten aber wieder zugänglich.

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Quelle: Archeologia Scacchistica – Personaggi e Autori.mht

Sitges (Barcelona), im Oktober 2012

Wie hart ist das Leben – 3. Teil

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Ludek Pachman(n)

1924 – 2003

Erneut der Freiheit beraubt zu sein, war ein fürchterlicher Schlag für Pachman, so dass er seine Hungerstreiks fortsetzte. Eines Nachts, überdrüssig und kollabiert, versuchte er einen Selbstmord, in dem er kopfüber aus seiner Schlafkoje sprang. Die Folgen waren u.a. drei beschädigte Wirbel des Rückgrates, eine Verletzung, die ihn permanent hinken liess und unerträgliche Rückenschmerzen verursachten. Pachman hat nie zugegeben, dass es ein Selbstmordversuch war und behauptete, es nur ein Sturz gewesen.
Diese traurige Geschichte führte zu einem Ende, als die tschechische Regierung ihm die Freiheit anbot. Als Gegenleistung sollte er auf jegliche politische Aktivität verzichten und keine Interviews den ausländischen Medien geben.

Er akzeptierte, doch seine Rückkehr in die reale Welt war nicht gerade idyllisch. Pachman scheiterte, irgendwie Arbeit zu finden – es ist nicht notwendig, die Ursachen zu erklären – und obendrein wurde er unter 24-stündige Beobachtung gestellt. Ludek und seine Familie konnten mit der Hilfe von Freunden leben, aber die Situation war unhaltbar geworden. So begann die Suche nach juristischen Wegen (auch durch Vermittlung der FIDE) um auszuwandern.

Sein ständiger Druck auf die Regierung, ein riskantes Manöver, das ihn wieder ins Gefängnis gebracht haben könnte, hatte erstaunlicherweise Erfolg, und er durfte mit seiner Familie die Tschechoslowakei verlassen.

Pachman begann die Reise im Jahre 1972, die ihn weg von der Tschechoslowakei führte. Es war der Ort Solingen (Bundesrepublik Deutschland) ausgewählt und eine Odyssee voller Probleme wegen den tschechischen Behörden, die viele Formalitäten verlangten und ihn in eine echte Angst versetzten, wieder verhaftet zu werden, weil er den „Versuch unternahm, die Grenze nach Deutschland zu überqueren“.

Der Präsident des Schachclubs Solingen hatte alles vorbereitet und vermittelte ihm und seiner Familie die notwendigen Papiere und ein Haus, um dort zu leben. Er und seine Angehörigen wurden deutsche Staatsbürger mit einer leichten Änderung seines Nachnamens in Pachmann.

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Ein historisches Bild 1979

Prof. Friedrich Schwenkel von der Universität Hamburg erklärt

Ludek Pachmann einen der ersten Schachcomputer, gegen den er dann

spielte und gewann.

Nach dieser harten Erfahrung, die sich mehr als vier Jahre hinzog, nahm er seine Schachlaufbahn wieder auf. Er schaffte es dann aber nicht mehr, sein früheres Spielniveau zu erreichen und spielte nicht mehr so glanzvoll.

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1996

Pachman nahm weiterhin an einer Reihe von Turnieren in Deutschland teil und blieb bis kurz vor seinem Tod aktiv, der am 6. März 2003 eintrat.

Es ist üblich, die Artikel auf dieser Seite mit einer herausragenden Partie des Protagonisten zu beenden, so dass wir uns an ihn als grossen Meister erinnern können, der lebend in den Kessel der Hölle gedrängt wurde, aber – wenn auch übel zugerichtet – wieder an die Aussenwelt kommen konnte.


PACHMAN vs. DONNER

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Jan Hein Donner

Match Tschechoslowakei gegen Holland, 1955

Pachman, Ludek – Donner, Jan Hein [A24]
NLD-CSR Rotterdam, 1955

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– kommentiert von NM Hebert Pérez García

1.c4 g6 2.Sc3 Lg7 3.g3 Sf6 4.Lg2 0-0

5. e4 e5?! Gemäss Ludek Pachman ist es bei diesem Schema für Schwarz besser, mit c5 und Sc6 fortzusetzen.

6. Sge2 d6 7.0-0 Sfd7?! Eine zweifelhafte Idee. Konsequenter war: 7…Sc6 zu spielen.

8. d3 f5 9.exf5 gxf5 10.Le3[auch ist der Zug 10.f4 richtig.]

10…Sf6 11.Dd2 c6

12. h3 Sh5?![Besser war hier 12…Le6, obwohl nach 13.b3 Dd7 14.f4 Sa6 15.Tad1 hat Weiss einen leichten positionellen Vorteil.]

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13. f4 De8[13…Sa6] 14.Kh2 Dg6

15. De1 [Wahrscheinlich war 15.b4 eine geeignetere Idee in dieser Stellung. Allerdings dachte Pachman, dass die Überdeckung des g3-Bauern notwendig war.]

15…Sd7In der Tat war hier 15…Sa6 vorzuziehen.

16.Td1[ Interessant ist die Option 16.Df2!?]

16…Kh8 17.d4[Pachman lobte den Textzug mit einem Ausrufungszeichen. Nach unserer Meinung ist die Variante 17.Af3 Tg8 18.Df2 Af8 19.Tg1 etc. vielleicht etwas stärker.]

17…Tg8?![Intuitiv dachte Pachman, dass die Variante 17…e4 18.g4 fxg4 19.Sxe4 gxh3 20.Lf3 vorteilhaft für ihn war, weil sie für Weiss Linien öffnete. Wir glauben, dass Schwarz nach 20…Sdf6! Ein gutes Spiel hat.]

18. Df2[Besser ist 18.fxe5 dxe5 19.Df2 Tf8 20.dxe5 Sxe5 21.b3+/= ]

18…Lf6[Zu beachten wäre auch 18…e4!?]

19. dxe5[oder auch 19.fxe5 dxe5 20.Lf3 etc.]

19…dxe5 20.Td6 exf4

21. Sxf4! Eine unangenehme Überraschung für Schwarz, wie GM Ludek Pachman kommentiert. Wirklich ein energischer Zug!]

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21…Sxf4[Auch hätte die Zugfolge 21…Dxg3+ 22.Dxg3 Sxg3 23.Tfd1 etc. den weissen Vorteil verhindern können.]

22. Lxf4 Df7 23.Te1 Lg7 24.Tde6 Sf8[Besser war 24…Sf6]

25. Te7 Dxc4?[Ein Fehler, der die Partie kostet. Es war notwendig: 25…Dg6]

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26. Txg7! [Auf eine brillante Weise beendet GM Ludek Pachman die Partie.]

26…Txg7[Auch dient nicht 26…Kxg7 wegen 27.Te7+ (oder gemäss Pachman, 27.Le5+ Kf7 28.Se4+-)27…Kf6 28.De3 Se6 29.Ld6 Kg6 30.b3 und Weiss gewinnt.]

27. Te8 Kg8[Verliert 27…Df7 wegen 28.De1 Tg6 29.Te7 Te6 30.Le5+ +-]

28. Ld6 Tf7 29.De3 f4 30.De5+- [Der Textzug oder 30.gxf4 entscheiden die Partie.]

(Bild entfernt)

30…Tf5 31.Txf8+!Txf8 32.Dg5+ und Schwarz gab auf. 1-0

Zum Nachspielen:

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GM Ludek Pachman wählte diese Partie aus für sein Buch “Meine 100 besten Partien und meine Probleme”. Seine Wahl ist vollkommen berechtigt. Es war eine herrliche Partie.

Sein Dossier:

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Active years of Ludek Pachman (total number of games in the database: 1629)

Graphik: chessbase.de

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Quelle: (Bild entfernt)

Sitges (Barcelona), im Oktober 2012

Wie hart ist das Leben – 2. Teil

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Ludek Pachman(n)

* 1924 + 2003

Die tschechische herrschende Klasse dachte schon lange über eine neue Form des Kommunismus nach, nicht so straff geführt und nach außen offener, mit einer Wirtschaft, die das Land in Richtung Westen orientieren sollte.

Als die Regierung einige Reformen vorschlug, gab es eine schnelle Reaktion aus Moskau, denn diese Veränderungen waren für die Warschauer-Pakt-Mächte untragbar, so dass nach mehreren nicht beachteten Warnungen die sowjetische Armee in Prag einmarschierte. Die Besetzung dauerte ein paar Monate, und den Sowjets gelang es, die reformistische Splittergruppe abzuwürgen, so dass sich das Wasser wieder beruhigte … aber nicht das Gedankengut der tschechischen Bevölkerung, die während dieser Zeit vorsichtig gegen die Invasoren rebellierten, mit konstanten Demonstrationen und Kundgebungen (manchmal von Panzern umgeben).

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Bilder des „Prager Frühlings“: friedlicher Widerstand

1968

Pachman gehörte zu den Unzufriedenen, einen Aspekt, den er nie leugnete.

Diese Einstellung hatte nicht sofort Folgen, und er erlitt auch keine Repressalien dank seiner vorherigen Leistungen in der Partei und der Anerkennung als Schachmeister.

Aber im Laufe der Zeit begann man, ihn zu überwachen und schließlich wurde er wegen Äußerungen über den Präsidenten der Kommunistischen Partei verhaftet. Hier begann seine Qual, als er sah, dass sein Leben in der Gefangenschaft auseinander fiel.

Zunächst waren Pachman und seine Familie ruhig, denn die Anklage war nicht so ernst und sein Ruhm als Schachspieler half ihm dabei.

Aber die Zeit verging und die Isolierung wuchs in dem Augenblick, als er in eine Zelle mit schlechteren Bedingungen gesperrt wurde.

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Gemalt von Elke Rehder

Offensichtlich versetzten der Freiheitsentzug und die Unsicherheit Pachman in einen tiefen Pessimismus, der ihn zu einer drastischen Entscheidung führte:

Er begann einen Hungerstreik. Ludek blieb hart und nahm mehrere Tage lang keine Nahrung auf, so dass er in kurzer Zeit 17 Kilo Gewicht verlor. Als er aber an die Grenze seiner Kräfte stiess, sah er sich gezwungen, den Hungerstreik ohne positive Ergebnisse aufzugeben.

Seiner Familie gelang es, ihm ein Schachspiel zu besorgen, das mehr als ein Geschenk war. Die Zeit, die er mit dem Schach verbringen konnte, war wie eine Flucht zu deuten, wobei er über die Gefängnismauern in ein Universum fliegen konnte voller Kombinationen und Angriffe auf die gegnerische Rochade. So konnte er für eine gewisse Zeit vergessen, wo er in Wirklichkeit war.

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Gemalt von Elke Rehder

Die folgenden 14 Monate brachte man ihn in Untersuchungshaft, wo er in mehrere Hungerstreiks trat, die seinen Gesundheitszustand noch weiter verschlechterten.

Schließlich wirkte doch der ausgeübte Druck.

Ludek Pachman wurde freigelassen, aber unter strenger Überwachung gestellt, und man verbot ihm, an internationalen Schachturnieren teilzunehmen.

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Später wurde ihm sogar untersagt, an nationalen Turnieren und Fernschachturnieren teilzunehmen.

Die Behörden versuchten durch diese Massnahmen, dass er in Vergessenheit geriet und machten jeglichen Kontakt zum Westen unmöglich.

Seine ihm verbliebene Beziehung zum Schach verringerte sich auf einzelne Fernschachpartien, so dass im Grunde genommen seine Karriere zu Ende ging, zumindest auf dem Niveau, das er in der Vergangenheit erreicht hatte. Die folgenden Monate waren eine ständige Verfolgung seiner Person; er wurde öffentlich schikaniert, bis man ihn wieder inhaftierte.

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Gemalt von Elke Rehder

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Fortsetzung folgt im letzten und 3. Teil.

Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Oktober 2012

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Wie hart ist das Leben – 1. Teil

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Ludek Pachman(n)

* 1924 + 2003

von Javier Cordero Fernández

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Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Dies ist die positive Schlussfolgerung nach einem schweren Erlebnis… obwohl es natürlich besser ist, eine solche Erfahrung nicht zu machen. So musste Ludek Pachman denken, dessen Art der Betrachtung und das Verständnis der Welt sich radikal in den späten 60er Jahren veränderte.

Ludek Pachmans Geschichte verwebt ständig Schach und Politik, ein Aspekt, der der Auslöser für die harten Zeiten in seinem Leben war.

Er lernte das Schach als Kind kennen. Laut seinen eigenen Worten spielte er das erste Mal, als er auf einem Töpfchen sass.

Anfangs zeigte er nicht viel Aufmerksamkeit

für Läufer und Springer,

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weil er mehr in Richtung Musik neigte, besonders für das Klavier, aber seine Eltern merkten bald, dass er nicht übermäßig talentiert war.

Die echte Schachleidenschaft entwickelte er im Alter von 15 Jahren und dann besonders stark. Ludek hatte nur noch Augen für das Schach, Schachliteratur durchzuarbeiten und regelmäßig in den Heimatverein zu gehen.

Die ersten Anzeichen von Talent machten sich nach ein paar Monaten bemerkbar. Pachman spielte während den Schulstunden mit einem Freund, bis der Lehrer darauf aufmerksam wurde und die Schüler jeweils in die eine und die andere Ecke der Klasse schickte. Den Jungs machte es aber nichts aus , dass der Lehrer zornig war und setzten das Spiel fort. Ludeks Freund mit dem Brett und den Figuren auf dem Schultisch und Pachman, vom anderen Ende der Klasse, spielte blind weiter. Das war schon beachtenswert, wenn man bedenkt, dass er gerade erst anfangen hatte, sich ernsthaft mit Schach zu beschäftigen.

Zwei Jahre später gewann er den Meistertitel, in einem wahrhaft kometenhaften Aufstieg.

Doch gerade ab jener Zeit begann seine Geschichte hoffnunglos schief zu laufen.

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Die Tschechoslowakei wurde von den Nazis überfallen, und das Land teilte sich in zwei Richtungen: diejenigen, die dagegen waren und diejenigen, die sich passiv der Besetzung gegenüber verhielten.

Pachman war einer der ersten, der sich gegen die Besetzung stemmte und in mehreren Fällen bei Maßnahmen gegen die Deutschen beteiligt, aber er wurde entdeckt und für ein paar Monate ins Gefängnis gesteckt.

Schach begleitete ihn auch während seiner Gefangenschaft, und da er keinen Spielpartner hatte, widmete er sich der Komposition von künstlerischen Studien, von denen einige später veröffentlicht wurden.

Pachman,Ludek Schachkomposition, 1941 [MN Hebert Pérez García]

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Weiss zieht und gewinnt:

Lösung:1. Sd3! Lh4[1…Lg3? 2. Tg2 +-] 2.Tg2!Lh7[2…Ld5 3.Sb4+ Kc5 4.Th2 Lf6 5.Th5 +-; 2…Le6 3.Tg6 +-; 2…Lc4 3.Se5+ Kd5 4.Sxc4 Kxc4 5.Tg4+ +-] 3.Sb4+ Kd6 4.Th2+-1-0

Es waren schwierige Zeiten für die Tschechoslowakei, in jeder Ecke lauerte ein SS-Spion, und niemand war sich seines Lebens mehr sicher. Die Tschechen kämpften gegen die Besatzung „auf dem Papier“ und riefen die Menschen auf sich zu wehren, um der Welt sagen, was dort geschah.

Nach dem Krieg trat Pachman der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bei,

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wurde ein sehr aktives Mitglied und immer mehr durch seine Reden und Ideen bekannt. Er arbeitete sogar innerhalb der Struktur der Partei, vorzugsweise in der Abteilung für Sport.

Diese Aufgaben verband er mit seiner Karriere auf dem Schachbrett und hatte seine Blütezeit in den 50iger Jahren, wo Pachman viele Erfolge erzielte und die Säule des tschechischen Schachs wurde.

Pachman war einer der stärksten Spieler der Welt und zu aller Arten von internationalen Turnieren eingeladen. Er pflegte ausgezeichnete Beziehungen mit den sowjetischen Spielern und sogar zu Kuba, wobei Fidel Castro ihn beauftragte, ein Buch über die Schacholympiade von Havanna zu schreiben.

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Hier mit Fidel Castro 1966

Während dieser Zeit veröffentlichte Pachman zahlreiche Schachbücher, immer mit einem geschliffenen Stil und mit einem ausgeprägten Sinn für Humor, so dass seine Schriften ein hohes Ansehen genossen.

Nachstehend einige Beispiele:

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Die Jahre vergingen und Pachman hatte weiterhin schachlichen Erfolg, wie z.B. der erste Platz bei dem Meisterturnieren in Sarajewo und Graz (1961) und der Sieg bei der tschechischen Meisterschaft.

Aber seine Lebensgeschichte wurde durch ein Erlebnis geprägt, als sich im Jahr 1968 der „Prager Frühling“ ereignete.

Fortsetzung folgt!

Quelle: (Bild entfernt)

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Sitges (Barcelona), im September 2012

Ein Springer am Rand……..

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Gemalt von Elke Rehder

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von NM Hebert Pérez García aus Holland

Zu seiner Zeit beurteilte Dr. Siegbert Tarrasch

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Copyright © 1999 Miriam Friedman Morris

http://www.kb.nl/vak/schaak/portretten/friedmann/portretten-en.html

mit aller Strenge eventuelle Ausflüge der Springer an den Brettrand.

Wenn man diese Eindringlichkeit bewertet, wirkt diese Auffassung wie ein Dogma.

Gerade deswegen hat dieser bemerkenswerte Meister hier ein gesundes und allgemeines Fundament errichtet.

Der argentinische Grossmeister, Héctor Rossetto,

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sagte mir bei der Analyse einer Partie, bei der die Figuren nicht gut standen:

„Diese schlechten Positionen enthalten den Keim der Niederlage.”

Diese aufgezeichnete Parallele stimmt vollkommen mit der Aussage von

Dr. Tarrasch überein.

Es ist schon merkwürdig, dass ein meisterhafte Zeitgenosse wie Dr. Ossip Bernstein unerklärlicherweise den Fehler begeht, einen seiner Springer fatalerweise so “ausser Kraft” bei einem wichtigen sportlichen Turnier zu stellen.

Die nachstehende Partie ist ein lehrhaftes Beispiel, das bis heute gilt.

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1. d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Lf4 Lg7

4. Sc3 [Diese Variante kommt mir wieder in Erinnerung anl. der klassischen Partie zwischen Capablanca und Yates1924 inNew York. Trotz des Sieges des damaligen Weltmeisters, ist es doch eine wenig bedächtige Fortsetzung und stellte deswegen für Schwarz kaum ein Problem dar.]

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4…d5 5.e3 0-0 6.Le2 c6[Eine spielbare Variante, aber passiv. Interessanter ist 6…c5!? 7.Se5 Sc6 8.0-0 cxd4 9.exd4 Db6 10.Sxc6 Dxc6 (10…bxc6 11.Sa4 Da5 12.c3 Sd7 13.b4 Dd8)11.Le5 Lf5 etc]

7.h3[7.0-0!?] 7…Sbd7 8.0-0 b6 9.Se5[Besser ist die Option 9.Dd2 Lb7 10.Tfd1+/=]

9…Lb7[Schwarz konnte schon mit 9…Sxe5= 10.Lxe5 Se4 11.Sxe4 Lxe5 12.dxe5 dxe4= ausgleichen. ]

10. Lf3 Tc8[Genauer ist: 10…Sxe5!? 11.Lxe5 Se8]

11. a4 Sxe5 12.Lxe5 Sd7 13.Lxg7 Kxg7

14. e4?![Besser waren die Varianten 14.a5+/=; 14.Dd2+/=]

14…dxe4 15.Lxe4 f5 16.Lf3 e5=

17. dxe5?![ Wahrscheinlich aus grossem Respekt bekannten Gegner, vermied Letelier einige positionelle Fehleinschätzungen wie in diesem Fall zu kritisieren. Letelier kommentierte diese Partie in der Schachzeitschrift “Ajedrez” des Sopena-Verlages in Argentinien. Hier war 17.a5 angesagt. Das Nehmen auf “e5” begünstigt ganz klar die schwarzen Steine.]

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17…Sxe5=/+ 18.a5[18.Le2!?] 18…b5[Letelier versah diesen Textzug mit einem Ausrufungszeichen. Unserer Meinung nach ist 18…Dc7!?=/+ der beste Zug für Schwarz.]

19. De2?![Ein weiterer folgenreicher Fehler. Besser waren die Varianten 19.Te1 oder 19.a6]

19…Dc7 20.De3 b4! 21. Sa4?[Ein schrecklicher positioneller Fehler von Dr.Ossip Bernstein. Zweifellos hätte sich Dr.Tarrasch fürchterlich aufregt, wenn er diese Partie hätte miterleben dürfen. Richtig war, mit 21. Se2 fortzusetzen, wie der Meister René Letelier angab.]

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21…Sxf3+ 22.Dxf3 c5-/+ 23.De3 Tfe8 24.Dc1[24.Db3]

24…Te2![Mit einem ausgezeichneten positonellen Verständnis vonLetelier, der brillante Sieger dieses historischen Schachereignis von Montevideo, wobei er die Partie ohne weitere Atempausen beendet.]

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25. Te1 Dc6 26.Dg5 Tce8 27.Txe2 Txe2 28.f3[ Weiss ist schon wehrlos. Auch rettet der Verteidungsversuch 28.Dg3 wegen 28…f4 29.Dg4 Te5 30.a6 La8 31.Td1 Tf5 32.b3 h5 33.Df3 Dxf3 34.gxf3 Lxf3-+ nicht mehr]

28…Dd6 29.Tf1 Lc6 30.b3 h6

31. Dh4 Lxa4-+[Sofort gewann: 31…g5-+ 32.Dc4 Dd2-+]

32. bxa4 Txc2[32…g5-+] 33.De1 b3 34.Tf2 Txf2[34…Kf6!?] 35. Kxf2 b2 36.h4 Kf6! 37. h5 Dd4+ und Weiss gibt auf: 0-1

Endstellung

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Montevideo, Torneo Internacional de la Unesco (ronda 11), 1954,

Die Teilnehmer

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Stehend: Juan B. Silva, Martin Irisarri (fiscais). Juan Francisco Olivera (URU), Miguel Najdorf (ARG),
Nelson Barreiro (Secretario da Federacion Uruguaya), Eduardo Salomon (PAR), Luis A. Gulla (arbitro), Jose Luis Alvarez (URU), Walter Estrada (URU), Cipriano Herrera (arbitro), Hector Corral (URU) Jose Munoz (URU).

Sitzend : Rene Letelier (CHI), Lorenzo Bauza (URU), Bengt Hoerberg (SWE),
Ronald Cantero (PAR), Octavio Trompowsky (BRA), Julio Salas Romo (CHI), Ossip Bernstein (FRA), Roman Toran (ESP) e Flavio de Carvalho Junior (BRA).

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Sitges (Barcelona), im September 2012

20 Jahre ohne Mikhail Tal

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von Javier Cordero Fernández

Am 28. Juni 1992 schied Mikhail Tal aus diesem Leben und an diesem Tag verlor das Schach seine noch verbliebende Magie.

Es wird sehr schwierig sein, dass sich unser Schachleben jemals davon erholen wird.

Nur zwei Monate vorher nahm Mikhail Tal noch an einem Turnier in Barcelona teil, bei dem er wiederum ein Beispiel seiner unerschöpflichen Klasse mit seiner Partie gegen Joel Lautier zeigte:

MIKHAIL TAL vs. JOEL LAUTIER BARCELONA 1992

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kommentiert von por MN Hebert Pérez García

Tal Mikhail – Lautier Joel:

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1. d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.g3 b5!?

[Spassky pflegte diese scharfe Variante zu spielen, die sicher der junge Lautier auf seine Empfehlung übernommen hatte. Der ehemalige Weltmeister war sein Trainer.]

4. Lg2 Lb7 5.0-0 c5

6. Lg5 Db6[ Eine wichtige Alternative ist 6…cxd4 7.Sxd4 Lxg2 8.Kxg2 a6]

7. a4[Auch war spielbar: 7.Lxf6 gxf6 8.c3 etc.]

7…a6[Der aktive Zug 7…Sc6!? sollte auch beachtet werden.]

8. Sc3 Se4 9.Sxe4 Lxe4 10.axb5 Dxb5 11.Dd2 f6 12.Lf4 Db7

13. c4!?[Tal geht den vielversprechenden Weg zu einem Figurenopfer.]

13…cxd4

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14. Dxd4 e5 [Es gibt nichts Besseres, als die Herausforderung anzunehmen.]

15. Lxe5!? fxe5 16.Dxe5+ Le7

17. Sd4[Sehr stark war auch die taktische Variante 17.Ta3! d5 18.Dxg7 Tf8 19.cxd5 und Weiss steht klar besser.]

17…Lxg2 18. Sf5 Db4 19.Kxg2 Sc6 20.Dxg7 0-0-0 21.Txa6 Db7

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22. Tfa1 Sb4+[Vielleicht war die Verteidung 22…Lc5! 23.Kg1 Thf8 etc. vorzuziehen.]

23. Kg1 Sxa6 24.Dxe7 Db6 25.Da3 Thf8 26.Sd6+ Kc7

27. Dxa6 Ta8[Besser scheint 27…Dxf2+ 28.Kh1 Db6 29.Sb5+ Kc6 30.Da3 mit Vorteil für Weiss.]

28. Dxb6+ Kxb6 29.Td1 Ta2 30.Td2 Kc6 31.f3[oder auch 31.f4]

31…Tfa8 32.Sb5 T8a4[Hier konnte man auch spielen 32…Kc5!? 33.Sc3 Ta1+ 34.Kf2 Td8 35.b3, aber Weiss behält einen positionellen Vorteil.]

33. Tc2?![Eine zweifelhafter Zug. Uns scheint geeigneter, wie folgt fortzusetzen: 33.Td6+!? Kc5 34.b3 Ta6 35.Td5+ Kb4 36.Sd4]

33…Kc5[Solider ist 33…Tb4!? 34.Sc3 Taxb2 35.Sd5 Tb8 etc.]

34. Sc3 Ta1+ 35.Kf2 Txc4[35…Tb4!?]

36. Td2[Eine ausgezeichnete Möglichkeit war auch 36.b3! Td4 37.Ke3!]

36…Ta7 37.e4 Kc6[Hartnäckig ist die Alternative 37…Tb7!?]

38. Ke3[Der unternehmerische Zug 38.e5! war hier wohl vorzuziehen.]

38…Tb7[38…Tb4] 39.Tc2[39.e5]

39…d6 40.Kd3 Tc5 41. f4 Tb4[41…Kd7!?]

42. g4 Kd7 43.g5 Ke6 44.h4 d5!?[In Zeitnot versucht Schwarz, ein Gegenspiel aufzuziehen.]

45. Sxd5 Txc2 46.Sxb4 Txb2

47. Sc2?![Sicher würde folgende Fortsetzung die Partie entscheiden: 47.Sd5! und wenn Th2 48.f5+ Kf7 49.e5 Txh4 50.e6+ Kf8 51.f6 Th1 52.Sc7 Te1 53.e7+ Txe7 54.fxe7+ Kxe7 55.Sd5+ Kf7 56.Sf4 mit gewinnbringendem Vorteil für Weiss.]

47…Tb3+ 48.Kc4 Th3 49.Sd4+ Kf7 50.f5 Txh4 51.Kd5 Tg4 52.Sf3 Tg3 53.Se5+ Kg8?![Hier war 53…Ke8! zu spielen.]

54. f6 Txg5?[Verliert sofort, vielleicht gab 54…Te3 noch einen stärkeren Widerstand.]

55.Ke6+- [Jetzt setzt sich Tal mit Leichtigkeit durch!]

5…Tg1 56.f7+ Kg7 57.Sd7 Tf1 58.f8D+ Txf8 59.Sxf8 h6 60.Sd7 h5 61.Se5 h4

62. Sf3 und Schwarz gibt auf. 1-0

Schlussstellung:

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Eine wunderbare Partie von Mikhail Tal, in der seine schöpferische Kunst nicht vermuten liess, dass er sich bereits am Ende seiner brillanten Schachlaufbahn aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes befand.

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt) Queen’s Pawn Game

Tal verließ diese Welt viel zu früh mit nur 56 Jahren, aber er hat jede Minute intensiv gelebt und sein Leben so genossen, wie er es für richtig hielt, wobei er die ihm von der Gesellschaft vorgegebenen Wege ausser Acht liess.
Mikhail Tal war ein besonderer Spieler am und abseits vom Schachbrett.

Er liebte von ganzem Herzen das Schach, dem er sich mit Hingabe und Freude widmete.

Seinen Beruf genoss er so wie Wenige, eine Tatsache, die in jedem Turnier offensichtlich war.

Er war immer der Erste, der den Turniersaal betrat und während er eine Partie spielte, stand er in den Zug-Pausen auf und wanderte durch die Reihen, um sich die jeweiligen Stellungen an den verschiedenen Tischen anzusehen, so als ob er nicht mit seinem eigenen Spiel genug zu tun gehabt hätte.

Darüber hinaus erschien er immer im Spielsaal an den Tagen, wenn Hängepartien fortgesetzt wurden, obwohl er im Grunde eine Ruhepause hätte einlegen können.

In Erinnerung bleiben uns noch seine Blitzpartien, bei denen er nur eine Minute Bedenkzeit forderte, während seine Gegner 5 Minuten Zeit hatten… und fast immer gewann er.

Gern wird als Beispiel zitiert, das sich in einer Pause bei der Schacholympiade im Jahre 1960 ereignete und wo er Bobby Fischer mit 4 – 1 besiegte, der sich danach vollkommen benommen vom Tisch entfernte.

Dasselbe Ergebnis (1 Minute gegen 5 Minuten) wiederholte er gegen Miguel Najdorf, der aus dem Staunen nicht wieder herauskam.

(Bild entfernt)

Tals Spielweise schuf immer „stürmisches Wetter“ auf dem Brett, wodurch er zum Publikumsliebling wurde. Die Schachfreunde hielten ihn sogar auf der Straße an, um mit ihm zu sprechen.

Wenn er in der Öffentlichkeit auftrat, wurde er liebenswürdig empfangen; auch, wenn der Sieg ihm nicht zulächelte, war er der meist verlangte Spieler. Seine bereitwillige Zugänglichkeit für die Schachamateure trug wesentlich zu seinem weltweiten Ruhm bei, aber sein Kampfgeist und der ständige Wunsch dem Publikum zu gefallen, waren die Grundlage, mit der er seine Legende schmiedete.


Seine einzigartige Spielweise ermöglichte ihm ein große Parzelle auf dem Olymp der größten Schachspieler.

Er war keinem Spieler aus der Vergangenheit gleichzusetzen, und niemand hat es geschafft, ihn in seinem Stil bisher nachzuahmen. Sein Spiel lag jenseits der Logik und machte nur einen Sinn in seinem Geist mit Zügen, die die gegnerischen Stellungen in ein Chaos verwandelten, denen kaum einer folgen konnte. Sein Vermächtnis an Partien ist fast unendlich, ein absoluter Schatz für die Kunst des taktischen Schachs.

Deshalb verdient er es, dass wir uns nach 20 Jahren wieder an ihn erinnern und seinen frühen Tod beklagen.

(Bild entfernt)

Das Ende der Geschichte des „Zauberers von Riga“ gestaltete sich sehr traurig. Mikhail Tal war berufen, mit der Auswahl von Lettland bei der Olympiade in Manila teilzunehmen.

(Nur ein Jahr zuvor hatte Lettland die Unabhängigkeit erlangt.)

Aber unerwarteter Weise musste er wieder in die Klinik eingeliefert wegen einer neuen Nierenoperation, wonach sich sein Zustand noch verschlechterte. Somit konnte er nicht seine Mannschaft begleiten.

Seine Nieren-Probleme, die schon in seiner Jugend begannen, waren nicht vereinbar mit seinem Lebensstil, und die Ärzte hatten ihn schon lange vorher gewarnt: „Wenn Sie weiter in der Art und Weise diesen Raubbau mit Ihrer Gesundheit treiben, indem Sie so viel trinken und rauchen, sind ihre Tage gezählt.“

Tal verstand seine Lebensweise auf eine andere Art und dachte, dass ein Leben mit Verboten „nicht lebenswert“ sei, so dass er ungehindert sein strapaziöses Leben fortsetzte, indem er weiter rauchte, trank und ganze Nächte lang zwischen Schach und Literatur (seine andere Leidenschaft) verbrachte.

Misha starb in einem Moskauer Krankenhaus. Auf dem Tisch in seinem Krankenzimmer konnte man die während der Olympiade in Manila gespielten Partien sehen, verschiedene Schachzeitschriften, Schachbücher und ein Schachbrett mit den Figuren… Schach war immer bei ihm bis zum letzten Atemzug.

Hunderte von Schachfans eilten zum Krankenhaus, als sie von der Todesnachricht erfuhren, weil sie annahmen, dass diese Nachricht nicht wahr sein konnte, wie es schon in der Vergangenheit vorgekommen war. Doch dieses Mal war die Nachricht zutreffend, und es blieben nur noch Tränen.

Nie hat das Ableben eines Schachspieler so viele Menschen traurig gemacht. Mikhail Tal wurde in Riga, seiner geliebten Heimatstadt, von Tausenden seiner Anhängern begleitet, als er bestattet wurde.

(Bild entfernt)

Public domain

Alexander Koblenz, sein Trainer während seiner schachlichen Karriere und 20 Jahre älter, weinte so bitterlich auf der Beerdigung, so dass auch bei den anderen Trauergästen aus aller Welt kein Auge trocken blieb.

Sein Trainer starb dann ein Jahr später.

(Bild entfernt)

Aber ein Schachspieler verlässt uns nie ganz, seine Partien werden immer bei uns sein und sind aufgezeichnet, um an sein Talent zu erinnern … und im Falle von Misha Tal gab es viele……..

(Bild entfernt)

Ehrendenkmal im Vermanes Park von Riga

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im September 2012

Die tödliche Schachpartie

(Bild entfernt)
gemalt von Penusliski

Eine Erzählung von Néstor Quadri:

Vierundsechzig Felder und eine nahezu unendliche Anzahl von Möglichkeiten auf einem hell-dunklen Schlachtfeld, wo geschnitzte Figuren stehen und schemenhaft von den Lichtern des Raumes beleuchtet werden.

(Bild entfernt)

gemalt von Penusliski

An diesem Schachbrett sitzen sich zwei Gegner gegenüber. Der Führer der weissen Steine ist ein alter internationaler Großmeister

(Bild entfernt)

Foto Diana Lee

und ein Computer der neuesten Technik bedient die schwarzen Figuren.


(Bild entfernt)

Es ist eine Partie ohne zeitliche Begrenzung, wobei dem Computer gestattet ist, dieselbe Bedenkzeit zu nutzen, die der menschliche Spieler für seinen letzten Zug aufgewendet hat.

Es war ein Schachpartie, die nur den Tod als zeitliche Grenze hatte und in dieser Form von dem bereits 70 Jahre alten Grossmeister vorgeschlagen wurde.
Dies bedeutete eine sehr schwierige Herausforderung; doch er hatte erklärt, den Computer zu schlagen und würde sich die Zeit zum Nachdenken und für die Analysen bis zur Nähe seines Todes nehmen, wobei bekannt ist, dass Schachpartien bis über 50 Züge dauern können.

(Bild entfernt)

Tod und Leben – gemalt von Gustav Klimt

Nach einigen Jahren zeichnete sich das Ende des Spieles ab.

Der Computer hatte mit einem sicheren Zug geantwortet, wobei ihm bei der Durchführung der Analysen die ganze Rechenkraft für die Unendlichkeit von möglichen Kombinationen zur Verfügung stand. Es war ein präziser Zug, der ihn auf eine Linie brachte, die sein Programm durchgerechnet hatte und sicherlich zu einem erfolgreichen Ergebnis führen würde.
Nun musste der alte Meister ziehen, der aber keine Eile zu haben schien.

Die Zeit war in seinen Augen stehengeblieben, und er bewegte seine Hand, die leicht über den Figuren schwebte so, als ob er unsicher wäre, welchen Zug er machen sollte.

Eigentlich war die Stellung nicht ganz günstig für ihn. Er nahm sich aber die Musse, um darüber nachzudenken und fand schließlich einen großartigen und wunderbaren Zug.

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Nun musste der Computer antworten, und es war offensichtlich ein Zug von Weiss, der unvorhergesehen und kompliziert zu lösen war.

Der Rechner begann die Analyse mit seinen unendlichen Varianten, aber nach einigen Tagen hatte er immer noch nicht geantwortet, und es näherte sich die vereinbarte Ablauffrist für seinen Zug.


Da geschah es, dass der alte Mann anfing, innerlich zu lächeln, als er wahrnahm, dass zuerst eine dünne, fast unmerkliche, aber immer deutlicher werdende Rauchschwade aus dem Computergehäuse entwich.

(Bild entfernt)

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Sitges (Barcelona), im September 2012

Rousseau und das Schach als „Qual“

(Bild entfernt) im Alter von 41 Jahren

gemalt in Pastellfarben von Quentin Latour 1753

***************************************************************************************von Javier Cordero Fernández

Viele historische Persönlichkeiten begeisterten sich für das Schach und einige von ihnen wie Leo Tolstoi, Che Guevara oder Humphrey Bogart erreichten ein respektables Spielniveau, obwohl sie eigentlich nur reine Amateure waren.Aber nicht alle diese Geschichten haben einen gemeinsamen Nenner, denn es gab Fälle, bei denen sich das Schachbrett zu einer richtigen Tortur (Qual) voller Frustationen entwickelte, wie es bei dem großen Jean-Jacques Rousseau(* 1712 Genf + 1778 Ermenonville – Frankreich) der Fall war.

Zu Rousseaus Leben könnte man viele Artikel schreiben, aber wir beschränken uns auf einen kurzen Umriss seines Denkens.

Jean Jacques Rousseau dachte anders.Er war seiner Zeit voraus mit einem Kopf voller Ideen.

Während der französischen Revolution (1789-1799), die von seinen (sozial-politischen) Philosophien stark beeinflusst war, dominierte der Rationalismus, das heißt, jede Entscheidung, die wir im Leben treffen, sollte auf der Vernunft basieren.

Aber Rousseau zeigte einen anderen Weg des Denkens mit mehr Leidenschaft: Man sollte sich vor allem durch das Herz und die Gefühle leiten lassen.

Letztlich darf man aber seine menschliche Seite nicht vergessen… etwas, das man auf das heutige Schach anwenden kann, denn die Tendenz geht mehr und mehr in Richtung künstlicher Spielweisen – durch Schachprogramme beeinflusst.

Rousseau zeigte sich immer sehr kritisch gegenüber „der Aufklärung der Gesellschaft“, was ihm die Antipathie der Behörden einbrachte. Trotz aller staatlicher Schikanen, blieb Rousseau den eigenen Vorstellungen stets treu, die sich in vielen seiner Werke wiederfinden.

Die stürmische Beziehung Rousseau’s mit dem Schach

(Bild entfernt)

Gemalt von Samuel Bak

Rousseau lernte das Schachspielen erst recht spät, obwohl er mehrmals erwähnte, dass er es auch wohl schon in seiner Jugend geübt hätte.

Die Aufzeichnungen von der Gründung des Café de la Régence besagen, dass Rousseau dort auch seine Besuche abstattete im Alter von ungefähr 40 Jahren.

Der „Beauftragte“, ihm die Geheimnisse des Schachspiels beizubringen,war ein gewisser Monsieur Bagueret, der allerdings nicht mehr als ein starker Kaffeehaus-Spieler war. Der Schachlehrer gab seinem Schüler anfangs einen Turm vor, aber Rousseau machte zügige Fortschritte und schon bald war er es, der seinem Lehrer einen Turm vorgab.

Das Schach drang tief in den Geist des Denkers ein und wurde nach und nach zu einer Obsession. Er sah es dann als einer seiner tägliche Hauptaufgaben, sein Spiel zu verbessern und zum Café de la Régence zurückzukehren auf der Suche nach Siegen und Lorbeeren. Dieses leidenschaftliche Interesse brachte ihn zu einer grundsätzlichen Entscheidung, sein Leben anders zu orientieren.

Er kaufte sich ein Schachspiel und eine Ausgabe des berühmten Buches von Gioachino Greco Calabrois,

(Bild entfernt)

public domain

sperrte sich in sein Zimmer ein, um es Tag und Nacht durchzuarbeiten. So verbrachte er sage und schreibe 3 Monate „eingesperrt“, und als er dachte verstanden zu haben, was Greco mit seine Schriften vermitteln wollte, verließ er die „häusliche Klausur“, hager und blass, um sich zum Café de la Régence zu begeben; leider war das Ergebnis nicht das, was er erwartet hatte.

Trotz aller Anstrengungen konnte er sein Spielniveau nicht verbessern und musste nach seiner Rückkehr in das Café eine Niederlage nach der anderen hinnehmen.

Um seine Erfahrungen mit dem Schach zu verstehen, ist es am besten, den eigenen Worten aus seinem Buch „Geständnisse“ nachzugehen: „Nach zwei oder drei Monaten von Überarbeitung und unvorstellbaren Anstrengungen, gehe ich zum Café de la Régence, abgemagert, mit gelber Gesichtsfarbe und fast betäubt.

Dort habe ich wieder mit Monsieur Bagueret (seinem ehemaligen Lehrer) gespielt: Ich habe ein, zwei, zwanzig Mal verloren; die vielen Kombinationen verwirrten mich und mein Geist war so benommen, dass ich nichts anderes als eine Wolke vor mir sah. „

Doch diese frustrierende Erfahrung musste ihn nicht so beeinträchtigt haben, denn er zeigte eine große Zähigkeit und versuchte wieder Fortschritte durch das Studieren der verhandenen Bücher in der komplizierten Welt des Schachs zu machen. Noch zweimal wiederholte er die Erfahrung, sich in sein Zimmer einzuschliessen mit einem Buch von Philipp Stamma:

(Bild entfernt)

public domain

und ein andereres von Philidor:

(Bild entfernt)

public domain

In beiden Fällen erzielte er wiederum nur ein mageres Ergebnis.

Zumindest nahm er es mit etwas Humor: „Als man mich aus meinem Zimmer kommen sah, vermittelte ich den Eindruck eines Ausgegrabenen, und wenn das so weitergegangen wäre, hätte man mich bald beerdigen können.“

Rousseau war sich immer seinen Grenzen bewusst , eine Tatsache, die er sehr ungern wahrnahm. All die investierten Mühen brachten nicht das gewünschte Ergebnis. Wieder lesen wir seine Geständnisse und wissen, wie er diese Situation erlebt hat: „Auch wenn ich hundert Jahre lang das Schachspiel studiert hätte, hätte ich es nicht weitergebracht, als Monsieur Bagueret einen Turm vorzugeben und mehr nicht.“

Vielleicht setzte sich Rousseau auch zu hohe Ziele, denn im Café de la Regence erfolgreich zu sein, war nur den grossen Meistern vorbehalten. Hierbei dürfen Sie nicht vergessen, dass in jenen Jahren dort die besten Spieler der Welt verkehrten.

Im Café de la Régence trafen sich Intellektuelle und Politiker aller Schichten.

(Bild entfernt)

public domain

Rousseau spielte regelmäßig mit Denis Diderot, gegen den er immer gewinnen konnte. Diderot versuchte seinen Gegner zu überzeugen, ihm einen Vorteil zu geben, ein Begehren, das aber jeweils abgelehnt wurde.

Nach der an Rousseau gerichteten Bitte fragte er stets: „Leiden Sie darunter zu verlieren?“ Diderot antwortete jedesmal: „Nein, aber ich würde mich besser verteidigen können, und das würde Ihnen eine grössere Freude bereiten“. „Vielleicht ja, aber lassen Sie die Dinge, wie sie sind“.

Es scheint, dass der gute Rousseau nicht viel Vertrauen in sein eigenes Spiel setzte, denn es war dort durchaus üblich, dass der stärkere Spieler dem schwächeren einen gewissen Vorteil einräumte.

(Bild entfernt)

Luis Francisco de Bourbon-Conti und Denis Diderot

Rousseaus Leidenschaft für das Schach und und die Kaffeehaus- Besuche wurden im Jahr 1762 unterbrochen, als er sein umstrittenes Buch:

“Émile” (1762) schrieb.

In “Émile” beschreibt Rousseau sein Erziehungsideal, das v.a. verhindern soll, dass das Kind unter den schlechten Einfluß der Gesellschaft gerät. Der Lehrer darf den Zögling nicht indoktrinieren; Rousseau fordert eine der kindlichen Entwicklung angepaßte Erziehung.

(Bild entfernt)

public domain

Die Behörden beschlagnahmten einen Grossteil der Exemplare und verbrannten sie vor dem Gerichtsgebäude. Darüber hinaus stellte man einen Haftbefehl gegen ihn aus, so dass er gezwungen war, das Land zu verlassen, um letztlich Zuflucht in der Schweiz zu finden.

Im Jahre 1767 reiste er nach England, wo er von Luis Francisco de Bourbon, Prince de Conti aufgenommen wurde.

Dort wurde sein Geist wiedergeboren, und er fing erneut an zu schreiben.

Der Prince de Conti spielte sehr gern Schach und fragte seinen Gast, ob sie eine Partie spielen könnten.

Rousseau war einverstanden, gewann die Partie und wiederholte das Ergebnis im Rückkampf … und tat es eigentlich recht ungern, denn er wollte eine so namhafte Persönlichkeit nicht verletzen, der ihm seinen Schutz angeboten hatte.

Abbildung der Partie, bei der Rousseau seinen Gegner „vom Brett fegte“:

(Bild entfernt)

Im Jahr 1770 konnte Rousseau dann nach Paris zurückkehren und nahm schnell wieder seine Besuche im Café de la Régence auf.

Wenn der Virus „Schach“ Ihren Körper befallen hat, gibt es kein Heilmittel, die „Krankheit“ aufzuhalten“.

Und in der Tat war Jean-Jacques Rousseau ein wahrer Liebhaber des Schachs, aber widmete sich gleichzeitig auch den Glücksspielen. Allerdings zog er das Schach stets vor:

„Schach, bei dem nicht um Geld gespielt wird, ist das einzige Spiel, das mich unterhält. „

Dies ist die Geschichte der „qualvollen“ Beziehung von Jean Jacques Rousseau zu dem Schach, das ihn fast die Gesundheit kostete, aber ein Spiel, das ihm unzählige Stunden Freude bereitete.

Also bitte nicht entmutigen, wenn Ihr anfangs nicht in die tiefen Strategien des Schachspiels eindringt. Einem Visionär und brillanten Geist wie Rousseau gelang es auch nicht, in die grossen Geheimnisse vorzustossen, aber er genoss all das Gute, was dieser Denksport bietet.

(Bild entfernt)

gemalt von P.H. Andreis – Chess (19th Century).
Cavaliers Playing Chess

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Quelle: (Bild entfernt)

Sitges (Barcelona), im August 2012

Ein Spiel der Könige

(Bild entfernt)

Gustavus Selenus
(1579 – 1666)

Das Schach – oder König-spiel
(1616)

von Javier Fernandez Cordero –

Ein Spiel, das seit Jahrhunderten die wichtigsten, die hellsten Köpfe und Genies aller Disziplinen fasziniert hat…

Sie ahnen, dass wir über Schach sprechen.

Die Liste ist fast endlos: mächtige Könige bis hin zu angesehenste Wissenschaftler halten es als eines ihrer leidenschaftlichen Freizeitbeschäftigungen, Läufer und Springer auf einem Schachbrett mit 64 Feldern hin und her zu bewegen.

Heute wissen wir, dass historische Personen Schach spielten, wie es gegenwärtig Millionen von Menschen tun. Tauchen wir einfach in die Geschichte und suchen nach ihren bekanntesten Persönlichkeiten:

Einige Könige und Königinnen:

(Bild entfernt)

1. Karl der Große (742-814), vielleicht der größte König des Frankenreichs. Es gibt sogar eine Geschichte über ihn, seiner Gattin und ihrem Geliebten bezüglich des Schachs.

Wir halten sie nicht so für erwähneswert, weil sie sich mehr im Fabelbereich befindet.

(Bild entfernt)

2. Alfons X. „der Weise“ (1221-1284), spanischer König, der sich sehr für die Kultur einsetzte. Er schrieb sogar ein Buch, in dem unter anderem das Schachspiel erläutert wird.
(Bild entfernt)

3. Edward III von England (1312-1377), während seiner Herrschaft begann der 100jährige Krieg.

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(Bild entfernt)

1. Tamerlan (1330-1405), ein Nachkomme von Dschingis Kahn, unterwarf während seiner Herrschaft ganz Asien. Ein militärisches Genie und Mensch mit breitgefächerter Kultur, in der das Schach einen besonderen Platz einnahm.

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2. Karl VIII. (1470-1498), König von Frankreich.

(Bild entfernt)

3. Iwan der Schreckliche, Zar Iwan IV. von Russland (1530-1584), starb während einer Schachpartie. Das nachstehende Bild zeigt die Szene seines Todes:

(Bild entfernt)

Das Gemälde zeigt den Tod des Zaren „Iwan der Schreckliche „. Er erlitt einen Gichtanfall, verlangte ein Schachbrett und bat seinen anwesenden Freund Boris Godunow, eine Partie mit ihm zu spielen. „Vor dem ersten Zug zitterten schon seine Finger, der Blick wurde verschwommen, und er stirbt am Schachbrett.“

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(Bild entfernt)

1. Zar Peter der Große (1672 – 1725), Zar Peter I.

(Bild entfernt)

2. Katharina II. (1729-1796), Zarin von Russland. Sie spielte sogar eine Partie Schach gegen dem berühmten Automaten „Der Türke“.

Eines ihrer wertvollsten Besitztümer war ein herrliches Schachspiel aus Elfenbein und Edelsteinen.

Anmerkung: wir mussten feststellen, dass in dem Katharinenpalast etwas ausserhalb der kleinen Stadt Puschkin in einer Glasvitrine zwar dieses wertvolle Schachspiel aufgestellt ist, doch die Figuren stehen falsch. Soll vorkommen!

(Bild entfernt)

3. Napoleon Bonaparte (1769-1821), Kaiser von Frankreich, dem die Welt zu Füßen lag. Er war ein begeisterter Amateur-Schachspieler, aber kein starker Spieler. Wehe dem, wenn er verlor! Dann wurde der Kaiser ungemütlich.

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Herausragende Persönlichkeiten im politischen Bereich

(Bild entfernt)

1. Martin Luther (1483 – 1546) schuf die Prinzipien der protestantischen Reformation. Zu jener Zeit war das Schachspiel dem Klerus und dem königlichen Herrscher vorbehalten. Vielleicht war deshalb Luther ein großer Anhänger.

(Bild entfernt)
2. Maximilien de Robespierre (1759-1794). Ein regelmäßige Gast im Café de la Regence in Paris, wo er mit anderen historischen Persönlichkeiten spielte.

(Bild entfernt)
3. Karl Marx (1818-1883). Zusammen mit Friedrich Engels wurde er zum einflussreichsten Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus.

Bekanntlich war er ein starker Schachspieler.

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(Bild entfernt)

1. Maxim Gorki (1868-1936). Mit seinen Schriften hat er stets versucht, denjenigen zu helfen, die arm waren. Er forderte hartnäckig soziale Gerechtigkeiten. Wie viele sowjetische Bürger, war er vom Schach begeistert.

(Bild entfernt)

2. Vladímir Ilich Lenin (1870-1924). Dem charismatischen Führer der ehemaligen UdSSR wird der Satz zugeschrieben: „Schach ist Gymnastik des Verstandes“.

(Bild entfernt)

3. Che Guevara (1928-1967). Er suchte und strebte während seines kurzen Lebens nach einer geeinten Welt, in der das Wort „Gleichheit“ keine Utopie war.

Er war ein leidenschaftlicher Schachspieler und konnte sich zu seinen Lebzeiten bei Simultanvorstellungen mit mehreren Grossmeistern messen. Ausserdem verteidigte er das Schach als pädagogisches Werkzeug und günstige intellektuelle Entwicklung eines jeden Menschen.

Quelle: ajedrezdeataque.com

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Sitges (Barcelona), im August 2012

Die Schachspieler werden „verrückt“, wenn sie gegen hübsche Gegnerinnen spielen.

(Bild entfernt) Tania Sachdev Foto pogonina.com Das besagt eine eine Studie.
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von Federico Marín Bellón
Mit dem ironischen Titel „Forscher der Universität von Stockholm haben zu viel Zeit“, berichtete vor einiger Zeit „The Week In Chess“ (Bild entfernt)
Carmen Kass, Model und Schachspielerin
Die Forscher haben sich nicht nur auf die Analyse der Ergebnisse beschränkt, sondern auch die Strategien der Schachspielerinnen im Hinblick auf ihre Partien untersucht.
Um so viel Subjektivität wie möglich zu vermeiden, wurde die Schönheit der Spielerinnen von 50 „Experten“ beurteilt, so neutral wie möglich. Die Strategien ihrer Partien wurden wiederum von 50 hochqualifizierten Meistern analysiert.
Es klingt eher frivol, als es in Wirklichkeit ist:
„Ein ernsthaftes Projekt zum Verstehen der Rolle der physischen Attraktivität, wenn risikoreiche Entschlüsse (auf dem Schachbrett) zu fassen sind.“Wer weiß, ob diese Art von Vorstellungen auch in der Politik, Wirtschaft oder sogar im Krieg angewendet werden könnten.Der Bericht wurde grosszügig mit der Schlagzeile „Die Schönheitsköniginnen und die Ritter in der Schlacht:Übernahme von Risikopositionen und Attraktivität im Schach“versehen und von Anna Dreber vom Institut für Financial Research Stockholm und Christer Gerdes sowie Patrik Gransmark vom schwedischen Institut für Sozialforschung veröffentlicht. (Bild entfernt) Alexandra Kosteniuk, Weltmeisterin von 2008,auf einem Foto ihrer eigenen Website. 

Die Autoren verwendeten eine Datenbank mit mehr als 100.000 Partien über einen Zeitraum der letzten 10 Jahre.

Fast die Hälfte der Partien waren von Frauen gespielt worden. Zunächst wurde die gewählte Eröffnung analysiert und wie zuvor, von einer Gruppe von Meisterspielern entsprechend ihrer Aggressivität eingeordnet.Es mag ein Klischee sein, aber es ist schon riskanter, die Polugaevsky-Variante im Sizilianer oder von vornherein die ruhigere Caro-Kann-Verteigung zu spielen.
Die Ergebnisse zeigen, dass im Allgemeinen männliche Spieler eher zu Opfern, Gambiten und Kombinationen mit höherem Risiko tendieren, aber noch mehr, wenn sie auf einen weiblichen Gegner treffen; ein Risiko, dass sich steigert, wenn sie attraktiv sind.

(Bild entfernt)

Creative art of Jeffry Batchelor

Wahrscheinlich ist es nur eine unbewusste und atavistische Form, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; ausserdem weniger gefährlich als eine andere Art, wenn man seinen Kopf verliert.

„Unseres Wissens“,sagen die Autoren, „sei noch nicht das Verhältnis zwischen Risiko und physischer Attraktivität untersucht worden.“


Im Gegenteil: Es ist bemerkenswert, dass es den Spielerinnen im Grunde genommen gleichgültig ist, wie gutaussend ihre Gegner sind (vielleicht können sich eher beherrschen und ihre Gefühle verheimlichen). Andererseits dient das männliche Verhalten nicht dazu, die Ergebnisse zu verbessern, sondern ganz im Gegenteil. In dieser Hinsicht lernen wir männlichen Schachspieler nichts dazu. Das ist eine der offensichtlichen Feststellungen.

(Bild entfernt)

Natalia Pogonina, Grossmeisterin und Autor des Buches

„The Chess Kamasutra“


Frühere Forscher hatten herausgefunden, dass Männer mehr Mut zeigen beim Umwerben, wenn es sich um schöne Frauen handelt. In der Studie wird darauf hingewiesen, dass normalerweise nicht dieselben Umstände vorliegen, wenn eine riskante Eröffnung gespielt wird, sondern es in diesen besondern Fällen einen Stromkreis im männlichen Gehirn geben muss, der durch bestimmte sexuelle Reize aktiviert wird.

Wer weiß?!
Schließlich ist in meiner kurzen und unbedeutenden (schachlichen) Erfahrung hinzuzufügen, dass mir viele Mädchen angenehm sind, besonders wenn sie hübsch sind.

Wie schön wäre es, dasselbe ausserhalb der Schachwelt sagen zu können, ohne dass es nicht wieder nur eine Fantasie bleibt.

(Bild entfernt)

Copyright: Medak.dk

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Sitges (Barcelona), im August 2012

Doktor Jekyll und Mister Hyde

(Bild entfernt) Poster: wikipedia.org – (public domain)
Wir erinnern uns: Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde) ist eine Novelle des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson (1850–1894) aus dem Jahr 1886. Sie ist eine der berühmtesten Ausformungen des Doppelgängermotivs in der Weltliteratur. 

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von Javier Fernandez Cordero

Prinzipiell gehen wir davon aus, dass die Art Schach zu spielen unsere Persönlichkeit verkörpert.

Man sollte aber nicht verallgemeinern, denn diese Regel ist nicht immer zu erfüllen.

Es gibt Beispiele aller Art.

Was nicht so normal ist, jemanden zu beschreiben, der versucht, einen gegenteiligen Standpunkt zu verteidigen.

Doch gab es einen starken englischen Schachmeister mit dem Namen

William Winter,

(Bild entfernt)

(* 1898 + 1955)

der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts spielte und glaubte, dass Schachspieler sich veränderten, sobald sie sich vom Brett entfernten und ihr normales Leben führten.

Er übertrug sozusagen seinen persönlichen Fall auf andere Schachspieler, denn Winters Verhalten im täglichen Leben war ganz anders, als wenn er Schach spielte. Am Brett war er ein methodischer, analytischer und ruhiger Spieler, der stets einen positionellen Stil pflegte, bei dem er sich sicher fühlte.

(Bild entfernt)

Gemalt von Bernd Besser „Die Auseinandersetzung“

Ausserhalb des Turniersaales verwandelte er sich in einen anderen Menschen: er war ein leidenschaftlicher Charakter, der sich stets von seinen Gefühlen und revolutionären Ideen leiten liess, die er bis zur letzten Konsequenz verteidigte, was im Widerspruch zu dem ruhigen Menschen als Schachspieler stand.

Sein Weg auf dieser Welt war recht intensiv.

Er kämpfte im Ersten Weltkrieg und später beteiligte er sich aktiv in der Politik, wobei er sich stets für ein Leben mit mehr Freiheiten engagierte.

Man warf ihm Volksverhetzung vor und sperrte ihn deswegen ein. Er verteidigte aber immer seine Unschuld und wurde wieder freigelassen.

(Bild entfernt)

Gemalt von Samuel Bak 1990

Courtesy of Pucker Gallery

Sein Lebensstil war des eines Bohemiens. Er litt ausserdem unter einem exzessiven Alkoholkonsum; eine Tatsache, die sich negativ auf seine Schachlaufbahn auswirkte und somit seine Leistungen schmälerte.

William Winter lebte sein Leben auf ureigene Art, stets in Eile, so als ob er keine Zeit habe, die nächste Stufe zu erreichen.

Aber am Brett war er kühl und berechnend und machte keinen Schritt vorwärts, ehe er mit dem anderen Fuß fest auf der Erde stand.

(Bild entfernt)

William Winter war – kurz gesagt – eine schachliche Version des

berühmten Dr. Jekyll und Nemisis (Göttin der Rache) Mr. Hyde.

Nachstehend eine bemerkenswerte Partie zwischen Aaron Nimzowitsch und William Winter aus dem Jahre 1927 „British Empire Club Masters“

(Bild entfernt)

Endstellung:

(Bild entfernt)

nach 45…….Te1

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im August 2012

Wie Tschigorin Steinitz eine Lehre erteilte

(Bild entfernt)
Fotos: wikipedia.org _______________________________________________________________ von Javier Fernandez CorderoEs begann die Zeit des Wandels im Schach; es entstand die von Steinitz eingeführte „moderne Schule“, die die alten Theorien erschütterten, und die „romantischen“ Spieler wurden in den Hintergrund gedrängt. Einige widerstrebten diesen neuen positionellen Prinzipien. Mikhail Tschigorin war zweifellos der brillanteste unter den „Rebellen“.Es war ein Jahr her, als William Steinitz die Weltmeisterschaft gegen Mikhail Tschigorin in La Habana 1889 mit folgendem Ergebnis gewann: (Bild entfernt)

Gleichzeitig war es ein Duell zwischen zwei Philosophien: Steinitz vertrat eine streng „wissenschaftliche“ Lehre, nach der es immer einen besten Zug gibt und spektakuläre Kombinationen nur nach einem Fehler des Gegners möglich sind. Tschigorin hingegen galt als „Romantiker“, der den Gedanken des schöpferischen Schachs propagierte.

Die russischen Fans waren sehr unglücklich, weil sie glaubten, dass ihr bester Spieler in jener Zeit durch die Wahl des Standortes benachteiligt gewesen sei: denn er musste aus dem winterlichen St. Petersburg in den warmen und feuchten Sommer von Kuba reisen.

In der Tat wurde nachgewiesen, dass Tschigorin dadurch physisch beeinträchtigt war.

Ein paar Monate später veröffentlichte Steinitz den ersten Band seines Buches „Modern Chess Instructor,“

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das dann zu dem Auslöser nachfolgender Geschichte wurde.

In diesem Buch empfahl Steinitz ein paar neue „konservative“ Varianten im Evans-Gambit und der Zweispringer-Verteidigung. Tschigorin veröffentliche seine grundsätzliche Abneigung zu den beiden Linien. Demzufolge erzürnte sich Steinitz und bestand darauf, dass seine Varianten korrekt seien.

Um die Richtigkeit herauszufinden, schlug Tschigorin vor ein match von 2 Partien abzuhalten unter der Bedingung, beide genannten Eröffnungen zu spielen.

Steinitz war stets ein mutiger Spieler und nahm die Herausforderung an.

Jedoch bestand ein gewisses Problem, da Tschigorin in Russland weilte, während Steinitz sich in den Vereinigten Staaten aufhielt.

Um beiden Kontrahenten eine lange und mühevolle Reise zu ersparen, entschied man, das match durch telegraphische Übermittlung zu spielen.

(Bild entfernt)

Hughes printing telegraph circa 1890.

Es wurde eine Bedenkzeit von maximal 3 Tage je Zug festgelegt.

Steinitz spielte aus dem Manhattan Chess Club (New York)

(Bild entfernt)

Westlicher Raum um 1890

und Tschigorin in dem Schachklub von St. Petersburg.

(Bild entfernt)

St. Petersburg 1890-1900

Das Spiel begann im Herbst 1890 und endete im folgenden Jahr. Man begann im ersten Spiel mit dem Evans-Gambit, einer Eröffnung, in der Tschigorin ein Virtuose war, und diese Tatsache auch bewies, wobei er die Hauptlast der Partie trug und letztlich den ersten Sieg ohne zu grosse Mühe erringen konnte.

(2563945) Chigorin,Mikhail – Steinitz,William [C52]

cable match USA (1), 1890

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.0–0 Df6 7.d4 Sh6 8.Lg5 Dd6 9.d5 Sd8 10.Da4 Lb6 11.Sa3 c6 12.Le2 Lc7 13.Sc4 Df8 14.d6 Lxd6 15.Sb6 Tb8 16.Dxa7 Se6 17.Lc1 Sg8 18.La3 c5 19.Tad1 Sf6 20.Lc4 Lc7 21.Sd5 Ld6 22.Sh4 Sxd5 23.Sf5 g6 24.Sxd6+ Dxd6 25.Lxd5 Dc7 26.Lxe6 fxe6 27.Lxc5 Ta8 28.Dxa8 Dxc5 29.Da4 Kd8 30.Td2 Kc7 31.Tb1 Td8 32.Tb5 Dc6 33.Db4 d6 34.a4 De8 35.Tb6 Df8 36.Da5 d5 37.exd5 Kb8 38.d6

1–0

Endstand:

(Bild entfernt)

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

Die zweite Partie wurde mit der Zweispringer-Variante von Tschigorin als Führer der schwarzen Steine im „romantischen“ Stil mit einem schönen Damenopfer gespielt und gewonnen.

Steinitz 0 – Tschigorin 1 Steinitz : weiss

Cable match1890 Tschigorin : schwarz

1.e4 / e5 2. Sf3 / Sc6 3. Lc4 / Sf6 4. Sg5 / d5 5. exd5 / Sa5 6. Lb5+ / c6

7.dxc6 / bxc6 8. Le2 / h6 9. Sh3 / Lc5 10. d3 / 0-0 11. Sc3 / Sd5 12. Sa4 / Ld6

13.Sg1 / f5 14. c3 / Ld7 15. d4 / e4 16. c4 / Se7 17. Sc3 / Le6 18. b3 / Lb4

19.Lb2 / f4 20. Dc2 / Dxd4 21. Kf1 / f3 22. gxf3 / exf3 23. Lxf3 / Lf5

24.Se4 / Lxe4 25. De2

(Bild entfernt)

/ Lxf3 26. De6+ / Kh7 27. Lxd4 / Lxh1 28. Dh3 / Sf5

29.Le5 / Tae8 30. Lf4 / Sd4 31. Dd3+ / Le4 32. Dxd4 / Txf4 33. f3 / Tef8

34.Dxa7 / c5 35. Dc7 / Sc6 36. a3

(Bild entfernt)

/ Txf3+ 37. Sxf3 / Txf3+ 38. Kg1 / Ld2

39. aufgegeben von Steinitz.

Zum Nachspielen:

1. (Bild entfernt) Two Knights

Es war nicht nur ein Duell, sondern es ging um die Entscheidung, wer Recht hatte; es war ein Kampf zwischen gegensetzlichen Sichtweisen im Schach. Steinitz, ein Verfechter des Stellungsspieles mit nicht zu vielen Risiken, immer auf der Suche, das Zentrum zu beherrschen und durch die Anhäufung von kleinen Vorteilen zu gewinnen.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Tschigorin war ein rein romantischer Spieler mit kreativem Stil, und er versuchte vom ersten Zug an, den gegnerischen König anzugreifen, unabhänig von den Figuren, die dabei auf der Strecke blieben.

(Bild entfernt)

Gemalt von Elke Rehder

Diese Partien wurden weltweit bekannt und liessen Dr. Emanuel Lasker erklären: „Die Partien per Telegraf verursachten einen tiefen Eindruck auf mich. Steinitz so zu schlagen, erscheint unglaublich.“

Im Verlauf des Spiels kam es zu einem Zwischenfall, der schwerwiegende Folgen für Steinitz hätte haben können. Die New Yorker Polizei untersuchte die eingehenden Nachrichten aus dem fernen Russland und fanden Begriffe und Zeichen, von denen sie nicht wusste, dass es sich um Notierungen von Schachpartien handelte. Vielmehr vermuteten sie einen „cleveren“ Geheimcode eines eingesetzten russischen Spiones und verhafteten Steinitz.

Zum Glück wurde nach ein paar Stunden alles aufgeklärt und der österreichische Landsmann wieder freigelassen.

Dies mag recht seltsam erscheinen, kam doch recht häufig während des Kalten Krieges vor, weil seinerseits viel Fernschach per Post gespielt wurde, und die Geheimdienste annahmen, dass es sich um verschlüsselte Nachrichten handelte. Einige ähnliche Fälle ereigneten sich noch in der heutigen Zeit, wenn die Mitarbeiter der Geheimdienste eines Landes die Art der Schachnotationen nicht erkannnten.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im August 2012

Kampf für die Gleichstellung der Frauen durch das Schach


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von Javier Cordero Fernández

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Edith Helen Baird war seit ihrer Kindheit eine leidenschaftliche Schachspielerin, die sich in die Züge der Figuren verliebte und somit das Schach sie für immer gefangen hielt.

Es war aber kein Zufall, da ihr Vater Thomas Winter-Wood als

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Schachspieler und renommierter Schöpfer von Schachproblemen bekannt war.

Edith Helen Baird wurde im Jahre 1859 in der Stadt Brixton (England) geboren, in einer Zeit, wo sich die Frauen in der Gesellschaft fast ausschliesslich den häuslichen Arbeiten widmen mussten.

Edith suchte und suchte und wurde eine herausragende Persönlichkeit in der Schachwelt, einer Welt mit ziemlich begrenztem Zugang für Frauen.

Darüber hinaus betrat sie einen Bereich, in dem sie eine wahre Pionierin war:

„Das Problemschach“.

Bis zu jenem Zeitpunkt war diese Disziplin ausschliesslich den Männern vorbehalten.

Ihre ersten Auftritte bei Schachproblem-Wettbewerben waren traumatisch, wenn man bedenkt, dass ihre Problem-Kompositionen nicht wegen der Qualität, sondern aus anderen Gründen als „nicht aristokratisch“ beurteilt wurden.

Aber Ausdauer und harte Arbeit neigen dazu, Früchte zu tragen und im Jahr 1888 erreichte sie ihren ersten Erfolg in einem Wettbewerb, bei dem sie den 3. Platz in Sheffield belegte.

Nach diesem Durchbruch begann man ihren Namen zu respektieren, und ein Erfolg reihte sich an den anderen.

Sie erhielt sogar eine Einladungen als „Schiedsrichterin“ bei einem Wettbewerb, eine Aufgabe, die sie aber nur einmal ausübte.

Um all diese Errungenschaften zu verstehen, die heute kaum überraschen, muss man sich vorstellen, wie die Gesellschaft Ende des neunzehnten Jahrhunderts war. Es gab Zeiten, in denen fast jede öffentliche Aktivität den Frauen verboten waren.

Wehe den Frauen, die diese Regeln verletzten!

Entsprechend wurden sie verschmäht und ausgestossen aus der damaligen Gesellschaft voller Heuchelei.

Der Weg war deshalb nicht leicht, aber die Errungenschaft war von großer Bedeutung: die Art und Weise, eine Welt aufzuschliessen, in der das Wort „Gleichstellung“ seine volle Bedeutung erreichte. Daher sollten die Namen dieser großen Wegbereiterinnen nicht vergessen werden.

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Der Erfolg von Edith Helen war nicht mehr zu leugnen und im Jahre 1902 gelang es ihr sogar, ein Buch mit 700 Schach-Problemen zu veröffentlichen.

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Interessant ist, dass sie während ihres gesamten Lebens die Problem-Kompostionen unter einem Pseudonym: „Mrs. W.J. Baird“ an die Öffentlichkeit brachte. Diese Tatsache ist überraschend, da sie mit diesem Decknamen ihre Weiblichkeit nicht verbarg, die ihr zweifellos mehr Möglichkeiten bei Wettbewerben gegeben hätten…

Integrität ist manchmal nicht der bequemste oder kürzeste Weg, aber der angenehmste in persönlicher Hinsicht.

Während ihrer Laufbahn komponierte sie mehr als 2.000 Probleme und wurde damit zur bekanntesten Schöpferin von Problemen in der Geschichte des Schachspiels.

Edith war für alle ein nachahmenswertes Vorbild, und sie glänzte nicht nur auf dem Gebiet des Schachs, sondern nahm auch an Wettbewerben des Bogenschießens teil, eine körperliche Aktivität, die bis seinerzeit nur auf Männer beschränkt war.

Ausserdem zeigte sie eine angeborene Begabung für die Malerei (sie veröffentlichte ein Buch mit ihren Werken) und für die Dichtkunst.

Ebenso wurde sie auch für ihre liberalen Ideen bekannt und eine uneingeschränkte Unterstützung für eine neue Art des Lebens einer Frau, mit mehr Unabhängigkeit und dem Mann gleichgestellt.

Problem von Edith Helen Baird (1907).

Weiß zieht und gibt in 2 Zügen matt:

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Die Lösung:

1.Df7 – exd4 2.Df5 ++

Edith Helen Baird wurde auch von der Idee des „Käfigs von Tamerlan“

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(Tamerlan, Herrscher über das Mongolenreich,

dessen Hauptstadt Samarcanda war.)

so beeindruckt, dass sie mehrere Kompositionen erarbeitete.

Die Geschichte ist, dass der König von seinen eigenen Bauern bzw. Figuren so eingeschlossen wird, dass er „gefangen“ ist.

Solche Probleme, wenn auch nicht sehr kompliziert, erfordern eine längere Bedenkzeit, um den exakten Schlüssel zu finden, wenn auch nicht immer der logischste Weg zur Lösung führt.

Über dieses interessante Schachproblem mit geschichtlichem Hintergrund werden wir demnächst berichten.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona) im Juli 2012

Eine Anekdote des kleinen Capablanca

Eines Abends im Dezember 1894 nahm der Vater den kleinen José Raúl Capablanca mit in den Schachclub von La Habana.

Ordentlich wie der Vater – ein Offizier der spanischen Armee – war, zog er dem Kind einen weissen Anzug an mit einem breiten gelben Band um die Hüfte und einer Schlaufe im Haar.

Nachstehend zwei Fotos:

1. Der junge Capablanca besuchte den Schachclub von La Habana (1901)

2. Unten rechts: der kleine Kubaner in dem Anzug eines Schiffsjungen

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An jenem Abend kam der bekannte polnische Schachmeister Johannes Taubenhaus , seinerzeit französicher Meister, zu Besuch.

Die anwesenden Schachspieler beeilten sich, dem illustren Gast von der

erstaunlichen Schach-Intelligenz des kleinen 6-jährigen Kubaners zu erzählen.

Taubenhaus wollte zunächst die Äusserungen nicht glauben, überlegte dann doch und war bereit, gegen das Kind zu spielen, wobei man übereinkam, dass er ihm eine Dame vorgab.

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Jean Taubenhaus (* 1850 Warschau + 1919 Paris)

gemalt von Leonardus Nardus (1912)

Die Partie wurde schon in wenigen Zügen verwickelt.

Taubenhaus versuchte, die Spannung aus dem Spiel zu nehmen, vielleicht auch etwas Glück zu suchen. Gleichzeitig spielte er ständig mit dem Ring an seinem Zeigefinger.

Seine Züge wurden langsamer und komplizierter. Immer öfters bat der polnische Schachmeister um mehr Bedenkzeit, während José Raúl seine eigenen Züge mit einer schwindelerregenden Geschwindigkeit ausführte.

Taubenhaus versuchte, geniale Fallen zu stellen und schwierige Kombinationen mit doppelter Wirkung aufzubauen.

Der kleine José Raul entdeckte sie sofort und lachte laut auf:

“Er hält mich für dumm!“ erklärte er und fügte spitzbübige Bemerkungen hinzu, die seinen Rivalen immer mehr ärgerten und letztlich benachteiligten.

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Die Partie war nicht mehr zu halten. Taubenhaus, schon hoffnungslos verloren und ohne jegliche Alternative, machte noch einen verzeifelten Turmzug um zu sehen, wie der Junge reagieren würde.

José Raúl konnte sich nicht beherrschen.

Wie durch einen Stromschlag getroffen, stellte er sich auf seinen Stuhl, stützte ein Knie auf den Tisch, nahm einen Springer in die Hand und rief: „Doppelschach!“ Ohne weitere Umschweife und in dem Bewusstein, seinen seinen Gegner besiegt zu haben, sprang er wieder vom Stuhl und rannte durch den Raum.

Taubenhaus lächelte, stand auf und applaudierte dem kubanischen Jungen, ein Beifall, dem sich die anderen anwesenden Schachfreunde anschlossen, der gerade den Meister von Frankreich besiegt hatte. Der wohlhabende Henry Conill bestellte Champagner für alle.

Später sahen sie sich wieder.

Capablanca mit seinen 23 Jahren

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schlenderte durch die Stadt Paris und traf dort in einem Schachcafé seinen damaligen Gegner Jean Taubenhaus.

Kurz darauf wurde er Sieger des berühmten Turnieres in San Sebastian im Jahre 1911.

Schlusstabelle:

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Nach Bekanntwerden des Turniererfolges von Capablanca erklärte Taubenhaus, dass er der einzige Meister sei, wenn auch erfolglos, der gegen das kubanische Schachgenie gespielt habe mit der Vorgabe einer Dame.

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Quelle:
Quilmes, Buenos Aires

Sitges (Barcelona), im Juli 2012

Ein Interview mit Zhanna, die ihrem Vater Mikhail Tal so ähnlich sieht:

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Zhanna Tal

(Photo by D. Kienka, “Telegraph” archive)

Frei übersetzt und zusammengefasst von Frank Mayer

Vorspann:

Am 9. November 2006 – dem 70. Geburtstag von Mikhail Tal

konnte die Riga-Zeitung “Telegraph” ein Interview mit der Tochter des 8. Schachweltmeisters Mikhail Tal ermöglichen, in dem sie ihre heutiges Leben in Deutschland schildert. Ausserdem ist sie beteiligt an den Memoiren ihres Vaters, dem so verblüffend ähnlich sieht.

Das Interview:

Was überwog bei Ihnen: der Stolz auf Ihren Vater oder die Unanehmlichkeiten wegen seiner Popularität?

“Selbstverständlich war ich immer stolz auf ihn, aber die Schwierigkeiten waren grösser.

Ich erinnere mich, als ich in der 1. Schulklasse war, bat der Direktor des Institutes meine Mutter zu einer Aussprache, weil sich ein Mädchen aus unserer Klasse bei der Lehrerin beschwert hatte, dass sie 7 TV-Sendungen gesehen habe, wo wir uns bei einer Szene im Badezimmer aufhielten!

Selbstverständlich wurden wir getadelt für die in der damaligen Sowjetunion herrschenden spiesserischen Ansichten……..

Als ich später in die Musikhochschule kam, behaupteten die

Mitschüler, dass ich besonders gute Noten bekäme und Konzerte geben dürfe, weil mein Vater so berühmt sei.

Dass ich für die guten Leistungen täglich zwischen 5 und 6 Stunden arbeitete und mir nichts geschenkt wurde, kam niemandem in den Sinn.

Anderseits muss ich zugeben, dass ich ständig einem öffentlichen Druck ausgesetzt war, weil man immer davon ausging, dass ich bei solch einem Vater dieselben Höchstleistungen bringen müsste.

Das ist besonders schwer zu verstehen, wenn man noch ein Kind ist.”

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Angelina, Zhanna und Mikhail Tal

Kam es vor, dass Ihr Vater bei besonderen Anlässen in der Schule als Ehrengast erschien?

“Sehr selten. In all meinen Schuljahren war er dort nur zweimal zu Besuch.

Einmal musste er eine Simultanvorstellung geben und das andere Mal einen Vortrag halten.”

Wie kam es, dass sie nach dem Schulabschluss eine Art von Goldmedaille erhielten?

“Da ich wirklich gute und sogar rekordverdächtige Noten für die Promotion erzielte, wurde ich dafür belohnt.

Es war mir sogar möglich, bei Schulstunden zu fehlen, um meiner Arbeit und meinen Aufgaben an der Musikhochschule nachzukommen, und trotzdem sehr gute Klassenarbeiten schrieb.

Ansonsten fiel es mir verhältnismässig leicht, in wesentlich kürzerer Zeit als vorgeschrieben, die verschiedenen Prüfungen mit guten Noten zu bestehen.”

Haben Sie jemals versucht, als Lehrkraft in einer Schule in Riga eine Anstellung zu bekommen?

“Nein, da wir früher wegzogen.”

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Beide “Gegner” träumen von einem Sieg mit den weissen Steinen.

Die Vorlieben des Kindes hängen oft von den Eltern ab.

Wir möchten gern mehr über Ihre verschiedenen Neigungen zur Literatur, Kunst und Musik erfahren.

Haben Sie etwas gemeinsam mit den Vorzügen Ihres Vaters?

“Neben den Schulbüchern, die wohl für alle Kinder gleich sind, habe ich mich in die Bücher vertieft, die mein Vater vorher gelesen hatte und in einem Bücherregal über dem Sofa eingereiht waren.

Wenn er nach mehrmonatiger Abwesenheit wieder nach Hause kam, mussten eine Freundin und ich zur Post gehen, um jeweils einen Riesenstapel von Zeitungen abzuholen, die über Vaters Schachturniere und Partien berichtet hatten.

Mein Vater interessierte sich eigentlich nicht unbedingt für Kunst.

Dahingegen hatte ich eine Vorliebe für Maler wie Magritte und Turner entwickelt, die durch Besuche bei Ausstellungen in Düsseldorf gefördert wurden.

Bezüglich der bevorzugten Musiker, teilten mein Vater und ich die Gemeinsamkeit für Rachmaninov und Chopin.

Nach und nach kamen dann noch die romantischen Musiker wie

Tschaikovsky, Scriabin und Schumann hinzu.”

Wir erlauben uns noch, Sie nach Ihren bevorzugten Farben zu fragen.

“Da habe ich in meinem Geschmack oft gewechselt. Einmal waren es Pastellfarben und dann mal wieder stark-leuchtende Farben.

Nun noch einen weiteren Kommentar zu meinem Vater.

Es war geradezu unangnehm für ihn, in der Öffentlichkeit erkannt und belästigt zu werden. Deswegen gingen wir auch kaum mal in einem Restaurant essen, auch wegen der sich gebildeten Warteschlangen und sich vordrängen, widerstrebte ihm besonders.”

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Die glücklichen Stunden zu Hause, wenn Vater da war.

Um den geneigten Leser nur mit den wichtigen Punkten des recht umfangreichen Interviews zu erfreuen, geben wir noch drei weitere Fragen des Zeitungsreporters und die entsprechenden

Antworten von Zhanna wieder:

Warum möchten Sie wieder zurück nach Lettland?


”Das ist mein Heimatland. Dort waren meine besten Jahres in Verbindung mit meinem Vater.

Bitte, noch ein paar Worte zu Ihrem Leben in Deutschland.

Warum versuchen Sie nicht, sich zu aklimatisieren?

“Das hat mit den täglichen Problemen zu tun und der Tatsache, dass es sehr schwierig ist, einen geeigneten Freundeskreis zu finden.

Die engsten Freunde, mit denen wir Kontakt haben, leben in Riga und sind nicht hier.

Die Deutschen haben eine andere Mentalität.

Man fängt an, sie zu verstehen, wenn man länger hier lebt.

Sie haben aber eine unterschiedliche Werteauffassung und die hauptsächliche ist:

“My home is my castle”.

Und eine neuer Bekanntenkreis ist noch nicht gebildet…..?

“Etwas begann in den letzten zwei oder drei Jahren. Selbstverständlich hat meine Mutter neue Bekanntschaften während ihres hiesigen Aufenthaltes gemacht.

Trotz allem darf ich nochmals betonen, dass die wirklichen Freunde in Riga geblieben sind.”

Ende des Interviews.

Auszug aus dem Kommentar des Journalisten A. Kentler:

Das pompös gestaltete Tal-Erinnerungsturnier wird uns allen noch lange in Erinnerung bleiben.

Allerdings luden die Organisatoren des russischen Schachverbandes Zhanna Tal nicht ein, um an der Feier zu Ehren ihres Vaters teilzunehmen.

Gott möge ihr Richter sein!

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Alle Privatbilder aus dem Archiv der Familie Tal.

Sitges (Barcelona), im Juli 2012

Die Kindheit von Mikhail Tal – ein geborenes Genie

(Bild entfernt) Foto chessbase.com

Zum 20. Todestag am 28. Juni 2012

Von Javier Fernandez Cordero

Der kleine Misha fing schon mit 3 Jahren an, seine Eltern zu überraschen: als er las, konnte er ganze Seiten des Buches auswendig wiedergeben.

Jemand, der so war, konnte kein gewöhnlicher Mensch sein. Diese Tatsache wurde anlässlich seiner Einschulung bestätigt. Es dauerte nur 3 Tage, bis die Schulleitung ihn in die 3. Klasse versetzte.

Mit 10 Jahren kam er zum ersten Mal mit Schach in Kontakt, was ihn sofort begeisterte.

Seinerzeit hatte er auch mit Inbrunst Fußball gespielt in der Position als Torwart. Wie seine Mitspieler sagten, war er durchaus ein guter Torhüter.

Seine andere große Leidenschaft, diesmal nicht rein sportlich, war die klassische Musik, eine Vorliebe, die er von seiner Mutter geerbt hatte.

In der Schule überragte er die meisten Mitschüler, vor allem in Mathematik, so dass sein Lehrer manchmal in Verzweiflung geriet, weil Mikhail sein Schulheft nicht benutzte und sowohl die Gleichungen als auch komplizierte Probleme in seinem Gedächtnis löste und die Ergebnisse auswendig vortrug.

Als er sich mit Schach beschäftigte, besuchte er den „Palast der Pioniere“ von Riga

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Bild:aeliita123.blogspot.com

und bat um Aufnahme, die ihm unverzüglich gewährt wurde angesichts seines hohen Bildungsgrades und des bereits vorhandenen Spielniveaus.

Mikhail Tal verbrachte ganze Tage im Klub. Bis spät in die Nacht hinein verschlang er sämtliche, zur Verfügung stehenden Schachbücher.

Er analysierte „blind“ die verschiedenen Partien, in dem er ab und an dort schlaflose Nächte verbrachte, weil er sich voll und ganz dieser Aufgabe widmete.

Natürlich wurden seine Eltern langsam besorgt, als sie feststellten, dass sich ihr Sohn wie besessen dem Schach widmete und beschlossen, den Rat des lettischen Schachmeisters Alexander Koblenz (*1916 +1993) einzuholen.

Alexander Koblenz beobachtete und prüfte das Schach von Mikhail Tal und kam zu dem Schluss, dass Mischa ganz sicher ein grosser Meister werden würde, da er ein aussergewöhnliches Talent besässe.

Alexander Koblenz fing an, Mikhail Tal auszubilden und zu trainieren; eine Tatsache, die sich über die gesamte schachliche Karriere von Mikhail Tal hinzog.

Im Laufe der Jahre wurde Alexander Koblenz zu einer absoluten Vertrauensperson und zunehmend wichtiger, je weiter Mikhail Tal sich entwickelte und zum absoluten Spitzenspieler wurde.

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Alexander Koblenz, Trainer, Förderer und guter Freund von Tal

Das alles klang nach einem sehr vielversprechenden Anfang, jedoch in so turbulenten Zeiten wie gegen Ende der 1. Hälfte des letzten Jahrhunderts konnte das Unglück hinter jeder Ecke warten.

Als die deutsche Wehrmacht dann Mitte 1941 in die Sowjetunion einmarschierte, sah sich die Familie Tal gezwungen, in Yurla (im Herzen des Urals) Zuflucht zu suchen, so dass der Junge und seine Eltern andere Sorgen als das Schach hatten.

Nach dem Krieg konnte die Familie nach Riga zurückkehren und Mikhail auch wieder das Studium des Schachs aufnehmen.

Tals geistige Kapazitäten kannten keine Grenzen, die er wieder zu Beginn seines Universitätsstudium mit 16 Jahren zeigte, als er eine besondere Genehmigung des „Ministeriums für Bildung“ wegen seines jugendlichen Alters erhielt. Er hatte schon einmal mit 15 Jahren diesen Versuch unternommen, aber die gesetzliche Vorschrift war ein Mindestalter von 16 Jahren.

Er widmete sich in Rekordzeit dem Studium der Literatur, eine seiner großen Leidenschaften.

Er hätte in der Tat alles studiert haben können. Seine Fähigkeiten waren unermässlich, und ich habe keinen Zweifel, dass er in allen Berufen, die er sich ausgesucht hätte, sehr erfolgreich geworden wäre.

Zum Glück für die Schachanhänger verschrieb Mikhail Tal sich unvermeidbar diesem geistigen Sport.

Seine Fortschritte im Schach konnten mit seinen kometenhaften Erfolgen bei den Universitätsstudien gleichgesetzt werden.

Mit 13 Jahren gelang es ihm, den Großmeister Ratmir Jolmov

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während einer Simultanvorstellung in Riga zu besiegen.

Mikhail Tal besass trotz seines jungen Alters bereits ausgeprägte Fähigkeiten für die Analysen und Berechnungen der Züge. Aber es kommt nicht sehr häufig vor, so schnell einen sogenannnten „Killer-Instinkt“ im Schach zu entwickeln, den er bis zum Ende seiner Karriere beibehielt.

In demselben Jahr lieferte er ein weiteres großartiges Angriffsspiel, seine erste Partie, die in einem Magazin veröffentlicht wurde.

Den ersten Preis in seiner Laufbahn erhielt er nicht für den Gewinn eines Turnieres sondern für eine Partie: Er gewann den Schönheitspreis wegen der spektakulärsten Partie anlässlich des Turnieres „der drei baltischen Republiken 1948“.

(Anmerkung: jene Partie war nicht auffindbar.)

Als Belohnung wurde ihm ein riesige Luxusausgabe von „Peter I“, geschrieben von Leo Tolstoi, überreicht.

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Talent im Überfluss und eine Philosophie des Spiels, die sein ganzes Leben lang anhalten würde: Angriff, immer auf Angriff zu spielen.

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Abschliessend zeigen wir den geneigten Lesern ein neueres Denkmal zu Ehren von

Mikhail Tal

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aufgestellt im Vermanes Park in Riga.

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Juli 2012

Das „romantische“ Talent Carl August Walbrodt

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Carl August Walbrodt

* 29. November 1871 + 3. Oktober 1902

Carl August Walbrodt wurde als Sohn deutscher Eltern in Amsterdam geboren und starb viel zu früh noch kurz vor seinem 31. Lebensjahr an einem Lungenleiden in Berlin.

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In den Zeiten vor der „Modernen Schule“ des Schachs war das „alte Königsgambit“ eine der Eröffnungen der starken Schachspieler, die einen unternehmerischen und kombinatorischen Stil bevorzugten.
Natürlich ist diese Tendenz verständlich, da die damals praktizierten Varianten das Spiel schnell in komplizierte Positionen führte – voll taktischer Ressourcen.


Auch Carl August Walbrodt spielte das Königsgambit mehrfach mit Erfolg.
Er zeigte gute technische Kenntnisse und ein feines kreatives Gespür, um diese Eröffnung mit guten Leistungen in die Praxis umzusetzen.

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Nach Angaben von Dr. Siegbert Tarrasch war Walbrodt

„im Jahre 1891 in den Berliner Schachkreisen aufgetaucht und hatte sich durch eine ununterbrochene Kette von Match- und Turniererfolgen schnell einen grossen Namen in der Schachwelt errungen.“

Schon 1893 erzielte Walbrodt seine beste historische Elo-Zahl von 2.706 Punkten,

Bei dem Internationalen Berliner Schachturnier 1897 erreichte Walbrodt wohl sein bestes Ergegnis, nur einen halben Zähler hinter Rudolf Charousek, den er aber in der direkten Begegnung schlagen konnte.

Schlusstabelle:

Internationales Turnier Berlin 1897

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Draufklicken um zu vergrössern.

Nachstehend das Familienfoto:

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4. Reihe: Schlechter, Heyde, 3. Reihe: unbekannt, Burn, Marco, von Popiel, Heinrichsen, Blijkmans, Dimer, 2. Reihe: Charousek, Janowski, Thalheim, Zinkl, Harmonist, Winawer, W. Cohn, Teichmann, Albin, 1. Reihe (sitzend): Ranneforth, Caro, Metger, Alapin, Süchting, Tschigorin, Schiffers, Bierbach

Carl August Walbrodt befand sich während des Gruppenbildes in ärztlicher Behandlung wegen des Verdachtes auf Tuberkulose.

Das Königsgambit anhand einer historischen Partie wie folgt:

WALBRODT vs LOEW Deutschland 1900

Kommentiert vonNM Hebert Pérez García

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Karl August Walbrodt – Loew [C32]
Deutschland 1900

1. e4 e5 2.f4 d5[Das Falkbeer-Gegengambit ist eine gute Alternative für denjenigen, der komplizierten Wegen beim akzeptierten Königsgambit aus dem Weg gehen möchte, d.h. 2…exf4.]

3. exd5 e4!? (Jetzt opfert Schwarz einen Bauern, um einen Stellungsausgleich zu erzielen.)

4. d3 (Offensichtlich ist ist das Schlagen des störenden schwarzen Königsbauern von grundsätzlicher Bedeutung für eine geeignete Entwicklung der weissen Steine.)

4..Dxd5?![Besser sind die Optionen wie 4…Sf6 5.dxe4 Sxe4 6.Le3 Ld6 7.Sf3 0-0; oder 4…exd3 5.Lxd3 Sf6 etc.]

5.De2[Hier ist es möglich, auch 5.Sd2 zu spielen, und wenn 5..exd3 6.Lxd3 Dxg2 7.Le4 dann folgt eine scharfe Fortsetzung gem. Keres – Petrov Rakwere 1933.]

5…f5[ Eine andere Option ist wie folgt zu spielen 5…Sf6 6.Sc3 Dc6 7.Ld2!?+/= (7.Sxe4 Le7 8.Sf3 0-0 9.Se5 mit Komplikationen)]

6. Sc3 Lb4 7.Ld2 Lxc3 8.Lxc3 Sf6

9. Lxf6!?[Uns scheint 9. 0-0-0 besser, eine “patentierte” Variante von GM Richard Réti.

Wenn 9…Dxa2 folgt 10.dxe4 Sxe4 11.b3 0-0 12.Dc4+ Kh8 13.Lb2!?, ein von GM Paul Keres empfohlener Zug (nicht ganz so bissig ist 13.Dxc7 Sxc3 14.Dxc3 Le6 15.Sf3 Sc6=)13…Sc6 14.Sf3 Da5. Nun hat Schwarz einen Mehrbauern, aber Weiss dafür den Ausgleich durch die starke Wirkung des Läufers auf den schwarzen Feldern.]

9…gxf6 10.Dh5+[Stärker ist 10.dxe4!?]

10…Ke7?![Vorsichtiger und wirkungsvoller war, sich mit 10…Df7 zu verteidigen.]

11.0-0-0?![Walbrodt riskiert hier eigentlich zu viel. Richtig war, 11.Dh6!? zu spielen.]

11…Df7?![Eine Ungenauigkeit. Notwendig wäre gewesen, den Bauern sofort zu nehmen 11…Dxa2]

12. Dh6 Tg8?![Solider ist 12…Td8]

13. dxe4[Eine andere atraktive Alternative für Weiss wäre, mit 13.Se2 Tg6 14.Dh4+/- fortzusetzen.]

13…fxe4

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14.Sf3!?[Der Beginn einer spektakulären Kombionation. Vielleicht ist dieser Zug doch nicht der beste Weg für Weiss, wenn wir die Textvariante mit folgender ausgezeichneten Linie 14.Se2!? Sc6 15.Sc3 Tg6 16.Dh4+/- etc. betrachten. Wir nehmen an, dass Karl August Walbrodtseine Begeisterung angesichts der taktischen Finessen der Stellung nicht zügeln konnte.]

14…exf3?[Zweifellos sah Loew bei seinem Analysen nicht folgenden ausgezeichneten Zug für Weiss, der die Partie auf eine brillante Weise abschliessen konnte.

Es war unbedingt erforderlich, 14…Dg6 zu spielen.]

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15. Lc4!! (Der Schlüssel der Kombination!Jetzt öffnet sich das Spiel mit fatalen Konsequenzen für Schwarz.)

15..Dxc4 16.Dxh7+ Df7 17.Tde1+ Le6 18.Txe6+ Kxe6[18…Kf8 19.Td8++-] 19.De4 # 1-0

Partie zum Nachspielen:

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Abschliessend noch ein Nachruf aus der New York Times vom 4. Oktober 1902 über den herausragenden und weit über die deutschen Grenzen hinaus anerkannten Spieler und sein Ableben:

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Quellen: Berliner Schachverband, wikipedia.org, chessmetrics.com

Sitges (Barcelona), im Juni 2012

Besuch im Zentralen Schachklub von Moskau

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Auf der Gedenktafel steht:

Der fünfmalige Weltmeister und Gründer der sowjetischen Schachschule Michail Moisejewitsch Botwinnik arbeitete von 1988 bis 1995 in diesem Haus.

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Der Klub wurde 1956 gegründet und ist das Zentrum des Schachs in Russland.
Sein vollständiger Name ist:

Zentraler SchachklubMichail Botwinnik.

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Die Eingangshalle und Treppe zu den beiden Stockwerken

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Vorraum zu den Spielsälen

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Turniersaal in voller Aktivität

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Bebilderte Wände mit Erinnerung an die grossen Meister

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Zu verschiedenen Zeitenspielten und lehrtenim KluballeWeltmeister, beginnend mitBotwinnik,Smyslow, Tal,Petrosjan,Spasski,Fischer

(erspielte bei einem Besuch 1958 als 15-JährigerBlitzpartien gegen sowjetischeGroßmeister wie Petrosjan, Geller und Wasjukow),

Karpov,Kasparov und Kramnik.

Das Haus veranstaltet regelmäßig offene Schachturniere und Blitzturniere, Kinder-Wettbewerbe sowie Seniorenturniere.

Darüber hinaus gibt es dort Gespräche mit den stärksten Großmeistern in Russland, z.B. Morozevich, Karjakin und anderen sowie Vorträge und Simultanvorstellungen.

Ende 2001 fand dort eine Runde der Knockout-FIDE-WM statt, die Ruslan Ponomariov (Ukraine) gewann.

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Im Jahre 2011 wurde im Klub das Super Finale der Meisterschaft von Russland für Männer und Frauen abgehalten.

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Bild chesstigers.de

Final ranking 2011

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Tuesday, 16 August 2011

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Nachricht aus “The Week in Chess”:

Die russische Meisterschaft Superfinale in dem Zentral-Botwinnik Chess Club in Moskau ist vorbei.

Peter Swidler, der den Titel schon am Tage vor der letzten Runde gewonnen hatte, wurde bei der Schlusspartie von Alexander Morozevich geschlagen.
Pjotr ​​Veniaminovich Svidler, geboren am 17. Juni 1976 in Leningrad (UdSSR) hat den Titel zum sechsten Mal mit einer Elo-Bewertung von 2.869 bei einem Schlussstand von 7.5 Punkten gewonnen.

Vorher gewann er diesen Titel bereits in den Jahren 1994, 1995, 1997, 2003 und 2008 .

Als herausragende Partie wird die von Wladimir Kramnik bezeichnet, als er Alexander Galkin mit den schwarzen Steinen schlug:

Nachstehend der Verlauf:

ALEXANDER GALKIN vs VLADIMIR KRAMNIK Super Final Rusia 2011

por MN Hebert Pérez García

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Galkin,Alexander – Kramnik,Vladimir [B07] Rusia Super Final, 2011

1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. f3 c5 4. Se2 [Die populärste Variante ist: 4. d5 g6 5. c4 Lg7 6. Sc3 0-0 7. Lg5]

4….e6 [Der Versuch, schon gleich von Beginn an die Partie zu komplizieren.

Eine Option, die Ausgewogenheit wieder herzustellen ist 4…cxd4 5.Sxd4 e5 6.Sb3 d5 7.Lg5 Le6 8.Lxf6 gxf6 9.exd5 Dxd5 10.Dxd5 Lxd5 11.Sc3 Le6, etc.]

5. Le3 d5 6.dxc5 Sbd7 7.Sbc3 dxe4 8.b4

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8..b6!?[Auch ist möglich 8…exf3 9.gxf3 Le7, aber Kramnik hat das Opfer einer Figur vor, das zu einer sehr komplizierten Stellung führen wird.

Ausserdem ist es eine strategische Notwendigkeit, so schnell wie möglich die weisse Bauernkette auf dem Damenflügel zu schwächen.

Die Gelegenheit scheint uns geeignet, wobei wir uns darauf stützen, dass die Koordinierung der weissen Kräfte augenblicklich nicht ideal ist.]

9.c6

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9..Lxb4!? (Hier ist der Schlüssel zu dem agressiven Plan von Kramnik!)

10. cxd7+ Lxd7 11.a3 La5

12. Dd4 De7[Diese Position richtig zu bewerten, ist äusserst schwierig, aber gibt Schwarz gewisse praktische Chancen, die eine geeignete Verteidung erfordert.

GM Kramnik verhindert die Linien-Öffnung auf dem Königsflügel, um ein machbares Gegenspiel durch Schwarz auf dieser Seite zu verhindern. Das war auch der Grund, warum er nicht 12…exf3 13.gxf3 Tc8 spielte.]

13. fxe4 e5 14.Dd3 0-0[oder vielleicht 14…Td8 15.Ld2 Lc6]

15. Lg5[Interessant war auch15.Ld2!? zu spielen] 15…Tac8

16. Lxf6 Dxf6?! [Starke Schachprogramme ziehen das Schlagen auf 16…gxf6 !? vor mit guten Möglichkeiten für einen schwarzen Angriff.] 17.0-0-0 Le6 18.Sd5 Lxd5 19.exd5 e4!? 20. Dd4 Dd6

21. h4[ GM Alexander Galkin versucht, seinen Verteidigung zu verstärken, in dem er den Turm auf “h1” aktiviert. Möglicherweise würde Schwarz nach 1. Kb2 wie folgt antworten: 21..Tc7 22.Tc1 b5 etc., aber der Widerstand von Weiss scheint stark genug zu sein. Die Idee 21..Tfe8 22.Da4!? e3 23.Td3 begünstigt Weiss.]

21…Dxa3+ 22.Db2 Dc5 23.Th3 e3

24. Tg3[Die vorgenannten Programme empfehlen, mit 24.Td3 Tfd8 25.Thxe3 Txd5 26.Sd4+/= fortzusetzen.]

24…Ld2+ 25. Kb1 g6 26.h5 Tfe8 27.hxg6[ oder vielleicht 27.Tg4 Dxd5 28.Sg3 etc.]

27…hxg6 28.Th3[28.Tg4!?]

28…Te5! (Hier wird auf eine listige Art die Mattdrohung von Weiss gebremst, da der Turm nicht genommen werden kann wegen dem vernichtenden schwarzen Angriff auf “c2”.)

29. Sc1[oder vielleicht 29.g4!? Dxd5 30.Sc1 Da5 mit Ausgleich] 29…Lc3

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30.Db3? [Wir gehen davon aus, dass dieser schlimme Fehler unter höchstem Zeitdruck begangen wurde. Weiss musste hier 30.Da2 Db4+ 31.Db3 Da5 32.Da2 spielen, um auf ein Remis zu zielen.]

30…Te4 31.Sa2 Da5 32. La6? [Beschleunigt die Niederlage, aber 32.d6 Tb4 bot auch keine Rettung für die weissen Steine.]

32…Tb4-+ 33.Lxc8 Txb3+ 34.cxb3 e2 35.Sxc3 Dxc3 und Weiss gibt auf: 0-1

Wir empfehlen den geneigten Schachfreunden, auch diese schwierige und faszinierende Partie zu analysieren, vielleicht durch starke Schachprogramme unterstützt.

Nehmen Sie sich ruhig Zeit, um gute Züge auf beiden Seiten zu finden während Ihrer eventuellen Analysen.

Schon jetzt müssen wir bekennen, dass unsere Betrachtungsweise durch diese Partie bereichert wurde.

Wir zweifeln nicht daran, dass es eine sehr lehrreiche Arbeit sein wird.

Viel Erfolg, liebe Schachfreunde!

Zum Nachspielen:

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Am Ausgang befindet sich noch ein Verkaufstisch mit

russischen Schachbüchern

Wir dankten dem Führer für seine Freundlichkeit und kauften noch 15 grosse Fotos von russischen Schachmeistern und –meisterinnen, die wir dann unserem Heimatklub

Club d’Escacs Casino Prado Suburenc de Sitges”

übergaben.

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Quelle:

Anton Kuzin, Moskau

Ergänzungen:

Dagobert Kohlmeyer,Berlin

Sitges (Barcelona), im Juni 2012

Baron Albert von Rothschild, Mäzen und Schach

(Bild entfernt)

29. Oktober 1844 + 11. Februar 1911 in Wien

von Javier Fernandez Cordero

Gehen wir ein Jahrhundert zurück in der Zeit:

Eine Zeit der ritterlichen Herren, in der die Normen des Verhaltens durch einen strengen Ehrenkodex geregelt waren.

Aber es war auch eine Zeit der tiefen sozialen Ungerechtigkeit, was zur Folge hatte, dass die soziale Pyramide sehr zugespitzt war. (Der größte Teil des Reichtums war unter wenigen Bürgern aufgeteilt.)

Von seiner Geburt an gehörte Albert von Rothschild zum privilegierten Teil der Gesellschaft.

Das Familienunternehmen, verbunden mit dem Bankgeschäft, wurde vor über einem Jahrhundert gegründet.

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Familienwappen ab 1822

Als jedoch Albert und seine beiden Brüder das Erbe antraten, herrschten schlechte Zeiten, die sich auch auf das Unternehmen auswirkten.

In der Tat war die Familie Rothschild sehr mächtig, konnte sogar die Teilnahme Napoleons für seine Kriege finanziell unterstützen… und auch seinen Gegner Wellington. Sie hatten es geschafft, ihre Netzwerke auf andere Länder auszudehnen wie Italien oder Frankreich, wo sie zahlreiche Niederlassungen ihres lukrativen Geschäftes eröffneten …

Geld regiert die Welt und ist das größte Instrument der Macht.

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Obwohl Albert der jüngste Bruder war, übernahm er die Führung des Familienunternehmens.

Er zeigte ein ausserordentliches Talent für Geschäfte, so dass er das Vermögen und damit auch den Familiennamen wieder herstellte. Mit einem solch florierenden Unternehmen gelang ihnen der „verzwickte“ Aufstieg in die obere Gesellschaft und im Jahre 1887 wurden sie Mitglieder des österreich-ungarischen Königshofes.

Doch Albert hatte nicht einfach das Bestreben, ein Vermögen anzuhäufen und von den Höflingen anerkannt zu werden.

Als großer Liebhaber der Kunst versuchte er die Finanzierung von Projekten im Zusammenhang mit Wissenschaft oder Kunst zu unterstützen, wobei die Schachkunst bei ihm einen absoluten Vorrang hatte.

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Von seiner Kindheit an, war Albert von Rothschild ein Liebhaber des Schachspieles. Es gibt Hinweise, dass Wilhelm Steinitz

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ihm in jener Zeit Schachunterricht gab.

Durch seine berufliche Verpflichtungen konnte er jedoch das Schach nicht professionell verfolgen, aber er wurde ein starker Amateurspieler.

Nachstehend ein Beispiel einer notierten Partie:

S. Pollack : weiß Albert von Rothschild: Schwarz

1892 Wien

1. e4 / e5 2. Sc3 / Sc6 3. g3 / Sf6 4. Lg2 / Lc5 5. Sge2 / d6 6. h3 / e6

7. 0-0 / Dd7 8. Kh2 / h5 9. d3 / 0-0-0 10. Lg5 / Se7 11. f4 / Sg4 + 12. hxg4 / hxg4 +

13. Lh4 / Sg6 14. f5 / Sxh4 15. gxh4 / De7 16. De1 / Txh4 + 17. Kg3 / Dg5

18. Th1 / Th3 + 19. aufgegeben von Pollack.

Nach 11.f4:

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Zum Nachspielen:

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Als Spieler kam er nicht über das Niveau eines Amateurs hinaus,

aber sein Name wurde bei zahlreichen Anlässen mit Schach verbunden.

Er betätigte sich als Sponsor und Organisator der starken Wiener Turniere von

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Man ernannte ihn zum Präsidenten des Neuen Wiener Schach-Clubs ab 1872. Darüber hinaus übernahm er ebenfalls die Schirmherrschaft.

Der Wiener Schachklub (ursprünglich Wiener Schach-Club), der von 1897 bis 1938 existierte, war in seiner Blütezeit vor dem Ersten Weltkrieg einer der führenden Schachvereine der Welt. Der Verein war Nachfolger der bereits 1857 gegründeten Wiener Schachgesellschaft und aus deren Fusion entstand der Neue Wiener Schach-Club.

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Zu Rothschilds Zeiten entwickelte sich dieser Schachverein zu einer Institution mit über 700 Mitgliedern, in einem eigenen zweistöckigen Gebäude, mit mehreren Spielhallen, einem eigenen Restaurant und Mitarbeitern (undenkbar in der heutigen Zeit) .

Albert von Rothschild wurde auch Mäzen einiger Spieler; der berühmteste war Ignatz Kolisch, einer der stärksten Schachspieler des neunzehnten Jahrhunderts, den er aus der Armut zog und in das Bankgeschäft einführte.

Diese Umstände brachten Kolisch sowohl einen ansehnlichen Reichtum als auch eine Anstellung am königlichen Hof. Man verlieh ihm einen Adelstitel, und er nannte sich von da an Ignatz von Kolisch.

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Schliesslich gab er das Schachspiel auf, um sich ausschliesslich den Geschäften zu widmen.
Wie schon vorher erwähnt, engagierte sich Baron Albert von Rothschild bei vielen andere Projekten und wurde zu einem anerkannten und bewunderten Wohltäter und Menschenfreund.

Er war Förderer vieler jüdischer Musiker und Künstler, denen er finanziell bei dem Aufbau und Entwicklung ihrer Karriere half.

Ausserdem finanzierte er den Bau der Wiener Universitätssternwarte

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Bild: science.orf.at

und als Anerkennung dieser Geste trug ab dann

ein Asteroid (Nº 719)

seinen Namen Albert.

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Im Jahr 1892 finanzierte er den Bau des Rothschild-Krankenhauses in der österreichischen Hauptstadt und gab einer karikativen Stiftung den Namen seiner kurz vorher verstorbenen Frau Bettina.

Es waren die Zeiten der Mäzene und Wohltäter, ein echt goldenes Zeitalter für die Kunst. Erinnern wir uns an dieser Stelle, dass es 6 bildende Künste gab:

Architektur, Malerei, Bildhauerei, Musik, Vortragskunst (Poesie) und Tanz.

Heute gilt der Film wie als siebte Kunstart, der ich voll und ganz zustimme.

Wenn man nun betrachtet, wie das Schach Wissenschaftler, Künstler und Genies aller Epochen angezogen hat, liegt es eigentlich nahe, dieses Spiel als die „achte Kunst“ zu bezeichnen…

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Gemalt von Elke Rehder

Man muss zugeben, dass in einigen Sparten die Photographie als die achte Kunst ihr Recht beansprucht und die neunte Kunst für die „Comics“ vorzusehen wäre, aber meine persönliche Meinung ist, dass das Schach vor diesen beiden Disziplinen sowohl durch den Schwierigkeitsgrad als auch die Schönheit einzustufen ist.

Albert von Rothschild war einer der vielen berühmten Menschen, der durch die wunderbare Welt des Schachs, eine Welt voller Schönheit, Kunst und Strategie gefangen wurde.

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Juta Policja (b 1965) et
Mareks Gureckis (b 1974)
Alpha & Omega

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Quelle: ajedrezdeataque.com

Sitges (Barcelona), im Juni 2012

Geehrter Herr Gevatter – Ein Adolf Anderssen-Brief

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Wir verdanken Grossmeister Lothar Schmid aus Bamberg den Zugang zur Kopie eines Privatbriefes von Adolf Anderssen an seinen Gevatter vom 29.11.1858

über das Thema der bevorstehenden Begegnung zwischen

Paul Morphy (* 22. Juni 1837 + 10. Juli 1884 New Orleans)

und Adolf Anderssen (* 6. Juli 1818 + 13. März 1879 Breslau)

wie folgt:

Zum Vergrössern bitte draufklicken!

(Bild entfernt)

(Bild entfernt)

in Maschinenschrift “entschlüsselt”:

(dank der aufopfernden Arbeit der Mutter Ingeborg unseres

Schachfreundes Burkart Venzke

(Bild entfernt)

vom SK Norderstedt)

Breslau, 29.11.1858

Geehrter Herr Gevatter,


Erst heute erhielt ich von Morphy den einliegenden Brief und durch ihn die Einwilligung der schon früher von seinen Bevollmächtigen, wie es scheint, von allen Klubs eingegangenen
Meldung, daß dem Kampfe zwischen Morphy und mir von seiner Seite kein Hindernis im Wege stehe.

Auf die Einladung des Pariser Klubs mit dem Anerbieten einer Entschädigung von 500 fr. hatte ich mich nämlich bereit erklärt, zu Weihnachten nach Paris zu kommen.

Morphy zierte sich noch wie eine [Geburtenzangenkröte?] und gab vor, daß ihn seine Familie zur Rückkehr dränge, hat aber zuletzt doch dem vereinigten Ansuchen mehrerer Klubs nachgegeben.


Ich bedaure sehr, daß mir das Vergnügen, eine Zeit meiner Ferien in Leipzig zu verbringen, auf diese Weise [genommen?] wird, aber das Interesse dieser Sache erheischte dieses Opfer.

Indes verspreche ich mir einigermaßen Entschädigung durch die mir trotzdem mögliche Anteilnahme an ihrem Kampfe, nur muß derselben (conditio sine qua non) auf den Zeitpunkt meiner Rückkehr, die ich über Leipzig nehmen u. vorher anzeigen werde, verlegt werden.

Vor dem Kampf zu [urteilen?], finde ich aus hundert Gründen unmöglich.


Es ist mir keineswegs entgangen,
daß Ihrem [Bestreben?], das Fest im voraus zu feiern, dieselbe freundschaftliche Gesinnung, aber auch dieselbe übermäßige

Besorgtheit wie Ihre übrigen Rathschlägen zu Grunde liegen.

Sie wollen mir die allerdings mögliche Situation, als [Besiegter?] in Ihrem Kreise zu erscheinen, ersparen.

Schöpfen Sie jedoch aus der Gelassenheit, mit der ich diesem Kampfe entgegengehe, einiges Vertrauen.

Ich werde auch mich an keine andere Regel binden, als an die:

Hüte Dich vor dem ersten Fehler.

Ist aber Morphy ein so überlegender Geist,

(u. ein großes Genie ist er ohne Widerrede)
daß ich bei meiner größten Ruhe und [Geistesleistung?], auf die Sie sich verlassen können, wie auf Ihr Heiligstes, nichts gegen ihn ausrichten kann, nun so müßt Ihr Euch auch das gefallen lassen oder Ihr müßt den Max Lange hinschicken.


Den Daumen könnt Ihr mir halten, dagegen hab ich nichts, im übrigen aber wartet nur frohen Muthes ab, was kommen wird… verzagt nicht gleich, wenn ich auch zuletzt verliere.


Mit aufrichtiger Freundschaft und Hochachtung

Ihr ergebener


A. Andersson

**********************

Dieses match wurde dann vom 20. bis 28.12.1858 in Paris ausgetragen,

(Bild entfernt)

Bild: chess-echecs-com

das wie folgt ausging:

Inoffizielle Weltmeisterschaft – París 12/1858

(Bild entfernt)

Die hohe Niederlage von Adolf Anderssen ist auch damit zu erklären, dass er im Jahre 1858 bereits 40 Jahre alt war, während Paul Morphy sich im jugendlichen Alter von 21 Jahren befand.

Gleichzeitig galt er als der beste Schachspieler weltweit in den Jahren 1858/9

mit einer historischen Elo-Zahl von 2.824, während Adolf Anderssenkein Berufsschachspieler war, sondern seinen Lebensunterhalt als Professor für Mathematik und deutsche Sprache am Friedrichs-Gymnasium in Breslau verdiente. Nur während der Ferien nahm er an Schachturnieren teil.

Er beschönigte seine Niederlage nicht, sondern gab unumwunden zu, dass das größere Talent (Morphy) gesiegt habe.

Zum Geniessen: Analyse der 10. Partie der Begegnung

Adolf Anderssen – Paul Morphy

(Bild entfernt)

von NM Hebert Pérez García

Anderssen,Adolf – Morphy,Paul [A22]
Paris Match 10, 1858
[HPG]

1. a3 [Die Anderssen-Eröffnung hat zum Ziel, das Spiel in eine bestimmte Richtung zu brinden. Wenn man allerdings den Anfangszug von Weiss als Zeitvorteil betrachtet, ist es ratsamer, aktiver zu spielen und zwar mit den Bauern des Zentrums.]

1…e5 [Einige klassische Theoriker empfahlen1….g6 gegen die Anderssen-Eröffnung zu spielen, denn der Zug 1. a3 nutzt recht wenig bei der Mehrzahl der “indischen” Systeme.]

2. c4 Sf6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5

5.e3 [Anderssen versucht hier eine Art der Paulsen-Variante im Sizilianer zu spielen, allerdings mit umgekehrten Farben.]

5…Le6 6.Sf3 Ld6 7.Le2 0-0 8.0-0 Sxc3 9.bxc3 f5 10.d4 e4

11. Sd2 Tf6[ Vorsichtiger war, sich weiter mit 11….Sd7 zu entwickeln.]

12. f4[oder auch: 12.Lc4 Lxc4 13.Sxc4 Sc6 =]

12…Th6[Nochmals ist hier zu empfehlen, mit 12….Sd7 fortzusetzen.]

13. g3 Sd7 14.Sc4 Lxc4[Man konnte auch 14…Le7 spielen.]

15. Lxc4+ Kh8 16.Ta2 De7 17.a4 Sf6 18.Db3 c6 19.Le6 Te8 20.Lc4 Sg4 21.Tg2 Tb8 22.Le2 Sf6 23.c4 b6 24.Lb2 Df7 25.Dc2 Le7

26. Lc3 Tg8?![Genauer war der Zug: 26…De6]

27. a5 Ld6 28.axb6 axb6 29.Ta1 g5?[Das ist schon ein Fehler von Paul Morphy.]

30. fxg5 Txg5 31.Ta8+[oder vielleicht 31.Db2!?]

31…Tg8 32.Da4 Txa8

33. Dxa8+ De8[Im Falle von 33…Df8, erzielte Weiss einen Stellungsvorteil mittels 34.Dxf8+ Lxf8 35.Tf2 etc.]

34. Dxe8+ Sxe8 35.c5 [Offensichtlich ist Weiss schon im Vorteil. ]Lc7 36.Lc4 Kg7

37. cxb6[Sehr interessant war 37.d5+!? Kf8 38.d6 etc]

37…Lxb6 38.Tb2 Lc7 39.Tb7 Kf6

40. Lb4[Stärker ist 40.Ta7!? Ke7 41.d5+/-]

40…Tg6 41.Lf8?![Hier wäre der starke Zug 41.d5!? zu empfehlen gewesen.]

41…h5 42.Kf2 h4 43.gxh4 Tg4

44. h5 Th4[Ohne weitere Umstände wäre hier angebracht, mit 44…f4!? fortzufahren, um Gegenchancen zu haben, z.B. 45.Ta7 fxe3+ 46.Kxe3 Th4 etc.]

45. h6 Txh2+[Warum nicht 45…f4!? ?] 46.Kg1 Th3

47. Lf1[Solider war der Zug 47.Ta7!?]

47…Tg3+[ Vielleicht ist besser: 47…Th4!? 48. Lc4 f4 etc.]

48. Kf2 Tg4 49.Lc4 Th4[Es ist eigentlich seltsam, dass Morphy in verschiedenen Momenten der Partie mit seine besten taktitsche Möglichkeit zögert, d.h. 49…f4]

50. Lg8 Ld6?[50…f4]

51. Lxd6 Sxd6 52.Td7+/- Se8?![Notwendig war 52…Sb5.]

53. h7 Kg5 54.Te7 Sd6 55.Te6[Nun ist es Anderssen, der ein starkes Zwischenschach nicht anwendet: 55.Tg7+! Kf6 56.Tc7]

55…Sc4 56.Txc6 Sd2 57.Ke2?[Stark und wahrscheinlich entscheidend war die Variante 57.Tc1! Sf3 58.Tc7 etc.]

57…Th2+ 58.Kd1 Sf3? [Mit einem zutreffenden Gegenschlag: 58…f4 !?, hätte Schwarz ausreichendes Gegenspiel. Nach diesem Versehen ist der Gewinn von Weiss schon fast eine Tatsache.]

59. Tc7 Kg6 60.d5 f4 61.exf4 e3

62. Te7! [Auch wenn Schwarz seinen Srpinger gegen den weissen Turm getauscht hätte, ist das Endspiel für Paul Morphy mathematisch verloren. ]

62…e2+ 63.Txe2 Th1+ 64.Kc2 Sd4+ 65.Kd2 Sxe2 66.Kxe2+- Kg7 67.Ke3 Te1+ 68.Kd4 Tf1 69.Ke5 Te1+ 70.Kf5 Td1 71.Le6 Td4 72.Ke5 Td1 73.f5 Th1 74.f6+ Kxh7 75.Kd6 Ta1 76.Ke7 Ta7+ 77.Ld7 und Schwarz gibt auf: 1-0

Trotz der Ungenauigkeiten auf beiden Seiten, gewann Adolf Anderssen verdientermassen diese Partie. Das lange Endspiel ist mehr als sehenswert und äusserst spannend.

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Zum Nachspielen:

(Bild entfernt)

In dieser Gewinn-Partie wendet er “seine” Eröffnung an:

Anderssen-Eröffnung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

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Die Anderssen-Eröffnung ist im Schach eine geschlossene Eröffnung und beginnt mit dem Zug

1. a2-a3. Sie ist heutzutage nicht mehr populär, weil der erste weiße Zug nicht die Entwicklung fördert und auch den Kampf um das Zentrum vernachlässigt.

Die wichtigsten Antwortzüge für Schwarz sind:

Häufig entstehen Stellungen, die aus der Englischen Partie bekannt sind oder ihr in ihren strategischen Plänen ähneln.

Adolf Anderssen spielte in seinem Wettkampf 1858 in Paris gegen Paul Morphy mehrfach diese Eröffnung, um den angriffsstarken Amerikaner in Geschlossene Spiele zu bringen. Im Turnier in Wien 1873 wandte Wilhelm Steinitz diese Eröffnung gegen Joseph Henry Blackburne in der 2. Stichkampfpartie an und gewann überzeugend.

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Sitges (Barcelona), im Mai 2012

Die neo-romantische Epoche – die hypermoderne Schachpartie

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gemalt von P.H. Andreis – Chess
(19th Century).
Cavaliers Playing Chess

von Javier Fernandez Cordero

Und unter der positionellen „Finsternis“, in die Dr. Tarrasch

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das Schach tauchen wollte, entstand ein

Licht voller Kombinationen…“Die hypermoderne Schachpartie“.

Wir befinden uns am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts; die romantischen Spieler sind durch die Theoretiker wie Steinitz und Tarrasch in das Königsreich des Schachs verbannt worden. Prinzipien werden nun durchgesetzt, wo Ruhe und taktische Stille vorherrschen.

(Nach der Meinung einiger, ist es die Langeweile, die überwiegt).

Dr. Tarrasch hatte eine echte Fangemeinde. Seine Ideen waren nichts anderes als eine Verfeinerung des Vermächtnisses von Steinitz. Vor allem legte er großen Wert auf die Beherrschung des Zentrums durch eine solide Bauernkette.

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gemalt von Elke Rehder

Dann ging er daran zu beurteilen, auf welcher Flanke er gewisse Chancen hatte, um schliesslich auf jener Seite kleine Vorteile zu erarbeiten, die letztendlich in einem Partiegewinn mündeten.

Man verschmähte die Kombinationen, um noch „sicherer“ zu sein, den Sieg zu erzielen.

In der Tat wurde mit keiner Kritik gegenüber jedem Spieler gescheut, der auf Angriff spielte. Wenn diese strengen Dogmen eingehalten wurden, konnte der Sieg eigentlich ohne Zwischenfälle erreicht werden. Aber wo blieben die Phantasie und das Talent?

Zum Glück akzeptierten nicht alle Spieler diese Art zu spielen …

Eine Gruppe von „Rebellen“, die von Aaron Nimzowitsch und Richard Réti angeführt wurde, beschloss, mit den neuen Ideen zu brechen.

Es war die Geburtsstunde der hypermodernen (oder neo-romantischen) Schule.

(Bild entfernt)

gemalt von Elke Rehder

Man stellte fest, dass der lettische Grossmeister Aaron Nimzowitsch der Gründer war. Zahlreich waren die Anhänger dieses Schach-Verständnisses und „immatrikulierten sich“ als die Hypermodernen:

Rudolf Spielmann (der Spektakulärste seiner Zeit), Akiva Rubinstein (vielleicht der Perfekteste der Gruppe), Dr. Savielly Tartakower, Milan Vidmar, Gyula Breyer, Carlos Torre Repetto, Frederic Yates, Edgar Colle, Ernst Grünfeld, Fritz Sämisch und einige andere ……………

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Nimzowitsch

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Réti

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Dr. Tartakower

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Spielmann

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Rubinstein

Die Prinzipien der hypermodernen Schule stimmten mit den Klassikern nur bei der Präferenz der Beherrschung des Zentrums überein.

Dr. Tarrasch hatte postuliert, was mittels der Bauern zu erreichen war: sie sollten die zentralen Felder besetzen und sie unter keinen Umständen verlassen.

Die hypermodernen Spieler gingen jedoch noch weiter und versuchten zu zeigen, dass die Beherrschung des Zentrums auch durch andere Figuren erreicht werden konnte:

„Die Springer, Türme und Läufer konnten einen starken Druck auf das Zentrum ausüben und so die Stellung festigen.

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Anonymus

signé (illisible) et daté de 1959

Sie legten ausserdem Wert darauf zu beweisen, dass sich die zentral postierten Bauern auch nachteilig auf die Beweglichkeit der anderen Figuren auswirken konnten.

Neue Konzepte wurden eingeführt, wie Blockadefiguren: Diese Idee ist, jede nicht so wertvolle Figur einzusetzen, um den Vormarsch eines Bauern zu verhindern zumal, wenn es sich um einen Freibauern handelt. Zusätzlich wird durch die Blockade erreicht, eine Schwäche in der Struktur des Gegners zu schaffen. Man folgerte sogar, dass in diesen Fällen das Konzept der Opposition (der Könige) seine Bedeutung verliert.

Das war natürlich eine Revolution, die die bekannten Prinzipien in Frage stellte.

Darüber hinaus versuchten die hypermodernen Spieler, veraltete und vergessene Dogmen zu beleben und damit gewisse Aspekte des romantischen Schachs wiederauferstehen zu lassen.

Die meisten dieser Ideen wurden von Nimzowitsch in seinem Buch „Mein System“

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und „Die Praxis meines Systems“

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eingeführt. Damit wollte er zeigen, dass Tarraschs Ideen nicht unbedingt unveränderbare Dogmen waren, wie viele in jener Zeit glaubten.

Anfangs musste Nimzowitsch viel Spott und Häme ertragen, da eigentlich niemand an diese neue Art des Spielens glaubte. Nur im Laufe der Zeit bewies sich die Wahrheit dieser innovativen Theorien, die dann später von Generationen der Schachspieler genutzt wurden. Viele Grossmeister haben zugegeben, dass sie von den Grundsätzen Nimzowitschs inspiriert und beeinflusst wurden, wie zum Beispiel Bent Larsen und Gary Kasparov.

Vom künstlerischen Standpunkt aus bestand der große Unterschied darin, die von den Neo-Romantikern im Mittelspiel erarbeiteten Vorteile zu festigen. Sie scheuten sich auch nicht, Figurenopfer zu bringen und versuchten immer, – wenn möglich – das Spiel mit schönen Kombinationen brillant zu beenden.

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Gemalt von Paul Klee 1937

(Überschach)

Vor allem war es Rudolf Spielmann, ein Grossmeister, der immer danach trachtete, ein Kunstwerk zu schaffen, unabhängig vom Ergebnis des Spieles und hinterliess uns mit vielen Schönheitspreisen ausgezeichnete Partien. Kurz gesagt, es gab diese Gruppe von Spielern, die mehr Bedeutung der Entwicklung von Kreativität gaben und vorzogen, eine Partie auf glanzvolle Weise zu gewinnen. Die Prinzipien von Tarrasch widersprachen diesem Aspekt, aber wenn man auch seine Partien nachspielt, wird man Dutzende von Angriffspartien finden.

Richard Réti trug ebenfalls wesentlich zur Entwicklung der neo-romantischen Theorie bei. Sein Buch „Die Meister des Schachbretts“

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ist ein echtes Juwel. Réti analysiert mit großer Genauigkeit das Spiel der Meister seiner Zeit und der romantischen Epoche. Er erklärt seine eigene Art, das Spiel zu verstehen, die der von Nimzowitsch erklärten Weise ähnelt.

Der beste Weg hypermoderne Ideen zu verstehen, sind ihre Partien. Hierzu haben wir ein Wunderwerk an Neo-Romantik ausgewählt und nachstehend, entsprechend analysiert und kommentiert von NM Hebert Pérez García

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wiedergegeben:

Breyer – Esser, Budapest 1917

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Gemalt von Elke Rehder

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Guyla Breyer

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Johannes Esser

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GYULA BREYER vs JOHANNES ESSER BUDAPEST 1917

Wir erlauben uns, die Leser darauf hinzuweisen, wenn sie diese Partie mit elektronischen Schachprogrammen analysieren, dürfen sie nicht die verschiedenen Bewertungen als definitiv ansehen. Dieselbe Betrachtung haben wir mit der Analyse, die wir hier vorstellen.

Die Partie ist in der Tat faszinierend und enthält ultra-dynamische taktische Komplikationen.

Deshalb ist noch nicht alles endgültig, was wir hier vortragen, und wir empfehlen Ihnen, diese Analyse mit eigener analytischen Kreativität zu bereichern.

Breyer, Gyula – Esser, Johannes [D31]
Budapest, 1917
[Hebert Pérez García
]

1. d4 d5 2.c4 c6 3.e3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Ld3 Ld6 6.f4[ Üblich ist die Variante 6.Sf3 Sbd7 7.0-0 usw., aber der Textzug ist auch spielbar zur Freude der Angriffsspieler. ]

6…0-0[Schwarz kann ausgleichen, in dem er 6…c5!? 7. Sf3 Sc6 8.0-0 0-0 spielt.]

7. Sf3 dxc4[Auch hier wieder verdiente 7..c5!? 8.0-0 Sc6 eine entsprechende Beachtung.]

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8. Lb1!?[Hier wird ein genialer Angriff geplant, obwohl seine Richtigkeit diskutierbar ist. Die positionelle Idee ist, die zentrale Aktivität der weissen Kräfte zu stärken auf Kosten eines zeitweiligen Bauernopfers.

Bei einige Varianten beziehen sie sich auf den Angriff des Feldes “h7”, wobei Weiss dann seine Dame auf “c2” stellt und so eine “Batterie” aufbaut. Eine einfache Alternative war: 8..Lxc4 c5 9.0-0 Sc6 10.dxc5 usw.]

8…b5[In den heutigen Zeiten würde Schwarz mit einer soliden Verteidung antworten: 8…c5 9.0-0 Cc6 =]

9. e4 Le7

(Bild entfernt)

10. Sg5 !?[ Konsequent mit dem begonnenen Plan 8. Lb1]

10… h6[GM Richard Réti bestätigte, dass, wenn 10…g6 gespielt wird, dann 11.h4 und eventuell h5 usw. folgen würde.]

11.h4 [Eine typische Idee mit der Absicht 12.e5 Sd5 13.Dc2 g6 14.h5 zu spielen.]

11…g6 [Den “Lockvogel” anzunehmen, wäre für Schwarz gefährlich gewesen.

Z.B. 11 …hxg512.hxg5 g6 13.gxf6 Lxf6 14.e5 Lg7 15.Se4 mit weissem Vorteil. Sehr interessant war die defensive Alternative 11…e5 ! 12. fxe5 Lg4 13.Sf3 Sh5;]

12. e5! hxg5[Einige Programme schlagen 12…Sh5 vor.]

13. hxg5[Besser als 13.exf6 Lxf6 14.hxg5 Lxd4-/+]

13…Sd5[Die Programme bewerten die Stellung als ausgeglichen und bevorzugen die Variante 13…Sfd7 14.Df3 Kg7 15.Th7+ Kxh7 16.Dh5+ Kg8 17.Lxg6 fxg6 18.Dxg6+ Kh8 19.Dh6+ Kg8 20.Dg6+ =]

14. Kf1[Breyer spielt auf Gewinn und nimmt entsprechende Risiken auf sich. Eine sichere Alternative war 14.Dg4 Kg7 15.Th7+ Kxh7 16.Dh5+ Kg7 17.Dh6+ Kg8 18.Lxg6 fxg6 19.Dxg6+ =]

14…Sxc3[Raffiniert ist folgende Absicht zur Verteidigung 14…Te8!? 15.Df3 Lf8 16.Se4 Sd7 17.Sf6+ S5xf6 18.gxf6 Sxf6 19.exf6 Dxf6 20.Le4 Ld7 21.Ld2 a5]

15. bxc3[Vorsichtiger wäre die Fortsetzung mit15.Df3 Dxd4 16.bxc3 Dd8 17.Le3 Kg7 18.Th7+ Kxh7 19.Dh5+ Kg8 20.Lxg6 =]

15…Lb7[Beachtenswert war 15…De8 !? mit der Idee so zu spielen, wenn 16.Th6 Kg7 folgen.]

16. Dg4 Kg7 17.Th7+ Kxh7 18.Dh5+ Kg7 19.Dh6+ Kg8 20.Lxg6 fxg6 21.Dxg6+ Kh8 22.Dh6+ Kg8 23.g6[23.Dg6+ =] 23…Tf7 24.gxf7+ Kxf7

25. Dh5+ Kg7? Ein schrecklicher Fehler, der die Partie zum Verlust führt. Man hätte hier 25…Kg8 26.Dg6+ Kh8 27.f5 (27.Dh6+ Kg8 28.Dg6+ Kh8=)27…Df8 28.f6 Lxf6 29.Lh6 Dg8 30.Dxf6+ Kh7 31.De7+ Kxh6 32.Dh4+ Kg7 33.Df6+ Kh7 34.Dh4+ =spielen müssen; aber nicht 34.Kf2? 34…Dg7 35.Th1+ Kg8 und Schwarz kann sich verteidigen.)]

26. f5 [Nun ist der weisse Angriff gewinnbringend.]

26…exf5 27.Lh6+und Weiss gewann. Die modernen Programme zeigen ein Matt in 9 Zügen an! Schauen wir: 27.Lh6+ Kh7 28.e6 ! Offensichtlich kann Schwarz hier aufgeben, 28…De8 ein absurder Zug, um die Mattvariante hinauszuschieben. Dasselbe kann von den restlichen Zügen von Schwarz gesagt werden. 29. Dxe8 Kxh6 30.Dxe7 Sd7 31.Kf2 Th8 32.Th1+ Kg6 33.Df7+ Kg5 34.Dg7+ Kf4 35.Dg3+ Ke4 36.Df3#] 1-0

Wenn man nun die Entwicklung der Partie betrachtet, sieht es so aus, dass die Göttin “Caissa” die kreativen Anstrengungen von Gyula Breyer mit dem Gewinn belohnte. Dr. Johannes Esser versagte am Schluss der Partie, sicher ermüdet von dem verwirrenden Angriff seines genialen Gegners.

Schlusstellung

(Bild entfernt)

Partie zum Nachspielen:

(Bild entfernt) (Bild entfernt) 1-0 47 1917 Budapest (Bild entfernt) Queen’s Gambit Declined Slav

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Sitges (Barcelona), im Mai 2012

Viacheslav Ragozin – das taktische Talent der Nachkriegszeit


(Bild entfernt)

von Javier Fernandez Cordero
Viacheslav Ragozin wurde am 8. Oktober 1908 in St. Petersburg geboren.


Zusammen mit Vladas Mikenas

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war er der talentierteste taktische Spieler der Nachkriegszeit.

Diese Generation übernahm die harte Arbeit, das Fundament der Prinzipien der sowjetischen Schule zu legen; sie alle nahmen an der Vorbereitung teil, junge Persönlichkeiten des Schachs zu bilden wie: Bronstein, Keres, Tal, Spassky, usw. …

Ragozins Stil war aggressiv, sogar angriffslustiger als der von Mikenas, so dass es nicht schwer war, Partien voller taktischer Schläge zu finden.

Mit dieser Art des Spieles erwarben sie sich die Zuneigung der jungen Schachanhänger, die ihre Partien mit Inbrunst verfolgten.

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Seinen ersten bemerkenswerten Sieg errang Ragozin anlässlich eines Turnieres in Sverdlovsk, wobei er nicht nur durch seine herausragenden Ergebnisse auffiel.

Sverdlovsk 1942


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Ebenso hinterliess sein gepflegtes Angriffsspiel Spuren, so dass mehrere seiner Partien veröffentlicht wurden.

Ein Beweis ist sein Sieg gegen einen der stärksten Landsleute

(Ragozin – Boleslavsky):

Ragozin 1 – Boleslavsky 0 Ragozin : weiss

Sverdlovsk 1942 Boleslavsky : schwarz

1. e4 / c6 2. d4 / d5 3. Sc3 / dxe4 4. Sxe4 / Sf6 5. Sxf6+ / exf6 6. Lc4 / Ld6

7.De2/Le7 8. Sf3 / 0-0 9. 0-0 / Ld6 10. Te1 / Lg4 11. De4 / Lh5 12. Sh4 / Sd7

13. Df5 / Sb6 14. Dxh5 / Sxc4 15. Lh6 / Dd7 16. Lxg7 / Kxg7 17. Sf5+ / Kh8

18. Te4 / Lxh2+ 19. Kh1 / aufgegeben von Boleslavsky.

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Nach: 15…Dd7

Zum Nachspielen:

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Fast seine gesamte Schachlaufbahn entwickelte sich nach dem II. Weltkrieg in der Sowjetunion, da die sowjetischen Behörden nicht zuliessen, dass ihre Spieler durch das westliche Europa reisten.

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Äusserst selten schickten sie ihre Spieler mit strengen Auflagen zu europäischen Turnieren, doch diese Massnahme wurde ab den 50iger Jahren gelockert.
Wir wollen uns aber nichts vormachen:

Ragozin hatte keine hervorragenden Gesamtergebnisse, erreichte aber gute Plätze, die jedoch nicht so bedeutend waren, um in die Weltspitze aufzusteigen.

Wohl verdiente er sich den Respekt seiner Gegner durch sein brillantes Spiel und seine originelle Ideen.

Nachstehend eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse:

Viacheslav Ragozin

Diese Tafel enthält alle Turnier von Viacheslav Ragozin.

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Einzel-Matches

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Ohne Zweifel war seine Krönung der Gewinn der 2. Weltmeisterschaft im Fernschach – siehe Endstand:

Fernschach-Weltmeisterschaft 1956-1959


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Zum Vergrössern bitte daraufklicken!

Bitte beachten sie den hervorragenden 3. Platz von

GM Lothar Schmid, Bamberg !

Mit diesem Sieg erweiterte die UdSSR ihre Herrschaft in die gesamte Welt des Schachs, sei es nun im männlichen oder weiblichen Bereich und in anderen Modalitäten.


Ragozin wurde der GM-Titel im Jahr 1950 und die Fernschach-GM im Jahr 1958 verliehen nach dem Gewinn jener Weltmeisterschaft.


Er widmete sein Leben dem Schach, sowohl in der Praxis als auch in der Organisation, als Vizepräsident der FIDE-Delegation der UdSSR von 1950 bis 1961.

Ausgezeichnete Beziehungen unterhielt er zu dem Weltmeister Mikhail Botwinnik, dem er bei seinen Vorbereitungen für die WM-Kämpfe half (als Sparringspartner) .

Sein Rat war sehr beliebt, sogar selbst anerkannt von dem Weltmeister.

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Botvinnik und Ragozin Moskau 1951

Ebenso ein kurzes Video:

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Im Bereich der Theorie der Verteidigungen fand er neue Ressourcen im Damengambit und den Nimzo-Indischen-Systemen.

Zusätzlich wurde er bekannt durch die

Ragozin-Verteidigung

Dies war die bevorzugte Eröffnung von Schwarz, wenn Weiß mit 3.Sf3 den Nimzoinder umging.

Die nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 dxc4 5.e4 Lb4 6.Lg5 c5 entstehende Stellung hat man in den letzten Jahrzehnten sowohl gründlicher als auch praktischer und theoretischer Untersuchung unterzogen. In Moskau wurden zwei wichtige frühzeitige Abweichungen vom Mainstream erprobt.

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Ebenfalls war er im journalisten Bereich bei verschiedenen Publikationen des Schachs tätig und übernahm die Leitung der renommierten Schachzeitung „Shakhmaty“

von 1946 bis 1955

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Darüber hinaus schrieb Ragozin mehrere Bücher, wobei besonders seine Arbeit über das match Botwinnik – Tal 1960 gelobt wurde.

In seinen letzten Jahren arbeitete er an einem Buch mit der Zusammenstellung seiner besten Partien, das er leider nicht mehr selbst fertigstellen konnte, aber von seinen Freunden abgeschlossen und im Jahr 1964 veröffentlicht wurde.

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Weitere Bücher über Viacheslav Ragozin

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Dieses nachstehend abgebildete Buch ist die Monographie von Mijail Yudovich, veröffentlicht von Fizkultura i Sport (Moscú, 1984):

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Er starb am 11. März 1962 in Moskau im Alter von nur 53 Jahren.

Nachstehend seine Grabstätte:

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Sitges (Barcelona), im Mai 2012

Schach-Poesie

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“Das Königreich des Schachs” gemalt von Carlos Orduña Barrera

von Arqto. Roberto Pagura, Buenos Aires

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Die Ruhe und das Schweigen der Verbündeten

machten aus der Wissenschaft ein schönes Spiel,

Menschen mit umsichtigen Handbewegungen

die Augen zum Himmel gerichtet.

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“Schachspieler” gemalt vonEakins Thomas (1844-1916)

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Das Holz schuf das richtige Umfeld,

an den Tischen, den Figuren und dem Schachbrett,

wieder an den Wänden und auf dem Boden

Schauplatz eines wahrhaften Vorbildes.

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„Ein heiliges Spiel” gemalt von George Goodwin Kilburne

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Angeregt durch die Kunst und die Schönheit,

näherte ich mich eines Tages dem Schach

davon überzeugt, dass ich ein Zusammenspiel von

Schönheit, Erregungen und Freude traf.

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“Schach” gemalt von de Favén Antti

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Sitges (Barcelona), im April 2012


Der alte Mann und das Schach

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GM Andor Lilienthal 1992

von ÖMK Dr. Paul Meyer, Österreich

ergänzt und illustriert von Frank Mayer

GM Andor Arnoldovich Lilienthal hat gegen zehn Schach-Weltmeister gespielt und die Hälfte (!) davon geschlagen.

Von seinen Siegen gegen die Legenden Dr. Emanuel Lasker, José Raúl Capablanca, Dr. Alexander Aljechin und Vera Menchik berichtete der Ungar besonders gern.

Aber auch Dr. Mikhail Botwinnik und Wassily Smyslow mussten ihm die Hand zur Aufgabe reichen.

Am 05.05 2010 feierte der Budapester noch seinen 99. Geburtstag – drei Tage später – am 08.05.2010 – starb er.

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Dies geschah während der laufenden Schach-WM zwischen Viswanathan Anand und Wesselin Topalow in Sofia, wo man den unterhaltsamen Grandseigneur mit einer Gedenkminute würdigte.

Andor Lilienthal kam als Sohn einer ungarischen Sängerin und eines russischen Elektroingenieurs am 05.05.1911 in Moskau zur Welt. Seine Mutter hatte auf einer Moskauer Bühne zu dieser Zeit gerade ein Engagement als Sängerin. Sie kehrte mit ihren drei Kindern im Jahre 1913 nach Budapest zurück, der Vater blieb in Russland. Weil die Mutter krankheitsbedingt ihre Stimme verlor, verarmte die Familie und wuchs der junge Andor in einem Kinderheim bei staatlicher Pflege auf.

Er absolvierte eine Schneiderlehre, fand jedoch keine Anstellung. So erlernte er als 15- jähriger ausgebildeter Schneider das Schachspiel

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und trieb sich in diversen Budapester Cafés herum, wo er um Geld zockte. Mit den Gewinnen bei Schach- Duellen hielt er sich über Wasser und machte zunehmend von sich Reden.

In Paris 1930 erhielt er eine erste Einladung zu einem internationalen Turnier und schlug sich mit 4:3 Punkten als geteilter Vierter achtbar.

Siehe Tabelle:

Paris 1930

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Zum Vergrössern bitte draufklicken.

Rasch stieg Lilienthal zu einem der stärksten Spieler auf der Welt und rangierte sogar gemäß der historischen Weltrangliste im Jahre 1934 auf dem sechsten (!) Platz, wobei seine historisch höchste ELO- Zahl 2710 betrug.

Im Jahre 1935 lernte er während des Moskauer Turniers seine künftige Frau Jewgenija kennen, heiratete sie und ließ sich in Moskau nieder. Er nahm sogar die sowjetische Staatsbürgerschaft an.

Seit 1937 nahm er an den Landesmeisterschaften der UdSSR teil, wurde 1938 quasi außer Konkurrenz Meister von Weißrussland, gewann 1940 die Moskauer Stadtmeisterschaft und teilte im selben Jahr sogar den ersten Platz bei der UdSSR- Meisterschaft (!) mit Igor Bondarevsky, gefolgt von dem späteren Weltmeister Smyslow.

Moscow, 12th USSR Championship 1940

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Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Lilienthal auf der internationalen Schachbühne rarer, ließ jedoch 1948 mit seinem 5. Rang beim Interzonenturnier in Saltsjöbaden aufhorchen, wo er sich für das Kandidatenturnier in Budapest 1950 qualifizierte und dort den 8. Platz belegte.

Budapest Candidates 1950


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Im selben Jahr erhielt der von der FIDE auf Grund seiner internationalen Erfolge als einer der ersten Spieler den Titel Großmeisters verliehen.
In der Folgezeit tat er sich vor allem als Trainer des späteren Weltmeisters Dr. Tigran Petrosjan hervor.

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Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1976 kehrte der mittlerweile 65-Jährige in seine Heimat Ungarn zurück.

Wie schon 1935, als sich Lasker in Moskau aufhielt, half er auch Bobby Fischer im Jahre 1992 bei seinem Aufenthalt in Budapest.

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Das US-Genie, das Lilienthal für den stärksten Spieler aller Zeiten hielt, lebte auch einen Monat in seiner Wohnung.

Als 2001 in Berlin in Deutschland die Lasker- Gesellschaft gegründet wurde, war Andor Lilienthal als ältester noch lebender Großmeister der Welt ein gern gesehener Gast, der noch eigene Geschichten aus alter Zeit zu berichten wusste.

An seinem 85. Geburtstag erhielt er auf Grund seiner Verdienste um den Schachsport von FIDE- Präsident Kirsan Iljumschinow eine monatliche Pension in Höhe von 750 US-Dollar auf Lebenszeit zugesprochen. Damit konnte der Ungar in seinen letzten Jahrzehnten seinen Status als „lebende Schachlegende“ voll auskosten, was ihn mit manchen Widrigkeiten zuvor versöhnt haben mag.

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Unvergessen waren seine spektakulären Damenopfer. Wahrscheinlich existiert hier sogar so etwas wie eine seltene Duplizität der Fälle, wovon ich kurz berichten will: Als Einziger der beim Revanchekampf Fischer- Spasski im Jahre 1992 im Analyseraum versammelten Schachmeister fand Lilienthal ein verblüffendes (im Übrigen korrektes) Damenopfer. Für die Youngsters unter uns sei an dieser Stelle festgestellt, dass es zur damaligen Zeit keine Computer-Unterstützung gegeben hat und noch jeder Spieler seine Züge selber finden musste!

Auch wenn es klischeehaft klingt: Lilienthal dürfte eine echte Schwäche im Spiel mit der Schachdame gehabt haben, denn sein toller „exf6!!- Sieg“ – also das sensationelle Damenopfer gegen Capablanca – bleibt wohl unsterblich….

Nachstehend die entsprechende Partie kommentiert

von Mikhail Botvinnik

Lilienthal, Andor – Capablanca, Jose Raúl [E24]

Hastings(5), 01.01.1935

1. d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.a3 Lxc3+ 5.bxc3 b6 6.f3 d5 7.Lg5 h6 8.Lh4 La6!? Solider ist 8…..Lb7

9. e4 Lxc4 10.Lxc4 dxc4 11.Da4+ Dd7 12.Dxc4 Dc6 13.Dd3 Sbd7 14.Se2 Td8 15.0–0 a5 Schwarz denkt wohl an a5-a4 und Eroberung des Felpes “b3” für seinen Springer.

16. Dc2 mit der Absicht 17. c4, was jetzt noch an Se5 gescheitert wäre.

…..Dc4! 17.f4 Tc8 18. f5! e5? Gerade das wollte Weiss provozieren.

19. dxe5 Dxe4:

Da 19….Se5: wegen 20. Lf6: und 21. Sf4 indiskutabel ist, hatte sich

Schwarz auf den Textzug verlassen, aber……

Diagramm

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20. exf6!! Das ist kein Donnerschlag mehr, sondern ein regelrechtes Erdbeben!

Dxc2: auch die Alternative 20….Dh4: 21 fg und Tf4 ist hoffnungslos.

21. fxg7 Tg8 22.Sd4 De4 angesichts der Mattdrohung erzwungen.

23.Tae1 Sc5 24.Txe4+ Sxe4 25.Te1 Txg7 26.Txe4+ 1-0

Diagramm

(Bild entfernt)

Endstellung

Zum Nachspielen:

1. (Bild entfernt) Nimzo-Indian, Samisch


Das Teilnehmerfeld:

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Copyright The IllustratedLondonNews 1935

Quelle: Schachklub Volksbank Lienz-Österreich

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Sitges (Barcelona), im April 2012


Ein weiser Rat

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Gemalt von Elke Rehder

Kommentiert und analysiert von NM Hebert Pérez García, Holland

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Text:

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Gemäss Dr. Siegbert Tarrasch:


“Steht eine Figur schlecht, steht es um die ganze Partie schlecht.”

(Quelle siehe unten) *

In seinem interessanten Buch “Der Inbegriff des Schachs”

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von GM Miodrag Todorcevic,

versieht er diese Aussage mit folgender Bemerkung: “Diese Bestätigung kann bei vielen Gelegenheiten helfen. Die Wahl eines Planes oder einfach einer Fortsetzung muss sich auf die Bewertung der verschiedenen Elemente einer Position stützen.”

Um dieses Thema plastisch darzustellen, wählte Todorceciv verschiedene Beispiele aus der Meisterpraxis und unter ihnen ein Fragment einer berühmten Partie von Aaron Nimzowitsch.

Aaron Nimzowitsch – Akiva Rubinstein

(Bild entfernt)


Dresden 1926

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Weiss zieht

1. Sh1!?+/=

[Weiss hat eine spürbare positionelle Überlegenheit dank der grösseren Aktivität, die der Läufer auf der Diagonale “a2-g8” ausübt, und der Beherrschung der Turmlinie “e”. Ausserdem verfügt der Führer der weissen Steine über einen Vorteil in der Entwicklung und der schwarze König läuft die latente Gefahr, in seinem jetzigen “Unterschlupf” angegeriffen zu zu werden.

Gemäss unserer Meinung ist dieser Zug interessant und unterstützt vom Konzept her den lehrreichen Satz von Dr. Tarrasch, wobei noch zu beachten ist, dass der weisse Springer auf “g3” eine ungeeignete Position hat. Jetzt versucht er einen raschen Angriff mit dem Manöver, das ihn auf das Feld “g5” bringt über “f2” und “h3”.

Andererseits mag die menschliche Logik anders sein als die konkreten Taktiken der modernen und starken elektronischen Programme, die folgender Variante: 1. a3 Ld7 2. b4 +/= usw. eine grössere Aufmerksamkeit schenken.

Wir geben zu, dass es schwierig ist, objektiv die Güte beider Ideen auf dem Brett zu bewerten.]

1…Ld7 2.Sf2 Tae8

[Nimzowitsch, der auf eine brillante Weise das Turnier von Dresden 1926 mit einem Ergebnis von 8,5 von 9 möglichen Punkten gewann und u.a. sich noch vor Dr. A. Aljechin platzierte, kommentierte diese Partie in seinem Buch “Mein System” und der Veröffentlichung des Turnierberichtes.

Schlusstabelle:

Dresden

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Seine Beurteilungen waren in einigen Passagen etwas oberflächlich, wobei er die Geschehnisse als “gegeben” darstellte.

Hierbei verzichtete er darauf, bessere defensive Züge für seinen Gegner zu empfehlen; somit war seine Betrachtung eher “parteiisch”. Hier verdient der Zug 2…g6 und wenn 3. Sh3 dann h6 eine tiefere Betrachtung.]

3. Tfe1[o 3.Txe8 Lxe8 (3…Txe8 4.Sh3 g6 5.Sg5 h6 6.Sf7+ Kh7 7.Dh3 Lf8 8.Dh4+/=)4.Sh3 h6 5.Sg5 Sd8]

3…Txe2

4. Txe2 Sd8

[Nimzowitsch und viele Kommentatoren – von ihm beeinflusst – erwähnten die Schwäche des Zuges 4…Te8. Aber man unterliess, eine besser fundierte Option wie z. B.: 4…h6!? 5.Sh3 b5 6.Lb3 Lb4 usw. zu erwähnen.]

5. Sh3 Lc6

[Eine andere Möglichkeit war 5…b5 6.Lb3 h6 7.Sg5 a5 8.Dh5+/=]

6. Dh5+/= g6[oder 6…Sf7 7.b4+/=]

7. Dh4 Kg7 8.Df2! Lc5

[Wenn 8…Db6 9.De1!? (9.b4 mit der Idee Lc3) schlug Nimzowitsch 9…Te8HPG 10.Sg5+/= vor. ]

9.b4

[Vielleicht sind die Optionen 9.Te5!?; 9.De1!? doch stärker.]

9…Lb6?

[Nimzowitsch und andere Analysten sagten hierzu nichts, aber wir sollten darauf hinweisen, dass es notwendig war 9…Le7 10.Dxd4+ Lf6+/= zu spielen.]

10. Dh4

[10.De1!? scheint besser zu sein und wenn 10…Le4 11.Lb3! mit klarem Vorteil für Weiss.]

10…Te8 11.Te5[oder auch 11.Txe8 Lxe8 12.Sg5 h6 13.Sf3 Dd6 14.De1+/=]

11…Sf7

[Wenn 11…h6, dann 12.a4 ! HPG (12.g4 mit entscheidendem Angriff, zitierte Nimzowitsch, aber er übersah die Verteidigung 12…Dd6 !? HPG 13.Dg3 (13.gxf5 gxf5 14.Kf2 Dg6 mit Gegenspiel für Schwarz)13…fxg4 14.Sf2 mit ungewissem Spiel)

Wenn 12…Lxa4 (12…Sf7 13.b5! axb5 14.axb5 Txe5 15.fxe5 g5 16.Lxg5 hxg5 17.Sxg5 Ld5 18.Sxf7 Lxf7 19.Df6+ Kh7 20.Dxf7+ Dxf7 21.Lxf7+/-)13.b5 Dd7 14.De1]

12. Lxf7 Dxf7

[Wenn 12…Txe5, würde folgen 13.Sg5! (13.fxe5 Dxf7 14.Sg5 Dg8 15.Se4 !? HPG (15.e6 Nimzowitsch 15…Ld8 ! HPG (15…Ld5 16.Dg3+- (16.Df4+-)) 16.Dxd4+ Lf6 mit Gegenspiel für Schwarz] 5…Ld8 16.Lh6+ (16.Sf6 Kf7!+/=)16…Kh8 17.Sg5+/=) ]

13. Sg5 Dg8 14.Txe8 Lxe8?[14…Dxe8 15.Dxh7+ Kf6 16.a4 mit weissem Vorteil] 15.De1!+- Lc6[15…h5 16.De7+ Kh6 17.Dxb7+-] 16.De7+ Kh8 17.b5+-[17.Se6+-] 17…Dg7 18.Dxg7+ Kxg7 19.bxc6 bxc6

20. Sf3

[ Der Gewinn für Weiss ist unvermeidbar, der Rest ist einfache Technik.]

20…c5 21.Se5 Lc7 22.Sc4 Kf7 23.g3 Ld8 24.La5 Le7 25.Lc7 Ke6 26.Sb6 h6 27.h4 g5 28.h5 g4 29.Le5 und Schwarz gibt auf: 1-0

(Bild entfernt)

Endstellung

Kommentar:

Im Laufe der Zeit wurde die Partie als ein klassischen Beispiel der Strategie eingestuft. Nimzowitsch wurde allerseits gelobt und diese Partie als die beste des Turnieres bewertet.

Die Kritik akzeptierte “gefügsam” seine Kommentare ohne weitere Analysen.

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt) English, Symmetrical


Wir empfehlen, dass die Schachfreunde selbst Nachforschungen bezüglich dieses klassischen Modelles anstellen und demzufolge ihre eigenen Ansichten bilden.

Aber wohl das Wichtigste ist, dass wir uns an den weisen Rat erinnern, den der unvergessliche Theoretiker Dr. Siegbert Tarrasch aufstellte.

Zum Schluss das Familienfoto:

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Dresden 1926

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* Lt. Garri Kasparov (<Meine grossen Vorkämpfer Band I, Seite 162>)

Sitges (Barcelona), im April 2012

Esteban Canal – ein später Romantiker

Immer wieder hatten wir gehört, dass Dr. Savielly Tartakover „der romantischste Schachspieler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war“. Aber wir entdeckten, dass der Peruaner Esteban Canal auch ein „Romantiker des Schachs“ war; eine Art von Don Quijote, der seine Lanzen gegen die Windmühlen der Intrigen, Gleichgültigkeit und Böswilligkeit zerbrach. Vielleicht war seine Technik nicht so ausgefeilt wie die von Dr. Siegbert Tarrasch oder José Raúl Capablanca, aber seine Eingebung und sein Einfallsreichtum überschritten die theoretischen Grenzen seiner Epoche, in dem sie mit einer bizarren Färbung versehen wurden so, wie die eines Reiterheeres, das mit epischen Kräften die Routine der geschlossenen Stellung aufbrach. **************
Esteban Canal wurde am 19. April 1896 in Chiclayo – Peru (?) geboren. Er starb am 14. Februar 1981 in Varese (Italien).
Er verbrachte die Kindheit zunächst in seiner Heimat, zog dann im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie nach Europa (Spanien und Frankreich). In diesen Ländern besuchte er weiter die Schule; ab 1914 studierte er Medizin in Deutschland, wo er auch seine erste Begegnung mit dem Schach hatte. Esteban fing erst mit 18 Jahren an zu spielen. Dieses für einen Schachspieler vielleicht zu spätes Alter hinderte ihn sicher daran, einer höheres Spielniveau zu erreichen.
1923 zog er nach Italien und begann dort seine Schachkarriere mit dem Debüt bei dem Turnier in Triest, wo er sensationell den zweiten Platz vor Yates und Tarrasch belegte:

Triest


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(Bild entfernt)

Seine Auftritte waren recht sporadisch bei namhaften Turnieren, vielleicht auch bedingt durch finanzielle Schwierigkeiten, die ihn daran hinderten, in weiter entfernte Städte zu reisen, um dort an den Schachveranstaltungen teilzunehmen.

Viele Spieler aus jener Zeit pflegten einen Gönner zu haben, der die Reise- und Aufenthaltskosten übernahm. Die Spieler, die nicht finanziell gefördert wurden, mussten sich zwangsläufig auf wenige Turniere beschränken.

Nachstehend seine aufgezeichneten Ergebnisse:

Turniere von Esteban Canal

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ERGEBNIS EINZEL-MATCH

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Eine weitere Möglichkeit Geld zu verdienen, waren Simultanvorstellungen, die eine gute Werbung in der Öffentlichkeit boten, um mit zu erleben, wie ein Grossmeister gegen eine hohe Zahl von Gegnern gleichzeitig in nur wenigen Stunden spielen konnte.

Bei einer dieser Simultanvorstellungen gelang es Esteban Canal, einer seiner spektakulärsten Partien seines Lebens zu spielen, eine kleine „peruanische Unsterblichkeit“.

In nur 14 Zügen opferte er seine beiden Türme und die Dame, um seinen Gegner mit dem Boden-Matt zu schlagen.

(Das Boden-Matt ist eine spezielle Kombination im Schach, in welcher das Läuferpaar den König des Gegners nach einem effektvollen Opfer der Dame mattsetzt. Ihren Namen erhielt diese Kombination von Samuel Boden, einem englischen Schachspieler des 19. Jahrhunderts. Im deutschen Sprachgebrauch werden für diese klassische Mattwendung auch andere Bezeichnungen benutzt (darunter Kreuzmatt).

Canal 1 – N. N. 0

Canal : Weiss N. N. : Schwarz

Budapest 1934

1. e4 / d5 2. exd5 / Dxd5 3. Sc3 / Da5 4. d4 / c6 5. Sf3 / Lg4 6. Lf4 / e6

7. h3 / Lxf3 8. Dxf3 / Lb4 9. Le2 / Sd7 10. a3 / 00-0 11. axb4 / Dxa1+

12. Kd2 / Dxh1 13. Dxc6+ / bxc6 14. Aa6++.

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nach 10……0-0-0

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nach 12…Dxh1

Zum Nachspielen:

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Esteban Canal hatte auch eine beachtliche Fähigkeit im Blindspiel, bei dem er oft gegen 10 und mehr Gegner antrat.

Die meisten Partien wurden leider nicht aufgezeichnet.
Obwohl er in Italien als italienischer Spieler aufgeführt war, spielte er stets unter peruanischer Flagge,

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eine Gepflogenheit, die ihn mit besonderem Stolz erfüllte.

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Esteban Canal: 3. Reihe stehend

Bitte, draufklicken um zu vergrössern.

Seine Spielweise konnte nur ein Wort verstehen: ANGRIFF.

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Gemalt von Elke Rehder

Er ging gegen den Trend der Zeit und spielte ein Schach voller Risiken und wunderschönen Kombinationen.

Seine Spielweise definierte er recht sonderbar: „Bei meinen Partien stürze ich mich aus dem Fenster und erst am Ende erfahre ich, ob ich mit den Füssen aufkomme.“

Seine taktischen Schläge nannte er „das Gift“.

Das waren selten gespielte Züge oder Varianten, die die Position des Gegners nach und nach zermürbten. Er hat uns eine Anzahl von Angriffspartien hinterlassen, die ihm einen Stammplatz in der Reihe der „romantischen“ Spieler gesichert haben.

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Geschrieben und aufgelegt 1948 von Esteban Canal

Ein weiterer Beitrag zur Theorie der Eröffnungen bestätigt die nach ihm benannte Variante in der Italienischen Eröffnung.

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Er erwarb den Titel „Internationaler Meister“ im Jahre 1950 und den des “Grossmeisters“ 1977

(der ihm als Anerkennung für sein schachliches Lebenswerk im Alter von 81 verliehen wurde).

Seinerzeit war er der erste peruanische Spieler in der Geschichte seines Landes, der diese Würdigung erhielt.

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Sein Leben in Europa war jedoch nicht so angenehm, wie er erwartet hatte.

Die Sehnsucht nach seiner Heimat und das Anbrechen neuer Zeiten machten ihn irgendwie unglücklich.

Wir dürfen hierbei nicht vergessen, dass in der Seele von Esteban Canal zwei völlig verschiedene Epochen wetteiferten: sowohl der Anfang des vorigen Jahrhunderts als auch der 2. Weltkrieg mit seinen Folgen.

Als Esteban Canal anfing zu spielen, befand er sich in der „Zeit der Gentlemen“, die sich vor allem auszeichnete, seinem Gegenüber höflich und respektvoll gegenüberzutreten.

Diese Verhaltensweise änderte sich im Laufe der Zeit, etwas, das er nicht ertragen konnte.

Er fühlte sich als Fremder unter der neuen Generation von Meistern, die sich ganz anders verhielten (im negativen Sinn) als ihre Vorgänger. Seine Enttäuschung wuchs im Laufe der Jahre, unter anderem aufgrund der Entstehung von Verbänden, Organisationen und politschen Einflüssen, die seiner Meinung nach nicht die Schachspieler förderten, sondern eher ihre eigenen Interessen.

Angesichts dieser Verhältnisse distanzierte sich Esteban Canal fast vollständig vom Schach.

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Als Abschied führen wir noch eine Beispiel- Partie auf, die sichtlich „das Gift“ des peruanischen Romantikers in sich trug:

(Bild entfernt) Two Knights


Seine höchste historische Elo-Zahl lag bei 2.675 Punkten.

Anmerkung:

Anlässlich seines Turniersieges 1933 in Budapest

vor Andor Lilienthal, Lajos Steiner und Erich Eliskases äusserte sich der damalige Weltmeister Alexander Aljechin wie folgt:

“Esteban Canal befindet sich ohne Zweifel unter den genialsten Meistern aller Zeiten. Wenn er zwar nicht die Sonne ist, dann aber eine Kerze. Er brennt immer… die Jüngeren werden gut daran tun, seine Partien mit Aufmerksamkeit zu analysieren.”

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Nachstehend ein Foto seiner ewigen Ruhestätte

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Quellen: Javier Fernandez Cordero und Arqto. Roberto Pagura

Sitges (Barcelona), im April 2012

Also sprachen Lasker und Spielmann

(Bild entfernt)

über Capablanca

(Bild entfernt)

Dr. Emanuel Lasker:

1. “Capablanca gefallen weder die komplizierten noch abenteuerlichen Stellungen.

Er will immer vorher wissen, wohin die Reise geht, und sein Stil hat seine eigene Logik.

Die Tiefe seines Spiels ist die eines Mathematikers, aber nicht die eines Dichters.

Er hat die Seele eines Römers aber nicht die eines Griechen.”

2. “Während Adolf Anderssen und Mikhail Tschigorin zufällige Stellungen suchten, liess sich Capablanca von der Logik starker Stellungen führen.

Er bewertet nur das, was gut fundiert ist; die Festigkeit einer Stellung, Druck auf eine Schwachstelle. Er sucht weder die Zufälligkeit noch eine Problemmatt, aber in dem richtigen Augenblick endeckt und führt er taktische Kombinationen mit langer Wirkung durch.”

3. “Ich habe viele Schachspieler kennengelernt, aber unter ihnen gibt es nur ein Genie: Capablanca.

Seine Idealvorstellung war, immer durch strategische Massnahmen zu gewinnen.

Die natürliche Begabung von Capablanca entdeckt man mit seiner Fähigkeit, die schwachen Punkte des Gegners zu erkennen.

Die kleinste Schwäche kann seinem sicheren Blick nicht entgegehen.”

Rudolf Spielmann

1. Nichts lässt das Privatleben von Capablanca auf einen Schachmeister schliessen. Ihm gefallen alle leichte Sportarten, besonders das Tennis, das er vorzugsweise spielt.

Im gesamten gesehen ist er ein eleganter Herr von Welt.

Er macht den Eindruck, dass das Schach für ihn eine Ablenkung darstellt.

2. Die Tatsache, dass er grosse Erfolge erzielte, erklärt sich vor allem durch seine ungewöhnlich schnellen Reflexe, seine scharfsinnigen Berechnungen und sein Talent.

3. Ich erinnere mich an folgende Episode:

Capablanca war einer der eingeladenen Spieler anlässlich des Turnieres von San Sebastián im Jahre 1911.

Zu jener Zeit war er 22 Jahre alt.

Wir wussten wenig von ihm – eigentlich nur, dass er Frank Marshall vernichtend geschlagen hatte.

Wir rechneten kaum mit seinem Erfolg in jenem Turnier, aber er vermittelte einen sorglosen Eindruck, obwohl er nicht ganz so optimistisch war.

Wie bekannt ist, gab es ein Spielkasino und in dessen Räumen wurde das Turnier abgehalten.

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Kursaal und Spielkasino San Sebastián

Foto tabladeflandes.com

So war es nicht verwunderlich, dass einige Schachmeister nicht widerstehen konnten, sich an den Roulette-Tisch zu setzen und um Geld zu spielen.

Dieser Umstand traf aber nicht auf Capablanca zu.

Als Ossip Bernstein ihn fragte, warum er nicht auch einmal sein Glück versuchen wolle, antwortete Capablanca mit aller Selbstsicherheit: “Nein, ich habe kein Glück!”

Trotzdem lachte ihm Fortuna zu und Capablanca gewann den ersten Preis des Turnieres.”

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Sitges (Barcelona), im März 2012

David Bronstein, der Zauberer am Schachbrett [2]


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David Bronstein schien offenbar nicht so von diesem Verlust betroffen zu sein, sondern hinterliess immer wieder den Anschein, nicht unbedingt Weltmeister zu werden. Er konnte wahrscheinlich die Welt der Bürokratie und Politik nicht ertragen, die diesen Titel umgeben.

Sein Interesse lag wohl mehr in anderen Bereichen des Schachs.

Was er eigentlich vorhatte, war Mikhail Botwinnik zu schlagen, weil seiner Ansicht nach der damalige Weltmeister sich zu viel eigene Wertschätzung auferlegte.

David Bronstein wollte zeigen, dass sich seine innovative Ideen durchsetzen würden gegenüber der spürbaren Überlegenheit des Weltmeisters.
Für viele war Bronstein der beste Spieler jener Zeit, wie seine Partien bewiesen.

Allerdings gelang es ihm nicht, bei den darauffolgenden Kandidaten-Turnieren (nach 1950) so erfolgreich zu sein, und er musste sich mit den 2. bzw. 3. Plätzen zufrieden geben.

Das Interzonenturnier von 1958 sah er als eine seiner letzten Chancen und erreichte auch die Endrunde, um einen der Plätze zu erspielen, die ihn berechtigten, an dem folgenden Kandidaten-Turnier teilzunehmen. Unverständlicherweise verlor er gegen den philippinischen Meister Cardoso, so dass er ausscheiden musste.

Diese Niederlage war ein herber Schlag für David Bronstein, der einen Wendepunkt in seiner Laufbahn herbeiführte.

Ab jenem Zeitpunkt begannen sich, seine Ergebnisse zu verschlechtern.

Es gelang ihm zwar, noch die einen oder anderen Turniere zu gewinnen, die aber nicht mehr so hochkarätig besetzt waren.

Ergebnisse von David Bronstein:

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Einzelbegegnungen (matches)

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Die Erklärung für dieses Versagen ist einfach: Bronstein wollte mehr zum Schach beitragen. In seinen Partien zielte er nicht unbedingt auf ein sicheres Ergebnis, sondern ein Resultat, das mit Schönheit erspielt wurde. Eigentlich verfolgte er stets die Harmonie innerhalb seiner Kombinationen.

Bei seinem Streben nach Neuerungen erforschte er „ausgediente“ Eröffnungen, um sie wieder zu beleben, und neue Alternativen, die bisher nicht entdeckt wurden.

Seine Partien stellten Fortschritte in der Theorie jener Zeit dar, die von den aufstrebenden Meistern mit lebhafter Begeisterung nachgespielt wurden.

In dieser Hinsicht stellte der spätere Weltmeister Tigran Petrosjan wie folgt fest:

„Die jungen Spieler glauben, dass das moderne Schach mit der Umstellung auf die elektronische Datenverarbeitung stattfand, aber die Spieler meiner Generation wissen, dass das moderne Schach mit David Bronstein begann.“


David Bronstein fand auch neue Wege, um die Turnierregeln zu verbessern. Er mochte nicht den langsamen Stil, mit denen die Partien gespielt wurden.

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Seine innovativen Ideen wurden dann bei einigen Veranstaltungen wie der Meisterschaft der UdSSR angewendet;

also Reformen, die sich auf die erlaubte Spielzeit in Abhängigkeit von der Anzahl der vorgenommenen Züge bezogen.

Er schlug vor, dass für die ersten 45 Züge 2 Stunden und 45 Minuten zur Verfügung standen, danach eine Stunde für die nächsten 20 Züge und schließlich 1 Stunde, um das Spiel zu beenden. Damit strebte er an, dass die Partien dynamischer und kurzweiliger wurden, also, auch der Wegfall von Hängepartien.

Bronstein war ein absoluter Visionär, denn heute werden ähnliche Zeitkontrollen angewendet.

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Er versuchte auch, die Spielart der Amateure zu ändern, wobei er argumentierte, dass für jeden Spieler die Möglichkeit bestand, das Niveau zu verbessern, in dem er Partien auf 20 Minuten begrenzte anstelle von mehreren Stunden, bei denen sich die Fähigkeiten eigentlich nicht weiter entwickeln.


Bronsteins Spielweise erinnerte an die Pioniere der romantischen Epoche. Seine Partien strahlten Kreativität und Begeisterung für das Schach aus. Außerdem zeigten seine Erfolge, dass man munter auf Angriff spielen und gleichzeitig wettbewerbsfähig sein konnte.

Bronstein bewies denjenigen das Gegenteil, die behaupteten, dass sein romantischer Stil nur in den Zeiten des neunzehnten Jahrhunderts bei schwächeren Gegnern Erfolg gehabt hätte.

Wir können nicht umhin, diese Art von Spieler zu bewundern, die in der Lage waren, sich gegen den Trend ihrer Zeit zu stellen und für das Streben nach Schönheit auf dem Brett entschieden, doch immer mit Mut auf Sieg spielten.

Für seinen feinen Stil, nämlich immer zu versuchen, die Partien ein Kunstwerk werden zu lassen und obendrein beachtliche Beiträge zur Theorie zu leisten, kann man

David Bronstein als einen der größten Spieler der Schachgeschichte ansehen.

Als äusserst intelligenter Mensch übertrug er seinen ausgefeilten Geist auf das Brett, um seine Gegner zu überraschen.
Auch als Schriftsteller hatte er sich einen grossen Namen gemacht, wobei mehrere seiner Schachbücher zu den meistverkauften weltweit gehör(t)en.

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Karikatur: antcastillog.blogspot.com

Sein lustiger und unterhaltsamer Schreibstil machte es möglich, dass seine Bücher die Öffentlichkeit im Allgemeinen erreichten und sogar auch dazu dienten, das Spiel der erfahrenen Spieler zu bereichern.

Wir heben Titel wie „Der Zauberlehrling“, „Die Kunst der Schachtaktik“,

„Secret Notes“ und „Sternstunden des Schachs Zürich 1953“ hervor:

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Er schrieb auch Hunderte von Artikeln in Zeitschriften und Zeitungen, so dass seine Beiträge zum Schach sehr breitgefächert und vielfältig bewertet wurden. Wir können also feststellen, dass er sich mit Körper und Seele dem Schach gewidmet hatte.

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Bronstein hätte vielleicht noch mehr Anerkennung in der Welt des Schachs verdient, da er immer versuchte, den schönsten Teil des Spiels zu bieten und sein Vermächtnis spricht für sich.

Leider ist er in der Gegenwart fast vergessen, wenn wir ihn mit anderen Spielern vergleichen, die den Titel des Weltmeisters erringen konnten, aber weit weniger dazu beigetragen haben.

David Bronstein verbrachte 24 Stunden am Tag mit Schach. Es wird gesagt, dass er viele Nächte nicht geschlafen habe, weil er sie mit dem Spielen von Blitz- und Kurzpartien verbrachte.

Er war immer ein besonderer Spieler, der von seinem Beruf fasziniert war. In vielen Partien, bei denen er mit Weiß spielte, verbrauchte er oft viel Zeit, um den ersten Zug zu machen. Es hieß, dass er auf die Figuren starrte, als ob sie ihn verhext hätten und nur dann, wenn er aus diesem Trancezustand „erwachte“, führte er seinen ersten Zug aus.

Ein Beispiel ist eine Partie gegen Isaac Boleslavsky,

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wobei er 45 Minuten verstreichen liess, um dann seinen ersten Zug auszuführen.
Wir sind sicher nicht in der Lage, all das zu zeigen, was David Bronstein für das Schach geleistet hat.

Aber die Meinungen seiner damaligen Gegner und Schachkollegen sprechen Bände.

Es würde zu weit gehen, sie hier aufzuführen.

Aber lassen wir ihn schliesslich doch selbst zu Wort kommen:

„Bitte, sagen Sie nicht, dass ich ein Genie bin oder Ähnliches. Sagen Sie nur, dass ich die Logik des Schachs verstanden habe, und damit hätten Sie mich genau definiert.“

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Seine beste historische Elo-Zahl betrug 2792. Diese erreichte er im Juni 1951.

Zu der Zeit lag er auch auf Platz 1 der Weltrangliste.

Nachstehend ein Bild seiner letzten Ruhestätte in Minsk (Weissrussland):

Er ist in der Nähe des Grabes seines Schwiegervaters Isaak Boleslavsky begraben.

Der Name des Friedhofs ist in russischer Sprache:

„Чижевское кладбище“.

Wir haben zwei verschiedene Übersetzungen gesehen:

Chizhovskoe oder Chijevsky

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Courtesy Rob Bijpost, Holland

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Sitges (Barcelona), im März 2012

David Bronstein, der Zauberer am Schachbrett [1]

(Bild entfernt) von Javier Cordero Fernández David Bronstein Ionovich wurde am 19. Februar 1924 in Belaia Zerkow (Ukraine) geboren. Er starb am 5. Dezember 2006 in Minsk (Weißrussland). In diesem Artikel werden wir nicht von einem gewöhnlichen Menschen sprechen, sondern von einem Zauberer, der seine Beschwörungen auf dem Schachbrett verwirklicht, einer dieser besonderen Menschen, dessen Phantasie immer aktiv ist und höher fliegen kann als die der anderen Sterblichen.
Bronstein lernte das Schachspielen mit 6 Jahren, unterrichtet von seinem Großvater. Seine Fortschritte waren überraschend schnell, so dass ihm schon bald eine große Zukunft im Schach vorausgesagt wurde. (Bild entfernt) Foto chess-theory.com Verantwortlich für die Gestaltung seines Spiels und das Konzept der Disziplin war der GM Alexander Konstantinopolsky. Mit 13 Jahren siegte er bei verschiedenen Jugend-Turnieren, auch gegen ältere Gegner, was ihn in einen „Rohdiamanten“ verwandelte, der nur darauf wartete, den Feinschliff zu erhalten.
Diese guten Vorzeichen wurden innerhalb relativ kurzer Zeit erfüllt. Mit nur 16 Jahren schaffte er es, anlässlich der Meisterschaft der Ukraine (hinter Boleslavsky) den zweiten Platz zu belegen. (Bild entfernt) Dadurch wurde seine Spielweise geprägt. Er bewunderte die schöpferischen Kombinationen der Romantiker und die Anwendung von riskanten Eröffnungen, von denen er sich gern beeinflussen liess. Er versuchte immer, ebenfalls romantische Kombinationen aufs Brett zu zaubern und trachtete danach, sein Spiel originell zu gestalten.Ich glaube, niemand wird bestreiten, dass er sich in dieser Hinsicht auf derselben Höhe der besten Spieler des neunzehnten Jahrhunderts befand.
Nach diesen ersten Erfolgen fehlte ihm nur noch ein Turnier: die UdSSR-Meisterschaft.Jeder Schachanhänger weiss um den starken Wettbewerb in diesem Turnier; die Zahl der Spitzenspieler, die unter sowjetischer Flagge spielten, war entsprechend hoch und alle waren begierig darauf, jenen Titel in ihren Lebenslauf aufzunehmen. David Bronstein beteiligte sich an mehreren dieser Meisterschaften, jedoch mit schlechten Ergebnissen, so dass er sich dann im Jahr 1945 intensiv vorbereitete, um besser abzuschneiden. In der Tat schaffte er den 3. Platz, sein bestes Ergebnis zu jener Zeit. Aber das Talent zahlt sich immer aus und im Jahre 1948 erreichte er den begehrten Titel des Meisters der UdSSR. Ein Sieg, die er im folgenden Jahr wiederholte, allerdings mit Smyslow und Botwinnik gleichauf. Wie viele talentierte Spieler (Blackburne, Marshall, Rubinstein, Keres, …), konnte Bronstein nicht die Weltmeisterschaft gewinnen, eine Tatsache, die jede Schachlaufbahn eines Weltklassespieler prägt. Im Jahre 1951 war er sehr nahe daran, so dass man ihn mit dem Beinamen „Weltmeister des halben Punktes“auszeichnete.Diese Geschichte begann mit seinem Sieg bei dem Kandidaten-Turnier von 1950, das erste, das in der Schachgeschichte offiziell stattfand.Sein Spiel war brillant und nur Boleslavsky war auf gleicher Höhe, da beide in der Gesamtwertung diesselbe Punktezahl erreichten. Die Entscheidung sollte nun in einem Stichkampf fallen, bei dem der Sieger erklärt wird, der drei Partien gewinnen würde.Bis zu dem 14. Spiel waren beide gleichauf (mit je zwei Siegen), aber im letzten Spiel beging Boleslavsky unter Zeitdruck ein falsches Damenopfer, so dass das Treffen mit einem Sieg für Bronstein endete.

Bitte, sehen Sie sich die Entwicklung an:

Abschlusstabelle:

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Stichkampf (Moskau)

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Damit hatte David Bronstein das Recht, den amtierenden Weltmeister

Michail Botwinnik herauszufordern.
Bronstein hatte nun sein Traumziel für alle Schachspieler erreicht und begegnete seinem größten Widersacher, mit dem er schon einige Unstimmigkeiten bzw. Diskrepanzen in der Vergangenheit hatte.

Bronstein war ein freundlicher Mensch, stets guter Laune, aber es gibt niemand, der sich von seiner eigenen ausgleichenden Gerechtigkeit (Nemesis) befreien kann.
Der Winter 1951 neigte sich zum Ende, als in Moskau zwei Schachspieler mit völlig entgegengesetzten Auffassungen aufeinandertrafen, um um die WM-Krone zu kämpfen.

Da standen sich zwei ganz verschiedene Arten des Lebensverständnisses gegenüber: der eine geprägt durch die Phantasie (Bronstein) und der andere durch den Pragmatismus (Botwinnik).

Das Match war lebendig und voller Alternativen in einem „Krieg, in dem keine Gefangenen gemacht werden“.

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Seit Beginn war der WM-Kampf eigentlich immer ausgeglichen, ein Trend, der sich im Laufe des ganzen Begegnung fortsetzen würde, da keiner der Kandidaten nie einen Vorteil mehr als einen Punkt erreichte.

Die letzte Phase war von starken Emotionen geprägt: Bronstein lag mit 11’5-10’5 vorn, und es fehlten nur noch zwei Partien.

Botwinnik zeigte den ganzen Charakter eines Meisters, indem er die vorletzte Partie mit Weiß in einem Endspiel gewann, bei dem er das Läuferpaar hatte.

Damit kam man zur letzten Partie mit weißen Steinen für Bronstein.

David Bronstein konnte nur noch Weltmeister werden, wenn er diese Partie gewinnen würden, denn es war festgelegt, dass im Falle einer Punktegleichheit der Weltmeister seine Krone behalten durfte. Das mit Spannung erwartete Finale endete in nur 22 Zügen mit einem Remis.

Bronstein spielte recht seltsam und ziemlich verdächtig …

Weltmeisterschaft – Moskau 1951

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Tchaikovsky Concert Hall, Moscow 1951

Austragungsort

Vieles an dieser letzten Partie scheint erwiesen zu sein, dass Bronstein unter Druck gesetzt wurde, um Botwinnik nicht zu schlagen, der offensichtlich von dem Regime gefördert wurde. Wann immer man ihn bat, sich hierzu zu äussern, antwortete er rätselhaft, ohne dass klar wurde, ob diese Anschuldigungen falsch waren.

Nachstehend die 24. Partie

wie folgt:

BRONSTEIN vs. BOTVINNIK Partie 24 – MOSKAU 1951

analysiert und kommentiert von NM Hebert Pérez García

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Bronstein, David – Botvinnik, Mikhail [D44]
Weltmeisterschaft: Partie 24 Moskau, 11.05.1951

1. d4…[GM David Bronstein kam zur Schlussfolgerung, dass seine Entscheidung unberechtigt war , nicht 1.e4 bei einer solchen für ihn so wichtigen Partie zu spielen. Bronstein erklärte das so in seinem Buch „David Bronstein Chess Improviser“ (Pergamon Press 1983]

1…d5 [Andererseits traf der schon damalige Weltmeister, GM Mikhail Botvinnik, die richtige Entscheidung, nicht wieder mit der holländischen Verteidigung zu antworten.]

2. c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 e6 5.Lg5 dxc4

6. a4[Auch ist noch folgende Variante eigentlich üblicher 6.e4!? b5 7.e5 h6 8.Lh4 g5 9.Sxg5 hxg5 10.Lxg5 Sbd7 11.exf6 Lb7 12.g3+/=]

6…Lb4[6…b5 !? ist eine von dem GM E.Sveshnikov empfohlene Variante. Wenn z.B. 7.axb5 oder 7.e4 kann man 7…b4 !? oder7…Lb7 7…cxb5 8.Sxb5 Db6 usw. spielen.]

7. e4 c5!? 8.Lxc4 cxd4

9. Sxd4 h6!

Diagramm

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[Bronstein lobte den Textzug und unterstrich: “Das war der Zug, mit dem Botvinnik die Chance hatte, seine WM-Krone zu behalten”.]

10. Le3 Sxe4 11.0-0 Sf6

12. Df3 [In den Zeiten nach dem match, gab David Bronstein zu, dass der von GM Keres empfohlene Zug 12.Sdb5 ! die beste Fortsetzung für Weiss war.]

12…0-0 13.Tad1 De7[Eine andere Alternative ist 13…Sbd7]

14. Tfe1[Auch verdient die aktive Option durchaus eine Beachtung: 14.Dg3!? Rh8 15.Ad3]

14…Sc6!? [Hier wird eine Vereinfachung angestrebt, die offensichtlich Schwarz zu Gute kommt. Das ist eine feine Art, den Materialvorteil von einem Bauern zur Geltung zu bringen.]

15. Dg3!? [Wenn 15.Sxc6 bxc6 16.Dxc6 OLb7 17.Db5 a6 18.Db6 Tfc8 usw. mit einer guten Stellung für Schwarz.]

15…Kh8 16.Sxc6 bxc6 17.Ld4 Td8 18.Td3 Lb7

19. Tee3?

DIAGRAMM

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[Ein Augenblick von grosser Bedeutung für den Spielablauf!]

David Bronstein schrieb in dem vorgenannten Buch: „Das war ein Irrtum aufgrund einer erlittenen emotionalen Fehleinschätzung, als ich feststellte, dass mein Gegner meine Absicht neutralisierte, einen positonellen Vorteil zu erreichen”.

Richtig war: 19.Ted1! c5!? (HPG) oder 19…La5!?, zitiert von dem GM E.Sveshnikov, 20.Lxf6 (20.Le5!? unserer Meinung nach war auch interessant z.B. 20…
Se8 21.De3 Txd3 22.Lxd3 Kg8 23.De4 f5 24.Dc4 usw.)
20…Dxf6 21.Td7 Txd7 22.Txd7 Lc8) 20.Lxf6 (Sveshnikov) Dxf6 21.Dc7 Tdb8 22.f3 usw.]

19…Txd4! 20.Txd4 Lc5 21.Td1 Axe3 22.Dxe3REMIS: 1/2-1/2

DIAGRAMM

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Endstellung

Zum Nachspielen:

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KOMMENTAR:

Botvinnik bot eine Remis in einer vorteilhaften Stellung an und sein Angebot war erfolgreich, weil es akzeptiert wurde.

Auf diese Weise behielt der Weltmeister seine Krone.

Verständlicherweise nahm Bronstein das Angebot seines Gegners an aufgrund seiner schlechteren Stellung auf dem Brett.

Trotz allem war die geteilte Ehre für ihn verdient, dank der Tatsache, dass er ein würdiges und geschichtlich wertvolles Ergebnis erzielte.

Mir gegenüber gab Bronstein in Utrecht 1991 zu: ‘dass er bei dem erzielten Resultat die Intuition hatte, dass es vielleicht für sein nachfolgendes Leben in der ehemaligen Sowjetunion positiver war’.

Bronstein mit diesen “sonderbaren” Worten deutete mir an, dass er mögliche negative Konsequenzen (in diesem Sinn) erahnte bei einem eventuell Sieg über den Weltmeister.

Zweifellos war das match polemisch “mit Licht und Schatten”.

Bronstein hat nie mit absoluter Ernsthaftigkeit die politsch mehrdeutigen Aspekte des Wettkampfes zerstreut. Im Gegenteil: mit “ausweichenden” Sätzen wuchsen die Zweifel der Kritiker.

Nun gut, vielleicht kommt einmal die Zeit, die uns die endgültige Wahrheit enthüllt.

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Kasparov schreibt hierzu noch in seinem 2. Band über seine grossen Vorkämpfer:

„Nach meiner Meinung hätte Bronstein es verdient gehabt zu gewinnen, wenn man sein Spiel während der gesamten Begegnung betrachtet. Allerdings fehlte ihm wohl eine gewisse Selbstkontrolle seines Charakters, also eine Eigenschaft, die seinen Gegner immer auszeichnete………“

Fortsetzung im 2. Teil

Sitges (Barcelona), im März 2012

Briefe von Paul Morphy

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(zur Vergrösserung bitte draufklicken)
über einen spanischen Schachfreund erhielten wir aus einer Privatsammlung die Abbildung dieses fast unbekannten Dokumentes von 1858, das im Jahre 1962 bei einer Auktion in Paris ersteigert wurde.

Literarische Übersetzung:

Hotel Breteuil, 8. Oktober 1858

Sehr geehrter Herr,

kürzlich habe ich zwei Briefe erhalten, einen des Leipziger Schachklubs und einen anderen aus Breslau, womit man mich einlädt, nach dort zu fahren, um ein match gegen Herrn Anderssen zu bestreiten.

[Leider] ist es mir nicht möglich, diesen Einladungen nachzukommen.

Deshalb schlage ich folgendes vor, was sicher auch die Schachanhänger des Café de la Régence erfreuen wird.

Die von dem Sponsor, Herrn Harrwitz, mir zugeschickten 295 Francs stelle ich zur Verfügung, um die Reisekosten von Herrn Anderssen zu bestreiten.

Die Einladung [zu dem match] wird ihm von den [Schach-] Anhängern des La Régence zugeschickt.

Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung.

Paul Morphy

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Nach Befragen des Experten (Dr. Karl Klittisch) wird uns wie folgt geantwortet:

“Bei dem Dokument handelt es sich eine Faksimilewiedergabe aus der Schachzeitschrift “La Strategie” von 1884.

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Ein weiterer Beweis für das Faksimile ist sowohl das verwendete Papier, als auch zeigen die sich überlagernden Schriftzüge die Sprache des Nachdruckes”.

Da wir bezüglich der Echtheit dieses Dokumentes weitere Zweifel hegten, gelang es uns, von Herrn Harald Balló die gescannten und entsprechenden Auszüge aus der Zeitschrift vom 15. August 1884 zu erhalten, die nachstehend abgebildet sind und anlässlich des Nachrufes zum Ableben von Paul Morphy geschrieben wurden:

(Zum Vergrössern bitte draufklicken)

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Weitere Nachforschungen ergaben:

1. Paul Morphy * 22. Juni 1837 New Orleans + 10. Juli 1884 ebenda

entstammte einer angesehenen Familie.

Sein Vater war gebürtiger Spanier und seine Mutter Französin.

Sowohl sein Vater als auch sein Onkel mütterlicherseits (Joseph Le Carpentier) brachten ihm das Schachspiel bei.

Dass Paul Morphy neben der englischen auch die französiche Sprache beherrschte, liegt schon aufgrund der Familienverhältnisse auf der Hand.

2. Bei dem am 8. Oktober 1858 geschriebenen Brief bezieht dieser sich auf das in jener Zeit existierende Hotel Breteuil, Rue du Dauphin, Paris;

nicht zu verwechseln mit dem im Jahre 1892 erbauten Hotel Breteuil, Avenue Foch Nº 12 / Rue Rude Nº 2-4 in Paris.

3. Die Schachzeitschrift “La Strategie” schreibt u.a., dass man den Orginalbrief von Paul Morphy in den Händen habe, aber einen Nachdruck (Faksimile) vornehme, damit alle Schachfreunde dieses Dokument sehen können, denn es sei sehr selten gewesen, dass man von Paul Morphy handschriftliche Notizen oder Briefe fand.

4. Der Brief ist an den Inhaber des Café La Régence gerichtet.

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Bild: ajedreznd.com

Paul Morphy lehnt eine Einladung der Schachklubs in Leipzig und Breslau ab, um dort ein match mit Adolf Anderssen auzutragen.

Vielmehr bietet er einen Betrag von Francs 295.—an, der ihm von Herrn Harrwitz gesponsert wurde, um die Reisekosten von Adolf Anderssen nach Paris zu bestreiten.

Wir gehen davon aus, dass es sich hierbei um den deutschen Schachmeister Daniel Harrwitz

(* 1821 Breslau + 1884 Bozen) handelt,

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der als Berufsspieler von dem Café de la Régence eingestellt war.

Bei einer Begegnung im Jahre 1858 verlor er gegen Paul Morphy mit 2:5 bei einem Remis.

Nun noch die Abbildung eines weiteren Morphy-Briefes, gerichtet an Adolf Anderssen, den wir freundlicherweise von Herrn GM Lothar Schmid, Bamberg erhielten:

(zum Vergrössern bitte draufklicken)

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Übersetzung:

Paris, 1 rue du Dauphin

Mein Herr, der Wunsch, unsere Partie zu spielen, hat die Oberhand gewonnen über alle Erwägungen, welche für meine Rückkehr nach Amerika sprachen. Ich habe mich entschlossen, den Winter in Paris zu verbringen und hoffe, dass sich von nun an nichts einem von beiden Seiten sehnlichst erwünschten Kampf entgegenstellt. Bitte lassen Sie mich wissen, mein Herr, zu welchem Zeitpunkt Sie hierher kommen können. Immer Ihr sehr ergebener Paul Morphy
Paris, 25. November 1858
******************************************* So kam es schliesslich doch zu dem match zwischen Paul Morphy und Adolf Anderssen im Café de la Régence,

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Bild: chess-echecs-com

das wie folgt ausging:

Inoffizielle Weltmeisterschaft – París 12/1858

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Die hohe Niederlage von Adolf Anderssen ist auch damit zu erklären, dass er im Jahre 1858 bereits 40 Jahre alt war, während Paul Morphy sich im jugendlichen Alter von 21 Jahren befand.

Gleichzeitig galt er als der beste Schachspieler weltweit in den Jahren 1858/9

mit einer historischen Elo-Zahl von 2.824, während Adolf Anderssenkein Berufsschachspieler war, sondern seinen Lebensunterhalt als Professor für Mathematik und deutsche Sprache am Friedrichs-Gymnasium in Breslau verdiente. Nur während der Ferien nahm er an Schachturnieren teil.

Er beschönigte seine Niederlage nicht, sondern gab unumwunden zu, dass das größere Talent (Morphy) gesiegt habe.

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Quellen: chessgames.com, Javier Asturiano, wikipedia.org

Sitges (Barcelona) im März 2012

Gesprengte Ketten

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von Javier Fernandez Cordero

Kann es größere Grausamkeit geben, als ein menschliches Wesen zu versklaven? Im Laufe der Geschichte haben wir zu viele Beispiele gehabt, um überrascht zu sein; unglaublich ist, dass dieses Problem heute noch existiert.

Dies ist eine Geschichte der persönlichen Überwindung und die Bekämpfung der Widrigkeiten, die in diesem Fall eng mit dem Schach verbunden sind.

Theophilus Thompson (geboren ca. 1855) war der erste schwarze Spieler, der in der Geschichte des Schachs herausragte, gerade in schwierigen und wirren Zeiten für sein Land, die Vereinigten Staaten.

Theophilus Thompson erlebte die Grausamkeit des amerikanischen Bürgerkrieges (Sezession-Krieg), der von 1861 bis 1865 stattfand und letztlich das Unrecht der Versklavung abschaffte.

Wir erinnern uns an die Geschichte:

Sezessionskrieg der Vereinigten Staaten

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Union Flag civil war

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Confederation Flag civil war

 
Wir befinden uns im Jahre 1860, als Abraham Lincoln noch nicht der Präsident der Vereinigten Staaten war, aber schon erhebliche Anstrengungen zur Abschaffung der Sklaverei unternahm.

Die Südstaaten äußerten ihre totale Opposition gegen diese Reform und versuchten, den Gegenkandidaten zu boykottieren, doch wurde er zum Präsidenten im Jahre 1861 gewählt.

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Die Konsequenz war, dass die Südstaaten aus der Union austraten und ihren eigenenen Präsidenten Jefferson Davis ernannten.

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Verständlicherweise erklärte der gewählte Präsident Abraham Lincoln den Präsidenten der Südstaaten als für nicht rechtmässig.

Die angespannte Situation explodierte mit dem Angriff der Armee der Konföderation auf das Fort Sumter,

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und es entwickelte sich ein Bürgerkrieg, wobei Geschwister und Freunde gegeneinander kämpften in einer absurden Barberei.

Der Krieg dauerte 4 Jahre und nach vielen Kämpfen und sinnlosen Todesopfern wurde die Konföderation geschlagen, so dass die Sklaverei endlich abgeschafft werden konnte.

Es wurden tausende von Männern und Frauen befreit, die bis zum Letzten ausgebeutet worden waren.

Theopilus Thompson: Das Schach ist für jedermann

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Nach dem Krieg kamen harte Zeiten, wie nach jedem Krieg. Die ehemaligen Sklaven hatten es besonders schwer, da die meisten überhaupt noch keine Art von Ausbildung hatten.

Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft war traumatisch.

Die Schwarzen erzielten mit der Freiheit aber nicht eine Gleichstellung, da die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe in den USA latent war, und es würde in den kommenden Jahrzehnten auch so bleiben.

Theopilus, Sohn von Sklaven, erlebte den Krieg als Kind, aber im Laufe von nur 4 Jahren wurde er ein freier Mensch. Doch die Unterdrückung hörte nicht auf, und als Junge von 13 Jahren musste er als einer der Bediendesten im Hause eines Gutsbesitzers schuften.

Einige Jahre später gelang es ihm, sein Heil im Schach zu finden.

Theopilus lernte zufällig einen gewissen Mr. John K. Hanshew, Redakteur der Zeitschrift Maryland Chess, kennen,

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der ihn dann die „seltsamen“ Züge lehrte, die ein paar Figuren auf einem Brett von schwarzen und weißen Feldern machen konnten. Darüber hinaus lieh John ihm ein Schachspiel, um einige Studien zu lösen. Überraschenderweise löste Theopilus diese Probleme ohne Schwierigkeiten und verfasste selbst auch ein Problem und zwar ein solch schwieriges, das seinen Mentor fassungslos machte.

Dieses Problem wurde in einer Schachzeitung veröffentlicht und war nur das erste von vielen Kompositionen, die von einem äusserst hellen Verstand erstellt wurden.

Von diesem Moment an wurde der Name Theopilus Thompson in den Schachkreisen bekannt, denn sein Talent blieb nicht unbemerkt und schon bald wurde er eingeladen, zum ersten Mal an einem Turnier in Chicago teilzunehmen.

Er konnte zwar das Turnier nicht gewinnen, aber immerhin brachte er eine gute Leistung in Anbetracht seiner Unerfahrenheit am Brett.

Es gibt Hinweise auf ein Fernschach-Turnier, bei dem er den ersten Platz mit 7 von 9 möglichen Punkten erzielte. Seine Spielweise war aggressiv, wie Zeitzeugen berichteten, die ihn spielen sahen. Er zog schnell, ohne lange zu überlegen und berechnete die Varianten mit Leichtigkeit.

Leider bremste man seine schachlichen Fortschritte verhältnismässig schnell, weiler kein Weisser war. Die meisten Turnierleiter weigerten sich, einen schwarzen Spieler zuzulassen, so dass er fast in Vergessenheit geriet.

Trotzallem widmete er sich weiter dem Schach und der Verbesserung seiner Kenntnisse und schrieb sogar ein Buch über Endspielprobleme:

„Chess Problems: Either to Play and Mate „.

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Ein wiedergegebenes Schachproblem:

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Veröffentlicht von Orestes Browson Jr., Herausgeber des Dubuque Chess Journal

Vor Theopilus hatte es schon andere schwarze Spieler gegeben, aber da sie Sklaven waren, durften sie nicht spielen. Ihre Leistungen wurden zum Schweigen gebracht und verfinstert durch die Unterdrückung.

Theopilus war der erste, der eine gewisse Anerkennung als Schachspieler erfuhr und als Beweis können wir diese schöne Partie genießen:

Thompson 1 – Blood 0

1874 Fernschach

1. e4 / e5 2. Sf3 / Sc6 3. d4 / exd4 4. Sxd4 / Dh4 5. Sb5 / Dxe4+ 6. Le2 / Kd8

7. 0-0 / a6 8. S1c3 / De8 9. Sxc7 / Kxc7 10. Sd5 + / Kd8 11. f4 / d6

12. Sb6 / Ka7 13. Lxd6 / Axd6 14. Dxd6 + / Ld7 15. Lg4 / Sf6 16. Lxd7 / De7

17. Dd3 / Se5 18. Dd4 / Sexd7 19. Sxd7 / Dxd7 20. Dxa7 / Dc8 21. Dd4+ / Dd7

22. Tad1 / Dxd4 23. Kxd4 + / Kc8 24. Ke1 / Schwarz gibt auf.

Endstellung:

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Partie zum Nachspielen:

1. (Bild entfernt) Scotch Game

Bedauerlicherweise hatte diese Geschichte kein gutes Ende, denn Theopilus Thompson verschwand ein paar Jahre später und niemand wusste unter welchen Umständen. Es scheint, Beweise zu geben, dass er gelyncht wurde aufgrund der bloßen Tatsache, dass die Farbe seiner Haut nicht weiss war.

Der Bürgerkrieg gab vielen Menschen die Freiheit wieder, scheiterte aber an den Intoleranten, die immer noch mit ihren absurden und wahnwitzigen Reden in der Welt umhergehen mit dem Ziel, die Menschenrechte der Schwarzen zu schwächen.

Heute gibt es einen Schachklub in den USA, der seinen Namen trägt.

Am 25. April 1998 wurde ein Turnier organisiert, um an ihn und den Tag seines Geburtstages zu erinnern.

Nachstehend ein weiteres überliefertes Schachproblem:

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Weiss zieht und setzt Matt in 2 Zügen

Lösung:

Weiss spielt überraschenderweise 1. Se4!, um mit 2. Da8 matt zu setzen.

Wenn der schwarze König den Springer nimmt, dann folgt 2.Lc6 # und wenn

1….d3, dann 2. Dxd3# .

 
Dies ist nur einer von tausenden Fällen des Rassismus, die sich in den Vereinigten Staaten im Laufe ihrer Geschichte ereignet haben.

Brillante Männer und Frauen haben gekämpft, um dieser Geißel ein Ende zu setzen:

Rosa Parks

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1955

(trotzte den Regeln und weigerte sich, ihren Sitz im Bus einem Weißen zu überlassen, wie es gesetzlich vorgeschrieben war),

Martin Luther King

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(dessen Traum es war, einen schwarzen amerikanischen Präsidenten zu sehen) oder

Malcolm X

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(ein Nachkomme von Sklaven, der für die Rechte seiner Rasse in der Welt kämpfte).

Barak Obama

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machte einen weiteren Schritt nach vorne, als er zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt wurde; vor einigen Jahren noch undenkbar.

Es gibt viele unverständliche Dinge in dieser Welt, aber eine Person nach seiner Rasse zu beurteilen, ist völlig absurd und hat nicht den geringsten Sinn….

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Zusätzliche Quellen für Text und Bilder: wikipedia.org, chessgames.com
Sitges (Barcelona), im März 2012

Eine launige Glosse über Emil Josef Diemer

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GM Dr. Helmut Pfleger mit einer launigen Glosse

Am Grabe flackern die Fackeln im Nachtwind, rhythmisch skandieren ihre Träger, die zu Fuß vom Gasthof Rebstock in Fußbach hierher zum Friedhof gezogen sind:

„D vier! D fünf! E vier! Emil Josef, wir sind bei dir!“

Eine Szene aus einem Horrorfilm? Eine schwarze Messe? Satanismus?
Nein: bloß ein Weiheritual, bei dem profane Seelen nichts verloren haben. Am Grab steht ein verschworener Kreis, der sich alljährlich im Mai zu einem Gedenkturnier in der Nähe von Gengenbach im Schwarzwald trifft.

Gedacht wird des Schachspielers Emil Josef Diemer (geboren 1908, gestorben 1990), des Künstlers des Blackmar-Diemer-Gambits: 1.d4 d5 2.e4 – „… vom ersten Zug an auf Matt“

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Emil Josef Diemer: „Wer mein Gambit spielt, muß bereit sein, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Es verändert den ganzen Menschen. Es wirkt wie ein Zauberstab und fördert verkümmerte, gute Charaktereigenschaften wieder zu Tage.“

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Wahre Glaubenskriege werden seit 1950 bis zum heutigen Tag geführt, ihresgleichen sucht man vergebens bei jeder anderen Eröffnung, schreibt Georg Studier in

„Emil Joseph Diemer – Ein Leben für das Schach im Spiegel seiner Zeit“.

Glaubenskriege, die eine große, hagere Gestalt mit schlohweißem Bart ausgelöst hat. Einer, der seine (schachspielerischen) Grenzen erkannte und dennoch gleichzeitig sagen konnte: „Ich kann das Matt auch um die Ecke sehen!“
Vielleicht, weil er eigener Überzeugung nach die Reinkarnation des genialen Angriffskünstlers Charousek war?!

Ein Prophet, der unermüdlich und mit großem Sendungsbewußsein sein Gambit propagierte, gleichzeitig aber allem geregelten Tagewerk aus dem Weg ging:

„So weit werde ich doch nicht sinken, daß ich mich mit Arbeit prostituiere!“


Jedweder Gedanke an materielle Güter, an Zukunftssicherung war ihm fremd. Gönner fanden sich und wurden verprellt, neue traten an ihre Stelle. An manchen Tagen hatte er nicht einmal ein warmes Essen, wichtiger war ihm das Porto für die Aussendung der Glaubenswahrheiten…

GM Dr. med. Helmut Pfleger

Ergänzungen d. A.:

  1. Dieses Diemer-Gedenkturnier wird als BDG-Thematurnier seit 1991 alljährlich in Fußbach (mit einer Ausnahme) im Gasthof Rebstock – wo Diemer „Rat hielt“ – ausgetragen.
  2. Merkwürdig: Die Schreibweise des Namens auf der Grabplatte ist nicht korrekt; richtig ist nur „Emil Joseph Diemer“ – kein „f“ (gemäß Auskunft des Standesamtes Radolfzell).
  3. Das Blackmar-Diemer-Gambit wird gekennzeichnet allein durch diese Zugfolge:
    1. d4 d5 2. e4 dxe4 3. Sc3 Sf6 4. f3 …

10. Oktober1990 in Südbaden – Fussbach gestorben

Veröffentlicht 21.8.2001 – Die Zeit

Anmerkung:Mit freundlicher Genehmigung von GM Dr. Helmut Pfleger

Aktuelles Link: http://www.emil-joseph-diemer.de/

Sitges (Barcelona), im Febraur 2012

Eine Problemstudie von CAPABLANCA

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Foto chessgames.com

Entnommen aus dem Lasker Chess Magazine 1908

Analyse von NM Hebert Pérez García aus Holland

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Weiss zieht

Als diese Studie im Jahre 1908 veröffentlicht wurde, ging Capablanca davon aus, dass Weiss gewinnt.

Von vielen Fachleuten durchleuchtet, ergibt sich doch, dass diese Behauptung einen ziemlich zweifelhaften Wert hat, obwohl einige Experten immer noch glauben, dass Weiss gewinnt.

(Sehen Sie, bitte, hier: (Bild entfernt))

Indem ich mit auf meine eigenen Analysen stütze, glaube ich fest, dass Schwarz remis halten kann.

Sehen wir uns die verschieden Hauptvarianten an:

1. Kc4 Ka5 2.Kxc5 Ka6 3.Kxc6 Ka7 4.Sd5 Th2 5.Sc3 f5 6.Sb5+ Kb8 7.Sd6+ Ka8 8.Te1

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8…Tc2+![Es scheint, dass diese Variante ausreichend ist, um einen Remis zu erzielen. Obwohl dieser Zug damals schon in Betrachtung gezogen wurde, wurde wohl diese Möglichkeit nicht tief genug durchgedacht.

Andere Varianten führen zum Verlust für Schwarz.

Zum Beispiel:

8…Th8? 9.Se8 Txe8 (9…Tf8 10.Ta1+ Kb8 11.Tb1+ Ka7 12.Sd6 Tf6 (12…Th8 13.Tb6 Ka8 14.Sb5 Th7 15.Sc7+ Txc7+ 16.Kxc7 Ka7 17.Tb3 Ka6 18.Kc6 Ka5 19.Kc5 Ka6 20.Txg3 Kb7 21.Kd6 Kb6 22.Tb3+ Ka6 23.Kc5 f4 24.Kd4 Ka5 25.Ke4 g3 26.Kf3 Ka6 27.Tb1 Ka5 28.Kg4 Ka4 29.Tg1+-)13.Kc7 Txd6 14.Kxd6 f4 (14…g2 15.Tg1+-)15.Ke5 Ka6 16.Kd4 Ka5 17.Kd3 Ka6 18.Ke2 Ka5 19.Kf1 f3 20.Kg1 g2 21.Kf2 Ka6 22.Tb4+-) 10.Txe8+ Ka7 11.Te1 f4 12.Kd5 Kb6 13.Tc1 Kb7 14.Kd4 Kb6 15.Tc2 f3 16.Tc1 g2 17.Ke3 Kb5 18.Kf2+-]

9.Kb6 Tb2+ 10.Sb5 Txb5+ 11.Kxb5

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Diese Position ist eine Schlüsselstellung, um einen Erfolg für Weiss abzuleiten oder ob Schwarz remisieren kann. In Übereinstimmung mit meiner taktischen Kontrolle folgere ich, dass Schwarz ein Untentschieden halten kann.

11..Kb7 12.Kc4[oder 12.Kc5 f4 13.Kd4 Kc6! 14.Kd3 Kd5 15.Ta1 Ke6 =]

12…Kc6 13.Kd3 f4[Eine ähnliche Alternative ist: 13…Rd5 14.Re2 f4 etc.]

14. Ke2 Kd5 15.Kf1 f3 16.Te3 g2+ 17.Kg1 Kd4 18.Te6 g3 19.Txg6 g4[oder 19…Ke3 20.Txg5 Kf4 21.Tb5 =] 20.Txg4+ Ke3 21.Tb4 Ke2=etc, (22.Te4+ o Tb1 = (0.00)

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Bis hier haben wir die Linien aufgezeigt, die uns am wichtigsten schienen, aber die geneigten Lesern sollten die Stellungen nach ihrem eigenen Geschmack gestalten und so die Analysen bereichern.

Ein wirklich faszinierende Problemstudie von den damaligen jungen Capablanca.

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Sitges (Barcelona), im Februar 2012

Samuel Reshevsky, das Wunderkind

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Samuel Herman Reshevsky wurde in der (heute) polnischen Ortschaft Ozorków am 26. November 1911 als das sechste Kind orthodoxer Juden geboren. Er war ein junger Mann mit starken religiösen Überzeugungen (nie spielte er Schach nach Sonnenuntergang freitags und samstags, auch wenn internationale Turniere stattfanden).

Reshevsky ist das Schach-Wunderkind, welches das größte Interesse in der westlichen Welt weckte und unzählige Male in verschiedenen Medien erschien.

Mit 4 Jahren lernte er Schach und spielte Domino mit erstaunlicher Schnelligkeit.

Im Alter von 6 Jahren brachten seine Eltern ihn nach Warschau, um Akiva Rubinstein kennenzulernen.

Der berühmte Meister spielte eine Partie mit ihm, um sein Niveau zu erkunden.

Akiva Rubinstein gewann mit einigen Schwierigkeiten. Noch am selben Nachmittag zeigte er dem Kind seine kürzlich gewonnene Partie gegen Lasker und zur Überraschung aller Anwesenden zeigte Samuel Reshevsky dem Meister, wie er die Partie mit 2 Zügen weniger hätte gewinnen können. Rubinstein war hellauf begeistert und sagte ihm eine große Zukunft voraus. Mit nur 8 Jahren gab er schon Simultanvorstellungen gegen 10 Gegener und beherrschte bereits die Kunst des Blindschachs.

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„Samuel Reshevsky gegen die Welt“

1920

Samuel Reshevsky konnte zu jener Zeit weder lesen noch schreiben, hatte aber ein so ausgeprägtes Gehirn, dass er jeden Erwachsenen schlagen konnte, gegen den er spielte. Der Junge Reshevsky zeigte demzufolge eine ausserordentliche Reife und definierte sein Spiel wie folgt:

„Schachspielen ist für mich so natürlich wie das Atmen. Es ist absolut mühelos.“

Es wird überliefert, dass er mit 8 Jahren eine Partie mit dem deutschen Gouverneur von Warschau (von den Deutschen besetzt) spielte. Jener Gouverneur wurde wegen der brutalen Repressionen gegenüber dem polnischen Volk fürchterlich gehasst.

Reshevsky gewann die Partie und mit einem unglaublichen Selbstvertrauen sagte er ihm ins Gesicht: „Sie können uns töten, aber ich gewinne gegen Sie.“

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gab Reshevsky in mehreren europäischen Städten (Berlin, Rom, Paris, Wien …) Simultanvorstellungen, wodurch er noch bekannter wurde.

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1922 mit Charlie Chaplin

In seiner Biographie schrieb Samuel:

„Überall dort, wo ich Vorstellungen gab, strömten Massen von Zuschauern herbei, um mich spielen zu sehen.

Während den folgenden 4 Jahren war ich eine Frage der öffentlichen Neugier:

die Leute schauten mich erstaunt an und versuchten, mich zu streicheln, mir Fragen zu stellen, die Ärzte massen meinen Schädel und unterzogen mich einer Psychoanalyse. Journalisten interviewten mich und schrieben wunderbare Geschichten über meine Zukunft, und die Fotografen hatten ihre Kameras immer bereit und richteten sie auf meine kleine Person.

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Die mit mir von den Ärzten durchgeführten Tests ergaben, dass ich ein besonders begabter Junge war. Obwohl ich keine formelle Ausbildung hatte, konnte ich mathematische Probleme lösen, an die sich andere Kinder nicht einmal herantrauten.“

Im Jahr 1920 zog er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten, wo er zwei Jahre lang Simultanvorstellungen in allen Teilen des Landes gab. Seine erste Vorstellung fand in der Militärakademie von West Point statt. Samuel spielte gegen 20 Gegner und gewann 19 Partien und mit einem Remis. Die entstandene Erwartung war so groß geworden wie seinerzeit in Europa, und die Leute warteten in langen Schlangen, um ihn spielen zu sehen.

Er spielte über 1500 Partien im ganzen Land und musste nur neun Niederlagen hinnehmen.

Samuel war ein Schachgenie, was eine verlorene Kindheit zur Folge hatte. Er besuchte keine Schule und seinen Eltern wurde diese Unterlassung vorgeworfen, so dass sie sich vor einem Gericht in Manhattan rechtfertigen mussten.

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Im Jahr 1922 wurde er zum ersten Mal zu einem Meister-Turnier in New York eingeladen, und er schaffte den 3. Rang. Viele seiner Fans waren ein wenig enttäuscht, aber was will man von einem 11-jährigen Jungen mehr erwarten?

Doch seine Eltern erkannten den übermäßigen Druck, dem Samuel ausgesetzt war und beschlossen, dass ihr Sohn aufhörte, überall herumzureisen und Simultanvorstellungen zu geben. Vielmehr veranlassten sie, dass er eine gute Ausbildung bekam. Somit war Samuel Reshevsky 10 Jahre lang vom Schach entbunden. Im Jahr 1931 erhielt er einen Buchhalter-Diplom an der University von Chicago und beschloss danach, seine schachliche Laufbahn wieder aufnehmen, aber nicht in einer ganz professionellen Art und Weise, so dass er sie mit seiner Arbeit koordinieren konnte.

Trotz allem dauerte Reshevskys Karriere sehr lange, und er spielte Turniere bis 1991. Sein letzter Auftritt fand in einem Veteranen-Turnier in Moskau statt, bei dem Efim Geller gewann und Samuel Reshevsky den 6. Platz erzielte (im Alter von 80 Jahren !!!).

Wahrlich eine langwährende Laufbahn, bei der er sich in seinem Leben mit allen Weltmeistern messen konnte, ausser dem ersten, William Steinitz, und dem letzten, Gary Kasparov.

Er zeigte seine besten Leistungen in den frühen 40er und 50er Jahren, so dass er zum Turnier im Jahre 1948 eingeladen wurde, welches den neuen Weltmeister nach dem Tod von Aljechin entscheiden sollte.

Fünf Meister wurden ausgewählt: Reshevsky, Botwinnik, Keres, Smyslov und Euwe.

Botwinnik dominierte von Anfang an und hielt Reshevsky auf sichere Distanz. Im letzten Teil des Turnieres gelang es Smyslow, noch Reshevsky zu überholen.

Keres und Reschevsky teilten sich den dritten und vierten Platz, da bei Punktgleichheit keine Feinwertung angewandt wurde.

Botwinnik wurde überzeugend der neue Weltmeister.

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Weltmeisterschaft 1948

Reshevsky konnte nicht den Titel des Weltmeisters gewinnen, aber er war der einzige Spieler, der während 2 Jahrzehnten den sowjetischen Spielern die Stirn bieten konnte, also in einem Zeitraum, wo sie die Schach-Welt so dominierten.

Samuel lehnte die Einladung zum ersten Kandidaten-Turnier in der Geschichte (1950) ab, aber er entschied sich an den folgenden zwei Turnieren teilzunehmen:

1953 gelang es ihm in Zürich, den geteilten 2. Platz mit einer großartigen Leistung zu erringen, unterlag aber letztlich der Macht der sowjetischen Schacharmee.

Abschlusstabelle

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Kandidaten-Turnier Zürich 1953

Anmerkung:

Wie David Bronstein später einräumte, kam es bei diesem Kandidatenturnier auf Druck von Funktionären zu Partieabsprachen unter den sowjetischen Teilnehmern, um einen Turniersieg Reshevskys zu verhindern.

Bei einem nochmaligen Anlauf verlor er 1968 im Viertelfinale des Kandidatenturnieres gegen Viktor Korchnoi.

Seine hervorragenden Leistungen hörten hier nicht auf, denn er erzielte eine beeindruckende Bilanz bei den Meisterschaften der Vereinigten Staaten in dem Zeitraum von 1936 bis 1942, wobei er keine der 75 gespielten Partien verlor.

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Sein eigentlicher Schwachpunkt waren seine spärlichen Kenntnisse in den Eröffnungen, denn für einen guter Angriffspieler wie er waren die Eröffnungen zwar eine Verpflichtung, aber er war nie richtig geneigt, sich damit zu befassen. Damit war verbunden, dass er während dieser Phase des Spiels improvisierte, wobei er kostbare Minuten verlor, während seine hochkarätigen Gegner rasch zogen. Der sich dadurch oft ergebende Zeitdruck in langen Partien konnte er mit seiner großen Fähigkeit im schnellen Spiel ausgleichen.

Er spielte dann mit einer unglaublichen Genauigkeit, je mehr er unter Zeitdruck stand.

Es ist möglich, dass diese mangelnde Vorbereitung aufgrund der „schachlichen“ Sättigung zu suchen ist, die er während seiner Kindheit erlebte.

Zwischen den Turnieren bevorzugte er, sich auszuruhen und nichts zu tun, während sich seine Rivalen gründlich vorbereiteten. Diesen Mangel glich er mit einer enormen Leistung aus, wenn er vor dem Brett saß.

Man darf sagen, dass niemand einen Meister gesehen hat, der so Schach spielen konnte wie Rehevsky; fast ohne Vorbereitung und schnellem Denken in komplizierten Stellungen, was kaum zu überbieten war.

Die Frage ist, wie weit er mit einem soliden Eröffnungsrepertoire gekommen wäre. Sein Stil basierte auf einem guten Verständnis für die Position und die ständige Suche nach kleinem materiellen Gewinn Zug um Zug. Er zeigte sich aber auch als ein guter Angriffsspieler und konnte sich mit Grossen in dieser Disziplin messen.

Reshevsky war ein praktizierender orthodoxer Jude, der stets den Sabbat respektierte. Die Veranstalter kannten diese Tatsache, so dass sie gezwungen wurden, den Zeitplan für die Partien zu ändern, wenn sie Samuel Reshevsky unter den Teilnehmern haben wollte.

Sein Spielniveau war besonders hoch in den ersten 20 Jahren seiner Karriere. Bis 1970 gewann er viele Turniere und seine schlechteste Leistung war der 5. Platz bei der amerikanischen Meisterschaft 1960 und setzte sich bis 1964 fort, wo er nur den 8. Rang bei dem Interzonenturnier in Amsterdam erreichte.

Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, seine Verdienste anzuzweifeln und zwar in einer Zeit, wo fast alle Turniere mit Weltklassespielern besetzt waren.

Nachstehend eine Zusammenfassung eines grossen Teiles seiner Leistungen:

Ergebnisse von Samuel Reshevsky

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Ergebnisse Einzel-Matches

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1966

foto fenach.cl

Während des letzten Abschnittes seiner Laufbahn gelangen im weitere unglaubliche „Erfolge“, wie den 6. Rang im Reykjavik-Open 1984 (im Alter von 73) oder den 3. Platz bei der amerikanischen Meisterschaft 1981 (im Alter von 70).

Aber noch bemerkenswerter ist, wie ein Mensch trotz allem ein normales und ausgeglichenes Leben führen konnte nach der schrecklich aufreibenden Kindheit, sich anpasste, reichlich spät die Schule bis zum Abschluss besuchte, dann zur Universität ging und eine Familie zu gründete.

Nie wurde bei ihm ein Zeichen des gestörten Seins bemerkt, besonders wenn man an die schwierigen Zeiten denkt, die er als Kind erleben musste.

Die „offiziellen“ Reshevsky-Statistiken umfassen 210 Siege, 356 Remise und 124 Niederlagen.

Seine beste historische Elo-Zahl betrug 2.785 die er im Oktober 1953 erreichte.

Zeitweise war er auch der beste Spieler der Welt.

Aufgrund seiner internationalen Erfolge erhielt er 1950 von der FIDE den Titel des Grossmeisters.

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Lugano 1988

1941 heiratete er seine Frau Norma, mit der er zwei Kinder hatte.

Samuel Reshevsky starb im Alter von 80 Jahren (1992) nach einem Herzanfall.

Kommentar:

Wassili Smyslow sagte einmal über ihn:

„Ein zäher kleiner Mann mit brillanten Ideen“ (TIME, 2. November 1953)

Nachstehend noch Abbildungen von Büchern von Samuel Reshevsky oder

über ihn:

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Quellen: Ajedrez de Ataque, wikipedia, Bernhard Kagan, S. Reshevsky

Sitges (Barcelona), im Februar 2012

Der Bauer im Schachspiel

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Holzschnitt von Elke Rehder

von Konstantínos Kaváfis


Mir gefällt es, den
Leuten zuzusehen,wenn sieSchach spielen.


MeineAugen folgen den Schritten derBauern,
die langsamihren Wegsuchen, um die letzte Reihezu erreichen.
DerBauer ziehtmit einer solchen Leichtigkeit,
damit seine Freude und Belohnung endlich wahr werden, wenn er auf jener Reihe ankommt.
Er stösstwährend seinesWeges auf viele Hindernisse.

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chess battle – gemalt von Elke Rehder

Die Mächtigenzielen mit ihreWaffenauf ihn.
Die Türme bedrängen ihnmit ihren hohenZinnen,

auf ihren Feldern versuchenschnelle undschlaueSpringer,

den Vormarschzu verhindern;
und von überall aus dem feindlichen Lager

setzt sichdie Bedrohunggegen ihn in Bewegung.

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Gemalt von Elke Rehder

Einer bleibt unversehrttrotz allerGefahren
und erreichttriumphierenddie letzte Reihe.

Wasfüreine Genugtuung, zur rechten Zeit den Sieg errungen zu haben;

und wie fröhlich er in Richtungseines eigenen Todes wandert.

Denn wenn er am Ziel ist, wird er sterben.

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gemalt von Elke Rehder

Das warsein ganzes Streben.


Es stirbt der „
Hadesdes Schachs“
und um aus seinem Grab wieder aufzuerstehen,

eilt die rettende Königin herbei.

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Gemalt von Nicolas Sphicas

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Konstantínos Kaváfis lebte von 1863 bis 1933 und
war ein in Alexandria geborener griechischer Dichter.

Seine ersten Veröffentlichungen begannen im Jahr 1886. Die Gedichte in dieser ersten Zeit, romantisch in seiner Konzeption, folgen der Linie von D. Paparrigopulos, mit offensichtlichen Einflüssen von Victor Hugo und Alfred de Musset.

Kaváfis vermeidet den direkten emotionalen Ausdruck und verbirgt seine persönlichen Empfindungen, und alle sind zugleich durch seine Eigenart stolz und schüchtern motiviert. Seine Dichtung macht Platz für das Dunkel der Vergangenheit, das Gefühl der Zeitlichkeit, der Erinnerung und Geschichte. Das Gefühl von Alter, Tod und Zeit sind in seinen Arbeiten konstant.

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Sitges (Barcelona), Februar 2012

Adolf Albin – rumänischer Meister und Theoretiker

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im Jahre 1895

Foto chessbase.de

AdolfAlbin: * 14. September 1848 in Bukarest

+ 1. Febraur 1920 in Wien

war ein Schachmeister und –theoriker aus Rumänien.

Sein Kontakt mit dem internationalen Schach fing relativ spät an, als er schon 40 Jahre alt war.

Er beteiligte sich an 25 internationalen Turnieren, wobei besonders hervorzuheben ist, dass er in dem stark besetzten Turnier von 1893 in New York den zweiten Rang direkt hinter Emanuel Lasker belegte.

Siehe Endstand:

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Familienfoto:

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In dem ebenfalls stark besetzten New Yorker Turnier von 1894 wurde er

Zweiter hinter Wilhelm Steinitz.

Siehe nachstehende Tabelle:

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Weiterhin nahm er an dem berühmten Turnier von Hastings 1895 teil, bei dem er sich allerdings mit einem Platz im unteren Feld zufrieden geben musste.

Nach und nach liess seine Spielstärke nach, wenn man seine Ergebnisse in den folgenden Jahre bei den Turnieren von Nürnberg und Budapest 1896, Berlin 1897, Köln 1898 und Monte Carlo 1902 und 1903 betrachtet.

Ein erstes Schachbuch in rumänischer Sprache wurde von ihm geschrieben und 1872 in Bukarest aufgelegt, allerdings in lateinischen Buchstaben gedruckt:

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Copy chessarch.com

Besonders ist noch sein brillanter Sieg gegen

Dr. Siegbert Tarrasch anlässlich des grossen Turnieres in Dresden 1892

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Adolf Albin sitzend 2. von rechts

gemäss nachstehender Notierung hervorzuheben:

C54/04 Giuoco Piano: Greco

1892.07.20 Albin,A — Tarrasch,S (4) Dresden

(Seventh German Chess Association Congress)

Kommentare von Tomasz Lissowski, Siegbert Tarrasch & the BCM

1.e4 e5 2. Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.c3 Sf6 5.d4 exd4 6.cxd4 Lb4+ 7.Ld2 Sxe4

Tarrasch: Gewöhnlicherweise wird hier 7…Lxd2+ gespielt.
Ich spielte aber den Textzug mehrmals in Nürnberg, allerdings
mit nicht grossem Erfolg.

8.Lxb4 Sxb4 9.Lxf7+ Kxf7 10.Db3+ d5 11.Se5+ Kf6

Tarrasch: Ein Zug, der von Vitzthum und Fritz Lange empfohlen
wurde und auch von Bilguer als richtig angesehen wird, der dann
in Verbindung mit den beiden náchsten Zürgen die Hauptlinie der
schwarzen Verteidigung darstellen wird.

Lissowski: Lionel Kieseritzky spielte in seinem match gegen Buckle, Paris 1848, 11…Ke7.

12. Dxb4 c5 13.Da4 De8 14.Dd1!

(Bild entfernt)

Tarrasch: Dieser Zug sichert für Weiss einen positionellen Vorteil in allen Varianten. In den sogenannten “theoretischen Analysen” wird der Damentausch nur empfohlen, wenn Schwarz ein gutes Spiel hat.

14…Sg5 15.f4 Se6 16.Sc3 g6 17.Sxd5+ Kg7 18.0-0 cxd4 19.f5 Sf4 20. f6+ Kf8 21.Se7 Db5 22.Txf4 Dxe5 23.Dxd4 Dxd4+ 24.Txd4 Le6 25.Td6 Kf7 26.Te1 Lxa2 27.Sd5 Thd8 28.Te7+ Kf8 29.Txd8+ Txd8 30.Sc3 Lf7 31. Txb7 a6 32. Ta7 Td2 33.Se4 Txb2 34.Ta8+ Le8 35.Sd6 1-0.

BCM: und Schwarz gibt auf, denn wenn 35….Te2; 36. f7 usw.

Herr Albin wurde nach seinem Sieg sehr beglückwünscht.

British Chess Magazine, 1892, p361

Zum Nachspielen:

(Bild entfernt) Giuoco Piano

Eigentlich schlug er alle starken Meister der damaligen Zeit wie z. B.

Frank Marshall, Jacques Mieses usw.

Bei Einzel-Wettkämpfen erziehlte er ebenso beachtliche Ergebnisse:

1894 in New York gegen Jackson Whipps Showalter (7-10 bei 8 Remisen)

1900 in Wien gegen Simon Alapin (1-1 bei 4 Remisen)

1901 in Wien gegen Georg Marco (2-4 bei 4 Remisen)

und 1918 in Wien gegen Richard Réti (1-1)

Seine höchte historische Elo-Zahl betrug 2.643 Punkte im August 1895.

Zu der Zeit lag er auf Platz 15 der Weltrangliste.

Er war zusätzlich ein unermüdlicher Forscher von Öffnungstheorien.

Die Schachtheorie bereicherte er durch Untersuchungen eines Abspieles aus dem Damengambit, das den Namen „Albins Gegengambit“ erhielt.

Das Gambit wurde 1893 in New York von Adolf Albin gegen Emanuel Lasker in die Turnierpraxis eingeführt. Es gilt für Schwarz als riskant und wird daher selten gespielt. Dennoch hat im Jahre 2004 der Weltklassespieler Alexander Morosewitsch in mehreren Schnellpartien mit Schwarz so gespielt. 2005 schlug er damit sogar in einer regulären Turnierpartie Ivan Sokolov in Wijk aan Zee, einen starken Großmeister.

1. d4 d5 2. c4 – e5

(Bild entfernt)

Eröffnungsfalle

Die folgende Zugfolge ist eine Eröffnungsfalle, die man kennen sollte. Sie geht auf Emanuel Lasker zurück.

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2. c2-c4 e7-e5

3. d4xe5 d5-d4

4. e2-e3?

Besser sind 4. Sg1-f3, 4. a2-a3 und 4. e2-e4. Letzteres will die Stellung geschlossen halten und wurde schon von Boris Spasski gespielt. Weiteres Sb8-c6 5. f2-f4 g7-g5 6. Sg1-f3 Lc8-g4 zersplittert die weiße Bauernmasse bzw. Sb8-c6 5. f2-f4 f7-f6 6. e5xf6 Sg8-f6 7. Lf1-d3 Lf8-b4+ entwickelt den Schwarzen.

4. a2-a3 Sb8-c6 5. e2-e3 d4xe3 6. Dd1xd8+ Ke8xd8 7. Lc1xe3 Sc6xe5 vereinfacht.

4. … Lf8-b4+!

5. Lc1-d2 d4xe3

6. Ld2xb4? Besser ist f2xe3, was nach Dd8-h4+ zu leichtem schwarzen Vorteil führt

6. … e3xf2+

7. Ke1-e2 f2xg1S+! Unterverwandlung.

und nach 8. Ke2-e1 Dd8-h4+ 9. Ke1-d2 Sb8-c6 steht Schwarz auf Gewinn. Ganz schlecht wäre 8.Th1xg1 Lc8-g4+, womit Schwarz die Dame gewinnt.

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Ausserdem spielte Adolf Albin in Wien als Erster die später als

„Aljechin-Chatard-Angriff“ bekannt gewordene Variante gegen die Französische Verteidigung,

die nach der Zugfolge entsteht:

1. e2-e4 e7-e6 2. d2-d4 d7-d5 3. Sb1-c3 Sg8-f6 4. Lc1-g5 Lf8-e7

5. e4-e5 Sf6-d7 6. h2-h4 …

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Olimpiu Gheorghe Urcan, Schachlehrer, Schach-Historiker und Journalist, der Autor von „Adolf Albin in Amerika“, nähert sich der Schachwelt auf eine andere Art:

“Ich bin nicht besonders an den großen Namen der Schach-Vergangenheit interessiert … Die Obsession mit Königen und Top-Level-Schachhelden könnte für die Rekonstruktion der Schach-Landschaft des 19. Jahrhunderts schaden.

Forscher und Historiker müssen in die tieferen Schichten der verschiedenen Schach-Gesellschaften der Vergangenheit gehen und die wichtigen Erfahrungen der Schachmenschen analysieren, die für ihren Beitrag zum heutigen Schachvermächtnis eine besondere Erinnerung verdienen.

Meine Vermutung ist, dass die meisten Leser, wie ich, wenig über Adolf Albin wissen und deswegen habe ich ein Buch über ihn geschrieben.“

Abbildung:

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Anmerkung:

Derselbe Schriftsteller ringt sich sogar durch, indem er Adolf Albin

als den geistigen Vater und Lehrer von Aaron Nimzowitch bezeichnet.

Vielleicht liegt er garnicht so falsch.

Quellen: chessville.com, wikipedia.org, chessarch.com

Sitges (Barcelona), im Januar 2012

Weltausstellungen und Schach

2. Hälfte des 19. Jahrhunderts
Internationale Reisen entwickelten sich besonders nach der Erfindung einer wirkungsvollen Dampfmaschine im Verlaufe der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. (Bild entfernt) Bild: dampfundmehr.de Dadurch wurden auch komfortable Auslandsreisen für die obere Mittelschicht möglich. Auch verbesserte sich das internationale Transportwesen. Dampfschiffe überquerten den Ärmelkanal. Ein Bahn-Netz gab es ein halbes Jahrhundert später. Daraus ergab sich, dass weltweite Tagungen und Kongresse angeregt und organisiert wurden. Die sogenannten Weltausstellungen wurden ein neues Phänomen. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt konnten vorgestellt und gezeigt werden. London 1851 Die erste internationale Messe fand in London 1851 statt. Alle beteiligten Länder stellten ihre besten technischen Neuerungen in dem großen Crystal Palace von South Kensington aus.Man erwartete Millionen von Besuchern, die feststellen konnten, dass sich eine britische Überlegenheit nach einem Jahrhundert des Wirtschaftswachstums entwickelt hatte, aber Frankreich schien ein starker Wettbewerber zu sein. Schon war Paris 1855 als die nächste Weltausstellung im Gespräch.
Das erste internationale Schachturnier fand zu diesem Anlass auch in London 1851 statt.
Geld und Interesse standen zu jener Zeit zur Verfügung.Adolf Anderssen gewann überraschenderweise das Ko-Turnier.

(Bild entfernt)

Eingang Crystal Palace Adolf Anderssen

Knock-out tournament

London 1851

Teilnehmer

Adolf Anderssen (Preussen, *1818), Henry Bird (Großbritannien, *1830), Alfred Brodie (Großbritannien), Bernhard Horwitz (Großbritannien, *1807), E.S. Kennedy (Großbritannien), Hugh Kennedy (Großbritannien, *1809), Lionel Kieseritzky (Frankreich, *1806), Edward Löwe (Großbritannien, *1794), Johann Löwenthal (Ungarn/Öst., *1810), Carl Mayet (Preussen, *1810), James Mucklow (Großbritannien), Samuel Newham (Großbritannien), Howard Staunton (Großbritannien, *1810), Joszef Szen (Ungarn/Öst., *1805), Elijah Williams (Großbritannien, *1809), Marmeduke Wyvill (Großbritannien, *1814)

Achtelfinale

Edward Löwe (Großbritannien) – Marmaduke Wyvill (Großbritannien) 0:2 (0:1, 0:1), Bernhard Horwitz (Großbritannien) – Henry Bird (Großbritannien) 2½:1½ (½:½, 0:1, 1:0, 1:0), Howard Staunton (Großbritannien) – Alfred Brodie (Großbritannien) 2:0 (1:0, 1:0), James Mucklow (Großbritannien) – E.S. Kennedy (Großbritannien) 2:0 (1:0, 1:0), Lionel Kieseritzky (Frankreich) – Adolf Anderssen (Preussen) ½:2½ (0:1, ½:½, 0:1), Johann Löwenthal (Ungarn/Österreich) – Elijah Williams (Großbritannien) 1:2 (0:1, 1:0, 0:1), Joszef Szen (Ungarn/Österreich) – Samuel Newham (